Kristina Rechenbach: Ja, tatsächlich. Ich werde heute nicht mehr seekrank. Als ich zum ersten Mal von der Methode gehört habe, klang das für mich selbst fast zu schön, um wahr zu sein. Nach dem Training habe ich sie direkt auf einer Regatta angewendet – und am Ende der Woche stand ich unter Deck, habe gekocht und ich war außer mir vor Freude, weil das nie möglich war.
Im Kern geht es um drei Faktoren: sensorische Diskrepanz, Nervensystemregulation und Konditionierung plus Stress. Der wichtigste Punkt ist zunächst die sensorische Diskrepanz: Unsere Augen melden dem Gehirn etwas anderes als Gleichgewichtsorgan und Tiefensinn. Genau dieser Widerspruch macht viele Menschen seekrank.
Seekrankheit entsteht vor allem dann, wenn das, was wir sehen, nicht zu dem passt, was wir fühlen. Solange die Sinneseindrücke zusammenpassen, ist Seegang vielleicht anstrengend, aber nicht zwangsläufig ein großes Problem. Kritisch wird es, wenn das Gehirn widersprüchliche Signale bekommt – dann reagiert das Nervensystem auf eine vermeintliche Gefahr.
Ja, absolut. Stressempfinden ist individuell. Wir haben alle ein ganz persönliches Stresslevel, in dem wir irgendwann durchdrehen. Das ist bei jedem Menschen tagesformabhängig. Wer schon angespannt an Bord geht, ist deutlich empfänglicher. Das kann Stress aus dem Alltag sein, Ärger in der Crew, Unsicherheit wegen Wetter oder Strecke – oder einfach Erschöpfung. Je höher das Stresslevel schon vor dem Ablegen ist, desto weniger braucht es, bis der Körper überreagiert.
Ein Punkt ist, wie stark sich der Gleichgewichtssinn an optischen Reizen orientiert. Wer sich sehr stark über das Sehen stabilisiert, hat auf einem Boot eher Probleme. Außerdem unterschätzen viele ihren eigenen Stress. Wenn Leute sagen, sie werden seekrank, obwohl sie nicht gestresst sind, dann würde ich erst mal behaupten, dass das nicht die ganze Wahrheit ist.
Für jede Ursache gibt es andere Werkzeuge. Bei der sensorischen Diskrepanz arbeiten wir vor allem mit Gleichgewichtsübungen, die helfen, die Augen von den anderen Sinnen zu entkoppeln. Dazu kommen Techniken zur Regulation des Nervensystems und Strategien, um mit Stress und negativen Erfahrungen umzugehen.
Zum Beispiel unter Deck: leicht in die Knie gehen, guten Kontakt zum Boden haben, sich nicht festhalten und die Augen schließen. Dann geht es darum, die Bewegung des Bootes nicht zu bekämpfen, sondern mitzugehen. Das Ziel ist, das Gleichgewicht in der Bewegung zu finden – nicht gegen sie. Eine weitere Übung, die wir in erster Linie machen, nennt sich Gyrozentrik-Übung. Dabei nutzen wir unsere Tillit-Bretter, die so ähnlich wie Balancebretter sind. Das lässt sich auch an Bord übertragen und üben.
Die können Symptome lindern, aber sie lösen das eigentliche Problem nicht. Ingwer kann zum Beispiel die Magenreizung beruhigen, Medikamente oder Bänder helfen manchen ebenfalls. Aber das sind aus meiner Sicht Symptombehandlungen. Die Ursache der Seekrankheit bleibt dabei bestehen.
Vor allem die Augen auf der einen Seite und Tiefensinn plus Gleichgewichtsorgan auf der anderen. Tiefensinn und Gleichgewichtsorgan widersprechen sich meist nicht. Die Augen sind das dominante System: schnell, präzise, vorausschauend. Deshalb ist das Ziel nicht, alle Sinne getrennt zu trainieren, sondern vor allem die Augen bei der Balance etwas „herauszunehmen“.
So einfach ist es leider nicht immer. Wenn nur die sensorische Diskrepanz das Problem ist, kann das sehr gut helfen. Aber wenn Stress, Nervensystem und negative Vorerfahrungen dazukommen, reicht die Balanceübung allein oft nicht. Wer schon mehrfach seekrank war, bringt häufig auch eine starke Konditionierung mit.
Ja, genau darum geht es. Diese drei Bereiche greifen ineinander. Wenn man sie zusammendenkt und gezielt daran arbeitet, kann man Seekrankheit sehr viel besser kontrollieren – und im besten Fall ganz überwinden.
Das Interview führte Timm Kruse.
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