La Boulangère Mini TransatNach einer Woche endlich Aussicht auf Passat

Jochen Rieker

 · 02.10.2023

Extrem erfahren, immer in den Top Ten und auch jetzt wieder perfekt positioniert: Marie Gendron auf "Lèa Nature"
Foto: La Boulangère Mini-Transat/V. Olivaud
Das YACHT-online-Update zum Mini-Transat nach der ersten Rennwoche
Was für ein zäher, nervenaufreibender Auftakt zum Mini-Transat! Eine Woche lang hielt Leichtwind die Soloskipper in Schach. Und für die meisten der 89 noch aktiven Teilnehmer wird auch heute ein Tag zum Haareraufen. Aber Erlösung ist in Sicht

Mini-Transat-Veteranen und -Beobachter haben zuletzt gerätselt, ob es eine so flaue, so schwer vorhersehbare Etappe schon jemals gegeben hat. Und für die meisten lautet die Antwort: nein!

Ein vertracktes meteorologisches Albtraum-Szenario hat bis auf eine kurze Schwerwetterfront bisher kaum je wirklich segelbaren, planbaren, taktisch nutzbaren Wind gebracht. Statt dessen: 1 bis 2 Beaufort, gern von vorn oder stark drehend aus allen möglichen Richtungen. Es war eine Woche für die ganz Tapferen, weil sie nur wenige Optionen offerierte und diese sich eher wahllos präsentierten.

Nun aber soll es für die Spitze des Feldes bald besser werden: Aus Nordost setzt im Laufe des Tages langsam jener Passat ein, der eine schnelle Glitsch ins Ziel auf La Palma verspricht. Und er wird mehrere Tage durchstehen, sobald er sich mal etabliert hat, mit dann 15 bis 20 Knoten. Bilderbuch-Bedingungen, endlich!

Das Feld hat sich breit verstreut

Verdient haben ihn die Skipperinnen und Skipper des Mini-Transats ohne Ausnahme. Es wird aber dauern, bis alle daran partizipieren können. Denn die Boote liegen weit verteilt entlang der portugiesischen Küste: Allein bei den Serien-Minis sind es mehr als 200 Seemeilen in Nord-Süd-Richtung; aber auch von West nach Ost hat sich das Feld über mehr als 180 Meilen aufgefächert.

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Das derzeit chaotisch anmutende Bild eines Bienenschwarms wird also in den kommenden Tagen mehr und mehr Trichterform annehmen – dann nämlich, wenn die ersten Boote im Passat Kurs aufs Ziel nehmen. „Für die Spitzenreiter kommt der Nordnordost als Erstes, doch ab Dienstag profitiert die gesamte Flotte von den portugiesischen Passatwinden “, erklärt Christian Dumard, der Wetterberater der Veranstalter.

Sobald der Passat einsetzt, beginnt ein Speed Race” (Christian Dumard)

Tatsächlich wird es von da an nicht mehr um große strategische Manöver gehen, sondern um die eigentliche Essenz des Mini-Segelns: schäumende Gleitfahrt unter Spinnaker, so nah wie möglich an der direkten Route. In diesem Zusammenhang werden sich die Flugbahnen der Konkurrenten kurz vor dem Breitengrad des Madeira-Archipels allmählich annähern.

Der Zwischenstand des Mini-Transats in der Prototypen-Wertung

Bei den Protos sieht es so aus, als seien Federico Waksman (1019), Marie Gendron (1050) und Laure Galley 1048) am besten positioniert, um sich abzusetzen. Die ebenfalls in den Top Five segelnden, aber deutlich weiter westlich stehenden Victor Mathieu (967) und der Slowene Uros Krasevac (759), der am Wochenende gut 50 Seemeilen Rückstand egalisiert hat, sollten nach den aktuellsten Wettermodellen nur mit Verzögerung auf den Südwest-Express aufspringen. Vielleicht aber schaffen sie den Anschluss noch. Heute Früh waren die beiden jedenfalls schneller unterwegs als die Gruppe im Osten.

Etwas ins Stolpern kam zuletzt Carlos Manera (1081), der am Wochenende teils mehr als 20 Seemeilen zurückgefallen war. Ihn abzuschreiben wäre jedoch ein Fehler, weil er sehr erfahren ist und ein schnelles Boot hat.

Schwieriger ist Caroline Boules bisheriger Rennverlauf zu verdauen. Die Ingenieurin mit dem potentesten Mini im Feld (Nicomatic, # 1067) segelte am Sonntagabend 110 Meilen achteraus – und am weitesten östlich, mitten hinein in ein Windloch, aus dem sie sich heute nur mühsam wird befreien können.

Mini-Transat 2023: erste Aufgabe bei den Protos

Für Caros “Nicomatic”, die auf tiefen Raumschotskursen keinen signifikanten Vorteil gegenüber den konventionelleren Protos hat, könnte das eine Art Vorentscheidung sein. Platz 21 wird nicht reichen, um noch ganz nach vorn zu kommen – jedenfalls nicht nach den derzeitigen Wetterprognosen. Caro Boules Mission, als erste Frau das Mini-Transat zu gewinnen, ist dabei ebenso in Gefahr wie das Ziel, es auf einem Foiler zu schaffen. Bliebe der Abstand oder vergrößerte er sich heute sogar noch weiter, wird es auf Etappe zwei schwierig, ihn auszugleichen. Aber soweit sind wir ja noch lange nicht.

Gestern gab es bei den Protos die erste vorzeitige Aufgabe: DMG-Mori-Skipper Federico Sampei (1046) quittierte nach seinem Mastbruch vor der nordspanischen Küste das Rennen. Eine bittere Entscheidung, aber konsequent: Obwohl das Team einen Neustart technisch, logistisch und finanziell hinbekommen hätte, erklärte Sampei: “Ich habe entschieden, mein Rennen nicht fortzusetzen. Der Grund ist, dass ich keine Lösung finden konnte, die mir genügend Zuversicht geben würde, die zweite Etappe sicher zu beenden.” Jetzt ist es an seiner Team-Kollegin Laure Galley, das deutsch-japanische Segelprojekt allein zu vertreten – was sie bisher exzellent macht.

Die Lage bei den Serienbooten vor Eintreffen des Passats

Bei den Serienbooten wird’s spannend: Hier liegen drei Boote besonders aussichtsreich, darunter wie stets der fabelhaft segelnde Felix Oberle aus der Schweiz auf seinem Max 6.50 “Mingulay”(1028), aber auch sein härtester Rivale, Luca Rosetti aus Italien (998).

Die beiden stehen weiter östlich in minimal leichterer Brise als der aktuelle Spitzenreiter, Bruno Lemunier mit seinem kunterbunt folierten Pogo 3 (893). Der hat sich über die letzten drei Tage permanent ungefähr 40, 50 Seemeilen westlich gehalten und dabei Boden gutgemacht. Seit Sonntag wird er an P1 geführt. Mal sehen, wer von den dreien als Erster frischen Wind findet.


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Jochen Rieker

Jochen Rieker

Herausgeber YACHT

Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Jochen Rieker das Segeln auf Bodensee, Ammersee und Starnberger See gelernt. Zunächst war er auf Pirat, H-Jolle und Tempest unterwegs, später auf Hobie Cat, A Cat und Dart 16. Aber wie das so ist: Je weiter entfernt das Meer, desto größer die Leidenschaft danach. Inspiriert durch die Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, folgte in den 90ern der erste Dickschifftörn im Ionischen Meer auf einer Carter 30, damals noch ohne Segelschein. Danach war’s um ihn geschehen. Als YACHT-Kaleu und Jury-Vorsitzender des European Yacht of the Year Award hat Rieker in den vergangenen mehr als 25 Jahren gut 500 Boote getestet. Sein eigenes, ein 36-Fuß-Racer/Cruiser, lag zuletzt in der Adria. Diesen Sommer verholt er es an die Schlei, wo er inzwischen lebt.

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