Cowes Classics Regatta 2026Unter Klassikern, auf dem Solent

Fabian Boerger

 · 08.06.2026

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Foto: Fabian Boerger
Zwischen perfekten Bedingungen und Sturmböen: Der Solent vor der südenglischen Küste bot bei der Cowes Classics Regatta 2026 einerseits perfekte Bedingungen, andererseits mussten Wettfahrten wegen zu viel Wind abgesagt werden.
​Die Cowes Classics Regatta im Solent vereint historische Kielboote, legendäre Geschichten und den “Corinthian Spirit”: Amateursegeln auf höchstem Niveau – ohne Profis, ohne Druck, aber mit jeder Menge Wind, Welle und britischem Flair. Ein Besuch vor Ort.

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​Fünf Minuten vor dem Start. Die Sonne scheint, 18 Knoten aus westlicher Richtung und am Startschiff der Gruppe B geht der erste Klassenstander hoch. Wenige Meter von der Startlinie entfernt lauert bereits die „Eager“, eine Nicholson 55, elegant und kampfbereit. Die Tide läuft noch mit dem Wind. Noch.

​Auf dem Startschiff herrscht unterdessen Unruhe – nicht wegen des bevorstehenden Starts. Auch nicht wegen der Bedingungen. Die sind für den Solent geradezu idealtypisch. Es herrscht Unruhe wegen der fehlenden Boote. Zu wenige der gemeldeten Boote sind kurz vor dem Start an der Linie.

​Dann geht die Flagge „Papa" hoch. Vier Minuten bis zum Start. 3 Minuten, 2... Und dann - aufatmen. Die „Overlord“, ein 17 Meter langer Seefahrtkreuzer, erreicht doch noch rechtzeitig die Linie. „Ein Glück", sagt jemand an Bord des Startschiffs, „jetzt haben wir ein Rennen."

​Dann fällt der Startschuss. Die „Eager“ segelt mit voller Fahrt über die Linie. Doch was macht die „Overlord“? Sie scheint Probleme zu haben. Die Genua killt und die starke Strömung, die von West durch den Solent schiebt, treibt die historische Yacht immer weiter von der Startlinie weg. ​

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Es dauert ein paar Augenblicke, dann berappelt sich die Crew. Die Genua wird dichtgeholt. Erst träge, dann immer lebendiger stampft der Klassiker los. Am Wind, gegen den Strom, gen Luvtonne. „Geht doch!“ lautet einer der Kommentare auf dem Startschiff. Man nimmt es gelassen. Kein Wunder, denn genau das entspricht dem Geist der Veranstaltung.

​Geteilte Organisation zweier Platzhirsche

Was sich hier im mittleren Solent zwischen Cowes auf der Isle of Wight, Southampton und Portsmouth abspielt, ist die 18. Ausgabe der Cowes Classics Regatta. Ein fester Termin für die lokale Klassiker-Szene. Das merkt man am Teilnehmerfeld: Insgesamt 70 Boote auf drei Bahnen mit 250 Seglerinnen und Seglern - viele davon kommen aus der Region. Die Atmosphäre ist familiär.

Traditionell organisiert der Royal London Yacht Club (RLYC) die Regatta, seit letztem Jahr gemeinsam mit dem mitgliederstärkeren Royal Thames Yacht Club (RTYC). Die beiden traditionsreichen Clubs teilen sich das Clubhaus in Cowes, der britischen Segelhauptstadt, und stemmen seit Kurzem die Organisation der Regatta zusammen.

​„Die Cowes Classics Regatta ist von Seglern für Segler. Klassische Yachten aus der Region kommen hier zusammen. Gelegentlich sind auch Crews aus Schottland oder anderen Nationen dabei", sagt Peter Taylor. Er ist einer der Gründer der Regatta. Bis 2017 war er Commodore des Royal London Yacht Clubs, zeitweise auch Vorsitzender der Cowes Week.

Peter Taylor, einer der Gründerväter der 2008 ins Leben gerufenen Cowes Classics Regatta.Foto: Fabian BoergerPeter Taylor, einer der Gründerväter der 2008 ins Leben gerufenen Cowes Classics Regatta.

Der Beginn, 100 Jahre nach Olympia

Taylor erzählt, dass die Regatta einst aus einem Revival-Event der Meter-Klassen hervorging. Das war 2008, genau hundert Jahre nach den Olympischen Spielen in Großbritannien. Zu Hochzeiten segelten bis zu 200 Boote bei der Cowes Classics Regatta mit. Das war kurz vor und nach dem Covid-Shutdown. Danach brachen die Zahlen ein. Auch das Teilnehmerfeld hat sich verändert, sagt Taylor. Früher dominierten die Meter-Klasse-Yachten, heute sind es mehr Daysailer.

Anders als die größere British Classic Yacht Club Regatta im Juli, die vor allem Puristen anzieht, geht es bei den Cowes Classics entspannter zu. Das betont Tim Hancock, Sailing Director des Royal Thames Yacht Club und diesjähriger Regattaleiter:

„Wir wollen, dass Menschen mit älteren Booten kommen, die Regatta genießen, etwas lernen und das Event in vollen Zügen erleben."

​Cowes Classics Regatta lebt den “Corinthian Spirit”

Der sogenannte „Corinthian Spirit" steht dabei im Zentrum der Cowes Classics Regatta – ein Begriff, den man unter Seglern hier ständig hört. Am ehesten lässt er sich mit „Amateursegeln" übersetzen: keine bezahlten Profis an Bord, liberalere Auslegung der Regeln, weniger strikte Regeln.

Dass dieser Grundsatz in Cowes explizit betont wird, hat seinen Grund. Im Segelrevier vor der Isle of Wight, einer der traditionsreichsten Segelregionen der Welt, trifft man an Land wie auf dem Wasser regelmäßig auf Admirals-Cup-Veteranen und Berufsskipper.

Der bewusste Verzicht auf Professionalität bei der Cowes Classics Regatta ist deshalb keine Nostalgie, sondern eine Haltung. An Regattaehrgeiz der Teilnehmer ändert das freilich nichts. So wird auf den insgesamt drei Bahnen alles gegeben. Nur im Zweifel wird eher mal abgedreht und das eigene Recht zurückgehalten. „Zum Wohle der Stimmung, und dem Erhalt der klassischen Boote“, sagt Hancock.

Tim Hancock, Sailing Director des Royal Thames Yacht Club.Foto: Fabian BoergerTim Hancock, Sailing Director des Royal Thames Yacht Club.

Internationale Klassiker und viele britische Einheitsklassen

Mit dabei sind Einheitsklassen wie Drachen und Darings. Letztere basieren auf dem Design der 5,5-Meter-Klasse, sind aber keine Konstruktions-, sondern eine Einheitsklasse. Gesegelt werden sie vornehmlich in Großbritannien – wie auch die XODs.

Auf Bahn B treten die klassischen Yachten an, „Eager" und „Overlord" etwa segeln „round the cans", wie man hier sagt, um die im Solent ausgelegten Regattatonnen. Das Feld teilt sich in zwei Gruppen: über und unter 13 Meter. In der deutlichen größeren Gruppe 2 gehen Klassiker wie zwei Contessa 32, eine Swan 36, mehrere H-Boote und ein Britisches Folkeboot gemeinsam an den Start.

Gewertet wird nach Handicap. Was als Klassiker gilt, definiert die „Notice of Race". Darin steht: klassische Kielboote und Gaffer mit mindestens 50 Jahre altem Design, dazu alle Meter-Klassen, klassische Daysailer und One-Designs. Das alter der Designs ist entscheidend, nicht das der Boote selbst.

​Legendäres Revier, legendäre Boote

​Nicht nur die Designs sind Klassiker – auch einige Boote selbst haben bewegte Geschichten. Die „Overlord" etwa, jene Yacht, die gerade rechtzeitig an die Startlinie kam, ist eng mit der deutschen Segelhistorie verbunden. 17 Meter lang, Rumpf, Deck und Aufbauten aus Holz. Abeking & Rasmussen baute sie vor rund 90 Jahren in Bremen-Lemwerder. Damals noch unter dem Namen „Pelikan".

Vor dem Zweiten Weltkrieg lag sie in Kiel, entlang der Ostseeküste war sie bekannt. Die Luftwaffe nutzte sie zur Ausbildung von Soldaten und Offizieren. Hermann Göring soll gern auf ihr gesegelt haben. Nach Kriegsende wechselte die „Pelikan" zusammen mit schätzungsweise 200 anderen Yachten als Kriegsreparation in britischen Besitz. Da es vergleichbare Offiziersausbildungen in Großbritannien zunächst nicht gab, übernahmen die Boote diese Aufgabe – fortan als „Windfalls" bezeichnet, als Glücksfälle.

Ein ausführliches Bootsporträt der „Overlord" lesen Sie hier.

Mit ihr auf Bahn B und nicht minder eindrucksvoll: die „Eager", ehemals „Lutine", eine Nicholson 55. Rutherfords restaurierte sie in den USA für rund eine Million Pfund. Nahezu alles wurde erneuert – und doch blieb der unverwechselbare Stil des klassischen Offshore-Racers erhalten. Nur moderner.

Der Solent: Segelvergnügen und Challenge zugleich

​Klassiker wie diese auf dem Solent segeln zu sehen, ist ein Spektakel. Und das legendäre Segelrevier zeigt sich von seiner strahlenden, aber auch herausfordernden Seite. Vormittags, bei 16 bis 25 Knoten Wind und Strom aus derselben Richtung, laufen die Boote geschmeidig durch die Wellen. Doch mittags kippt die Tide – plötzlich steht Wind gegen Strom. Innerhalb von Minuten ändern sich die Bedingungen.

​Ein steiler, kurzer “Chop” baut sich auf, überall weiße Schaumkronen. „Eine starke Strömung, viel Wind und dieser Chop – das ist typisch Solent", sagt Phil Hagen, der das Rennen für die klassischen Yachten auf Bahn B leitet. Über dem Festland ziehen derweil dunkle Wolken auf, während über dem Solent die Sonne weiter scheint.


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Doch mit der Zeit fordern die Bedingungen ihren Tribut. Über Funk melden sich zunehmend Crews, die aufgeben und nach Cowes zurückkehren. Von der Drachenbahn treibt ein Boot herüber, das Vorsegel in Fetzen gerissen. Überall dickes Ölzeug, Gischt liegt in der Luft. Nach drei Rennen ist an diesem Tag Schluss. Der britische Nachmittagstee wartet.

Für die „Overlord" läuft es am Ende allerdings nicht nach Plan: Sie verpasst knapp das 30-Minuten-Zeitfenster, das sich nach dem Zieleinlauf der „Eager" öffnet. Nach drei Rennen am zweiten Segeltag steht ein „DNF" (Did Not Finish) im Ergebnis. Als die Regattaleitung die Crew darüber informiert, ist die Antwort per Funk knapp, aber gelassen: „Kein Problem. Danke fürs Warten.“ Ganz “Corinthian“ eben.

Weitere Infos zur Cowes Classics Regatta 2026 und alle Ergebnisse finden Sie hier.


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Fabian Boerger

Redakteur News & Panorama

Fabian Boerger ist an der Lübecker und Kieler Bucht zuhause – aufgewachsen in diversen Jollen und an Bord eines Folkeboots. Seit September 2024 arbeitet er als Redakteur im Panorama- und News-Ressort und verbindet dort seine Leidenschaften für das Segeln und den Journalismus. Vor seiner Zeit bei Delius Klasing studierte er Politikwissenschaften und Journalistik, arbeitete für den Norddeutschen Rundfunk und das ZDF. Sein Volontariat machte er bei der MADSACK Mediengruppe (LN, RND). Jetzt berichtet er über alle Themen, die die Segelwelt bewegen – mit dem Blick des Praktikers und der Präzision des Journalisten.

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