200 Jahre Cowes WeekZwischen Tradition und Technologie – Regattachef im Interview

Fabian Boerger

 · 29.07.2026

200 Jahre Cowes Week: Zwischen Tradition und Technologie – Regattachef im InterviewFoto: Cowes Week Limited; Fabian Boerger
Laurence Mead, 65, war bis 2024 Regatta-Direktor der Cowes Week.
​Sechs Jahre lang, von 2018 bis 2024, leitete Laurence Mead die Cowes Week. Er selbst segelt seit über vier Jahrzehnten mit. Im Interview mit der YACHT wirbt Mead für eine Regatta, die Tradition lebt – und dabei technologisch weltweit führt.

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​Was die Regatta bis heute auszeichnet, ist für Mead die ungewöhnliche Mischung aus Stadtnähe, anspruchsvollem Revier und gelebter Geselligkeit. Im Interview spricht er über den Corinthian-Geist der Veranstaltung, die Rolle digitaler Steuerung per App und darüber, warum sich die Cowes Week trotz sinkender Teilnehmerzahlen treu bleibt.

​Herr Mead, was macht die Cowes Week im Vergleich zu anderen Events wie der Kieler Woche so besonders?

Die Cowes Week ist ein echtes Stadtereignis. In Kiel, ich habe dort auch gesegelt, liegt der seglerische Teil ein gutes Stück außerhalb. In Cowes passiert alles mitten in der Stadt. Die Startlinie liegt vor der Royal Yacht Squadron nur 80 Meter von der Hauptstraße entfernt. Es ist eine Woche voller Spaß, großartiger Partys, großartiger Geselligkeit und sehr hartem Segeln – schließlich ist es ein anspruchsvoller Ort dafür.

Wie organisiert man eine Regatta dieser Größe in einem solchen Revier?

Die Bedingungen sind vorhersehbar. Wir wissen, in welche Richtung die Tide läuft, und mit den Wettervorhersagen von heute können wir einschätzen, was passieren wird. Zudem schützen manche Bereiche im Solent besser vor Wind als andere.

Das andere, was die Cowes Week in moderner Form möglich macht, ist die Cowes-Week- App.

Ob Regattaleitung oder Segler – alle nutzen sie. Die Boote werden so getrackt. Den Usern zeigt sie den Kurs, die Entfernung zur nächsten Tonne und alle Startzeiten. Das ist sehr fortschrittlich und wichtig für die Umsetzung einer flexiblen Regatta. Früher hatten wir Kurstafeln und Flaggensystem, um die Kurse zu vermitteln. Ein Irrsinn! Das ist vorbei, dadurch ist die Regatta so viel besser geworden.

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Wie aktuell ist diese Regatta-Technologie?

Das ist Spitzentechnologie. Ich kenne keine andere Regattaveranstaltung, bei der etwas so Ausgereiftes verwendet wird. Sie ist darauf ausgelegt, den gesamten Ablauf der Regatta für den Teilnehmer einfacher zu machen.

Cowes Week: Ein Event von und für Segler

America’s Cup und SailGP wollen medial ansprechender werden. Spielt das eine Rolle?

Nicht wirklich. Unser Ziel ist erstklassiges Regattasegeln. SailGP ist eine Show, kein echtes Rennen. Alles ist entweder fürs Fernsehen oder für eine Tribüne ausgerichtet. Sinkt die Qualität des Rennens, müssen die Segler das akzeptieren. Hier ist es genau umgekehrt. Diese Veranstaltung ist ein Corinthian-Event – für Segler, die ihren Sport genießen wollen.

Was bedeutet „Corinthian“?

Damit sind Menschen gemeint, die den Sport ausüben, weil sie ihn lieben, damit aber kein Geld verdienen.

Neue Materialien haben den Segelsport verändert. Gilt das auch für die Cowes Week?

Nicht ganz. Eines ist gleich geblieben: Wir lassen nur Kielboote zu. Die Bedingungen im Solent sind zu windig, und wir haben nicht die Mittel, um mit Jollen umzugehen. Auch für foilende Boote ist der Solent einfach nicht geeignet. Wir beobachten die Entwicklung im Bootsbau, aber die Cowes Week ist nach wie vor sehr traditionell in Bezug auf die Bootstypen.

Wird sich das ändern?

Ich glaube nicht. Das liegt auch an den Winkeln, die zum Beispiel foilende Boote segeln – sie sind schwer vereinbar mit den platt vorm Wind segelnden Booten. Schon jetzt sind die spitzeren Vorwind-Kurse der J70 mit ihren asymmetrischen Spinnakern eine Herausforderung. Hätten wir nun Foiler, die drei- bis viermal so schnell sind, wäre das ein Problem.

Nur sechs Absagen in 200-jähriger Geschichte

Wie hat sich das Rennen darüber hinaus verändert?

Einer der größten Einschnitte war sicherlich Covid. Ich war zu der Zeit Race Director, und wir mussten die Cowes Week absagen. Das ist in ihrer 200-jährigen Geschichte nur sechsmal der Fall gewesen – wegen Weltkriegen und wegen Covid. Darüber hinaus hat sich nicht so viel verändert.

Das ist sicherlich einer der Gründe, warum die Segler sie so sehr lieben. Es ist eine gesellige Atmosphäre, man trifft Segler, trifft Freunde, die man lange nicht gesehen hat.

Die Cowes Week ist der Ort, an den alle gerne zurückkehren.

Das war schon so, als ich im Jahr 1982 das erste Mal dabei war.

Die Teilnehmerzahlen sind rückläufig. Woran liegt das?

Das Segeln leidet weltweit unter sinkenden Teilnehmerzahlen. Das zeichnet sich auch bei der Cowes Week ab. Wir hatten mal über 1.000 Boote. Das waren allerdings zu viele. Jetzt hat es sich auf 500, 600 Boote eingependelt. Das ist genau richtig. Das Großartige ist allerdings nicht die Menge, sondern die Vielfalt an Booten. Eine Contessa 32 segelt neben einer TP52 um die Tonne – und beide Crews genießen es. Eine großartige Interaktion.

“If it ain’t broke, don’t fix it”

1964 wurde mit Cowes Combined Clubs die Organisation der Regattawoche reformiert. Was kommt als Nächstes?

Gute Frage, kann ich so aber nicht beantworten. Im Englischen sagt man: „If it ain’t broke, don’t fix it“ – wenn es nicht kaputt ist, repariere es nicht. Und die Cowes Week funktioniert wirklich gut. Eine Debatte ist, ob man es von sieben auf fünf Tage verkürzt. Andere wollen die Regatta in zwei Teile aufteilen.

Aber dann verliert man die Karneval-Atmosphäre – dabei ist es das, was sie ausmacht. Wenn es aus dem Kreis der Segler Anliegen gibt, hört die Rennleitung genau hin und passt die Dinge an. Das findet aber kontinuierlich statt. Wir wollen, dass in erster Linie die Segler zufrieden sind. Hinzu kommen guter Wind und hoffentlich nicht zu viel Regen – sehr britisch eben.

Mehr Infos finden Sie hier auf der offiziellen Webseite der Cowes Week.


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Fabian Boerger

Fabian Boerger

Redakteur News & Panorama

Fabian Boerger ist an der Lübecker und Kieler Bucht zuhause – aufgewachsen in diversen Jollen und an Bord eines Folkeboots. Seit September 2024 arbeitet er als Redakteur im Panorama- und News-Ressort und verbindet dort seine Leidenschaften für das Segeln und den Journalismus. Vor seiner Zeit bei Delius Klasing studierte er Politikwissenschaften und Journalistik, arbeitete für den Norddeutschen Rundfunk und das ZDF. Sein Volontariat machte er bei der MADSACK Mediengruppe (LN, RND). Jetzt berichtet er über alle Themen, die die Segelwelt bewegen – mit dem Blick des Praktikers und der Präzision des Journalisten.

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