Route du RhumNeu oder bewährt – was ist Trumpf im Solo-Transat?

Tatjana Pokorny

 · 23.10.2026

Mit Regenbogen über Saint-Malo: 115 Solisten und ihre Boote haben sich hier zum Start der 13. Auflage der Route du Rhum am 1. November versammelt.
Foto: Loic Venance/AFP
Neun Tage sind es noch bis zum Start der 13. Route du Rhum: 115 Solisten und ihre Boote sind im bretonischen Saint-Malo versammelt. In sechs Klassen wird ab 1. November um Siege, Podiumsplätze und Träume gekämpft. Als einziger Deutscher ist Boris Herrmann am Start. Er zählt mit “Malizia 4” zu jenen, die mit ihren Neubauten bewährte Klassenbeste herausfordern. Wer macht das Rennen?

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Seit Wochenbeginn sind die 115 Solisten der 13. Edition der Route du Rhum – Destination Guadeloupe in Saint-Malo versammelt. Ihre Countdown-Uhr tickt jetzt jeden Tag lauter. Die wichtigsten Vorbereitungen sind abgeschlossen. In jeder der sechs Klassen herrscht nach den Segelergebnissen in diesem Jahr eine Hackordnung. Die Unbekannten beim Blick auf die Favoriten sind jene Herausforderer, die zum ersten Solo ihrer Neubauten antreten. So wie Boris Herrmann mit der neuen “Malizia 4”.

Route du Rhum: gewachsenes Vertrauen vs. Neubeginn

Einige haben – wie auch Boris Herrmann mit Crew im Ocean Race Atlantic – bereits erste Regatten bestritten. Andere haben ihre Neubauten – wie Charles Cuadrelier mit “Gitana 18” in der Ultim-Klasse – bislang “nur” intensiven Testserien unterzogen. Die Route du Rhum markiert nun das erste Regattasolo. Auf der anderen Seite stehen jene Männer und Frauen wie beispielsweise Sam Goodchild in der Imoca-Klasse, die ihre Erfolgsboote schon länger auf höchstem Niveau segeln und mit viel Boots- und Selbstvertrauen ins Rennen gehen können.

Ein genauerer Blick auf zwei der sechs Klassen – Ultims und Imocas – verrät, wo die Solisten stehen. In der größten Klasse der Ultim-Gigantinnen haben die Tech-Teams zuletzt hart daran gearbeitet, maximale Zuverlässigkeit ihrer Maxi-Trimarane für das Solotransat zu erreichen. Auf allen acht Booten wurden technische Änderungen vorgenommen.

Anthony Marchands „Actual Ultim 3“ hat einen neuen Mast bekommen, die „Maxi Banque Populaire XI“ von Armel Le Cléac’h erhielt ein neues Schwert. Thomas Covilles „Sodebo Ultim 3“ wurde mit einem Satz neuer Foils Foils ausgerüstet. Auch auf der „SVR-Lazartigue“ (Tom Laperche) wurden neue Foils und ein neues Ruder installiert. Bei einer Trainingseinheit Mitte September war jedoch das Steuerbord-Foil auf “SVR – Lazartigue” bei einer Kollision beschädigt worden. Das Team war gezwungen, das Vorgänger-Foil wieder anzubringen.

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​Neues Sonarsystem zur Kollisionsvermeidung für die Route du Rhum

Tom Laperche sagte nüchtern: “Ich nehme dieses bisschen Pech lieber vor der Route du Rhum in Kauf.” Der Franzose blieb zuversichtlich: „Es hat keinerlei Auswirkungen auf die Leistung. Wenn überhaupt, dann beweist es nur unsere Fähigkeit, einen schnellen Austausch durchzuführen und wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Den Beweis seiner Annahme trat er wenige Tage später an, als er wie im Vorjahr die „24 Heures Ultim“ gewann. Dabei folgten ihm Armel Le Cléac’h, Anthony Marchand und Thomas Coville.

Tom Laperche tritt zudem mit einer Weltneuheit an: In Zusammenarbeit zwischen Kresk Dévelopment, Thales und MerConcept wurde “SVR - Lazartigue” mit Sonaren ausgestattet, um Kollisionen mit Meeressäugern zu vermeiden. In die Entwicklung dieses Systems wurden mehrere Millionen Euro gesteckt. Die Technologie ermögliche es, so die Initiatoren, Meeressäuger und andere nicht identifizierte Objekte “in Echtzeit und völlig autonom zu erkennen”. Noch befindet sich die Technologie aber laut Initiatoren im Versuchsstadium. Erste Tests hätten jedoch vielversprechende Ergebnisse gebracht.

Die meistgestellte Frage in der Königsklasse aber lautet: Wie wird sich Charles Cuadreliers neue “Maxi Edmond de Rothschild” (”Gitana 18”) bewähren, die vor ihrem ersten Rennen seit dem Stapellauf im Februar steht. Die Gitana-Gigantin zählt zu den Hauptgesprächsthemen vor dem Start zur Route du Rhum am 1. November um 13.02 Uhr. Regattatests im direkten Vergleich zur Konkurrenz gab es in den ersten gut acht Monaten noch nicht.

Es ist immer noch ein Glücksspiel und eine große Herausforderung, da es noch niemandem gelungen ist, ein solches Boot in so kurzer Zeit zu entwickeln.” Charles Caudrelier

Der “Gitana 18”-Skipper, der die letzte Route du Rhum 2022 mit “Gitana 17” gewonnen hatte, ging noch etwas genauer auf die Voraussetzungen ein, unter denen er dieses Mal antritt. Caudrelier sagte: “Bei der letzten Ausgabe sagte ich, dass ich vielleicht das schwache Glied sei. Jetzt ist es umgekehrt – ich habe die Erfahrung, aber dem Boot fehlen noch Seemeilen.“

Das Imoca-Szenario für die Route du Rhum

Diese Aussage könnte vor der anstehenden Route du Rhum ebenso gut von Boris Herrmann oder auch dem Vendée-Globe-Dritten Sébastien Simon kommen. Insgesamt bereiten sich 22 Imoca-Solisten auf die Herausforderungen der 3452 Seemeilen von Saint-Malo nach Point-à-Pitre auf Guadeloupe vor. Als Favorit wird einmal mehr Sam Goodchild mit “Macif” gehandelt, die der verstorbene Charlie Dalin so furios zum Vendée-Globe-Sieg getrieben hatte.

Auch in Goodchilds Händen ist sie das Top-Boot der Imoca-Klasse geblieben. Der in Frankreich lebende Brite hat seit seiner Übernahme kein Rennen schlechter als auf Platz drei abgeschlossen. Er sagt: “Ich bin stolz darauf, als Favorit gehandelt zu werden, aber ich weiß auch, dass das nichts bedeutet. „Es muss erst noch ein Rennen gesegelt werden. Wie wir alle wissen, kann zwischen Start und Ziellinie viel passieren.“

Ebenfalls mit bewährten Booten treten zur Route du Rhum in der Imoca-Klasse Ambrogio Beccaria (”Allagrande Mapei”), die Italo-Amerikanerin Francesca Clapcich mit Boris Herrmanns vorheriger “Malizia 3” unter ihrem neuen Namen “11th Hour Racing” oder auch Élodie Bonafous mit der 2025 gebauten “Association Petits Princes – Quéguiner” an. Beccaria hatte das Vendée Arctique gewonnen, Clapcich mit Will Harris einen starken zweiten Platz im Transat Café L’Or erkämpft.

Erstes Solo für Boris Herrmanns Neue, Abschiedsgala für Beyou

​Auch Jérémie Beyou ist ein Skipper, den man im Auge behalten sollte. Der bretonische Segler bestreitet nach fünf absolvierten Vendée-Globe-Runden um die Welt sein letztes Rennen unter der Flagge von Langzeit-Sponsor Charal mit einer sehr bewährten Imoca, deren Bug im Rahmen eines beispiellosen Umbauprojekts komplett neu gestaltet wurde.

Sam mag den anderen vielleicht eine Nasenlänge voraus sein, aber mit einer offenen Route, zahlreichen strategischen Optionen, vielen Variablen und einer Menge Unbekanntem bleibt die Route du Rhum völlig offen.“ Jérémie Beyou

Zu was nun werden die Imoca-Skipper mit Neubauten jetzt schon imstande sein? Welche Leistung können sie aus ihren erst in diesem Jahr zu Wasser gelassenen Imocas herausholen? Die jüngste Imoca dieser 13. Route du Rhum wird der Vendée-Globe-Dritte Sébastien Simon mit seinen erst im August vom Stapel gelaufenen und bei Carrington Boats gebauten Verdier-Foiler “Groupe Dubreuil – Air Caraïbes” ins Rennen führen.

Unser Boot ist ziemlich radikal. Wir haben versucht, so etwas wie ein Flugzeug zu designen, so dass wir das Boot mit einem Sidestick steuern können – genau wie bei einem Airbus A350.” Sébastien Simon

Fast ebenso neu ist Boris Herrmanns “Malizia 4”, die sich im vergangenen Monat im Ocean Race Atlantic trotz Kollision und Foil-Schaden schon stark gezeigt hat. Herrmann nennt sie “ein fabelhaftes Boot, auch, wenn sie mich schon zum Weinen gebracht hat”. Gerade erst hat der sechsmalige Weltumsegler erklärt, dass er sich “jedes Mal, wenn ich mit ihr segeln gehe, wohler mit ihr fühle, sie noch lieber mag”.

Sie hat großes Potenzial. Um das aber aus ihr herauszuholen, muss ich dieses Boot noch besser kennenlernen. Sie hat das Leistungsvermögen, aber du musst sie wirklich gut segeln.” Boris Herrmann

Boris Herrmanns Einschätzung knapp vier Monate nach dem Stapellauf: “Dieses Boot auch solo gut zu segeln, ist vielleicht ein bisschen härter als mit ‘Malizia 3’. Aber für Mannschaftsrennen ist es ein solches Vergnügen.” Nun stellt sich Herrmann mit “Malizia 4” der ersten Solo-Prüfung. Seine Überzeugung: “Wir schulden es dem Boot, mit ihrrauszufahren. Die Route du Rhum findet nur alle vier Jahre statt. Es ist jetzt ihr erstes Jahr. Ich glaube, sie verdient es wirklich, in ihrem ersten Jahr die Route du Rhum zu segeln.”

Sie ist brandneu und fürs Racing gemacht. Wir müssen mit ihr da rausgehen.” Boris Herrmann

Die bestehenden Rhum-Rekorde geben einen Anhaltspunkt, wie schnell es Antworten auf die Frage geben kann, wer sich in den Klassen durchsetzen kann: die bewährten oder doch schon die neuen Boote?

So schnell können die Entscheidungen fallen

Charles Caudrelier hat 2022 auf “Gitana 17” den Ultim-Streckenrekord von 6 Tagen, 19 Stunden, 47 Minuten und 25 Sekunden aufgestellt. Die Imoca-Bestzeit hält ausgerechnet Thomas Ruyant, der das Rennen vor vier Jahren auf “LinkedOut” in 11 Tagen, 17 Stunden, 36 Minuten und 25 Sekunden gewann. Ruyant ist der Unglücksrabe dieser Edition, weil er mangels Sponsoren mit neuer Imoca-Rakete an Land bleiben muss. Sein Nachfolger wird ab 1. November gesucht.

Was die Route du Rhum – Destination Guadeloupe ausmacht – der Trailer:

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Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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