Der Tracker zeigt es seit Samstag deutlich: An diesem Wochenende ist die Hackordnung bei der Premiere des Ocean Race Atlantic eine andere als noch in der Eröffnungsphase des neuen Transats von New York nach Lorient. Verändert hatte sich die Lage, als die neue „Malizia 4“ am frühen Samstagmorgen mit einem Meeressäuger oder großen Fisch kollidiert war. Der heftige Aufprall hat Team Malizia zurückgeworfen. Den beschädigten Hydraulikzylinder konnte die Crew sichern.
Boris Herrmann berichtete von dem unglücklichen Aufprall, sagte: „Wir haben bei Hochgeschwindigkeit etwas mit unserem Backbord-Foil getroffen. Wir hörten ein lautes Geräusch und haben einen Schaden am Foil-System gefunden. Also haben wir das Boot gestoppt und an einer Lösung gearbeitet. Jetzt segeln wir wieder. Aber mit leichten Einschränkungen, wie wir unser Backbord-Foil nutzen können.“
Wir müssen sehen, wie gut es gehen wird. Da bin ich noch nicht ganz sicher.“ Boris Herrmann
Am Sonntagmorgen dann wies der Tracker für Team Malizia mit Boris Herrmann, Cole Brauer, Justine Mettraux und Julien Villion einen Rückstand von rund 100 Seemeilen auf die seit Samstagmorgen führende „11th Hour Racing“ aus. Frankie Clapcich und ihre Crew erzielen mit der ehemaligen „Malizia 3“ von 2022 in Starkwindbedingungen und rauer See zuletzt regelmäßig Top- Durchschnittsgeschwindigkeiten.
Die ausgereifte ehemalige „Malizia 3“ von Boris Herrmann spielt in den harschen nordatlantischen Bedingungen jetzt als “11th Hour Racing” ihre bereits bekannten Stärken aus, mit denen Boris Herrmann vor der letzten Vendée Globe 2024 zu zwei herausragenden zweiten Plätzen im Transat CIC und im New York Vendée – Les Sables-d’Olonne gepowert war. Diese Stärken des Bootes nutzen aktuell Frankie Clapcich, Will Harris, Alberto Bona und Elodie-Jane Mettraux mit Konstanz und guter Positionierung zu ihren Gunsten.
Rund 20 und 30 Seemeilen hinter “11th Hour Racing” blieben am Sonntagmorgen gegen 10. 30 Uhr Paul Meilhats französische 2022er-Imoca „United by the Ocean“ und auch Kojiro Shiraishis japanischer Verdier-Neubau „DMG Mori Global One“ weiter dran. Insgesamt lagen die Geschwindigkeiten der führenden Boote kurz vor der Halbzeit im Ocean Race Atlantic extrem dicht beieinander.
Dabei ändern sich die Leistungswerte mit den Windwinkeln und dem jeweils herrschenden Seegang mitunter dramatisch. Als sich das Tiefdrucksystem am Freitag richtig etablierte, wurde „Malizia 4“ noch mit rund 18 Knoten Durchschnitt über vier Stunden gemessen, während „United by the Ocean“ und „11th Hour“ bei etwa 17 Knoten lagen; kurz darauf hatte „DMG Mori Global One“ bei rund 30 Knoten Wind und einem Reach-Winkel sogar einen 27-Knoten-Durchschnitt erreicht.
So erklärt sich auch, warum die Trackerpositionen manchmal schnell springen wie auch am Sonntagmorgen, als “DMG Mori” ihren Rückstand auf “11th Hour Racing” einmal binnen weniger als einer Stunde um zehn Seemeilen reduzierte: Bei diesen Geschwindigkeiten kann ein Boot innerhalb weniger Stunden mehrere Dutzend Seemeilen gewinnen oder verlieren. Der reine Momentan-Speed sagt weniger aus als die Kombination aus Kurs, Windfeld und Distanz zum Ziel. An diesem Sonntagmorgen jedoch blieb es zunächst bei der am Vortag etablierten neuen Reihenfolge.
„United by the Ocean“ erweist sich dabei als auffallend starke Verfolgerin, hat zuletzt rund zehn Seemeilen auf die Spitzenreiterin gutmachen können und klebt „11th Hour Racing“ weiter am Heck. Auch das DMG Mori Sailing Team hat seine verhaltene Auftaktphase hinter sich gelasssen. Bei hohen Reach-Geschwindigkeiten konnte die Crew die Stärken des wie „Malizia 4“ erst zwei Monate alten Bootes ausspielen.
Auch Oliver Heers „Embrace the Challenge“ hatte bislang ein gutes Rennen gezeigt. Gerade hatte der Schweizer Skipper die Bedingungen in mehr als 30 Knoten Wind und konfuser See am Samstagmorgen als „mindestens sehr sportlich“ beschrieben und erzählt: „Es ist nicht einfach, auf dem Boot zu schlafen. Es ist nicht einfach, auf dem Boot zu essen. Wir sind müde und an der Grenze. Aber es werden wieder bessere Zeiten kommen.“
Das Gegenteil trat ein. In der Nacht zum Sonntag erlitt das Großsegel der „Embrace the Challenge beim Reffen einen heftigen Schaden. In einem Team-Statement hieß es zunächst: „Die aktuellen Bedingungen machen einen Reparaturversuch zunächst nicht möglich. Das Team setzt den Kurs nach Lorient mit reduzierter Geschwindigkeit fort, bis wir den Schaden im ersten Morgenlicht genauer untersuchen können.”
Die Crew ist sicher und wohlauf, aber wir sind bitter enttäuscht und hoffen darauf, bald eine Reparatur durchführen zu können.“ Oliver Heer
Während die führenden drei Boote weiter mit Geschwindigkeiten im Bereich von etwa 20 bis weit über 25 Knoten durch das Tiefdrucksystem rasen, musste „Embrace the Challenge“ nach dem Segelschaden das Tempo drosseln, hatte am Sonntag bis 10 Uhr einen Rückstand von fast 300 Seemeilen auf “11th Hour Racing angesammelt.
Der bisherige Rennverlauf zeigt deshalb ein interessantes Bild: Den imposanten Eindruck vom hohen Geschwindigkeitspotenzial von „Malizia 4“ hat deren Rückschlag nicht weggewischt Doch es ist „11th Hour Racing“, die aktuell mit der besten Kombination aus Tempo und Zuverlässigkeit punktet. „United by the Ocean“ ist mit kampfstarker Crew um den Ocean-Race-Europe-Sieger Paul Meilhat unmittelbar dran und „DMG Mori Global One“ entfaltet ihre Kräfte.
Es gibt viele gute Gründe, warum die Führung im laufenden Ocean Race Atlantic weiter umkämpft bleiben dürfte, auch wenn es für die Malizianer in eingeschränkter Lage schwierig sein wird, wieder nach ganz vorne vorzudringen. Die jüngsten Rückschläge auf See haben sich auch auf den vierten Supersprint ausgewirkt. Team Malizia führt diese Sonderwertung zwar mit 19 Zählern weiter an, doch musste sie nach zwei Siegen und einem zweiten Rang am Samstag mit Platz fünf erstmals Federn lassen.
Im Zwischenklassement hat die Crew auf „DMG Mori Global One“ mit ihrem jüngsten Sieg bei den täglichen zeitgleichen Speedrennen aller Boote über 20 Minuten mit „Malizia 4“ gleichgezogen. Dritte „Supersprinterin“ ist „11th Hour Racing“ (16 Punkte) vor „United by the Ocean“, die zuletzt Platz zwei erzielen konnte. Es folgen die nun ebenfalls gehandicapte „Embrace the Challenge“ (10 Punkte) und Conrad Colmans Außenseiterin „MSIG Europe“ (7 Punkte).

Freie Reporterin Sport
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