Transat Jacques VabreIm Aufwärtstrend – fünf Deutsche ab Sonntag dabei

Tatjana Pokorny

 · 26.10.2023

Die deutsche Class 40 "Sign for Com" vor dem TJV-Start
Foto: Qaptur/Next Generation Boating GmbH
Es geht voran für Deutschlands Seesegler: Beim 16. Transat Jacques Vabre sind vier deutsche Segler und eine deutsch-französische Seglerin im Einsatz. Boris Herrmann, Isabelle Joschke, Andreas Baden, Lennart Burke und Melwin Fink gehen den Transat-Klassiker in zwei der vier Klassen an

So viele deutsche Segler waren in der 30-jährigen Geschichte des Transat Jacques Vabre noch nie gleichzeitig dabei. Fünf sind es, die sich ab 29. Oktober mit Frankreichs Offshore-Elite und internationalen Herausforderern auf der historischen Kaffeeroute messen wollen. Frontmann ist Boris Herrmann, der zum zweiten Mal nach 2019 mit seinem loyalen Co-Skipper Will Harris auf “Malizia – Seaexplorer” antritt.

Deutsche Segler greifen in zwei von vier Klassen an

Beim ersten Mal war Will Harris gerade erst neu ins Team Malizia gekommen. Das deutsch-britische Duo erreichte 2019 Platz zwölf, will dieses Mal mehr. Ebenfalls in der Imoca-Klasse tritt die in München geborene Deutsch-Französin Isabelle Joschke mit Pierre Brasseur auf ihrem VPLP/Verdier-Design „Macsf“ von 2007 an. Der Kieler Andreas Baden bestreitet seine Transat-Premiere mit Skipper Fabrice Amedeo auf „Nexans – Art & Fenêtres“ ebenfalls in der Klasse der Vendée-Globe-Geschosse. In der Class 40 sind als einziges rein deutsches Gespann Lennart Burke und Melwin Fink auf „Sign for Com“ am Start.

Zum TJV-Jubiläumsjahr hat sich eine Rekordflotte in Le Havre versammelt: Insgesamt 95 Zweihand-Crews, darunter auffällig viele Mixed-Teams, greifen in einer der vier Klassen Ultim (5), Ocean Fifty (6), Imoca (40) und Class 40 (44) an. Ein Grund für den anhaltenden Erfolg des Rennens ist seine Beständigkeit, die sich auch 30 Jahre nach der Premiere wieder zeigt: Alle Titelverteidiger sind dabei, wenn auch teilweise in neuen Konstellationen und mit neuen Booten.

Die Favoriten beim 16. Transat Jacques Vabre sind vor allem Franzosen

Im „Kampf der fünf Musketiere“ ist bei den Ultim-Giganten Superstar Charles Caudrelier erneut der Favorit. Dieses Mal ist er ohne Franck Cammas im Einsatz, der mit Jérémie Beyou zu den Favoriten bei den Imocas zählt. Caudrelier wird „Edmond de Rothschild“ mit Erwan Israël über den Atlantik treiben und dabei vor allem von Armel Le Cléac’h und Sébastian Josse auf „Banque Populaire“, von François Gabart und Tom Laperche auf „Lazartigue“ und von Thomas Coville und Thomas Rouxel auf „Sodebo Ultim 3“ gejagt werden.

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Caudreliers Prognose: „Das TJV ist ein wundervolles Rennen mit brandneuem Kurs zur Insel Ascension. Es ist ein komplexer und fordernder Kurs. Es wird eng werden zwischen den Ultims, weil alle inzwischen auf ähnlichem Niveau segeln und ihrem vollen Potenzial immer näherkommen.“ Auch Ocean-Fifty-Titelverteidiger Sébastien Rogues tritt mit neuem Co-Skipper an. Mit Matthias Souben will er auf „Primonial“ Gas geben: „Es wird ein harter 15-Tage-Sprint. Der Vorteil von Zweihand-Crews ist, dass man zu jeder Zeit bei 100 Prozent agieren kann.“

Wir sind bei kabbeliger See und mehr Wind stark und selbstbewusst. Bei weniger Wind – und dieses Rennen ist traditionell ja gerne mal leichtwindiger – wird es für uns schwieriger” (Boris Herrmann)

„Verrückt“ nennt Titelverteidiger Thomas Ruyant ebenso wie Boris Herrmann die Vorstellung von 40 Imocas an der TJV-Startlinie. Ruyant geht mit seiner erst im März getauften und von Antoine Koch und Finot-Conq entworfenen „For People“ und Co-Skipper Morgan Lagravière ins Rennen, das in dieser Klasse mindestens eine Handvoll Favoriten hat. Dazu zählen die jüngst gekürten Défi-Azimut-Sieger Beyou und Cammas auf dem 2022er-Design „Charal“ ebenso wie die Azimut-Speedkönige Yoann Richomme und Yann Eliès auf der 2023er Rakete „Paprec Arkéa“ oder Charlie Dalin und Pascal Bidégorry auf „Macif – Santé Prévoyance“, ein Entwurf von CDK Technologies und MerConcept von 2022.

Boris Herrmann und Will Harris, beim Imoca-Warm-up im Défi Azimut auch infolge eines Navigationsfehlers Siebte, wollen beim Transat auf der 2021 getauften „Malizia – Seaexplorer“ eine Schippe drauflegen. Boris Herrmann sagt: „Das Défi Azimut war ein gutes Training fürs Transat. Wir hatten nach dem Sommer-Refit keinerlei technische Probleme. Unsere Änderungen scheinen das Boot schneller gemacht zu haben. Das Défi Azimut hat uns gutes Selbstbewusstsein gegeben.“

Amedeos Mission ist die Vendée-Globe-Qualifikation

Ein “respektables Ergebnis” wünscht sich Andreas Baden mit Fabrice Amedeo auf „Nexans – Art & Fênetres“, nachdem die Azimut-Generalprobe mit überholtem Boot äußerst ungemütlich verlaufen war: Weil sich eine Inspektionsklappe geöffnet hatte, musste das deutsch-französische Imoca-Duo schweren Wassereinbruch bekämpfen, gab vorsichtshalber und mit Blick aufs wichtige Transat Jacques Vabre auf.

Fabrice Amedeo, dessen Foiler im November 2022 bei der Route du Rhum nach Explosion und Feuer an Bord gesunken war, greift jetzt mit einem überarbeiteten Owen-Clarke-Design von 2007 an. Der Franzose braucht vor allem das Solo-Rückrennen Retour à la Base aus der Karibik nach Frankreich, an dem auch Boris Herrmann zur Standortbestimmung und zum Wiedereintauchen ins Solo-Segeln im Anschluss ans TJV teilnimmt, dringend für seine Vendée-Globe-Qualifikation.

Nur wenn Gefahr droht, nehmen wir Gas raus” (Andreas Baden)

Vor diesem Hintergrund sagt der von Amedeo gewählte 34-jährige Kieler Co-Skipper Andreas Baden vor seiner mit Spannung erwarteten Transat-Premiere: „Wir treten schon an, weil wir mitmischen wollen. Wir haben Ambitionen, bei den Non-Foilern mit einem leichten Boot zu zeigen, dass wir ein solides Schiff haben, das man pushen kann. Für Fabrice ist zwar die Rückregatta sehr wichtig, aber wir werden deshalb nicht mit komplett angezogener Handbremse segeln. Nur, wenn Gefahr droht, nehmen wir Gas raus.“

“Holcim PRB” nimmt außerhalb der TJV-Wertung Kurs auf die Karibik

Die Tatsache, dass neben Amedeo eine ganze Reihe von Imoca-Skippern und Skipperinnen die einhand zu segelnde Rückregatta Retour à la Base noch als Qualifikationsnachweis für den angestrebten Vendée-Globe-Start benötigen, sieht Boris Herrmann als TJV-Pluspunkt für sein Team. “Wir sind bereits für die Vendée Globe qualifiziert, haben diesen Druck nicht. Wir kennen unser Boot schon sehr gut, während andere noch mit ihren jüngeren Neubauten zu kämpfen haben. Das sehen wir als Vorteil auf unserer Seite.”

Für jene, die das Solorennen zurück nach Europa dringend brauchen, könnte sich ein möglicherweise stürmischer TJV-Auftakt als hohe Hürde erweisen. Wer will schon Bruch in einem Rennen riskieren, das er weniger braucht als die Rückfahrt? Etwas leichter hat es Ex-Malizianer Nico Lunven, der nach seinem Wechsel ins Team Holcim – PRB gar nicht erst fürs Transat Jacques Vabre qualifiziert war. Lunven wird “Holcim – PRB” nach einem ersten kompakten Refit mit Co-Skipperin Rosalin Kuiper und weiteren Team-Technikern ab 31. Oktober fast parallel zum TJV im “Sicherheitsmodus” in die Karibik überführen und von dort aus solo in die Rückregatta starten.

Isabelle Joschke greift beim Transat Jacques Vabre mit einem Transat-Dritten an

Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke ist eine von acht Frauen, die in der Imoca-Klasse Gas geben wollen. Mit Co-Skipper Pierre Brasseur zählt die in München geborene 46-Jährige aus Lorient nach bereits drei TJV-Teilnahmen (8., DNF, 12.) zu den erfahrensten Akteurinnen im Feld. Mit “Macsf”, ihrem VPLP-Verdier-Design von 2007, hatte sie die letzte Vendée Globe nach starken Leistungen erst mit Bruch im Sturm aufgeben müssen.

Isabelle Joschkes Co-Pilot Pierre Brasseur dürfte deutschen Transat-Fans noch als Mitstreiter von Jörg Riechers in Erinnerung sein. Vor zehn Jähren hatte der Hamburger mit dem Franzosen im Transat Jacques Vabre 2013 in der Class40 mit “Mare” und Platz drei das bislang beste deutsche Ergebnis in der Geschichte des Transat-Klassikers erreicht. Ein solcher Podiumsplatz wird für alle deutschen Teilnehmer der 16. TJV-Auflage aber nur schwer erreichbar sein.

In der Imoca-Klasse hat eine enorme Leistungssteigerung stattgefunden.” Boris Herrmann

Will Harris sagt zwar: “Wenn wir ein sehr gutes Rennen segeln und gute Entscheidungen treffen, können wir in die Top-Fünf segeln. Wir können in diesem Top-Bereich kämpfen.” Aber Boris Herrmann weiß auch: “In der Imoca-Klasse hat eine enorme Leistungssteigerung stattgefunden. Wenn wir nicht in die Top-Ten segeln, ist es nicht das Ende der Welt. Und das Transat Jacques Vabre ist auch nicht die Vendée Globe, wo es auf andere Dinge ankommt.” Zudem ist “Malizia – Seaexplorer” noch mit den nur leicht optimierten Ersatzfoils aus dem Ocean Race unterwegs. Einenen neuen Satz perfekt passender Flügel bekommt die deutsche Imoca im April 2024.

Vollgas im Kopf haben Lennart Burke, 24, und Melwin Fink, 21, für ihre Transat-Premiere, die sie als einziges rein deutsches Duo auf der Class40 „Sign for Com“ bestreiten. Nach einigen bemerkenswerten Leistungen in dieser Saison sind die deutschen Jungprofis mit ihrer Pogo 40 S4 von 2022 im Eiltempo in die erweiterte Spitzengruppe der leistungsstarken Vierziger vorgedrungen. Nach dem Sommer-Refit auf Fehmarn und intensivem Training in Frankreich sind sie ehrgeizig.

Melwin Fink: “Wir sind zuversichtlich, für die Herbsttiefs gewappnet zu sein.”

Lennart Burke sagt: „Es sind alle Top-Crews da. Da wäre eine Top-Ten-Platzierung wirklich wunderschön.“ Sein Co-Skipper Melwin Fink, zweitjüngster Segler im 16. Transat hinter dem eineinhalb Wochen nach ihm geborenen “Edenred”-Co-Skipper Basile Bourgnon, berichtet aus Le Havre: “Ständig laufen einem hier krasse Segler über den Weg. Alles, was etwas auf sich hält im Hochseerennsport, ist in dieser Woche hier versammelt. Es ist extrem beeindruckend.”

Die zusammen wohl jüngste Crew im Feld war schon zur Wochenmitte startbereit. “Unsere Bootsarbeiten sind abgeschlossen, das Boot ready to go, Material und Verpflegung bereit”, erzählt Melwin Fink. Trocken- und Nassmalzeiten, Wurst, Käse, Pumpernickel, Kekse, Chips, Haribo, viel Wasser und eine Cola pro Segler und Tag befinden sich bereits auf “Sign for Com”. Wie der Rest der Flotte, bereiten sich auch die Segel- und Neu-WG-Freunde aus Hamburg auf schweres Wetter vor. “Wir sind zuversichtlich, für die Herbsttiefs gewappnet zu sein”, sagt Melwin Fink.

Die Stimmung hier im Hafen ist unglaublich. So etwas haben wir noch nie erlebt.” Melwin Fink

Bis zum Start am Sonntag genießen Fink und Burke wie die anderen Segler und Seglerinnen die elektrisierende Aufbruch-Atmosphäre im Transat-Hafen Le Havre. “Die Stimmung hier im Hafen ist unglaublich. So etwas haben wir noch nie erlebt”, sagt Fink. Und er schickt Dank an Boris Herrmann: “Das steigende Interesse an unserem Sport in Deutschland ist ihm zu verdanken. Boris hat eine riesige Anhängerschaft. Und er hilft auch uns. Er hat uns neulich erst sein Schlauchboot geliehen und lässt uns seinen Hangar benutzen um Sachen zu lagern, gibt uns auch Ratschläge. Die ganze Medienarbeit, die er in Deutschland macht, die ist auch gut für uns.”

Als Next Generation Sailing Team gehen die deutschen Aufsteiger nach Platz vier im Fastnet Race, Platz 8 im Channel Race und Platz vier im Azorenrennen hochmotiviert in ihr bislang größtes Rennen, bei dem sie mit den besten und erfahrensten Class40-Könnern um eine vordere Platzierung ringen wollen.


Der TV-Hinweis: In Deutschland wird der NDR den TJV-Start am 29. Oktober ab 13 Uhr im Live-Stream auf ndr.de in der englischen Originalfassung übertragen. Sollte der Start verschoben werden müssen, werden neue Übertragungszeiten bekannt gegeben.

Die Transat Jacques Vabre-Vorschau im Video:


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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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