Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger haben viele gute Gründe, auf ihre Leistung bei den Welttitelkämpfen der Skiffsegler stolz zu sein: Platz vier ist das beste WM-Ergebnis der Crew vom Bayerischen Yacht-Club. Die 49er-Olympia-Elften von Marseille haben in der französischen Bucht von Quiberon mit zwei Rennsiegen und einer starken Serie gezeigt, dass sie nach längerer Verletzungsphase wieder voll da sind. Bis zum zweiten der beiden Finalläufe am Sonntag hatten sie sich sogar von Platz drei nach der Hauptrunde auf den Silberrang vorgearbeitet. Die Medaille war greifbar.
Wer das WM-Finale im Live-Stream der 49er-Klasse mitverfolgt hat, war dann dabei, als Meggendorfer/Sprange im zweiten Medaillenlauf erneut einen guten Start hinlegten und sich vielversprechend in den Top-Fünf bewegten. Das sah souverän und vielversprechend aus. Solange, bis sie plötzlich auf dem letzten Downwind “verschwanden”. Das wussten auch die Kommentatoren Andy Rice und die schwedische FX-Weltmeisterin und Olympia-Zweite Rebecca Netzler nicht zu erklären. “The Germans disappeared from the map. What happened to the Germans?”, fragte sich und alle anderen Andy Rice nicht nur einmal.
Die Frage war bis weit über das Finalende von außen nicht aufzulösen. Erst später konnten Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger ihr “Verschwinden” selbst für alle erklärenn, die nicht auf dem Kurs dabei waren. Ihre unglückliche Positionierung auf einer Kursseite hatte die Kettenreaktion mit enormen Verlusten ausgelöst. Da wurde ihnen der letzte Downwind zum Verhängnis im Kampf um die Medaillen, als sie nicht zurück in die Kursmitte kamen, wo im Gegensatz zum Vortag inzwischen längst besserer Druck herrschte.
Geblockt durch das australische Team Harry Price und Max Paul in Lee, konnten Meggendorfer/Spranger zu lange nicht zur Mitte zurückhalsen. „Die Australier sind uns in Lee reingerutscht und wir sind einfach nicht mehr aus unserer Ecke zurückgekommen. Als wir dann halsen konnten, konnten sie quasi draufhalsen. Und wenn die anderen dann drei Knoten mehr Wind haben, fahren sie mit sechs Knoten Speed mehr eben davon“, erklärte Andreas Spranger den unglücklichen Tiefschlag am Ende einer der bis dahin so erfolgreichen Woche.
Der daraus resultierende zehnte und letzte Rang im letzten Medaillenrennen kostete die Bayern den WM-Podiumsplatz. Andi Spranger sagte danach: „Heute sind wir traurig und enttäuscht, dass wir die Medaille nicht gewinnen konnten. In ein paar Tagen können wir sicher auch stolz auf unsere Leistung sein.“ Weltmeister wurden die Neuseeländer Seb Menzies und George Lee Rush (31 Punkte). Silber gewannen die Österreicher Keanu Prettner/Jakob Flachberger (37 Punkte) vor den punktgleichen Niederländern Bart Lambriex van Aanholt/Floris van de Werken.
Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger (41 Punkte) fehlten in der WM-Endabrechnung vier Zähler zur Medaille. Sogar mit zwei Crews waren die deutschen 49erFX-Frauen in ihre beiden Finalläufe eingezogen. Aufgrund der Punktkompression im neuen Finalformat der Skiffsegler hatten sowohl die Olympia-Sechsten Marla Bergmann und Hanna Wille (Mühlenberger Segel-Club) als auch Maru Scheel/Freya Feilcke (Kieler Yacht-Club) als Vierte und Sechste vor dem Finale realistische Medaillenchancen. In den dann äußerst turbulenten FX-Finalläufen herrschte Hochspannung. Und es gab heftige Überraschungen.
Erste Leidtragende waren die eine Woche lang überragend agierenden spanischen Titelverteidigerinnen Paula Barceló und Maria Cantero. Ihre Dominanz wurde erst durch die neue Punktkompression fürs Finale entschärft, bevor sie dann selbst mit zwei zehnten und letzten Rängen in den beiden Finalläufen doch noch das schon fast sicher geblaubte Gold verloren und mit Silber zufrieden sein mussten. Lange warteten Pia Dahl Andersen und Nora Edland nach dem Finale auf dem Wasser, bis die Entscheidung der Wettfahrtleitung sie zu den neuen Champions gekürt wurden.
Den Kielerinnen Maru Scheel und Freya Feilcke (52 Punkte) fehlte im WM-Schlussklassement als Fünfte ein einziger Punkt zu WM-Bronze. Die Medaille holten sich die Polinnen Aleksandra Melzacka und Sandra Jankowiak. Marla Bergmann und Hanna Wille wurden mit 53 Punkten nach dem heiß umkämpfen Frauenfinale Siebte. Ihnen fehlten nur zwei Zähler zu WM-Bronze. So eng ging es bei den 49erFX-Seglerinnen zu.
Steuerfrau Maru Scheel sagte nach den Finalkrimis: „Wir haben erst an Land erfahren, welcher Platz es geworden ist. Vor der WM hätten wir den sofort genommen. Heute war aber auch ein bisschen Schmerz dabei. Doch überwiegend sind da Stolz und Freude.“ Aufgefallen sind Maru Scheel „extrem viele Manöver“ in den Medaillenläufen. Das spricht gegen das, was man sonst macht. Und für schwierige Bedingungen.“
Als beste Qualität ihrer Crew nannte Maru Scheel „das gute Bootsgefühl, dass wir die ganze Woche hatten“. Es helfe sehr, wenn man nicht mit dem Boot kämpfen müsse, sondern „aus dem Boot schauen“ könne, um strategisch zu planen. Das neue Finalformat mit seiner starken Punktkompression vor den jeweils zwei Medaillenrennen hat den Rennen tatsächlich kaum vorhersehbare Ergebnisse und das erhoffte Plus an Spannung beschert. „Man kann auch sicher sagen, dass dadurch keine Matchraces aufkommen, weil alle so eng beeinander liegen und man nicht auf ein bestimmtes Team segeln kann“, erklärte Maru Scheel.
Weniger hilfreich waren die Schwierigkeiten der Veranstalter im Umgang mit den Ergebnissen, die häufig sehr lange auf sich warten ließen. Es hilft wenig, mit neuen Formaten mehr Spannung für den olympischen Segelsport zu kreieren, wenn Seglern, Trainern, Kommentatoren und Berichterstattern gleichzeitig Resultate und die damit verbundenen Einordnungsmöglichkeiten fehlen. Ergebnisse sind die Grundlage für alles. Man musste Mitleid mit den Live-Kommentatoren haben, die viel zu häufig auf Vermutungen oder eigene Berechnungen angewiesen waren.
Diese offene Flanke müssen der olympische Segelsport und seine Klassen dringend und schnell lösen, weil kein noch so clever auf Spannung getrimmtes Finale wirklich spannend ist, in dessen Verlauf die Zwischenstände nicht ins Gesamtbild einzuordnen sind. Und an dessen Ende man nicht weiß, wer gewonnen hat und wie alle Teilnehmer abgeschnitten haben. Bei einem 100-Meter-Lauf will auch niemand eine Viertelstunde warten, bis der Sieger feststeht. Die Ergebnisermittlung für Finalläufe mit nur zehn Booten ist kein Hexenwerk.
Für das German Sailing Team zog Cheftrainer Dom Tidey nach dem WM-Finale für 49er und 49er FX – im Nacra 17 war kein GER-Team am Start, die Italiener Gianluigi Ugolini/Maria Giubilei siegten vor Tim Mourniac/Aloise Retournaz (Frankreich) und John Gimson/Anna Burnet (Großbritannien) – mit einem weinenden und einem lachenden Auge Bilanz.
Es ist ein bittersüßes Ergebnis.” Dom Tidey
Der Head Coach des German Sailing Teams sagte in Quiberon: „Zum einen ist es immer hart, wenn man die Medaillen so knapp verpasst. Zum anderen blicken wir auf eine der hochwertigsten Weltmeisterschaften seit Langem zurück. Im Finale ging es auch darum, die Möglichkeiten zu finden. Es gab kein Windmuster und es war auch ein bisschen Glück im Spiel.“
Bei seiner Abreise nach Split zur dort bereits eröffneten Ilca-Europameisterschaft sagte Dom Tidey beim Rückblick auf die abwechslungsreiche Skiff-WM-Woche: „Wir sollten happy sein. Wir befinden uns im Aufbau für LA 28 und haben sehr talentierte junge Athleten. Im Bootspark waren die Leute eher beunruhigt, dass wir mit drei Männer- und fünf Frauen-Teams in die Goldflotten eingezogen waren. Das ist eine Ansage.“

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