Seekrankheit10 Tipps gegen Seekrankheit – Teil 2

Lars Bolle

, Felix Keßler

 · 23.05.2018

Seekrankheit: 10 Tipps gegen Seekrankheit – Teil 2Foto: YACHT

Nichts nimmt so sehr den Spaß am Segeln wie Übelkeit und Schwindel. Was taugen Medikamente und Helferlein? Teil 2 des Seekrankheit-Spezials liefert Antworten

Ein Nickerchen auf See, der Verzicht auf histaminhaltige Lebensmittel, Hausmittelchen aus dem Bordschrank – die Tipps aus Teil 1 unseres Spezials helfen alle nicht? Dann müssen Sie vermutlich zu Medikamenten greifen. Doch was bewirken die eigentlich? Und was sind die Nebenwirkungen, die fast alle Mittel hervorrufen? Der zweite Teil des Seekrankheit-Spezials liefert Antworten und weitere Tipps gegen Übelkeit auf See.

1. Medikamente

Medikamente versprechen ein schnelles Ende der Übelkeit, können jedoch heftige Nebenwirkungen verursachen. Welches Medikament geeignet ist, hängt von unterschied­lichen Faktoren ab, wie der Stärke der Seekrankheit, dem Alter der Person oder der jeweiligen Empfindlichkeit gegenüber den Wirkstoffen. Die Nebenwirkungen können erheblich sein, deshalb ist von einer Eigenmedikation abzuraten.

Ein Kurzüberblick über die verschiedenen Mittel und deren Wirkstoffe.

  Cinnarizin blockiert die Calciumkanäle – und auch die Übelkeit? Einige der Medikamente haben deutlich spürbare NebenwirkungenFoto: Nicolai Krauss, Hamburg
Cinnarizin blockiert die Calciumkanäle – und auch die Übelkeit? Einige der Medikamente haben deutlich spürbare Nebenwirkungen

Antihistaminika Blockieren den Histamin-Rezeptor. Sehr bekannt: Dimenhydrinat, als Kaugummi oder Tabletten erhältlich (Vomex, Reisegold, Superpep). Sollte ein bis zwei Stunden vor Ablegen genommen werden. Nebenwirkungen: Müdigkeit, Taubheitsgefühl im Mund.
Parasympatholytika Beruhigen den Magen und unterdrücken den Brechreiz im Gehirn. Häufig empfohlen: Scopolamin, als Pflaster hinter das Ohr zu kleben, wirkt bis zu drei Tage und gilt als sehr effektiv. Nebenwirkungen können Sehstörungen, Trockenheit des Mundes und Antriebsschwäche sein.
Calciumkanalblocker Wirken ähnlich wie Antihistaminika, sollen aber weniger müde machen. Cinnarizin ist ein bekannter Wirkstoff.

2. Kleine Helferlein

  Wissenschaftlich konnte Akkupressurbändern noch kein Effekt nachgewiesen werden. Manchen Seglern helfen sie trotzdemFoto: Nicolai Krauss, Hamburg
Wissenschaftlich konnte Akkupressurbändern noch kein Effekt nachgewiesen werden. Manchen Seglern helfen sie trotzdem

Weil die Ursache für Seekrankheit noch immer nicht gänzlich erforscht ist, gibt es diverse "Helferlein", die auf ganz verschiedene Arten Hilfe versprechen. Eine Auswahl.

Akupressurbänder Werden um ein Handgelenk getragen, eine kleine eingearbeitete Kugel drückt auf den Akupunkturpunkt P6/Nei-Kuan, der sich etwa zwei Fingerbreit hinter dem Handgelenk zwischen den Sehnen befindet. Dessen Stimulation soll gegen Übelkeit wirken. Der Methode wird jedoch auch ein Placebo-Effekt nachgesagt.

  Fixieren Sie den Horizont. So deckt sich der empfundene Eindruck der Schiffsbewegung mit der visuellen RealitätFoto: Compass
Fixieren Sie den Horizont. So deckt sich der empfundene Eindruck der Schiffsbewegung mit der visuellen Realität


Horizontbrillen An Deck kann der Blick auf den Horizont gegen Seekrankheit helfen. Unter Deck fehlt dieser, die Lageinformation des Gleichgewichtsorgans kann nicht optisch abgeglichen werden. Dabei sollen Brillen helfen, in die ein künstlicher Horizont eingearbeitet ist – entweder in Form von schmalen Balken, die um einen Drehpunkt kippen können, je nach Neigung der Brille, oder mittels eingefärbter Flüssigkeiten, die wie eine Wasserwaage wirken und dem Auge ebenfalls Lage­informationen verschaffen. Die Wirksamkeit ist ebenfalls nicht bewiesen.

Ohropax Einen der Stöpsel zum Gehörschutz nur in ein Ohr stecken. Damit soll das Gleichgewichtsorgan beeinflusst werden. Auch das soll Seglern geholfen haben – oder doch nur ein Placebo-Effekt?

3. Musik – mit ACDC gegen die Übelkeit?

  Frische Luft, den Horizont im Blick, Musik im Ohr; die drei Maßnahmen können helfenFoto: YACHT/K. Müller
Frische Luft, den Horizont im Blick, Musik im Ohr; die drei Maßnahmen können helfen

Um die Seekrankheit ranken sich zahlreiche Mythen, nicht zuletzt, weil die Ursachen des Phänomens noch immer nicht ganz geklärt sind. Ein besonders kreativer Vorschlag daher: Musik hören. Pop- oder Rocksongs mit etwa 100 bis 120 BPM (Beats per Minute) entsprechen ungefähr der natürlichen Herzfrequenz, das beruhigt angeblich. Der Situation angemessene Songs dürften etwa "I will survive" oder "Highway to hell" sein.

4. Törnplanung

  Segeln mit Maschinenunterstützung, sogenanntes Dänisches Kreuzen, lässt die Yacht stabiler laufen und kann Betroffenen helfen, wieder auf die Beine zu kommenFoto: YACHT/N. Günter
Segeln mit Maschinenunterstützung, sogenanntes Dänisches Kreuzen, lässt die Yacht stabiler laufen und kann Betroffenen helfen, wieder auf die Beine zu kommen

Gewöhnung Der Körper kann sich auf die Bewegungen der Yacht einstellen. Das dauert aber einige Stunden bis
Tage. Deshalb während eines Etappentörns zuerst kurze Strecken segeln, möglichst bei moderaten Bedingungen. Auch oft segeln zu gehen kann helfen, also keine zu langen Etappenstopps einzulegen.
Reaktion Bei auftretender Seekrankheit ist es oft sinn­voller, die geplante Route wenn möglich zu ändern, statt stur auf dem Kurs zu beharren. Das kann ein Umweg um die Leeseite einer Insel herum sein, wo es weniger windig ist und die See ruhiger, wie auch dicht an einer Küste entlang bei ablandigem Wind. Oft beruhigen kleinere Kurs­ände­rungen die Yachtbewegungen merklich, sie können aber einen längeren Weg bedeuten. Auch eine Abweichung vom Törnziel kann viel bringen, also einfach einen dichter gelegenen Hafen anzulaufen und damit die Leidenszeit zu verkürzen. Es nutzt nichts, wenn die geplanten Ziele zwar noch so schön sind, nachher aber niemand mehr Lust hat weiterzusegeln.

5. Frische Luft und bewusste Atmung

Meiden Sie Mief: etwa von Erbrochenem, Exkrementen, Treibstoffen. Gerade bei stickiger Luft unter Deck sind sie ein sicherer Übelkeitsbringer. Pfefferminzöl unter der Nase oder Bonbons mit ätherischen Ölen wie Menthol oder Eukalyptus können Abhilfe schaffen. Am besten ist der Aufenthalt an frischer, kühler Luft. Atmen Sie gleichmäßig und bewusst, ähnlich wie beim Yoga. Halten Sie den Kopf oben und drehen Sie den Körper mit, wenn Sie den Kopf drehen, das verringert die Diskrepanz zwischen gesehener und gefühlter Bewegung. Sitzen Sie in Fahrtrichtung. Achten Sie auf angemessene Kleidung! Denn Kälte bedeutet für den Körper Stress. Wer friert, belastet den Organismus unnötigerweise und verkehrt die positiven Effekte der frischen Seeluft ins Gegenteil.

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