NachhaltigkeitOffshore-Segler schlagen Alarm

Max Gasser

 · 10.10.2022

Nachhaltigkeit: Offshore-Segler schlagen AlarmFoto: Archiv
Im Jahr 2012 wurde ein America’s Cupper per Antonov nach Neuseeland transportiert

In einem Statement sprechen sich Größen des Hochsee-Segelsports für mehr Nachhaltigkeit aus und konnten bereits mehr als 80 weitere Profis für sich gewinnen

Die französische Sportzeitung “L’Équipe” hat gestern eine Stellungnahme verschiedener Hochseesegler im Namen der Nachhaltigkeitsorganisation “La Vague” (dt. “Die Welle”) veröffentlicht. Die Segler wollen die in vielen Bereichen des Segelsports vorherrschende Materialschlacht zugunsten von mehr Nachhaltigkeit beenden. Vor allem der hohe Ausstoß von Treibhausgasen, ausgelöst durch Logistik und den Bau neuer Boote, müsse dringend reduziert werden.

Das soll nach Ansicht der Unterzeichner im Regelwerk der Klassen verankert und in der Planung von Regatten berücksichtigt werden. Bereits über 80 weitere Segler sind Teil der Bewegung und haben den Text unterschrieben. Darunter Namen wie der des Franzosen François Gabart, Gewinner der Vendée Globe, oder auch der der Deutsch-Französin Isabelle Joschke, Teilnehmerin der vergangenen Vendée Globe. Sie verpflichten sich damit, im Rahmen der angestrebten Veränderungen zu handeln.

Verlagssonderveröffentlichung

Das Statement im Original:

145.000 Tonnen CO₂-Äquivalent für eine einzige Regatta

“Wir üben einen wunderbaren Sport aus, aber er ist unvernünftig umweltschädlich und elitär”, heißt es in der Publikation. Verfasst wurde diese von den französischen Hochseeseglern Adrien Hardy, Arthur Le Vaillant und Stanislas Thuret sowie von Simon Fellous, Forscher am französischen Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt.

Als Beispiel wird die anstehende Route du Rhum genannt. Die Regatta setze etwa 145.000 Tonnen CO₂-Äquivalent in die Atmosphäre frei, die Erde verkrafte jedoch lediglich zwei Tonnen pro Person und Jahr. Logistik und Transport machten demnach drei Viertel der Emissionen aus, ein weiteres Problem sei der ständige Bau neuer Boote. 36 Boote der 138 Starter seien Neubauten.

Der veröffentlichte Text ist ein Aufruf an alle, die mit dem Segelsport verknüpft sind: “Lasst uns gemeinsam – Seglerinnen und Segler, Bootsbauer, Rennveranstalter, Sponsoren, Journalisten und die Öffentlichkeit – daran arbeiten, unseren Sport neu zu erfinden. Erfinden wir das Konzept der Leistung neu.”

Wertung nach Kohlenstoffausstoß

Ziel ist es, diese Ansätze zu konkretisieren und Nachhaltigkeit sogar im Regelwerk unterzubringen. Ein “Öko-Rating” oder “Kohlenstoffquoten” werden als Vorschläge genannt. Man wolle auf diese Weise die Leistung von Seglern auf älteren Booten aufwerten, anstatt Neubauten in den Vordergrund zu stellen. Generell sei es wünschenswert, den Fokus mehr auf die menschliche Leistung als auf die sich rasant entwickelnde Technologie zu legen.

Bei Boris Herrmann spiet das Thema Nachhaltigkeit schon länger eine große Rolle. Neben der prominenten Platzierung des Slogans führt er auch ein Labor zur Untersuchung des Meeres mit sichFoto: Antoine Auriol/Team Malizia
Bei Boris Herrmann spiet das Thema Nachhaltigkeit schon länger eine große Rolle. Neben der prominenten Platzierung des Slogans führt er auch ein Labor zur Untersuchung des Meeres mit sich

Mit Flachsfaser für mehr Nachhaltigkeit

Veranstalter wie etwa beim America’s Cup argumentieren oft, die Boote müssten den neuesten Stand der Technik abbilden, damit der Event attraktiv für Zuschauer und damit Sponsoren sei. Der französische Hochseesegler Roland Jourdain sieht dagegen keine Korrelation zwischen Geschwindigkeit und Erfolg bei den Zuschauern. Als Beispiel führte er in einem Interview mit dem französischen Segelmedium “Tip & Shaft” die vergangene Vendée Globe an. Diese sorgte für riesige Begeisterung, obwohl keine Rekorde gebrochen wurden und bei Weitem nicht nur Neubauten mitsegelten.

Der zweifache Sieger der Route du Rhum wird in diesem Jahr bei der Regatta über den Atlantik mit einem Katamaran an den Start gehen, der zu 50 Prozent aus Flachsfaser besteht. Er wolle die Verbreitung dieser Technologie damit vorantreiben, da es ihm zu langsam vorangehe, erklärte der 58-jährige Franzose. “Es soll als Proof of Concept für diejenigen dienen, die noch zweifeln oder nicht wissen, dass ein Hektar Flachs den Atlantik überqueren kann.”

Auch in Richtung der Fahrtenszene will er einen Denkanstoß im Hinblick auf Nachhaltigkeit geben: “Ich bin nicht überzeugt davon, dass die Boote von morgen so ausgestattet sein müssen wie unsere Häuser. Braucht man alle Annehmlichkeiten an Bord, um auf See glücklich zu sein?”

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Weniger Flüge und Transporte

Um Wege für Boote, Segler und Fans zu reduzieren, plädiert “La Vague” zudem für Regatten mit Rückweg. Der Franzose Stanislas Thuret, Class-40-Segler und Unterzeichner, veranschaulicht die aktuelle Situation bei der Route du Rhum so: “Wenn nur eine Person kommt, um mich auf Guadeloupe zu begrüßen, bedeutet ihr Hin- und Rückflug bereits zwei Tonnen Kohlenstoff.”

Nicht explizit erwähnt, aber offensichtlich mit gemeint sind auch Rennserien wie der SailGP oder The Ocean Race, die in unterschiedlichen Ländern auf verschiedenen Kontinenten ausgetragen und für die Material, Crews und sonstige Logistik über den gesamten Globus transportiert werden.

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