115 Solisten und ebenso viele Boote in sechs Klassen, dazu der klassische Kurs von Saint-Malo über 3542 Seemeilen nach Point-à-Pitre: Die 13. Edition der Route du Rhum startet in zwei Wochen am 1. November um 13.02 Uhr. Den Rennrekord von 6 Tagen, 19 Stunden, 47 Minuten und 25 Minuten hat 2022 Charles Caudreliere mit der Ultim “Maxi Edmond de Rothschild” aufgestellt.
Gejagt wird aber nicht nur die Bestmarke. Es geht um Gesamt- und Klassensiege, Podiumsplätze und unzählige Träume, die alle Starter begleiten und antreiben. Frankreichs großer Herbstklassiker mobilisiert auch die Fans. Rund 1,5 Millionen Menschen waren bei der letzten Auflage 2022 nach Saint-Malo gepilgert, um das Vorspiel live zu erleben. Rund 1000 Journalisten waren akkreditiert. Die wie Olympische Spiele alle vier Jahre ausgetragene Route du Rhum – Destination Guadeloupe fasziniert. Hier geht es zum offiziellen Veranstaltungsprogramm.
Die Herausforderer erwartet ein hochanspruchsvoller Transat-Kurs. Gespickt ist er nicht nur mit klassischen navigatorischen Aufgaben, sondern auch mit Hindernissen und einigem Gefahrenpotenzial. Es gilt, Walschutzzonen (ZPC) und Verkehrstrennungsgebiete (DST) im Routing zu berücksichtigen. Oft bereiten die Braunalgen der Sargassosee den Seglern bei der Route du Rhum Probleme. Die Gefahr von Kollisionen mit Treibgut segelt immer mit.
Das Rennen prüft seine Herausforderer in allen Offshore-Fächern intensiv. Entsprechend ereignis- und abwechslungsreich ist sein Verlauf. Hier kommen sechs gute Gründe, warum es sich lohnt, das Rennen auch in diesem November zu verfolgen.
Darauf sind vor allem die deutschen Fans, aber auch die Offshore-Gemeinschaft gespannt: Wie wird das erste Solo von Boris Herrmann mit der neuen “Malizia 4” laufen? Im Ocean Race Atlantic hat die Neue schon mit ihrem Speedpotenzial glänzen können, auch wenn eine Kollision und ein Foilschaden trotz furiosem Endspurt nur Platz vier zugelassen hatten. Dass jüngst im Starkwindtraining noch ein Großsegelriss Team Malizia in den Vorbereitungen zur Route du Rhum traf, war eine weitere fordernde Erscheinung im Anfangsbetrieb des potenten Neubaus.
Boris Herrmanns erste Einschätzungen seiner neuen Imoca ließe sich auch mit “Die Schöne und das Biest” zusammenfassen. Er sagte in dieser Woche über “Malizia 4”: Wir haben schon viel gesehen, sind zweimal über den Atlantic gesegelt. Sie ist ein großartiges Boot. Ich bin wirklich verliebt in sie. Manchmal schlägt sie mich auch. Und sie hat mich sogar schon einmal zum Weinen gebracht. Aber dann ist sie in anderen Zeiten wieder fabelhaft.”
In seiner ersten Dreimonatsbilanz nach dem Stapellauf am 6. Juli verglich Boris Herrmann in dieser Woche auch die neue “Malizia 4” mit der Vorgängerin “Malizia 3”, sagte: “Sie unterscheidet sich wirklich von ‘Malizia 3’. Da wo ‘Malizia 3’ ein gutes Wesen hatte und ziemlich sanftmütig, tolerant und umgänglich war, ist ‘Malizia 4 kapriziöser. Ich finde, das Boot ist ein ganz schönes Stück härter zu segeln.”
Alle vier Jahre versammelt sich die französische und internationale Offshore-Elite zur Route du Rhum. Schon die Siegerliste zeigt es: Top-Akteure wie Florence Arthaud, Laurent Bourgnon, Franck Cammas, Loïck Peyron und natürlich Charles Caudrelier konnten das Transat gewinnen. Auch in diesem Jahr kreuzen die Besten auf. Die Ultim-Klasse der Giganten zeigt es: Titel- und Rekordverteidiger Charles Caudrelier kommt mit der neuen “Gitana 18” zur mit Spannung erwarteten Regattapremiere der Königin der Meere.
Die Route du Rhum ist mein Lieblingsrennen. Das Rennen, was meine Leidenschaft fürs Segeln entzündet hat.” Charles Caudrelier
Mit Thomas Coville ist der aktuelle Inhaber der Jules Verne Trophy mit “Sodebo” im Einsatz. Dazu kommen die Transat-Café-L’Or-Gewinner Tom Laperche (”SVR - Lazartigue”) und Armel Le Cléac’h (”Maxi Banque Populaire XI”) sowie Anthony Marchand (”Actual Ultim 4”), Louis Burton (”Ultim Armand Thiery”), Guirec Soudée (”Liamm”) und Alexia Barrier (”Idec Sport - CIC”), die als erste Frau eine Route du Rhum auf einer Ultim meistern will. Die prominenten Starterlisten setzen sich in den weiteren Klassen Imoca, Ocean Fifty, Class40, Vintage Mono und Vintage Multi fort.
Die 13. Auflage des Transat-Klassikers lockt viele Neubauten an den Start: Allen voran will Charles Caudrelier prüfen, wie weit er die neue “Gitana 18” schon treiben kann. Die Segelwelt träumt von 1000-Seemeilen-Tagen. Auch Imoca-Neubauten wie Boris Herrmanns “Malizia 4” oder Sébastien Simons “Groupe Dubreuil – Air Caraïbes” (FRA 85) werden erstmals im Solo-Betrieb eine Regatta bestreiten.
Den spannenden Kontrast zu den neuen Hightech-Designs bilden Comebacks legendärer Racer der Vergangenheit – aufgerüstete Retro-Racer. Die Klassen „Vintage Mono“ und „Vintage Multi“ bieten die Chance, Boote aus früheren Zeiten zu entdecken oder auch wiederzuentdecken, die intensiv auf die aktuelle Herausforderung vorbereitet wurden.
Ein Beispiel dafür ist die Orma-Flotte. Die Mehrrumpfboote hatten das goldene Zeitalter der Hochseerennen in den 1990er Jahren geprägt. Sechs von ihnen werden in die Route du Rhum starten. Und mit ihnen Ausnahmesegler wie der 69-jährige Francis Joyon („Pour les Océans“), Sieger der „Route du Rhum – Destination Guadeloupe“ im Jahr 2018 und der 47-jährige Paralympics-Sieger und Vendée-Globe-Absolvent Damien Seguin mit „Arkea – Handicap International“.
Die Route du Rhum ist seit ihrer ersten Auflage 1978 ein Spiegel der jeweiligen Entwicklungen im Offshore-Sport. Viele Protagonisten, Boote und Ereignisse haben sich bei diesem Transat in die Geschichtsbücher eingetragen. So wie Mike Birch und Michel Malinovsky, die im Finish der Premiere als Top-Boote im Kampf um den Sieg nur 98 Sekunden trennten. Oder Florence Arthaud, die 1990 als einzige Frau mit der Route du Rhum eine der bedeutendsten Regatten ihres Sports gewinnen konnte.
Und da ist noch Laurent Bourgnon, der das Rennen als einziger in der Mehrrumpfklasse 1994 und 1998 zweimal hintereinander gewinnen konnte. Seine Geschichte könnte jetzt sein Sohn Basile Bourgnon fortschreiben. Der “Edenred”-Skipper zählt zu den Favoriten in der umkämpften Ocean-Race-Fifty-Klasse.
Das Regattadorf in Saint-Malo wird seine Pforten in der kommenden Woche am 20. Oktober öffnen. Dann haben Besucher die Gelegenheit, in die versammelte Offshore-Welt einzutauchen, die 115 Boote zu bestaunen, ihre Skipper und Skipperinnen zu sehen und die Aufbruchstimmung zu erleben, die sich bis zum Start am 1. November um 13.02 Uhr steigern wird.
Auf dem rund 70.000 Quadratmeter großen Areal wird bei kostenfreiem Eintritt erneut ein Millionenpublikum erwartet. Auch auf Guadeloupe feierten vor vier Jahren rund 300.000 Menschen die Solisten, die erneut mit einem Jubelempfang im südlichen Karibischen Meer rechnen dürfen.

Freie Reporterin Sport
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