Psychologie an Bord, Teil IBobbys blinder Fleck

Daniela Maier

 · 03.07.2022

Psychologie an Bord, Teil I: Bobbys blinder FleckFoto: YACHT

Der Säulenheilige der Fahrtensegler hält nichts von Psychologie. Dabei stolpern wir an Bord ständig über uns und unsere Egos. Warum eigentlich?

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Sicher lehne ich mich nicht zu weit über die Reling, wenn ich behaupte, dass die meisten Leser der YACHT Bobby Schenk kennen, den mehrfachen Welt- und passionierten Fahrtensegler. Er hat mit seinen Berichten und Büchern Generationen von Skippern geprägt, bis heute. Wahrscheinlich haben viele von ihnen neben anderen seiner Werke auch die 2008 erschienene "Skipperfibel" im Schapp stehen, ein kleines, feines Werk mit schwarzem Einband und goldenen Lettern, das Erfahrungswissen darüber vermittelt, was gute Schiffsführer auszeichnet. Mein Lieblingskapitel heißt: "Was der Skipper über Psychologie wissen muss".

Zwei Seiten, blank bis auf die Überschrift und eine Fußnote, in der Bobby andeutet, wie viel Überzeugungsarbeit es ihn gekostet habe, dem Verleger dieses Zugeständnis abzuringen.

Wohlgemerkt: Es handelt sich hierbei nicht um Geheimbotschaften, die mit unsichtbarer Tinte gedruckt wurden. Bobby litt auch nicht unter einer Schreibblockade, die ihn hilflos vor leeren Seiten sitzen ließ, während er versuchte, erst mal klar Schiff in seinem Kopf zu machen. Mit dem Abschnitt wollte der Autor seinen Lesern nicht etwa Raum geben, sich selbst psychologischer Tricks bewusst zu werden. Er war auch nicht als Platz für persönliche Notizen ausgeflaggt, wie Wilfried Erdmann das in seinem Logtagebuch machte. Stattdessen nur der Nihilismus gähnender Leere.

"Die von Bobby selbst verfasste Typologie der Mitsegler ist nichts anderes als Psychologie, wenn auch formuliert mit der Urteilsschärfe eines ehemaligen Amtsrichters"

Als ich das erste Mal darauf stieß, musste ich unweigerlich schmunzeln. Es gehört Chuzpe dazu, klare Kante zu zeigen, gegen den Strich zu bürsten. Und natürlich spricht aus den Seiten auch Humor und Listigkeit. Was wiederum dazu führte, dass ich stundenlang in Bobbys Webseite eingetaucht bin, wo ich durchaus Überraschendes fand. Jedenfalls wenn man von den zwei leeren Seiten der "Skipperfibel" kommt.

Vielleicht mag der Pionier und Lehrmeister des Fahrtensegelns keine Psychologen – warum auch immer. Aber er negiert weder die Psyche noch die Psychologie. Denn etwa in Bezug auf Seekrankheit spricht er selbst über die Berücksichtigung "psychischer Komponenten". Auf eine Leserfrage gibt er gar diese Antwort: "Die See ist die beste Psychologin."

Tatsächlich steckt sogar seine Fibel voller aus der Praxis abgeleiteter Empfehlungen, wie Skipperinnen und Skipper am besten mit kniffligen Situationen umgehen, wie sie eine Crew zusammenstellen und zusammenhalten. Die von Bobby selbst verfasste Typologie der Mitsegler ist nichts anderes als Psychologie, wenn auch formuliert mit der Urteilsschärfe eines ehemaligen Amtsrichters. Frisch zum Schein gekommene Crewmitglieder nennt er "Scheinsegler": "Sie wissen alles besser und – das ist das eigentliche Problem – sagen das auch." Weit weniger problematisch erscheint ihm dagegen der "Badegast". "Im Allgemeinen bewundern diese Mitsegler den Skipper und vertrauen ihm vorbehaltlos." Nach einer "einfühlsamen Einweisung, die nichts, aber auch gar nichts voraussetzen darf" seien Badegäste "fast immer zuverlässige Rudergänger".

Sie merken schon, da ist mehr, als auf zwei leere Seiten passen würde. Und Bobby, da bin ich mir sicher, weiß es auch.

"Es ist nicht nur schiere Sensationslust, die unsere Blicke auf absehbare Katastrophen bei Hafenmanövern lenkt"

Nehmen wir nur mal, was gemeinhin als "Hafenkino" bezeichnet wird – diese kostenlose Seebühne in den Marinas, deren sehenswerteste Aufführungen meist vor- und nachmittags laufen, wenn es bläst. Das Ab- oder Anlegen zerrt ja schon an sich an den Nerven vieler Segler, selbst wenn die Bedingungen handig sind. Verschärfend kommt jedoch hinzu, dass man kaum unbeobachtet bleibt dabei, vorwärts in eine Box oder rückwärts an einen Steg mit Muringleinen zu manövrieren. An Land oder auf den umliegenden Booten sitzt nämlich der "soziale Vergleich" – auch wenn dessen Anwesenheit sich gar nicht nach guter Gesellschaft anfühlt.

Es ist nicht nur schiere Sensationslust, die unsere Blicke auf absehbare Katastrophen bei Hafenmanövern lenkt. Wir machen das auch, weil wir durch die Beobachtung anderer Rückschlüsse für die Beurteilung eigener Leistungen ziehen können. Im besten Fall hofft der Hafenkino-Zuschauer, etwas Positives zu lernen. Es funktioniert allerdings mindestens genauso gut andersherum. Man könnte Schadenfreude daher auch als kleine, gemeine Schwester des sozialen Vergleichs bezeichnen.

Solcherart praktiziert – und Hand aufs Herz: Wer hat das noch nie gemacht?! –, dient das Hafenkino der Selbstwerterhöhung. Weil andere noch haarsträubendere Anleger fahren, kommt man sich irgendwie besser vor. So oder so kann allein die Ahnung, dass da Zuschauer sind, beim Manövrierenden Angst und Stress auslösen oder noch erheblich verstärken.

"Die drei Enkel von Käpt’n Blaubär werden sich später auf eigenen Segeltörns bei Bedarf immer einen Hein Blöd ausgucken"

Ein ebenfalls psychologisch spannendes Geschehen in der Segelwelt ist das Scapegoating, also die Suche nach dem Sündenbock, dem Bauernopfer, dem schwarzen Schaf, dem Dummen. Freundlich ausgedrückt die Suche nach Käpt’n Blaubärs Hein Blöd – dem Leichtmatrosen, den niemand für voll nimmt. Dies kommt bei längeren Segeltouren innerhalb der Crew gar nicht so selten vor und ist intrinsisch motiviert, um Unzufriedenheit und Frustration abzubauen, die durch die Enge an Bord, Monotonie, technische Probleme oder unerfüllte Erwartungen aufgebaut wurden.

Ein Ansatz zur Erklärung dieses Phänomens ist die Frustrations- Aggressions-Theorie, der zufolge aus Enttäuschungen Wut oder innerer Ärger entsteht. Hein Blöd wird dann in der Gruppe zum entlastenden Objekt. Seine "Doof-Rolle" ist förderlich für den Zusammenhalt der anderen. Oder er wird stellvertretend für andere Personen für ein frustrierendes Ergebnis, Vergehen oder einen Misserfolg verantwortlich gemacht. Durch das Finden eines vermeintlich "Schuldigen" wird auf seine Kosten das Selbstwertgefühl erhöht. Ein Katharsiseffekt mit reinigender Wirkung – nur nicht für Hein.

Kompliziert kann das werden, wenn es sich verewigt. Die Theorie des Lernens am Modell besagt, dass wir durch Beobachten von Verhalten dieses imitieren. Wer also in der Familie, in der Schule oder im Beruf verinnerlicht hat, dass es sich unbeschwerter lebt, wenn man einen Leichtmatrosen ausmachen kann, wird den dann fast automatisch suchen und finden. Mit anderen Worten: Die drei Enkel von Käpt’n Blaubär werden sich später auf eigenen Segeltörns bei Bedarf immer einen Hein Blöd ausgucken.

"Seien Sie einfach der Mensch, den Sie selbst gern beim Segeln treffen möchten!"

Wie aber überwindet man solche Mechanismen? Was hätte aus sozialpsychologischer Sicht auf den leeren Seiten der "Skipperfibel" stehen können? Vielleicht einfach dies: Versuchen Sie, einen Perspektivwechsel einzunehmen und sich in die Rolle der anderen zu versetzen. Das muss nicht in der Situation sein, es kann auch später helfen. Fragen Sie sich: Was würde ich mir an Stelle des anderen wünschen, was bräuchte ich in dem Moment? Welchen Umgang erhoffe ich mir selbst?

Begeben Sie sich bitte nicht in die Rolle der Person, die einfach nur froh ist, nicht selbst betroffen zu sein. Bieten Sie Hilfe an. Überlegen Sie, was Sie selbst zu einer positiven Stimmung beitragen können. Kommunizieren Sie, statt zu lästern. Zeigen Sie Dialog- und Fehlerfreundlichkeit. Seien Sie Vorbild, bleiben Sie höflich, loyal und respektvoll, zeigen Sie soziale Kompetenz.

Kurz, knapp und konkret gesagt: Seien Sie einfach der Mensch, den Sie selbst gern beim Segeln treffen möchten!

Die Autorin

  Daniela Maier lebt in Bochum, ist Psychologin mit eigener Praxis und Lehrbeauftragte. Als Seglerin weiß sie um das Glück, aber auch den Stress an Bord. Mit Dr. Thomas Göke bietet sie im Mittelmeer Coachings auf See an. Kontakt: www.seaandtalk.deFoto: privat
Daniela Maier lebt in Bochum, ist Psychologin mit eigener Praxis und Lehrbeauftragte. Als Seglerin weiß sie um das Glück, aber auch den Stress an Bord. Mit Dr. Thomas Göke bietet sie im Mittelmeer Coachings auf See an. Kontakt: www.seaandtalk.de

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