Wenn im SailGP-Segelstadion von New York eines sicher ist, dann das: Nichts ist sicher. Der kompakte Kurs auf dem Hudson River ist berüchtigt für seine Unwägbarkeiten, seine teilweise starke Strömung, die sich krass schnell verändernden Winde und den ständigen Wellengang, für den viele Touristenboote unter anderem auf dem Weg zur Freiheitsstatue und zurück sorgen. Vor allem für die Flight Controller ist der New Yorker SailGP-Kurs “der Endgegner”, wie Erik Heil es einmal formuliert hat.
Zwölf SailGP-Teams sind bereit für den vierten New-York-Gipfel nach der Premiere 2019 und den jüngsten beiden Editionen 2024 und 2025. Zweimal schon hat auch das Germany SailGP-Team Erfahrungen im Big-Apple-Revier gesammelt. Die Ergebnisse waren mit den Plätzen neun (2024) und zehn (2025) noch nicht ganz das, was Schwarz-Rot-Gold in diesem Jahr anstrebt. Frisch beflügelt vom dritten Podiumsplatz im Revier von Bermuda, will die Crew um Erik Kosegarten-Heil auch am kommenden Wochenende (30./31. Mai) um eine Top-Platzierung kämpfen.
Was allerdings auch für die elf Gegener gilt, von denen jeder mit seiner ganz eigenen Motivation in New York aufkreuzen wird. Zum Beispiel Emirates GBR. 2019 waren sie in New York das historisch erste Team, das bei einem SailGP-Event kenterte – damals eine halbe Stunde vor dem ersten Rennen. Die Über-Nacht-Blitzreparatur konnte die Briten-Bilanz nur noch etwas schönen. Dass Dylan Fletcher, Hannah Mills und ihre Crew als amtierende SailGP-Meister in dieser Saison das vorletzte Event in Rio als Letzte beendeten, war ein aktueller Tiefschlag. Dass sie danach vor Bermuda den Finaleinzug verpassten, der stattdessen dem Germany SailGP Team by Deutsche Bank gelang, wurmte die englische Crew der Olympiasieger auch.
Am Ende wissen wir, dass wir bei den letzten beiden Events nicht auf dem Niveau agiert haben, das von uns erwartet wird.” Dylan Fletcher
Der Steuermann der Briten erinnerte aber vor dem ersten New-York-Starktschuss kämpferisch an den Titelgewinn in der letzten Saison: “Wir hatten auch im vergangenen Jahr Höhen und Tiefen, haben aber abgeliefert, als es am wichtigsten war.” Als aktuelle Tabellen-Zweite hinter Tom Slingsbys Binds Flying Roos (45 Punkte) müssen sich die Briten (35 Punkte) auch noch keine Generalsorgen machen. Ebenso wenig Spaniens Los Gallos (34 Punkte) als Tabellen-Dritte. Im Gesamtkonzert war Team Germany (23 Punkte) nach dem erfolgreichen Finaleinzug vor Bermuda zuletzt in der Saisonmeisterschaft auf Tabellenplatz sechs vorgerückt.
Gerne dürften Martine Grael und ihr Team Mubadala Brazil an ihren ersten Einsatz in New York im vergangenen Jahr zurückdenken. Da belohnten sie sich für alle bis dahin durchlebten typischen Rückschläge und Strapazen eines SailGP-Neueinsteigers mit ihrem ersten Rennsieg. Der ging auch als erster Sieg für eine Steuerfrau in die Geschichte des Rolex Sail Grand Prix ein.
Die 49erFX-Doppel-Olympiasiegerin hatte danach gesagt, was immer noch für das New Yorker Revier gilt, dem auch die Liga selbst “Chaos”-Potenzial” bescheinigt: “Ich glaube, bei wechselhaften Bedingungen gibt es mehr Überholmöglichkeiten als anderswo. Wenn man den Überblick wahren kann, ergeben sich dadurch einige Überholchancen.“ Dem Germany SailGP Team müsste das als eine der besten Aufholmannschaften der Liga entgegenkommen.
Seine SailGP-Premiere wird im imposanten US-Segelstadion ein junger Franzose erleben: Motten-Weltmeister Enzo Balanger, auch Teil des gerade neu formierten französischen America’s-Cup-Team La Roche-Posay Racing, blickt seinem ersten SailGP-Einsatz entgegen. Das meiste hat er dafür von seinem spanischen Teamkollegen Flo Trittel gelernt, mit dem er in Frankreich gemeinsam im französischen America’s-Cup-Team trainiert. Beim Mubadala New York SailGP aber treten Trittel (Los Gallos) und Balanger (DS Automobiles France) nun gegeneinander an.
Enzo Balanger kommt aus der eigenen “Académie” der vom Deutsch-Franzosen Stephan Kandler und Bruno Dubois geführten K-Challenge, die das Dach für die SailGP- und America’s-Cup-Aktivitäten bildet. Er sagte vor seiner Premiere in New York: „Ich bin nun schon seit mehreren Monaten, ja sogar seit mehreren Jahren, in einer Entwicklungs- und Trainingsfunktion für das Team tätig. Ich weiß, welches Niveau dieses Team erreichen kann, wenn alles hundertprozentig funktioniert, und ich weiß, wozu es fähig ist. Ich habe definitiv ziemlich viel Zeit mit Flo verbracht und versucht, gute Tipps von ihm zu bekommen. Er hat den Weg schon gemeistert, den ich jetzt gehe. Und er hat mir Rat gegeben.”
Flo Trittel ist ein supertoller Typ, ein großartiger Segler und auch ein toller Mensch.” Enzo Balanger
Der auf Guadeloupe geborene 25-jährige Enzo Balanger hat auch die Lage seines französischen SailGP-Teams DS Automobiles France nach den Verletzungen von Leigh McMillan und dessen prominentem Ersatzmann Glenn Ashby im Blick: “Die Saison war für das Team aufgrund der vielen Verletzungen nicht einfach, daher ist es für mich natürlich eine große Ehre, nun die Gelegenheit zu haben, als Flügeltrimmer einzuspringen, während sich Leigh McMillan erholt. Das ist sicherlich eine der größten Herausforderungen meiner bisherigen Karriere, und ich kann es ehrlich gesagt kaum erwarten.”
Gleichzeitig weiß der Motten-Maestro: “In New York werden wir keinen Trainingstag haben, was die Sache noch anspruchsvoller macht, aber ich habe monatelang auf diesen Moment hingearbeitet. In den letzten Tagen habe ich noch härter trainiert, um so gut wie möglich vorbereitet zu sein und schon beim ersten Grand Prix alles zu geben.“
Das ZDF überträgt die Rennen an beiden Wochenendtagen (30./31. Mai) im Live-Streaming jeweils ab 21.30 Uhr in seinem SailGP-Kanal. Kommentator ist Nils Kaben im Zusammenspiel mit Vor-Ort-Reporter Felix van den Hövel auf seinem SailGP

Freie Reporterin Sport