Es ist der 10. August 1826, morgens vor Cowes Castle: Sieben Kutter unter dem Stander des Royal Yacht Club warten unter Segeln auf einen Startschuss. Die Lokalzeitungen haben das Rennen zuvor angekündigt. Ein Goldpokal, der Gold Cup, im Wert von 100 Pfund winkt dem Sieger. Und der Aufruf hat Wirkung gezeigt. Einige der schnellsten Segelyachten ihrer Zeit sind zum nördlichsten Zipfel der Isle of Wight gekommen und lauern vor der Startlinie.
Die Teilnahmebedingungen sind simpel: „Clubyachten jeglicher Takelage oder Tonnage“ dürfen starten, das Startgeld beträgt zwei Pfund, wie ein Clubbericht belegt. Dann endlich donnert der Startschuss über den Solent. Eine leichte Brise schiebt das Feld über die Linie. Zunächst geht es westwärts Richtung Yarmouth, dann ostwärts zum Southsea Castle und zurück nach Cowes.
Die Stimmung ist angespannt, geradezu rau. Eine Yacht läuft auf Grund, zwei andere kommen sich zu nahe und verhaken sich. Fäuste fliegen zwischen den Crewmitgliedern. So ist es in historischen Quellen zu lesen. Anders ist es, als Joseph Welds „Arrow“ als Erste die Ziellinie überquert. Dann bricht Jubel aus. Salutschüsse fallen, elegant gekleidete Männer und Frauen applaudieren vom Ufer. Am nächsten Tag folgt die zweite Regatta, diesmal für kleinere Boote. Einige Wochen später wiederholt sich das Ganze; nun stiften Stadtbewohner den Pokal.
Der Erfolg der Regatta-Serie ist so überwältigend, dass König Georg IV. im Folgejahr selbst einen Pokal einführt: den King’s Cup. Und was in jenem Sommer als lokales Spektakel beginnt, wird zur Tradition – aus der über die Jahrzehnte die Cowes Week hervorgeht.
Heute ist ist sie eine der ältesten und größten Segelveranstaltungen der Welt. Was als elitärer Herrensport mit einer Handvoll Yachten begann, demokratisierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend und wuchs in 200 Jahren zu einem Großereignis mit internationaler Bedeutung.
Doch wie prägten die geografischen Besonderheiten des Solent das Rennen? Welchen Einfluss hatte die Regatta auf die Entwicklung der Stadt Cowes? Und welche Rolle spielte die britische Königsfamilie bei diesem Aufstieg?
Christian Hülß kennt das Revier und die Regatta gut. Der Schiffbauingenieur stammt aus Deutschland, lebt aber seit vielen Jahren in England. Sechsmal hat er bereits an der Cowes Week teilgenommen. „Für alle, die hier segeln, ist die Cowes Week ein fester Termin in der Saison“, sagt Hülß. „Das ist, als würde man in Kiel leben und jede Kieler Woche segeln.“
Besonders sei vor allem eines: der Solent. Der Nebenarm des Ärmelkanals zwischen der Isle of Wight und dem englischen Festland gilt als eines der anspruchsvollsten Segelreviere. Strömung, Untiefen und zahlreiche Gefahrenstellen prägen das Revier. Die Gezeiten wirken enorm – und überall anders. „Zwar gibt es kaum ein besser vermessenes Gebiet“, so Hülß, „dennoch ist es taktisch sehr anspruchsvoll.“
Und genau das zieht Segler aus aller Welt an. So war es schon im 19. Jahrhundert, als sich in Großbritannien die ersten Regatten etablierten. Vermutlich brachte der King’s Cup, später Queen’s Cup, den Stein endgültig ins Rollen.
Denn kaum etwas prägte die Cowes Week stärker als die britische Königsfamilie – angefangen mit König Eduard VII. „Er war überaus kompetitiv, und sehr sozial“, sagt Victoria Preston. Die Kuratorin und stellvertretende Vorsitzende des Classic Boat Museum ist Expertin für die maritime Geschichte der Region. Eduard VII. habe dafür gesorgt, dass Königsfamilien aus ganz Europa auf die Insel pilgerten, so Preston.
Doch der König setzte nicht nur die Stadt international in Szene. Vor allem die „Britannia“ sorgte für Aufsehen: ein 37 Meter langer Kutter, den er 1893 bauen ließ und der im Laufe der Jahrzehnte unzählige Siege holte. Mit ihr segelte er gegen Yachten anderer Königshäuser, allerdings ohne selbst am Steuer zu stehen.
Ganz im Gegensatz zu seinem Sohn Georg V. Der übernahm 1910 nicht nur den Thron, sondern auch die „Britannia“. Er liebte das Steuern, so Preston, und wenn er nicht am Ruder stand, half er der Crew – zum Leidwesen jener, die für das Wohlergehen des Königs verantwortlich waren. Der „Sailor King“, wie man ihn nannte, war introvertierter als sein Vater, aber umso leidenschaftlicher auf dem Wasser. Das gab der Cowes Week zusätzlich Auftrieb.
Vor allem die 1930er Jahre wurden zur Hochphase – insbesondere durch den Triumphzug der J-Klassen mit Yachten wie der „Shamrock V“, „Velsheda“ oder „Endeavour“, die ebenfalls vor Cowes zu sehen waren. 1931 erhielt die „Britannia“ anstelle ihres Cutter-Riggs ein Bermuda-Rigg, in der Hoffnung, mit den anderen J-Klasse-Yachten mithalten zu können.
Doch dieser Plan ging nicht auf, erzählt Preston. Die Balance des Bootes litt unter dem Wechsel. Der Mast stand nun zu weit vorn und am Wind hielt die Yacht nicht mehr mit. Als Georg V. 1936 starb, verfügte er, dass die „Britannia“ vor der Südküste der Isle of Wight versenkt werden solle – niemand sonst sollte sie besitzen oder gar segeln.
Zuvor montierte man die Beschläge ab. Blöcke, Positionslichter und Mobiliar befinden sich heute in Privatbesitz, Museen und Vereinen in der Stadt und darüber hinaus. Die Gaffel etwa hängt noch immer unter der Decke im Sir Max Aitken Museum.
Nach König Georg V. herrschte eine Weile royale Ruhe in Cowes. Dann kam Prince Philip. Wie kein anderer Royal prägte er die Cowes Week – einerseits als begeisterter Regattasegler. Vor allem in den 60er und 70er Jahren war er auf diversen Kieljollen aktiv. Zugleich reformierte er die Regatta grundlegend.
Nach der Pause des Zweiten Weltkriegs nahm die Cowes Week 1946 wieder Fahrt auf. Die Teilnehmerzahlen stiegen wieder, benachbarte Vereine schlossen sich an und organisierten eigene Rennen rund um die Regatta. Im Jahr 1953 erstreckte sich die Cowes Week bereits über neun Tage – jede Regatta mit eigenen Kursen, Regeln und Ziellinien. Prince Philip beendete diesen organisatorischen Wirrwarr, indem er 1964 die Cowes Combined Clubs gründete – ein Kombinat der größten ortsansässigen Vereine.
Seither arbeiten die Clubs gemeinsam, mit denselben Regeln und den meisten Starts von der Squadron aus. „Es sollte keinen Unterschied machen, wer die Startkanone abfeuert“, sagt Sheila Caws, Historikerin und Buchautorin aus Cowes. „Das war damals eine entscheidende Entwicklung, und so wird es noch heute gehandhabt.“ Aus royaler Sicht folgte Princess Anne auf Prince Philip. Sie ist heute das Gesicht der Krone. Seglerisch weniger aktiv, dafür aber bei repräsentativen Auftritten zu sehen, meint Caws.
Der Zweite Weltkrieg markierte noch in anderer Hinsicht einen Wendepunkt: Fortan wurde die Cowes Week deutlich demokratischer. Die teilnehmenden Yachten wurden kleiner, während das Spektrum an Kielboot-Klassen wuchs. Andererseits fanden Dingis oder foilende Klassen bis heute keinen Platz im Feld.
Auch ohne wurde das Feld mit den Jahren so groß, dass man es mittlerweile in zwei Gruppen einteilt: in die „Black Group“ und die „White Group“. In der Schwarzen Gruppe segeln große Racer und Fahrtenyachten, organisiert nach IRC-Ratings. Die Weiße Gruppe versammelt kleinere Einheitsklassen: Sonare, XODs, Drachen. „Die Weiße Gruppe macht mittlerweile den Großteil der teilnehmenden Boote aus“, sagt Victoria Preston.
Zahlenmäßig ging es für die Cowes Week viele Jahrzehnte bergauf. 1826 gingen sieben Yachten an den Start, 1938 waren es etwa 200, 1985 bereits mehr als 700 in 24 Klassen. Zur Hochzeit im Jahr 2005 waren es laut Zahlen der BBC über 1.000 Boote. Seitdem sind die Zahlen wieder gesunken. Für das Jubiläums-Event, das vom 1. bis 7. August stattfindet, werden mehr als 600 Boote erwartet.
Mehr Infos dazu finden Sie hier auf der offiziellen Webseite der Cowes Week.
Wie sich das auf dem Wasser anfühlt? „Ziemlich einzigartig“, findet Hülß. Vor allem die Vielfalt sei besonders: TP52 teilen sich die Tonnen mit J70 oder Flying Fifteen. „Es ist einfach immer was los.“ Das liegt auch daran, dass nicht nur das Revier besonders ist, sondern auch die Art, wie dort gesegelt wird. Statt um ausgelegte Wendemarken geht es vorwiegend um im Solent verteilte Regattatonnen – „round the cans“, wie Locals sagen.
Mal links-, mal rechtsherum; der Kurs wird vor dem Start per App bekannt gegeben. Zugleich steht täglich nur ein längeres Rennen auf dem Programm. „Das ist spannend, aber auch herausfordernd“, sagt Hülß. „Man hat kaum Chancen, einen Fehler auszubügeln. Hat man ein Rennen versemmelt, holt man das nur schwer wieder auf.“
Ein besonderes Spektakel sind auch die Starts vor der Squadron Line, der Startlinie direkt vor Cowes Castle. Dort hallt alle 15 Minuten zum Start ein Kanonenschuss über das Wasser. Früher fanden alle Start- und Zieleinläufe vor Cowes Castle statt, heute kommen jedoch auch Committee-Boats zum Einsatz. Sie können bei Bedarf separate Linien auslegen. Das entzerrt das Feld und hilft, wenn der Wind einmal aus der falschen Richtung weht.
Es ist ein Konzept, das aufgeht – historisch gewachsen und etabliert. Das sieht auch Grace Murray von der Cowes Week Limited so – und blickt der Zukunft gelassen entgegen: „Ich glaube, die Cowes Week kann das, was sie ausmacht, wirklich sehr gut.“ Die Stabilität erklärt sie damit, dass die Rennleitung stets auf die Klassen zugeht und sich an deren Bedürfnissen orientiert.
Veränderungen gebe es eher an Land, sagt sie. Dort will man verstärkt auf Teilnehmer und lokale Zuschauer setzen. Flugshows, Feuerwerk und ein breites Rahmenprogramm gehören ebenfalls zum Programm. Denn die Regatta will beides sein: Wettkampf und Festival. „Während es auf dem Wasser zur Sache geht, sitzt man an Land zusammen“, sagt Christian Hülß. Murray ergänzt: „Wir sind eine ernsthafte Regatta, die weiß, wie man Spaß hat. Ich kenne keine andere dieser Größe, die das schafft.“
Zum 200. Jubiläum sind neben der Regatta auch zusätzliche Programmpunkte geplant. Ein Maritime Heritage Trail etwa soll die Geschichte greifbar machen, ergänzt durch Angebote wie die Youth Sailing Zone (hier lesen Sie mehr dazu). Außerdem trägt das Rennen 2026 offiziell den Namen „North Sails Cowes Week“, passend zum Hauptsponsor der Veranstaltung. Cowes’ Bürgermeister Stuart Ellis kommentierte das Jubiläum mit den Worten: „Die Feierlichkeiten erlauben es uns, auf unsere Vergangenheit zurückzublicken und auf das nächste Kapitel dieser Geschichte zu schauen.“
Ein Kapitel, das weiterhin Tradition und Moderne verbindet – geprägt vom anspruchsvollen Solent und der royalen Geschichte im Rücken. „Cowes Week war stets das ‚Pinnacle‘ des Yachtsports“, sagt Victoria Preston. „Es war das Highlight der Saison.“ Und das wird es wohl auch bleiben – selbst nach 200 Jahren.

Redakteur News & Panorama
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