Wilder Westen auf schottische ArtVon Mull bis Loch Nevis

Ursula Meer

 · 11.10.2026

Entspanntes Segeln im Sound of Mull.
Foto: Ursula Meer
Die West-Highland-Region ist ein faszinierendes Revier mit abwechslungsreicher Küstenlandschaft und urtümlichen Orten. Ein Törn zwischen Weite und Whisky-Kultur, Natur und navigatorischen Tücken. Ein Hauch Mystik und alle Wetter inklusive. Teil 2 der Serie „Wilder Westen auf schottische Art“. Von Tobermory geht es weiter entlang der Isle of Mull, durch den Sound of Sleat und bis zum abgelegenen Loch Nevis.

Themen in diesem Artikel

Nach Nebel und Regen folgt ein ungewöhnlicher schottischer Minisommer. Die Reise mit der „Bolero“ führt von Tobermory weiter entlang der Isle of Mull, in den Sound of Sleat und bis zum abgelegenen Loch Nevis: mit Seafood, Böen, Delfinen, Robben und Zwergwalen.

Tobermory im schottischen Minisommer

Das Wetter in Schottland muss man nehmen, wie es kommt. Und wie es kommt! Die Wettervorhersage verspricht Sonnenschein und Temperaturen an die 30 Grad. Gerade macht in den ersten warmen Sonnenstrahlen ein Fischer fest und wirft seinen Fang, Plastikkörbe voller Hummerkrabben, an langen Leinen ins Wasser, damit sie frisch bleiben. „Die besten verkaufe ich direkt hier an die Restaurants“, erzählt er und fügt lachend an: „Und der Rest geht nach Europa.“

Gern würden wir seine Tagesbeute in einem der Lokale probieren, doch der rare schottische Minisommer hat reichlich Menschen zu einem Kurzurlaub gelockt. Freie Sitzplätze sind in den Restaurants ohne Reservierung nicht zu bekommen. So wird es Fast Food. Aber was für welches! In der frischgrün-gestreiften Bude von Fisherman’s Pier Seafood werden für uns zubereitet: superfrische Kammmuscheln mit herausragend gutem Black Pudding, gegrillter Schellfisch an Coleslaw, grünem Salat und frisch gebackenem Brot. Im Sonnenuntergang aus einfachen Pappschachteln gegessen, während Kinder in Topper-Dingis über die Bucht flitzen und die kleinen, bunten Fischerboote an der Pier wippen. Wer braucht da schon ein Restaurant?

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An der Tür des Mishnish Pub strahlt uns ein junger Mann an. „Zu essen gibt es nichts mehr. Ich bin der Koch und habe Feierabend“, erklärt er. „Aber trinken könnt ihr hier die ganze Nacht. Das hier ist Schottland!“, fügt er lachend an. Drinnen lädt eine Inschrift über dem Kamin ein, in goldenen Lettern auf dunkles Holz gemalt: „Willkommen! Setz dich, nimm ein Glas und mach es dir gemütlich.“

Holzfußboden knarrt unter den Schritten, durch die Fenster dämmert das letzte Tageslicht über der Bucht. Andere Gäste fragen freundlich und interessiert nach dem Woher und Wohin. Die sprachliche Annäherung braucht einen Moment, ist doch der schottische Dialekt denkbar weit entfernt von dem, was uns Schule und Uni gelehrt haben. Meist reichen aber schon zwei Sätze mit teutonischem Einschlag, um die beiden Enden derselben Sprache auf ein gemeinsames Mittelmaß zu bringen. Ein junger Mann erzählt von dem durchaus schweren Leben hier oben, besonders nach dem Brexit, dem die Offshore-Industrie ein wenig Auftrieb verleiht. Einige Wochen auf einer Ölplattform oder im Windpark, dann genauso lange zuhause, das bringe einen gewissen Wohlstand. Aber bei manchem um einen hohen Preis, wenn die freien Wochen vornehmlich mit Whisky-Verkostungen und Pints of Lager verbracht werden. „Wir könnten dann Tobermory auch ‚not-so-sober-mory‘ nennen.“

Whisky, Wasserfälle und Wald auf Mull

Auch Tobermory hat seine eigene Destillerie, strategisch günstig direkt am Hafen gelegen und mit dem Fluss Gearr Abhainn im Rücken, der früher die Energie für die Mahl- und Maischvorgänge lieferte. Sein Wasser sammelt sich weiter oben in den Hügeln und fließt in Kaskaden und einem gewaltigen Wasserfall hinab. Der Weg hinauf führt an der Küste entlang durch einen dichten Wald. Immer wieder plätschern kleinere und größere Wasserfälle aus dem steilen Hügel, windet sich der Fluss durch kleine Stromschnellen.

Knorrige Bäume stehen aufrecht oder liegen, von einem der zahlreichen Stürme zerlegt, moosbewachsen auf dem Waldboden. Uralte Steine zeigen noch die Fundamente ehemaliger Behausungen. Kleine Lücken im Geäst geben den Blick frei über die Bucht, den Sound of Mull und die dahinter liegenden Highlands. Ein riesiges, lebendiges Mosaik, das in der Sonne hellgrün leuchtet und dann wieder unter schnell ziehenden Wolken verblasst.

Oben tost der Wasserfall majestätisch eine steile Wand aus dunklem Stein herab. Der Untergrund auf dem Weg zu seiner Kante trägt Spuren von Moor, alten Baumwurzeln und Fels. Der Wind weht keinerlei menschengemachtes Geräusch herbei, dafür den Duft von Blüten, Wald und Moor, mit einem Hauch von Meer und Salz.

Später werden wir nach dem Essen im Macgochans Pub am Hafen all diese Aromen in einem kleinen Glas des 15-jährigen Tobermory wiederfinden: destilliertes Schottland. Nebenan sitzt die Crew eines Großseglers. Ein Portugiese kommt zu uns herüber. „Wie gefällt es euch hier?“, fragt er und nimmt die Antwort vorweg: „Ich liebe es!“

Kurs Nordwest: Mull, Ardnamurchan und die Small Isles

Der Kurs geht am nächsten Morgen bei mäßigem Wind gen Nordwesten. Der Wind weht ausnahmsweise recht konstant, wenn auch schwach. Langsam zieht das Boot an der windexponierten Seite der Isle of Mull vorbei. Nur vereinzelt wachsen ein paar Bäume, der Rest ist mit einem grünen Flaum überzogen. Wir passieren Corrachadh Mòr, den westlichsten Punkt des britischen Festlands, und etwas weiter nördlich den großen Leuchtturm Ardnamurchan. Das graubraune Gestein an Steuerbord wirkt wie geschichtet, an den Oberkanten mit Moos bewachsen. Kein Baum, kein Strauch, die hier Halt finden könnten. An Backbord liegen die Small Isles, Muck und Eigg und die spitzen Bergkuppen von Rhúm, später die Isle of Skye. So viele mögliche Destinationen für ein nordisches Inselhopping!

Bei der Einfahrt in den Sound of Sleat erzeugt der Gezeitenstrom im tiefblauen Wasser wieder ungestüme, wenn auch kleine Wellen, bevor eine lange achterliche Dünung vom Atlantik das Boot sanft schaukelt. Der Wind schläft ein. An der zerklüfteten Küste machen wir kleinere Buchten und größere Lochs mit golden strahlenden Stränden aus. Kormorane besiedeln in Schwärmen ganze Felsformationen, ein Tordalk landet auf dem Wasser. Weit voraus erheben sich die Highlands, grün die vorderen und flacheren, weit hinten in blauem Dunst die majestätisch hohen.

Böen, Fallwinde und Delfine im Sound of Sleat

Binnen weniger Minuten springt der Wind wieder an. Erst 18 Knoten, dann 25. Kaum ist das Tuch oben, will es auch schon wieder gerefft werden, zumal immer wieder starke Böen und Fallwinde um das Boot wirbeln. „Das hatten wir hier schon oft“, erzählt Edgar. „Manchmal haben die Böen die doppelte Stärke des Grundwinds.“ Delfine haben ihren Spaß und springen mit dem Boot um die Wette.

Aus Loch Ceann Traigh weht uns der Wind stramm entgegen, aber in der tiefen Bucht bieten eine sandige Steilküste und hohe bewaldete Berge Schutz. Der Anker fällt auf zehn Metern Tiefe und in weitem Abstand zu den anderen drei Booten an diesem schönen Ort. Vom Land weht der Duft von Kiefern und Sand herüber. Ein Basstölpel krächzt dröhnend, Sturmtaucher quaken im Chor. Als die Sonne hinter den Hebriden untergeht, taucht sie den Himmel zunächst in knallige Orangetöne, dann bis weit nach Mitternacht in alle Farben der Pastell-Palette. Absolute Stille und vor den Inseln schwebende Nebelschwaden verleihen der Nacht eine beinahe schon übertriebene Mystik.

Loch Nevis und Mallaig: Abgeschiedenheit, Pub und Inselbahn

Ganz anders die Stimmung am nächsten Nachmittag im entlegensten Pub Schottlands, in Inverie am Nordufer des Loch Nevis. Am Tresen des Old Forge lacht eine Gruppe junger Männer in Kilts in Mustervariationen von Karo bis Camouflage, stramm hochgezogenen Strümpfen und Latschen. Draußen ertönt Livemusik mit Querflöte und Gitarre. Was aus der Küche getragen wird, sieht sehr ansprechend aus, aber wieder einmal sind alle Tische reserviert.

Dabei sind Autos hier nur mit Ausnahmegenehmigung erlaubt; wer nicht mit der Fähre kommt, muss mindestens 27 Kilometer wandern. Glücklich, wer auf eigenem Kiel hier ist. Und das nicht nur wegen der Muringbojen und der erneut atemberaubenden Aussicht zwischen den hohen Bergen: Lange konnten wir auf dem Weg hierher eine große Schule von Delfinen beobachten, die pfeilschnell durch die Bucht zogen und dabei immer wieder sprangen und Pirouetten drehten, sowie Robben, die neugierig aus dem Wasser schauten. Als Krönung zogen auch noch Zwergwale gemächlich vorbei, deren Rücken und Finnen in der Sonne glitzerten.

Mallaig, gleich links um die Ecke bei der Ausfahrt aus Loch Nevis, ist ein belebter Fischerort und Ausgangspunkt für Fährfahrten auf die Hebriden – aber auch ein Muss für Harry-Potter-Fans. Denn hier startet der rote Zug mit schwarzer Dampflok, der im Roman den Zauberschüler nach Hogwarts bringt und im echten Leben seine Fans durch die West Highlands. Überall im Ort finden sich kleine Anspielungen auf Zauberer und Hexen.

Die Wege gehen steil hinauf. Weit oben bietet sich über blühende Fuchsienhecken hinweg eine letzte grandiose Aussicht auf eine gleichfalls sagenhafte Inselwelt, ehe mich die Bahn zurück nach Glasgow bringt.

Christina und Edgar segeln weiter. Sie finden Buchten mit Stränden, die sich hinter der Karibik nicht verstecken müssen, spüren auf der einsamen Insel Lunga Papageienvögel auf und schlendern durch die Reste alter Dörfer – in Schottlands wildem Westen, der an jeder Huk und in jedem Ort überbietet, was die Vorstellung versprochen hat.


​Revier West Highlands: Wetter, Wind und Navigation

Wind und Wetter: Die beste Reisezeit ist zwischen Mai und September mit durchschnittlichen Temperaturen von 17 bis 20 Grad am Tag, nachts auch unter 10 Grad. Der Wind weht tendenziell im Frühsommer aus Nord/Ost, später aus Südwest mit 10 bis 15 Knoten. An den Küsten ist mit Böen und plötzlichen Winddrehern zu rechnen, auch Stürme sind möglich. Bei der Nutzung von Wetter-Apps hat sich UKV, das hochauflösende Wettermodell des britischen Met Office, während des Törns als das zuverlässigste erwiesen.

Navigation: Der Gezeitenstrom liegt meist unter zwei Knoten, kann an Engstellen aber bis acht Knoten erreichen. Bei Wind gegen Strom wird es schnell ungemütlich; sorgfältige Routenplanung ist unerlässlich. Der Tidenhub beträgt je nach Ort und Alter der Gezeit zwischen 2,50 und 5 Metern. Auf den Hauptrouten fahren viele Fähren und Handelsschiffe.

Häfen und Ankerplätze: In der Saison sind die Häfen schnell ausgebucht, eine Anmeldung vorab ist zu empfehlen und teils auch Pflicht. Die meisten Häfen haben Schwimmstege. Der Hafenführer „Welcome Anchorages“ liegt gratis in vielen Hafenbüros aus und ist als PDF auch online verfügbar.

In den Buchten und Lochs kann bei passendem Wetter geankert oder an einer Muringboje festgemacht werden. Fahrtensegler haben eigens dafür mit den „Antares 814 Charts“ detaillierte digitale – jedoch nicht offizielle – Seekarten der Ankerplätze und Kanäle in Westschottland erstellt. Sie haben einen mehr als zehnfach vergrößerten Maßstab gegenüber den offiziellen UKHO-Karten und zeigen deutlich mehr Details, wie Wassertiefen oder mögliche große Steine unter Wasser. Einige Karten enthalten auch Trockenfallgebiete oder Meeresbodengradienten fürs Ankern.

Anreise Wer nicht auf eigenem Kiel fährt, kann nach Edinburgh oder Glasgow fliegen. Viele Küstenorte sind von dort gut mit Bus- und Bahnfahrten durch eine atemberaubend schöne Landschaft zu erreichen. Für die Einreise sind ein gültiger Reisepass und eine Electronic Travel Authorization (ETA) erforderlich. Die ETA gibt es unter GOV.UK oder über die „UK ETA“-App. Sie kostet ca. 20 Euro. Vorsicht: Drittanbieter-Websites verlangen deutlich höhere Gebühren!


Serie „Wilder Westen auf schottische Art“

Teil 2: Von Mull bis Loch Nevis

Weiterführende Revierlektüre: Der Westen von Schottland: hart, aber herzlich.

Webinar-Tipp: Wenn Sie Gezeitenstrom und Tidenhub für einen Törn durch die West Highlands sicherer einplanen möchten, vertieft das Webinar zum Gezeitensegeln die Grundlagen der Tidenrechnung.

Sind Delfine, Zwergwale und einsame Ankerbuchten Grund genug, auch ein Revier mit raschen Wetterwechseln und starken Böen anzusteuern? Schreibt eure Einschätzung und eure Erfahrungen mit Schottland in die Kommentare.

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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