Zweihand-Mixed-WM OffshoreDer Finalthriller von Marseille

Tatjana Pokorny

 · 02.10.2026

Der Finalauftakt für Lina Rixgens und Andreas Baden. Da konnten sie noch nicht wissen, dass sie das Rennen sechs Stunden später würden aufgeben müssen.
Foto: Pierick Jeannoutot
Die Zweihand-Mixed-WM Offshore ist in Marseille unter Hochspannung zu Ende gegangen. Bis zuletzt kämpften vier Crews im Flautenthriller um die drei Podiumsplätze. Die Medaillenentscheidungen fielen in keiner Handvoll Knoten Wind. Und im Ziel hagelte es noch Proteste. Für Oliver Schmidt-Rybandt und Clara Witthinrich endete das Finale nach starkem Auftakt und Rückschlag zu Halbzeit versöhnlich.

Themen in diesem Artikel

An Spannung hat es dem Finale der Zweihand-Mixed-WM Offshore in Marseille nicht gefehlt. Die ersten vier Boote kamen binnen 30 Minuten ins Ziel. Dramatisch knapp fiel dabei die Entscheidung im Kampf um Bronze aus: Jonas Gerckens und Dejmila Tassin (Belgien) und die auf Platz vier verwiesenenen Federico Waksman/Irina Gracheva (Uruguay) trennten im Ziel nach zwei Tagen und gut einer Stunde auf See nur acht Sekunden.

Zweihand-Mixed-WM Offshore: die WM-Krone bleibt in Frankreich

Die WM-Krone hatten sich bei dieser ZweihandMixed-WM Offshore zuvor die mitfavorisierten Franzosen Thomas André und Colombe Julia nach 2 Tagen, 50 Minuten und 26 Sekunden gesichert. Gut 25 Minuten nach ihnen kamen die Australier Annie Stevenson und Peter Winter als WM-Zweite ins Ziel. Drei Minuten später folgte das Fotofinish zwischen Gerckens/Tassin und Waksman/Gracheva, die noch am Dock im Hafen über den Ausgang diskutierten.

Später verloren Waksman/Gracheva nach einer Jury-Bestrafung sogar noch einen Platz. Ihnen wurden 15 Minuten auf die gesegelte Zeit aufgeschlagen, weil sie kein Handfunkgerät bei sich führten, wie es das Regelwerk verlangte. Die gleiche Strafe ereilte auch die neuen französischen Weltmeister, die sich aber zusätzliche 15 Minuten nach stark bestrittenem Finale leisten konnten, ohne ihr Gold einzubüßen.

Als Sechste kam nach den Niederländern Simeon Tienpont und Christina Walter die ebenfalls co-favorisierte zweite französische Crew ins Ziel: Christopher Pratt und Mailys Radulic Ferrat erreichten die Linie nur gut zehn Minuten hinter Platz drei, mussten sich da aber schon auf eine Strafe gefasst machen, weil sie in ein Sperrgebiet gesegelt waren. Die Jury brummte ihnen 30 Minuten extra auf. Damit blieb es bei Platz sechs. Zum Tracker der Zweihand-Mixed-WM Offshore und den Zielzeiten geht es hier.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Erst zwei, dann ein deutsches Team im WM-Finale

Zuvor hatte das Finalrennen der besten elf Duos aus den beiden Qualifikationsrennen und dem Hoffnungslauf die Segler und Seglerinnen über gut zwei Tage und zwei Nächte auf dem küstennahen Kurs von und nach Marseille in fast allen Bedingungen getestet: Es ging stark druckvoll los und in flauen Winden zu Ende. 241 Seemeilen waren zu meistern. Zwei deutsche Crew waren dabei, doch daraus war schnell nur noch eine geworden.

Über das bittere WM-Aus für Lina Rixgens und Andreas Baden hatten wir bei YACHT online bereits am ersten Finaltag hier berichtet. Das Duo hatte sich nur rund sechs Stunden nach dem Start zur Aufgabe entschlossen, weil sich Risse an den Stringern ihres WM-Bootes vergrößert hatten. Die Crew sah keine gute Seemannschaft mehr gewährleistet.

Nach dem Aus für Rixgens und Baden setzten die verbliebenen zehn Crews das Finalrennen fort. Mit Oliver Schmidt-Rybandt und Clara Witthinrich war ein weiteres deutsches Team aktiv. Sie erlebten die erste starkwindige Nacht intensiv: “Da war nichts mit auf der Kante sitzen. Einer musste steuern, einer musste Ausschau halten. Und zwar die ganze Zeit. Das war sonst zu gefährlich”, beschrieb Oliver Schmidt-Rybandt das Auftaktszenario.

Auf und Ab im Finale der Zweihand-Mixed-WM Offshore

Nach etwa 20 Stunden hatte die Rostocker Crew kurz vor Cannes gerade wieder Anschluss an die führenden Boote gefunden. Das nachts noch einmal aufgefrischte Routing sagte abnehmende Winde voraus. “Es sollte eher über rechts gehen. Das haben wir dann gemacht”, so Schmidt-Rybandt. Die brutale Folge: “Wir sind so eingeparkt, dass wir etwa vier Stunden mehr oder weniger gestanden haben.”

Während die deutsche Crew in der Falle saß, enteilten ihnen die Top-Boote wieder, an die sie sich zuvor so gut herangekämpft hatten. Dann wurden sie auch noch von der hinter ihnen liegenden Gruppe umrundet und überholt. “Ganz plötzlich kämpften wir um den letzten Platz. Das war sehr schmerzhaft”, erzählte Schmidt-Rybandt vom Halbzeit-Tief in einem Offshore-Rennen, das sie zwischendurch auch in “Coastal” umbenennen.

Im Qualifikationsrennen sei es noch anders herum gewesen, so Schmidt-Rybandt: “Da haben wir uns eine Stunde nach dem Start gefragt, ob wir überhaupt auf der richtigen Veranstaltung sind. Dann gab es diese positive Überraschung, dass wir doch Zweite geworden sind.” Im Finalrennen lief es für das Speedsailing-Team erst gut, dann schwer und am Ende versöhnlich.

Vom Arome-Modell in die Flautenfalle geschickt

Oliver Schmidt-Rybandt fasste es so zusammen: “Im Finale haben wir so 18, 20 Stunden nach Rennstart gemerkt: Alter, wir sind nicht nur auf der richtigen Veranstaltung, sondern wir können hier was reißen. Und zwar ernsthaft. Das hätten wir bei unserer Anreise hier niemals gedacht. Und das wurde dann durch diese Privatflaute, in die uns das Arome-Modell reingejagt hat, so zunichte gemacht.”

Durch weiterer flaue Stolperer zurückgeworfen ans Ende der Flotte, arbeiteten sich Clara Witthinrich und Oliver Schmidt-Rybandt dann aber wieder zwei Plätze vor, bevor sie sich mit Otto und Magda Book ein schönes Schlussduell lieferten. Beinahe hätten sie auch die Norweger noch abgefangen, als ihnen an der letzten Wendmarke der bessere Wechsel von Spi auf Code gelang. “Wir haben noch versucht, sie mit Halsen anzugreifen, konnten uns im Ziel gut gegenseitig gratulieren. Mit diesem geilen Zweikampf wurden wir am Ende nochmal ein bisschen entschädigt”, sagte Oliver Schmidt-Rybandt.

Otto und Magda sind ORC-Doublehand-Weltmeister. Die sind auch nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen.”

Nicht als einzige hatten die Rostocker “Speedsailer” im Finalrennen der Zweihand-Mixed-WM Offshore ein Problem mit ihrem Großsegel zu parieren. Nicht an Rutschern, sondern direkt in der Nut gefahren, war es auf ihrer Sun Fast 30OD etwas aus der Nut gerutscht. EIn ähnliches Problem hatte auch das Team um den co-favorisirten Lokalmatadoren Chris Pratt zu meistern.

Die Zweihand-Mixed-WM macht Lust auf mehr

Ob die “richtige” Crew den WM-Titel gewonnen hat? Clara Witthinrich sagt: “Ja! Die beschäftigen sich nur mit sich und damit, wie sie segeln. Die machen Ihr Ding und haben viel Erfahrung unter anderem aus dem Figaro mitgebracht.” Die Medizinerin nimmt ihr Erlebnis bei dieser Zweihand-Mixed-WM positiv mit in die Zukunft, sagt: “Ich muss mein Studium noch beenden, habe aber Lust auf mehr Shorthanded.” Direkt am Finalabend der Zweihand-Mixed-WM Offshore schlug Oliver Schmidt-Rybandt in Marseille ein “All-female-Team” für das nächste Baltic 500 vor.

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

Meistgelesen in der Rubrik Regatta