Wilder Westen auf schottische ArtVon Oban nach Tobermory

Ursula Meer

 · 10.10.2026

Loch voraus! In den Westhighlands finden sich viele Buchten und Lochs zum Ankern.
Foto: Ursula Meer
​Die West-Highland-Region ist ein faszinierendes Revier mit abwechslungsreicher Küstenlandschaft und urtümlichen Orten. Ein Törn zwischen Weite und Whisky-Kultur, Natur und navigatorischen Tücken. Ein Hauch Mystik und alle Wetter inklusive. Teil 1 der Serie „Wilder Westen auf schottische Art“: Mit der „Bolero“ geht es von Oban über Kerrera und den Sound of Mull nach Tobermory.

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Westschottland verlangt Segelcrews einiges an Flexibilität ab. Zwischen Oban, Kerrera und Tobermory liegen Whisky-Kultur, einsame Inselnatur, dichter Nebel und anspruchsvolle Gezeitenströmungen eng beieinander. Eine Reise mit der „Bolero“ zeigt, warum das Revier so faszinierend wie fordernd ist.

Ankunft in Oban: Sonne, Whisky und erste Wetterwechsel

Die Sicht geht gegen null. Gerade noch ließen sich karstige, moosbewachsene Uferstreifen ausmachen, schon senken sich die Wolken wieder auf Meeresspiegel-Niveau. Andere Boote lassen sich auf AIS und Radar ausmachen, kommen aber erst kurz vor der Passage im Firth of Lorne in Sicht. Schottland im Juli. „Du musst wissen, worauf du dich hier einlässt, wenn du an Bord kommst“, haben Christina Franzel-Beier und Edgar Prochnow ein paar Tage vorher am Telefon gewarnt. Sie sind mit ihrer „Bolero“ die englische Ostküste hochgesegelt und durch den Caledonian Canal rüber in den Westen. Wochenlang haben sie sich durch unbeständiges Wetter, stürmische Winde und waagerechten Regen bei teils einstelligen Temperaturen gekämpft.

Und dann das: Bei strahlendem Sonnenschein steige ich in Oban aus dem Zug, schwitzend mit Segelstiefeln und Offshore-Ölzeug, Thermowäsche und Wollmütze im Gepäck. Sattgrüne Hügel umgeben die Bucht, Häuser aus Sandstein und Granit, manche mit Erkern, andere schlicht, reihen sich an der Uferpromade aneinander.

An der Pier haben Fischerboote festgemacht, in Buden wird Fish and Chips verkauft. Möwen lauern auf schnelle Beute. Die Luft ist so klar und frisch wie das dunkelblaue Wasser der Bucht. Über allem thront keine Burg, sondern ein gigantisches Kolosseum, das für Schottland eigentümlich unpassende Wahrzeichen der Stadt.

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„Whisky“ hingegen wird allgemein beinahe als Synonym für Schottland verwendet. Obans obligatorische Destillerie liegt mit ihrem dunklen Gemäuer zwischen Felsen und moderneren Gebäuden. Als sie 1794 erbaut wurde, gab es die Stadt noch nicht, und so ist sie über die Jahrhunderte förmlich eingewachsen. Auch hinter dem unauffälligen Eingangsportal ist alles verwinkelt und teils sehr niedrig, als hätte man eine Destillerie in den Laderaum eines Frachtseglers gezwängt.

Die Beleuchtung taucht Gläser und Flaschen mit verschiedenen Jahrgängen des geistreichen Getränks in sanftes, honiggoldenes Licht. Auf dem Weg nach oben lässt sich ein Blick in die Produktion mit ihren kupferglänzenden Brennblasen erhaschen. Das warme Ambiente hat das Zeug, selbst Neulinge in Sachen Whisky-Kultur zu packen.

Wenige Schritte weiter versetzt das „Oban Inn“, der älteste Pub am Platze, uns mit seiner dunklen Holzvertäfelung, den frei liegenden Balken und Böden aus Schiefer gefühlt um Jahrhunderte zurück. Zum traditionellen Ambiente passend gibt es weder Fernseher noch Musikberieselung, dafür angeregte Gespräche unter den vielen Gästen, die es sich hier am späten Nachmittag gemütlich machen. Vor dem Haus schauen wir bei Kaltgetränken dem Treiben an der Promenade und auf dem Wasser zu – und dem Wetter bei einem seiner raschen Umschwünge. Erst werden Pullis übergestreift, nicht lange danach kommen auch Schals und Regenjacken zum Einsatz.

Kerrera: Hochlandrinder, Regen und Stille

Ein Taxiboot bringt uns rüber auf die vorgelagerte Insel Kerrera, wo Christina und Edgar am Vortag die „Bolero“ bei Regen und Fallböen in der Marina festgemacht haben. Bei einer Wanderung entlang der Ostküste kriecht Nieselregen zwischen Haut und Kleidung. Auf dem kleinen Inselchen mit seinen gerade einmal 40 Einwohnern gibt es viel zu sehen: Eine alte Burg, die am Südende der Insel auf hohen Klippen thront; den Kerrera Tea Garden, ein beliebtes Café für Scones, Clotted Cream und Tee; einen Rundwanderweg mit Endlos-Ausblicken Richtung Oban zur einen Seite und Inseln wie Jura und Mull zu anderen. So weit die Theorie. In der Praxis hängen die Wolken nur knapp über den Hügeln, die Sicht ist begrenzt. Zwischen einer weißgrau-wattigen Schicht aus Wolken und einer aus fettem, grünem Gras – beide klamm – ist die Stille förmlich greifbar.

Die Landschaft fügt sich der Form der See an, mit grünen, welligen und steilen Hügeln, die an den Kämmen abrupt brechen und zur See hin abfallen. Highland-Rinder trotten gemächlich dahin und schauen neugierig zwischen roten Haarbüscheln aus großen Augen auf die Kreaturen in Ölzeug und Wanderschuhen. Schafe grasen auf den Hügelkuppen, und hinter ihnen ziehen in der umnebelten Oban Bay unverdrossen zahlreiche Segler bei einer Clubregatta ihre Bahnen.

Der Weg führt vorbei an der Ardent Farm, einem weißen Gehöft mit einem kleinen Selbstbedienungs-Hofladen. In großen Truhen liegt Fleisch von Hochlandrindern und Lämmern, in den Regalen Eier, Obst und Gemüse, handgemachte Souvenirs und eine kleine Katze, die beim Öffnen der Gefriertruhe begierig aufspringt. Bezahlt wird an einer Kasse des Vertrauens oder online; am Hof ist keine Menschenseele zu sehen.

Der anhaltende Regen führt uns nach drinnen, in das Waypoint Restaurant an der Marina. Seit 2021 werden beide von einer Familie betrieben, die sich heute eine kleine Feier gönnt. Aus den Musikboxen dröhnen ABBA und andere Gassenhauer älterer Bauart. Gläser klirren, einen jungen Mann haut es rücklings vom Stuhl. Selten wurden die Erwartungen an ein Land binnen weniger Stunden so erfüllt wie hier.

Nebel im Firth of Lorne

Durch mannshohen, dichten Farn streifen wir am nächsten Morgen hinauf zu einem riesigen Obelisken, dem Hutcheson's Monument. Vom Wasser aus ist er eine markante Landmarke, vom Land aus kann man sich einen guten Überblick über die Situation auf See verschaffen. Vorausgesetzt, sie ist zu sehen. Denn immer noch hängt eine dicke Suppe über dem Firth of Lorne und der Isle of Mull, unserem nächsten Ziel. Die geplante Route nach Tobermory im Nordosten der Insel Mull bleibt ausschließlich auf der Karte sichtbar. Erst kurz vor der Abfahrt lichtet sie sich gerade genug, um relativ sicher hindurchzunavigieren.

Da segeln wir nun also vorsichtig dahin. Still und wie in Watte gepackt, das ist an sich schon ein wenig unheimlich, aber noch nicht genug der Herausforderung: Am Sound of Mull treffen drei Wasserwege und die Gezeit aufeinander. Veritable Stromverwirbelungen und steile Wellen lassen das Boot kurz einen ganz eigenen Kurs tänzeln. Volle Konzentration ist gefragt.

Sound of Mull: Gezeiten, Burgen und Literaturgeschichte

An Steuerbord wabern Wolken über den Kamm eines grünen Hügels hinter dem majestätischen, weißen Lismore Lighthouse auf Eilean Musdile, der mit Fug und Recht auch als Literatur-Turm bezeichnet werden könnte: Erbaut hat ihn Robert Stevenson, Großvater des berühmten Schriftstellers Robert Louis Stevenson, Autor der „Schatzinsel“. Der erste Hauptwärter von Eilean Musdile wiederum war Robert Selkirk, ein Nachfahre von Alexander Selkirk, der Daniel Defoe zu „Robinson Crusoe“ inspirierte.

An Backbord steigen derweil die Wolken auf und geben Duart Castle auf einer Landspitze frei. Gut zwei Meilen davor ragt ein markierter Felsen aus dem Wasser, der Lady’s Rock, benannt nach einer Geschichte aus dem frühen 16. Jahrhundert: Hier ließ der Burgherr Chief MacLean seine Ehefrau aus dem Clan der Campbells bei Ebbe aussetzen, damit die Flut sie mitnähme. Doch Fischer retteten sie und brachten sie zu ihrer Familie – der Beginn einer mehr als 150 Jahre währenden Clanfehde, an deren Ende die Campbells die Burg einnahmen.

Im gut geschützten Sound of Mull schläft der Wind ein. Voraus lässt sich ein Hauch Sonne erahnen, achteraus zieht sich der Vorhang wieder zu. War gerade noch gefühlt November, kommt es nun immerhin vor wie Anfang Mai. Hier und da kreuzt eine Fähre den Kurs. Das Ufer weicht in Buchten und rückt dann wieder näher. Beiderseits auf den Hügeln Wiesen und Wälder, Reste alter Gemäuer und stolze Herrenhäuser.

Tobermory: Bunte Häuser und ein Revier ohne feste Pläne

Am Nachmittag kommt Tobermory in Sicht. Kleine, bunte Häuser stehen am Ufer und trutzig-dunklere weiter oben auf der grün bewachsenen Küste. In der Bucht liegen Boote an Muringbojen, davor fügt sich ein historisches Dampfschiff stimmig in die Kulisse ein.

Beim Anlegen im Hafen steht am Steg gleich ein ganzes Trüppchen zum Anpacken bereit – allesamt Deutsche. Sie haben in Oban ein Boot gechartert und sind schon auf dem Rückweg. „Es ist toll, aber eine Woche ist viel zu kurz für dieses Revier“, erzählt der Skipper. Eigentlich wollten sie auf die Äußeren Hebriden segeln, mussten sich aber dem Wetter unterordnen und dichter unter der Küste bleiben. Ihr Fazit: „Am besten macht man hier gar keine Pläne, sondern nimmt es, wie es kommt.“

Ab dem 11. Oktober 2026 in Teil 2: Von Tobermory geht es weiter entlang von Mull, durch den Sound of Sleat und bis nach Loch Nevis: mit schottischem Minisommer, Delfinen, Zwergwalen und einsamen Ankerbuchten.


​Revier West Highlands: Wetter, Wind und Navigation

Wind und Wetter: Die beste Reisezeit ist zwischen Mai und September mit durchschnittlichen Temperaturen von 17 bis 20 Grad am Tag, nachts auch unter 10 Grad. Der Wind weht tendenziell im Frühsommer aus Nord/Ost, später aus Südwest mit 10 bis 15 Knoten. An den Küsten ist mit Böen und plötzlichen Winddrehern zu rechnen, auch Stürme sind möglich. Bei der Nutzung von Wetter-Apps hat sich UKV, das hochauflösende Wettermodell des britischen Met Office, während des Törns als das zuverlässigste erwiesen.

Navigation: Der Gezeitenstrom liegt meist unter zwei Knoten, kann an Engstellen aber bis acht Knoten erreichen. Bei Wind gegen Strom wird es schnell ungemütlich; sorgfältige Routenplanung ist unerlässlich. Der Tidenhub beträgt je nach Ort und Alter der Gezeit zwischen 2,50 und 5 Metern. Auf den Hauptrouten fahren viele Fähren und Handelsschiffe.

Häfen und Ankerplätze: In der Saison sind die Häfen schnell ausgebucht, eine Anmeldung vorab ist zu empfehlen und teils auch Pflicht. Die meisten Häfen haben Schwimmstege. Der Hafenführer „Welcome Anchorages“ liegt gratis in vielen Hafenbüros aus und ist als PDF auch online verfügbar.

In den Buchten und Lochs kann bei passendem Wetter geankert oder an einer Muringboje festgemacht werden. Fahrtensegler haben eigens dafür mit den „Antares 814 Charts“ detaillierte digitale – jedoch nicht offizielle – Seekarten der Ankerplätze und Kanäle in Westschottland erstellt. Sie haben einen mehr als zehnfach vergrößerten Maßstab gegenüber den offiziellen UKHO-Karten und zeigen deutlich mehr Details, wie Wassertiefen oder mögliche große Steine unter Wasser. Einige Karten enthalten auch Trockenfallgebiete oder Meeresbodengradienten fürs Ankern.

Anreise Wer nicht auf eigenem Kiel fährt, kann nach Edinburgh oder Glasgow fliegen. Viele Küstenorte sind von dort gut mit Bus- und Bahnfahrten durch eine atemberaubend schöne Landschaft zu erreichen. Für die Einreise sind ein gültiger Reisepass und eine Electronic Travel Authorization (ETA) erforderlich. Die ETA gibt es unter GOV.UK oder über die „UK ETA“-App. Sie kostet ca. 20 Euro. Vorsicht: Drittanbieter-Websites verlangen deutlich höhere Gebühren!

Webinar-Tipp: Wenn Sie Gezeitenstrom und Tidenhub bei der Planung Ihrer Etappen sicherer berücksichtigen möchten, vertieft das Webinar zum Gezeitensegeln die praktische Navigation im Gezeitenrevier.

​Weiterführende Revierlektüre: Der Westen von Schottland: hart, aber herzlich.

Schottland ist kein Revier für einen starren Törnplan. Ist genau diese Mischung aus Wetterrisiko, Gezeiten und großartiger Landschaft der eigentliche Reiz? Diskutiert mit und schreibt eure Erfahrungen in die Kommentare.

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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