MeinungWenn Aufmunterung zum Protest führt – die leidige Crux mit Regel 41

YACHT

 · 22.06.2024

Meinung: Wenn Aufmunterung zum Protest führt – die leidige Crux mit Regel 41
YACHT-Woche – Der Rückblick
yacht/bullseye-yacht-woche-2000x500_1e491ad292dbe607f7c8c63d867b7299

Liebe Leserinnen und Leser,

heute, einen Tag nach Sommerbeginn, startet die Kieler Woche. Und für Wettfahrtleiter und Judges beginnt wie stets eine, sagen wir, kurzweilige Zeit. Denn eins ist sicher: Proteste wird es geben. Klar: Wo Regeln sind, gibt es auch Verstöße, mindestens aber Grenzfälle, die am Ende vor der Jury landen. Das gehört zum Spiel. Wobei: Sportlich geht es dabei nicht immer zu.

Legendär sind die – zum Glück überwundenen – Auseinandersetzungen um den America’s Cup, in denen Legionen von Anwälten im 21. Jahrhundert die Regelungen der Deed of Gift von 1851 bis auf Molekularebene zerlegten.

So spektakulär diese Kämpfe in den Hinterzimmern anmuteten, so verdrießlich waren sie für die Fans, die das juristische Gezerre nicht nachvollziehbar fanden und lieber Cup Matches verfolgt hätten als die Exegese von ellenlangen Schriftsätzen.

Persönlich hege ich mehr Sympathien für die Segelanweisungen mancher Langstreckenregatta, in denen es heißt, dass ein Protest automatisch die Disqualifikation des Protestführers zur Folge hat oder wahlweise eine Runde Freibier für alle Teilnehmer nach sich zieht. Gibt es wirklich! Funktioniert! Aber klar: Das geht nur bei Amateurrennen. Bei der Kieler Woche würde so was für Irritationen sorgen.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Zu welch bizarren Situationen Proteste führen können, lässt sich derzeit in der Imoca-Klasse beobachten. Und wegen einer Regel, die gewissermaßen die Mutter allen Streits ist: 41 aka „Outside Assistance“.

Sie gilt für Opti-Eltern, die ihren Nachwuchs mit vorab vereinbarten Handzeichen oder Pfeiflauten auf die richtige Seite des Kurses coachen wollen, genauso wie sie Vendée-Globe-Teilnehmern Wetterberatung von Land aus untersagt. Um es im EM-Jargon zu formulieren: Was zählt, ist auf dem Platz.

Aber so nachvollziehbar das klingt, so grau sind alle Paragrafen. Denn was ist eigentlich „Hilfe von außen“? Wo beginnt Unterstützung? Wo ist sie gerade noch okay?

Vor dem Dilemma, das zu klären, steht gerade die Jury des Transat CIC – der ersten von zwei Qualifikationsregatten für die Vendée Globe, bei der Boris Herrmann jeweils Zweiter und in der Addition damit bester Imoca-Skipper der Saison 2024 geworden ist. Boris hat sein Ticket für die Vendée längst gelöst. Oliver Heer allerdings, der Deutschschweizer, muss bangen, und das hat auch mit Regel 41 zu tun.

Im Schlussdrittel des Transat CIC versagte nachts in einer stürmischen Front und bei grobem Seegang sein Autopilot. Das Boot legte binnen Sekunden eine brachiale Patenthalse hin. Weil der Neigekiel und alle beweglichen Ausrüstungsgegenstände plötzlich auf der falschen Seite waren, brauchte es nicht viel, um über Kopf zu gehen, bis auf 128 Grad Lage. Ein Worst-Case-Szenario.

Oliver Heer an Bord während des Transat-Rennens ...
Foto: Oliver Heer

Ollie schaffte es zwar, sein Boot wieder aufzurichten, aber durch den Wassereinbruch war seine gesamte Stromversorgung zusammengebrochen. Und auch sonst gab es reichlich Schäden. Wie schlimm es war, hat Tatjana Pokorny in ihrem Bericht für YACHT eindrucksvoll geschildert. Im Rückblick gab der 36-Jährige zu Protokoll: „Ich war völlig am Boden. Es war das erste Mal so auf einem Segelboot. Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte oder wie ich es tun sollte. Ich hatte noch diese 1.300 Meilen vor mir.“

Es gelang ihm zwar, irgendwie seine Solarzellen mit einer der Batterien zu verbinden und so gerade genug Strom zu erzeugen, um sein Team zu informieren. Später, als er der Erschöpfung und Aufgabe nahe war, rief ihn auf Bitte seines Teams sein Mental-Coach an, Professor Dr. Wolfgang Jenewein.

Der Österreicher, der in der Schweiz lehrt und Sportler wie Topmanager zu seinen Kunden zählt, riet ihm, seine Ressourcen nicht mit Bedauern und Sorgen zu vergeuden, sondern sich auf das zu konzentrieren, was er tun könne. Die Quintessenz kritzelte Ollie an seine Kajütwand: „Embrace this shit!“

Nach und nach gelang es dem Schweizer so tatsächlich, sich aus seiner Misere zu befreien und die Regatta noch innerhalb des Zeitlimits zu beenden. Eigentlich ein Meisterstück, eine jener epischen Wendungen, für die wir Einhandregatten so lieben.

Aber dann: Regel 41!

Es waren die Veranstalter selbst, die in dem Anruf bei Wolfgang Jenewein auf „Outside Assistance“ erkannten und bei der Jury Protest gegen Ollie Heer einlegten – einen Tag, bevor die Rückregatta, die New York Vendée, startete.

Dem Skipper ersparte man zum Glück die Mitteilung; er segelte in Unkenntnis des Protests in Richtung Les Sables-d’Olonne, erfuhr dort erst bei Zielankunft, dass ein Damoklesschwert über seiner Vendée-Quali hängt.

Oliver Heer ist nach Meilen erster Anwärter auf die Wildcard für die Vendée Globe, wenn ihm die Meilen aus dem Transat CIC nicht aberkannt würden

Es ist schon der zweite Protest dieser Art binnen drei Monaten.

Zuvor sah sich Clarisse Crémer dem Vorwurf ausgesetzt, bei ihrer ersten Vendée Globe 2020/21 unerlaubte Wetterberatung durch ihren Mann, Tanguy de Turquais, erhalten zu haben, weil ein Whistleblower Teile ihres Whatsapp-Chats öffentlich gemacht hatte. Der Protest wurde abgewiesen, aber er hat die Klasse enorm durcheinandergerüttelt. Denn wo fängt Hilfe an, was ist im Rahmen einer privaten Unterhaltung gerade noch geduldet?

Wäre es legal gewesen, wenn Oliver Heer mit seiner Frau telefoniert hätte und sie ihn moralisch aufgebaut hätte? Oder wenn ihm ein Freund, der nicht Mental-Coach ist, den gleichen Rat gegeben hätte wie Wolfgang Jenewein?

Die Crux an Regel 41 ist, dass sie zwar unzweifelhaft ihre Berechtigung hat, in der voll vernetzten Realität einer Langstreckenregatta, die ohnehin Ausnahmen zulässt, aber fast zur Farce wird.

Beispiele gefällig?

Hätte Ollie in seiner Verzweiflung und Überforderung, die einem Trauma gleichkam, den Rennarzt angerufen oder einen von ihm vorher selbst bestimmten medizinischen Berater statt Jenewein, wäre der genau gleiche Vorgang mit höchster Wahrscheinlichkeit regelkonform geblieben. Denn ein Rat vom Doc ist ausdrücklich erlaubt.

Hätte Ollie sein Technikteam um Hilfe gebeten, wie er das Chaos der Schäden an Bord lichten solle, und seine Crew an Land hätte ihm einen detaillierten Ablaufplan geschickt, der letztlich sogar zielführender gewesen wäre als der eher allgemeine Rat Jeneweins, Ollie müsste sich jetzt keine Sorgen machen. Denn technische Unterstützung ist nach den Segelanweisungen und den Regeln der Imoca-Klasse zulässig.

Das zeigt, wie verschwommen die Grenzen sind, und wie sehr ein Skipper am Ende vom Goodwill der Jury abhängig ist. Die Imoca-Klasse ist dabei, die Regeln des Erlaubten zu klären. Auch, weil der Nimbus des Rennens um die Welt nicht schwinden soll, der darauf gründet, dass es einhand, nonstop und ohne Hilfe von außen gesegelt wird.

Das Urteil im Fall von Ollie Heers Telefonat steht derweil noch aus. Die möglichen Sanktionen können von einer Zeitstrafe bis zur Disqualifikation reichen. Würde es ein DSQ, wäre der Schweizer nicht mehr erster Anwärter auf die Wildcard für eine Teilnahme an der Vendée Globe. Ich hoffe, die Jury entscheidet sportlich!

Und ich bete, dass Regel 41 nicht zu weiteren Auslegungskrämpfen führt. Man stelle sich vor, der Sieger der Vendée würde disqualifiziert, weil ihm seine Oma per Whatsapp Mut gemacht hat, im Southern Ocean bei 40 Knoten weiter mit J Zero durch die Welle zu kajolen …

Jochen Rieker,

YACHT-Herausgeber

Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:


Draufklicken zum Durchblicken:

Die Woche in Bildern

Die 52 Super Series war zu Gast in Newport. Dort siegte überraschend eine Familien-Crew. Harm Müller-Spreers "Platoon Aviation" segelte auf Platz sieben.
Foto: Nico Martinez/52 Super Series

Lese-Empfehlungen der Redaktion

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

Malizia 4

Erst der Foil-Schaden, jetzt reißt das Großsegel

yacht/261007-champolion-malizia-841_c06b8a0b0105b29220ee86f3f10a8107

Erst der Foil-Schaden, dann gebrochene Rumpfverstärkungen und nun ein Riss im Großsegel. Zwei neue Videos zeigen, wie Team Malizia den IMOCA vor der Route du Rhum repariert und weiterentwickelt.


Verschlickung der Elbe

Kleine Häfen kämpfen um jeden Meter Wassertiefe

yacht/100226754_cc5dabaf4f4f82a167e1f0282e35d759

Die Unterelbe verschlickt, Zeitfenster schrumpfen und Häfen werden schwer erreichbar. Mit flachen Booten und selbst gebauten Schlickmaschinen kämpfen Segler um ihr Revier.


Antrieb

Drehflügelpropeller Max Bianchi verstellt die Steigung während der Fahrt

yacht/max-prop-03_d71c162431257fcf66b1a95a9046dad2

Ein Drehflügelpropeller, der die Steigung während der Fahrt selbst verändert: Was Max Props Modell Max Bianchi beim Motoren und Motorsegeln leisten soll.


Interview

Was bedeutet es an Bord der „Thor Heyerdahl” zu arbeiten?

yacht/00-vorlage-podcast-artikel-teaserbild-2026-6_11b1c7a8a0dcb778cfd557b3041e5f6e

Seit mehr als 40 Jahren segelt die „Thor Heyerdahl“ durch die Weltmeere. YACHT-Redakteur Fabian Boerger erklärt, warum das Traditionsschiff relevant ist.


Hurrikans 2026

Dramatische Rettung vor Kalifornien – El Niño prägt die Sturmsaison

yacht/screenshot-2026-10-13-115041_64230bb6c91709fa2abf7f09494f4bee

Ein Rettungsschwimmer befreit einen Segler aus einer teilweise überfluteten Yacht vor Kalifornien. Warum die Hurrikansaison 2026 zwischen Atlantik und Pazifik so unterschiedlich verläuft.


Blauwasseryachten

Diese fünf wollen ans Ende der Welt

yacht/te-der-20-tonner-immer-wieder-zweistellige-werte-durchs-wasser-und-blieb-dabei-die-ruhe-selbst_f3068a158d6522ee5c589c0c35a736e1

Fünf Blauwasseryachten, fünf Konzepte: Boréal 56, Kraken 58, Pure 49, Stem 50 und Breehorn 55 zeigen ihre Stärken und Schwächen auf Langfahrt.


Rekordtief im Zürichsee

Segelyacht fliegt per Helikopter ins Winterlager

yacht/yacht-in-der-luft_05131d03241c95e263d11ca6f8cfe3ac

Die Pegelstände im Zürichsee liegen unter dem bisherigen Niedrigwasserrekord. Weil seine Segelyacht im flachen Wasser festzusitzen und zu kippen drohte, ließ ein 65-jähriger Eigner sein Boot mit einem Helikopter ausfliegen. Die Aktion kostete rund 2000 Franken zeigt, wie sehr der außergewöhnlich niedrige Wasserstand die Schifffahrt inzwischen beeinträchtigt.


Diebstahlserie geht weiter

Täter entwenden zwei 300-PS-Außenborder am Wieltsee

yacht/7b70726e-0143-47d1-a536-7c33bb106b0e_3204fffa58099a1681b4a9abad958e1d

Erneut schlagen Diebe am Wieltsee zu: Sie entwenden zwei Boote und demontieren schwere Außenbordmotoren. Es ist bereits der vierte Vorfall innerhalb von drei Monaten.


Gebrauchtboot der Woche

Arietta 31 - Anfang einer Ära

yacht/p1150741_760582d5c30e30dfa0fc0c0ed46a0882

Schmale Taille, Mahagonirumpf und elegante Überhänge: Die von Olle Enderlein entworfene Arietta 31 setzt auf ausgewogene Linien und Seetüchtigkeit statt auf maximalen Wohnraum. Als Vorläufer späterer skandinavischer Fahrtenboote ist sie heute ein interessanter Klassiker für Segler, die ein traditionelles, kompaktes Fahrtenboot suchen.


Breehorn 55 im Test

Ist sie das ideale Zuhause auf See?

yacht/m-verglast-hier-sitzt-man-bequem-zusammen-mit-mehreren-personen-mit-freier-sicht-nach-draussen_33f438de0ebff79c172bd9ce3671d65b

Pilothouse, Teakholzausbau und ein ungewöhnlich gut zugänglicher Technikkanal: So funktioniert die Breehorn 55 unter Deck und diese Kompromisse bleiben.



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service