ReiseAuf Entdeckungsfahrt im nördlichen Dodekanes

Andreas Fritsch

 · 25.08.2022

Reise: auf Entdeckungsfahrt im nördlichen DodekanesFoto: Andreas Fritsch/YACHT

Der nördliche Dodekanes gehört zu den Top-Revieren Griechenlands. Jede der Inseln hat ihren eigenen Charakter. Und auch das Segeln im Meltemi hat hier hohen Unterhaltungswert. Eine Entdeckungsfahrt

Einen Moment unaufmerksam gewesen, die Welle nicht ausgesteuert, schon kracht der Bug in die See, dass die Gischt nur so fliegt und das Boot förmlich in die Bremsklötze steigt. Empört und böse knattert das Achterliek des Vorsegels kurz in der 25-Knoten-Bö, weil zu viel Höhe anliegt. Auf der Haut fühlt man die fein zerstäubte, salzige Spray, die kurz über den Steuermann hinwegzieht.

In vielen Teilen der Welt wäre das jetzt so ein Moment, in dem man das Ölzeug weiter zuzieht, sich hinter dem Kajütaufbau wegduckt und den Plan, 20 Meilen zur nächsten Insel aufzukreuzen, inbrünstig verflucht.

Im Land der Kapellen: Die kleinen Andachtsstätten sieht man auf jedem Inselchen

Von Kos nach Kalymnos

Aber nicht hier in der griechischen Ägäis vor Kalymnos Ende Juni. Shorts und T-Shirts reichen bei 35 Grad, steife Brise und leichte Gischt bringen willkommene Abkühlung. Auf die Idee, die riesige Sprayhood der brandneuen Beneteau 46.1 hochzuklappen, kommt niemand in der vierköpfigen Crew. Nach dem Eintreffen liegt das Boot ausgeglichen mit nicht zu viel Lage auf dem tiefblau strahlenden Meer. Und auf den Gesichtern liegt an der Kreuz seliges Grinsen statt grimmiger Entschlossenheit.

Kalymnos, die Insel der Schwammtaucher. Der Stadthafen hat ein kleines Museum zum Thema, ist aber etwas laut und turbulent. Landschaftlich traumhafte, ruhige Buchten bietet Palionisos im Nordosten. Gutes Bojenfeld mit zwei Tavernen am Ufer. Oder im Westen Ambeli, vor Boje oder AnkerFoto: A. Fritsch/YACHT
Kalymnos, die Insel der Schwammtaucher. Der Stadthafen hat ein kleines Museum zum Thema, ist aber etwas laut und turbulent. Landschaftlich traumhafte, ruhige Buchten bietet Palionisos im Nordosten. Gutes Bojenfeld mit zwei Tavernen am Ufer. Oder im Westen Ambeli, vor Boje oder Anker

Wir wussten es ja! Der nördliche Dodekanes ab Kos in der Meltemi-Zeit – das heißt nach dem Start: ein paar Tage gegen den Wind ansegeln, sich nach Norden hangeln. Der Vorteil im Vergleich zu den Kykladen: Die direkten Distanzen sind kürzer, meist so um die 15 bis 17 Meilen, also auch an der Kreuz keine große Zumutung. Auf Gegenkurs fliegt man dann raumschots gen Süden, dass es eine Freude ist. Und wer will, kann jeden Tag eine andere Insel entdecken, die immer ihre eigene Geschichte erzählt.

Gestern waren wir auf Kalymnos, der Insel der Schwammtaucher. Jahrhundertelang riskierten die Menschen dort auf der Suche nach dem Gold der Tiefe ihr Leben. Überall ist die Tradition noch lebendig: Ein Museum erzählt davon, und jede Familie kennt Anekdoten von damals.

Von Kalymnos nach Leros

Doch heute geht es gen Norden nach Leros, der Insel der Kapitäne – und, weniger besungen, der italienischen Faschisten. Wer die eine Geschichte erleben will, segelt die Ostseite der Küste nach Agia Marina oder Panteli hoch, für die andere Historie wählt man die Westseite nach Lakki. Wir wollen zu den Kapitänen und zu „Harris Bar“, dem spektakulärsten Ort für einen Sundowner.

Leros, Panteli: Agia Marina ist der schönste Ort der Insel, hat aber nur Ankerplätze, die bei Meltemi auf Legerwall liegen. Deshalb lieber zum Bojenfeld des Fischerortes Panteli (2 Euro pro Bootsmeter). Per Taxi oder Moped sind es nur 1,5 Kilometer über den Berg nach Agia Marina zum Sundowner in „Harris Bar“!Foto: Andreas Fritsch/YACHT
Leros, Panteli: Agia Marina ist der schönste Ort der Insel, hat aber nur Ankerplätze, die bei Meltemi auf Legerwall liegen. Deshalb lieber zum Bojenfeld des Fischerortes Panteli (2 Euro pro Bootsmeter). Per Taxi oder Moped sind es nur 1,5 Kilometer über den Berg nach Agia Marina zum Sundowner in „Harris Bar“!

Nach der langen Kreuz überrascht uns ein Grieche im Boot vor Panteli; er hilft beim Festmachen an den neuen Muringbojen. Er fädelt flugs unsere Leine durchs Auge und kassiert dann Liegegeld. So etwas gibt es bislang kaum irgendwo in Hellas. Aber hier ist es umso willkommener, denn die Felsen vor dem Ort erfordern oft Landleinen, die nur schwer irgendwo festzumachen sind.

Sicher vertäut liegt man malerisch vor dem Dorf mit seinen weiß getünchten Häusern und den sechs Windmühlen oben auf dem Berghang. Dort, in der ersten Mühle, versteckt sich „Harris Bar“. Wer fit ist, schnauft die steilen Serpentinen selbst hinauf. Wir nehmen nach dem sportlichen Segeltag ein Taxi. Und staunen! Ein sensationeller Blick auf die Hafenbucht und über die Insel bis in die nächste Bucht nimmt uns gefangen. Man kann sich einfach nicht sattsehen an so viel pittoresker Schönheit. Aus dem einen Sundowner werden folglich schnell zwei. Oder drei. Oder so ...

Am nächsten Tag gehen wir der Sache mit den Kapitänen auf den Grund. Wir treffen im Museum der alten Militärfestung auf dem Berg oben den Wärter. Der erzählt, warum es in Agia Marina so viele wunderschöne herrschaftliche Häuser gibt, in Pastellfarben leuchtend, reich verziert, ganz anders als die schlichten weißen Häuser von Panteli.

„Der Dodekanes wurde immer wieder von den Osmanen überrannt. Die Bewohner der großen Inseln Rhodos und Kos wehrten sich mit aller Macht dagegen. In der Folge wurden die Städte oft stark zerstört, die Einwohner versklavt. Zurück blieben Besatzer.“ Leros jedoch war zu klein dafür, ergab sich rasch und einigte sich darauf, den Türken Steuern zu zahlen für ihre Unabhängigkeit. So florierte die Wirtschaft hier lange, die Kapitäne gingen auf Handelsfahrt, der Reichtum wuchs. Panteli dagegen blieb der Ort der Fischer. „Die lebten einfachere Leben!“

Es sind solche Geschichten, die jede Insel des Dodekanes so einzigartig machen. Obwohl – Gemeinsamkeiten haben sie natürlich auch, die zwölf Hauptinseln zwischen Patmos im Norden und Rhodos im Süden. Fast alle haben zergliederte Küsten, bieten jede Menge toller kleiner Inselhäfen und eine reiche Auswahl an gut geschützten Ankerbuchten; kristallklares Wasser und guten Segelwind obendrein.

Von Leros nach Lipsi

Der soll uns am Folgetag zur nächsten Insel bringen: Lipsi. Wieder eine Kreuz, aber diesmal relaxter, nach drei Tagen mit 17 bis 25 Knoten schnauft der Meltemi nur leicht durch.

Lipsi hat alles, was sich Segler wünschen: schöne Ankergründe, Tavernen am Strand und einen hübschen kleinen Hauptort mit Hafen in der Mitte. An sanft gewellten Hügeln, teils erstaunlich grün bewachsen, gleitet unsere „Salty Lipps“ entlang, heute mal ohne Salz im Gesicht.

Lipsi: Der Haupthafen liegt direkt am Fuß der kleinen, aber hübschen Stadt. Bei der Einfahrt wurde im Juli an Backbord eine neue Pier gebaut; die Wassertiefen sahen jedoch recht knapp aus! Mit Abstand schönste Ankerbucht: Lyra im Südosten. Restaurant-Tipp dort: das „Dilaila“ am UferFoto: Andreas Fritsch/YACHT
Lipsi: Der Haupthafen liegt direkt am Fuß der kleinen, aber hübschen Stadt. Bei der Einfahrt wurde im Juli an Backbord eine neue Pier gebaut; die Wassertiefen sahen jedoch recht knapp aus! Mit Abstand schönste Ankerbucht: Lyra im Südosten. Restaurant-Tipp dort: das „Dilaila“ am Ufer

Hinter dem Grün an Land verbirgt sich eine kleine Erfolgsgeschichte der Insel, deretwegen wir auch hergekommen sind: der Weinanbau. Im Hafen erwartet uns deshalb schon Manolis Vavoulas mit seiner Frau Sally, einer Britin, die im Urlaub erst dem Charme der Insel, dann dem des schnauzbärtigen Griechen erlegen ist, wie sie lächelnd erzählt.

„Springt hinten drauf, wir fahren zu den Reben“, bedeutet uns Manolis, und schon sitzen wir auf der Ladefläche seines Pick-ups und sausen über die kurvigen Inselstraßen. Immer wieder säumen sorgfältig gepflegte Weinberge unseren Weg. Lipsi ist bekannt für eine rote Traube: Fokiano. „Die wird nur noch auf Samos und Ikaria angebaut, sonst nirgendwo in der Welt“, sagt Manolis. Über 200 solch rarer Rebsorten gibt es allein in Griechenland.

Wie fast alle hier auf der Insel hat der Winzer mit seiner Familie seit Generationen Wein für den Eigenbedarf angebaut. Doch 2013 beschlossen er, sein alter Schulfreund, der als Elektriker arbeitet, und Sally, daraus mehr zu machen. „Es gab ein Förderprogramm für Start-ups von der Regierung, und so wagten wir den Schritt, kauften mehr Reben, professionelles Equipment, Fässer zum Veredeln und bauten ein schmuckes kleines Haus für Lagerung und Weinproben.“

Das Glück der beiden: Ein Weinexperte aus Athen, der dort als Professor den Anbau lehrt, machte seit Jahren Urlaub auf der Insel, wurde auf sie aufmerksam und beriet sie für die Entwicklung neuer Lagen. In den letzten Jahren gewannen sie viele Auszeichnungen und haben so den Namen der winzigen Insel in die Welt getragen. Man merkt: Der Erfolg macht sie glücklich, beide strahlen, wenn sie erzählen.

Die Weinprobe findet dann sogar die Zustimmung unseres mit­segelnden Profi-Sommeliers: sehr gute Qualität. Nach einer unvergesslichen Verkostung entlassen uns die Gastgeber zum Abend­essen. Ihr Insidertipp: Ziege oder Seafood-Risotto, entweder im „Manolis Tastes“ oder bodenständiger im „Kalypso“. Wieder so eine wundervolle, einzigartige Inselgeschichte.

Von Lipsi nach Patmos

Die nächste kommt am nördlichen Wendepunkt des Törns: Patmos. Mit jetzt schon geschrickten Schoten und ohne Reff rauschen wir gen Westen – traumhaftes Segeln. Das Ziel unseres Landgangs ist eigentlich bereits vor der Ankunft klar: das Kloster und die Grotte der Offenbarung. Fast 1.000 Jahre alt sitzt die graubraune Trutzburg ganz hoch oben auf der Bergspitze der Insel, direkt neben einer alten Grotte, in welcher der Evangelist Johannes seine „Offenbarung“ geschrieben hat. Die Insel ist eine wichtige Stätte für religiöse Pilger aus aller Welt. Wir zählen zwar nicht zu dieser Zielgruppe, aber etwas Kultur geht immer.

Patmos: Wer zum Kloster will, geht in den Stadt­hafen. Bei starkem Meltemi viel Seitenwind, daher den Anker gut einfahren! Danach lohnt ein Tag in den wunderschönen Buchten Meloi direkt nordwestlich des Hafens oder im Südosten bei Groikos. Tolle Landschaft, Tavernen und Bars an LandFoto: Andreas Fritsch/YACHT
Patmos: Wer zum Kloster will, geht in den Stadt­hafen. Bei starkem Meltemi viel Seitenwind, daher den Anker gut einfahren! Danach lohnt ein Tag in den wunderschönen Buchten Meloi direkt nordwestlich des Hafens oder im Südosten bei Groikos. Tolle Landschaft, Tavernen und Bars an Land

Die Anfahrt zum Hauptort Skala unterstreicht schon einmal, was für ein tolles Ziel die Insel ist. Bei der Einfahrt in die tiefe Bucht liegt an Steuerbord ein hübscher Ankerplatz neben dem nächsten. Doch wir wollen zum Hafen. Auf den steht seitlich Meltemi. Und der Ankergrund dort ist hart, sehr hart. Zweimal slippt das Eisen. Beim dritten Anlauf ruft uns ein freundlicher Brite herüber, wir sollten, wenn schon viel Kette liegt, einmal aufstoppen und richtig hart in die Kette fahren, damit sich der Anker wirklich eingräbt. Gesagt, getan, und endlich hält das Eisen.

Später erzählt uns Peter, dass er seit zwei Tagen hier liegt und viele Yachten dasselbe Problem hatten. „Aber die meisten lassen den Anker dann einfach slippen und hoffen, dass es gut geht. Kann sein – oder eben nicht!“ Wir bedanken uns mit einer Flasche Lipsi-Wein und machen uns auf den Weg in den Ort. In dem herrscht wegen der Kreuzfahrtschiffe reges Treiben. Bars, Restaurants und Souvenirgeschäfte reihen sich eins an das andere.

Natürlich müssen auch wir zum Johannis-Kloster. Das ist in der Tat imposant: Rund um die Festungsanlage schmiegt sich zudem noch ein enges, verschachteltes Dorf. Ein Labyrinth der schmalen, weiß gekalkten Gassen, nur hie und da von einer Bar, einem Shop oder einer Bäckerei unterbrochen. Und im Herz das orthodoxe Kloster. Die vor vergoldeten und versilberten Reliquien überbordende Kapelle ist klein, aber die Anlage wahrlich eine Trutzburg des Glaubens. Noch immer wohnen Mönche hier. Der Blick von der Anlage hoch über der Hafenbucht wirkt imposant, geradezu majestätisch. Man kann tief in die Buchten schauen, im Hintergrund weht der Meltemi weiße Schaumkronen aufs tiefblaue Meer. Ein Ausflug, der auch hartgesottene Atheisten andächtig zu stimmen vermag, wenn sie es bis hierher schaffen.

Mit dem Meltemi im Rücken fliegt die Charteryacht durchs RevierFoto: Andreas Fritsch/YACHT
Mit dem Meltemi im Rücken fliegt die Charteryacht durchs Revier

Zurück auf dem Boot, stellt sich die Frage nach der Taverne des Abends. Nach dem vielen Sightseeing durch die Stadt entscheiden wir uns für die bequeme Lösung: Das „Votris“ liegt nur einen Steinwurf hinter den am Stadtpier festgemachten Yachten, über dem kleinen Supermarkt. Am Tisch werden wir in akzentfreiem Deutsch angesprochen. Sofia Vasilakis ist in Deutschland und auf Patmos zugleich aufgewachsen, das Restaurant ein großer Familienbetrieb. Und es erweist sich als die beste Adresse des ganzen Törns. Das Essen ist fantastisch, die Weine ausgewählt, der Service unaufdringlich und herzlich.

Wie es sich als Kind zweier Kulturen hier lebt, wollen wir von ihr wissen. „Kommt doch morgen früh vorbei, dann ist auch mein Vater da, dessen Geschichte müsst ihr hören“, sagt sie lächelnd. So machen wir es. Und treffen Thanasis Vasilakis, Sohn eines Fischers, dessen Familie in den wirtschaftlich schweren fünfziger Jahren nach Australien auswanderte.

„Das ist das Schicksal vieler Griechen gewesen, übrigens auch heute wieder. Nach der Wirtschaftskrise 2008 sind so viele Griechen aus dem Land fortgegangen wie nach dem Zweiten Weltkrieg!“ Thanasis selbst kehrte Ende der Sechziger zurück, heuerte als Steward auf Kreuzfahrtschiffen an und verliebte sich Hals über Kopf in die Passagierin Susi.

Ihr zuliebe verlässt er die Heimat und wandert nach Heidelberg, dann Karlsruhe aus. „Aber meine Seele, die blieb immer hier auf Patmos!“ Das Meer vergesse man nie, wenn man auf einer Insel geboren ist, bestätigt seine Tochter. Im Sommer geht es für die damals junge Familie regelmäßig in die Heimat. Über 13 Jahre lang richten sie das alte Haus her. Und immer, wenn es zurückgeht nach Deutschland, verfällt Thanasis in Schwermut. Bis er dann mit der ganzen Familie beschließt, dauerhaft auf Patmos zu bleiben. Seit er wieder hier lebt, in der Heimat, und als Fremdenführer arbeitet, ist für ihn alles im Lot.


Privatbucht. Ankerplatz vor Lipsi, genauer dem steilen Felsklotz von MakronisiFoto: Andreas Fritsch/YACHT
Privatbucht. Ankerplatz vor Lipsi, genauer dem steilen Felsklotz von Makronisi

Nur 3.000 Menschen leben auf der Insel. „Zwei Drittel von ihnen arbeiten im Tourismus“, erzählt Sofia. „Daneben gibt es etwas Landwirtschaft, Fischerei und Handwerk.“ Im Winter schließen 80 Prozent der Geschäfte. Das sei aber auch gut so, im Sommer arbeiteten alle sieben Tage die Woche, bis zu zwölf Stunden täglich. Nicht wenige haben zwei bis drei Jobs, um über die Runden zu kommen. „Wir hatten die Wirtschaftskrise endlich überwunden – dann kam Covid“, sagt Thanasis fast resignierend.

Die Einwohner haben es nicht leicht. „Ich bin im Sommer hier, im Winter gehe ich nach Österreich und arbeite in den Skiorten“, erzählt Sofia, die Touristik studiert hat. Doch die 26Jährige klagt nicht. Es geht ihr wie dem Vater: „Das Nachhausekommen“, sagt sie, „fühlt sich jedes Mal aufs Neue großartig an!“ Ein typisches Insel-Schicksal, dieser Wechsel zwischen Heimat und Fremde. Man hört öfter solche Lebensgeschichten. Und schön, dass die Griechen so freimütig darüber erzählen. Sie müssen einem einfach ans Herz wachsen.

Kein Wunder, dass die halbe Crew auf Patmos bleiben will, die Landschaft so spektakulär, die Leute so freundlich, das Essen so gut. Aber der Wind! Morgen soll sich der Meltemi einmal für zwei Tage schlafen legen. Und das passt gar nicht, denn wir planen einen langen Schlag: 50 Meilen nach Südsüdwesten bis Astypalea, einer der abgelegensten Dodekanes-Inseln.

Von Patmos nach Astypalea

Es wird der perfekte Segeltag. Raumer Kurs, das Boot ständig irgendwo um die acht bis zehn Knoten schnell. Und immer dieser strahlend blaue Himmel, zwei Wochen lang keine Wolke. Aus dem sommerlichen Dunst schält sich dann bald die Schmetterlingsinsel heraus. Zwei große Landmassen, verbunden nur durch einen schmalen Isthmus in der Mitte, gaben ihr den Namen. Zum Sonnenuntergang fliegen wir mit der Beneteau ums Ostkap. Nach zwei Tagen im Hafen wird es Zeit für eine Nacht vor Anker. Baden, kochen, relaxen. Die Bucht Agrilidi ist wie dafür gemacht: Tief schneidet sie ins Land ein, bietet perfekten Schutz und einen bildschönen Ankerplatz auf türkis leuchtendem Wasser. Eine Kapelle, wie so oft hier auf den Inseln, und ein altes verlassenes Gehöft rahmen sie ein. Jetzt in der Hauptsaison sind wir die einzige Yacht. Um einen Platz muss man sich zu dieser Zeit, Ende Juni, Anfang Juli, nie Sorgen machen.

Astypalea: Im Haupthafen hat nur etwa ein Dutzend Yachten vor Buganker Platz, deshalb früh einlaufen. Guter Schutz vor Meltemi. Das Fort oben kann besichtigt werden. Das hübsche Zentrum liegt bei den Windmühlen. Den mit Abstand schönsten Ankerplatz hier fanden wir in Agrilidi im Osten!Foto: Andreas Fritsch/YACHT
Astypalea: Im Haupthafen hat nur etwa ein Dutzend Yachten vor Buganker Platz, deshalb früh einlaufen. Guter Schutz vor Meltemi. Das Fort oben kann besichtigt werden. Das hübsche Zentrum liegt bei den Windmühlen. Den mit Abstand schönsten Ankerplatz hier fanden wir in Agrilidi im Osten!

Die Einfahrt in den Stadthafen am nächsten Tag bietet ein spektakuläres Panorama: Wie ein Amphitheater ragt die am steilen Berg gelegene Stadt auf, oben auf dem Bergrücken wie so oft Windmühlen und ein Fort. Es ist, als fahre man mit dem Schiff in eine schneeweiße Bergwand. Der Ort ist wie eine entschleunigte Miniatur von Santorin: Die Häuser scheinen am Fels zu kleben, der Treppenaufstieg in die verwinkelte Altstadt aus weiß gekalkten Würfel-Häuschen ist schweißtreibend. Oben angekommen, am Fuß der acht Windmühlen, hat man einen traumhaften Blick über den Hafen. Abends werden die Gemäuer beleuchtet – ein sagenhaft schönes Bild. Nach dem Essen landen wir in der „Athelis“-Cocktailbar mit Aussicht auf die Hafenbucht, in der eine illuminierte Mega­yacht schwimmt.

Am nächsten Morgen fallen die Fischer an der Pier auf: Achtlos haben sie einen kapitalen, aber seltsam eckig wirkenden Fisch auf die Mole geworfen. Doch keine der Katzen oder Möwen traut sich daran. Ein Fischer sieht meine verwunderten Blicke und erzählt. „Das ist ein giftiger Kugelfisch, der ist aus dem Roten Meer hier eingeschleppt worden. Die vermehren sich gerade explosionsartig und fressen Fische und Tintenfisch weg!“ Schlimmer noch: Sie haben vier monströse Schneidezähne, die so kräftig sind, dass sie Netze und sogar kleine Angelhaken durchbeißen können. So fressen sie den Fischern den Fang weg und große Löcher in die Netze. Natürliche Feinde? Keine.

Astypalea und seine schönen Buchten im Südosten sind den langen Weg hierher allemal wert. Die Menschen wirken tiefenentspannt, haben Zeit und auch Lust auf ein Schwätzchen. Touristenmengen wie auf Kos oder Patmos gibt es hier nicht. Irgendwie kann man sich von der Insel nur schwer lösen.

Da wir zwei Törnwochen haben, bleibt uns nach den nördlichen Inseln des Dodekanes sogar noch Zeit für einen Abstecher zu den beiden Inseln südlich von Kos: Tilos und Nisyros. Auch Letztere hat ihre eigene Geschichte: die des vulkanischen Feuers (siehe unten). Langweilig wird ein Törn hier wahrlich nie. Zumal der Meltemi wieder aufdreht. Also noch einmal „Salty Lipps“.

Nisyros: Der Haupthafen Mandraki ist zu unruhig, besser nach Paloi im Nordosten gehen. Die Zufahrt dort versandet allerdings stark, im Juli waren es nur noch ca. 2,30 Meter. Vor Einlaufen klären oder nur langsam vorantasten! Am Hafen gibt es einen Mopedverleih (20 Euro/Tag) und gute RestaurantsFoto: Andreas Fritsch/YACHT
Nisyros: Der Haupthafen Mandraki ist zu unruhig, besser nach Paloi im Nordosten gehen. Die Zufahrt dort versandet allerdings stark, im Juli waren es nur noch ca. 2,30 Meter. Vor Einlaufen klären oder nur langsam vorantasten! Am Hafen gibt es einen Mopedverleih (20 Euro/Tag) und gute Restaurants

Noch mehr Infos von YACHT.DE über das Segeln in Griechenland finden Sie hier:

Revierinformationen

Anreise

Charter-Direktflüge nach Kos von diversen deutschen Flughäfen. Die Insel ist seit einigen Jahren sehr beliebt, am besten so früh wie möglich buchen. Der Transfer zur Basis dauert ca. 40 Minuten und kostet knapp 40 Euro.

Charter

Wir waren mit einer Oceanis 46.1 des griechischen Familien-Unternehmens Istion unterwegs. Einst auf Kos gestartet, ist es für sehr gut gewartete Schiffe bekannt. Istion hat neun Stationen in Griechenland, zwei im Dodekanes (Rhodos und Kos); wir starteten von Kos. Dort steht eine sehr breit gefächerte Flotte von Yachten (Jeanneau, Beneteau, Hanse, Bavaria) und Kats (Lagoon) zur Verfügung. Die Oceanis 46.1 (Baujahr 2021) kostet 3.400 bis 7.050 Euro pro Woche; oft werden zehn Prozent Rabatt gewährt. Infos und Buchungen u. a. über die deutsche Agentur Barbera Yachting, Schweinfurter Str. 9, 97080 Würzburg, Tel. 0931/73 04 30 90.
www.barbera-yachting.de

Wind und Wetter

Der Dodekanes ist von Mitte Juni bis September ein klassisches Meltemi-Revier. Der Wind weht sehr beständig aus Nordwest bis Nord mit 4 bis 6 Beaufort. Er wird durch die Topografie der Inseln regional stark verändert, es gibt viele Düsen- und Kapeffekte und Fallwinde an den bergigen Seiten der Inseln, etwa südöstlich von Kos. Es sind auch Starkwindphasen mit 6 bis 8 Beaufort möglich, die ein paar Tage anhalten. Das Wichtige im nördlichen Dodekanes ist: Wer nach Norden will, segelt gegen den Meltemi am Wind, am besten zu Beginn des Törns, und verholt sich später gemütlich mit raumen Winden gen Süden. Für die letzten drei Tage keine weiten Nordstrecken planen, das kann zu Gewaltschlägen und Frust führen. In der Vor- und Nachsaison öfter leichtere Winde aus Südost. Der beste Wetterbericht ist der griechische, da er die topografischen Effekte teils berücksichtigt (abrufbar auch per App).
www.poseidon.hcmr.gr

Häfen und Ankerplätze

Kaum Marinas mit Muringleinen (Kos und Lakki auf Leros), ansonsten Stadthäfen mit Mole, an denen vor Buganker mit dem Heck angelegt wird. Wasser und Strom ständig verfügbar, Sanitäranlagen sind noch immer die Ausnahme. Dafür sind die Liegegelder die niedrigsten im Mittelmeer. Wir zahlten für unser 46Fuß-Boot meist um die 15 bis 30 Euro pro Tag – in der Hochsaison. Sehr viele gut geschützte Ankerbuchten, in wenigen Ausnahmen liegen dort auch ein paar Bojen aus, kostenpflichtig war nur Panteli auf Leros.

Navigation und Seemannschaft

Abseits der Inseln wird es schnell tief, das erleichtert die Törnplanung. Es gibt wenige Untiefen, aber auch keine größere Betonnung. Vorausschauendes Reffen ist empfehlenswert, zumal bei Kap- und Düseneffekten. Manchmal sind die Hafenmanöver bei viel Seitenwind anspruchsvoller. Dann zügig fahren und die Kette am Bug am besten nicht per Fernbedienung fieren, sondern mit der Kurbel die Winsch öffnen und kontrolliert zügig auslassen.

Literatur und Seekarten

  • Rod Heikell: Griechische Küsten, Edition Maritim, 69,90 Euro.
    www.delius-klasing.de
  • Die mit Abstand besten Seekarten fürs Revier sind die griechischen Sportbootkarten von Eagle Ray, die auch Hafenpläne und Wetter­infos enthalten. Gute Verfügbarkeit online über:
    www.hansenautic.de

Was man noch wissen kann

Der Bogen des Feuers

Wer im Dodekanes segelt, weiß oft nicht, dass er in einem Gürtel von vulkanisch aktiven Inseln unterwegs ist. In einem Bogen entlang einer tektonischen Spalte auf dem Meeresgrund liegen die Inseln Nisyros, Santorin, Milos, Methana, die allesamt vulkanischen Ursprungs sind.

Der aktive Vulkankrater von NisyrosFoto: Andreas Fritsch/YACHT
Der aktive Vulkankrater von Nisyros

Ganz so spektakulär wie der von einer gewaltigen Eruption zerrissene Krater von Santorin wirkt der von Nisyros zwar nicht, aber einen Besuch ist die Insel allemal wert: Sie liegt südlich von Kos und hat einen tiefen, gelblich vom Schwefel gefärbten Krater, in dem blubbernd und übel stinkend die Schwefelgase aufsteigen. Es gibt einige heiße Quellen auf der ganzen Insel, früher für Kurkliniken genutzt. Die Tour zum Krater lässt sich per Moped erkunden, zumal die Insel auch sonst wunderschön ist. Der Hauptort Mandraki mit Kloster hoch auf dem Berg, verwinkelten Gassen und einer schönen Uferpromenade mit Bars, von der man einen fantastischen Sonnenuntergang erleben kann, lohnen sich sehr. Abenteuerlustige fahren von dort gegen den Uhrzeigersinn eine Inselrunde über den Südwesten bis zum Krater. Fantastisches Panorama, aber auf etwa ein bis zwei Kilometern geht es über Schotterwege, die man nur im Schritttempo zurücklegen kann. Eher etwas für fittere Fahrer!

Der Verlauf des Vulkanbogens in der ÄgäisFoto: Andreas Fritsch/YACHT
Der Verlauf des Vulkanbogens in der Ägäis

Weinanbau auf Lipsi

Typisch für die griechischen Inseln ist, dass auf ihnen seit vielen Generationen Rebsorten kultiviert werden, die im Rest der Welt nahezu unbekannt sind. Oft wird der Wein nur für den regionalen Eigenbedarf auf kleinen Flächen angebaut; die Qualität galt oft als mäßig. Doch hie und da ändert sich das, und einige junge Weingüter, vor allem auf Santorin, sind mittlerweile international bekannt für ihre exzellenten Weine, meist weiße.

Auf der kleinen Insel Lipsi schickt sich Lipsi Winery seit 2013 an, eine ähnliche Erfolgsgeschichte zu schreiben. Manolis Vavoulas und Nikos Grillis, beide seit Jahrzehnten Hobby-Weinanbauer, taten sich damals zusammen und begannen die regionale rote Rebsorte Fokiano, die bislang vor allem für sehr gute Dessertweine bekannt war, für neue Weine einzusetzen. So wurde ein Rosé entwickelt (Ageriko), aber auch ein Blanc de Noir (Anthonero) ins Programm genommen, ein Weißwein, der aus roten Trauben gewonnen wird. Schon bald wurden die Weine prämiert und sogar für das Galadinner des griechischen Präsidenten anlässlich der Unabhängigkeitsfeier ausgewählt, bei der das britische Königshaus zu Gast war. Das kleine, aber feine Weingut kann auf Lipsi nach vorheriger Anmeldung für eine Weinprobe besucht werden, vom Hafen sind es keine zehn Minuten Fußweg!

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