Liebe Leserinnen und Leser,
haben Sie sich schon einmal vorgestellt, wie es sein muss, nach einem Sturz von Bord hinter Ihrem Boot zu schwimmen und es davonrauschen zu sehen? Oder umgekehrt: Sie kommen aus der Kajüte an Deck, und ein Teil der Crew fehlt?
Genau: Das will man sich lieber gar nicht ausmalen. Der Gedanke ist erschreckend. Und doch kommt er schnell, wenn man sich ein wenig mit dem Thema Sicherheit an Bord und auf See beschäftigt, etwa im Rahmen eines Offshore Sea Survival Trainings. Hochsee-Regattasegler müssen es zum Teil absolvieren. Auch in Deutschland bieten einige Anbieter daher zertifizierte Lehrgänge an.
Vielleicht haben Sie Fotos oder Videos dieser Lehrgänge schon einmal gesehen: Da werden Handfackeln ausgelöst, Feuer gelöscht, Lecks in echten Bootsrümpfen gestopft, unechte Wunden verbunden. Dazu kommt jede Menge Wissensvermittlung über Sturmtaktik und -segel, Mann-über-Bord-Manöver und Rettungsmittel.
Die praktischen Übungen sind dabei das Herzstück des Trainings. Theorie kann man sich im Zweifel schließlich selbst anlesen. Doch wann haben Sie zuletzt ein loderndes Feuer gelöscht, eine Handfackel gezündet oder sind in voller Montur samt Rettungsweste ins Wasser gesprungen, um das Equipment mal für den Ernstfall zu testen?
Ich noch nie. Bis vor Kurzem, als ich zum ersten Mal einen Offshore-Sea-Survival-Kurs besucht habe. Ein Augenöffner war vor allem die Übung im Wellenbad, bei der die Teilnehmer unter Aufsicht und bei kontrollierten Bedingungen in die künstliche Katastrophe geschickt werden: Ein Seenotfall samt Rettung wird simuliert. Dabei lernt man, wie es sich anfühlt, wenn die Automatikweste beim Sprung (oder eben Sturz) ins Wasser (hoffentlich) auslöst. Wie man Luft daraus ablässt, wenn die Weste am Hals drückt. Wie lange sich die Sekunden anfühlen, wenn man – bewusst auf dem Bauch treibend – darauf wartet, dass der Schwimmkörper einen endlich umdreht. Und wie schwierig es ist, eine kopfüber treibende Rettungsinsel aufzurichten und dann bei Seegang hineinzuklettern.
Auch wenn die Bedingungen im über 20 Grad warmen Schwimmbadwasser deutlich freundlicher waren als die Realität auf See, hat das Training einige Teilnehmer an ihre Grenzen gebracht – und alle zum Nachdenken.
Genau das sei ein Ziel des Kurses, betonte ein Ausbilder: die eigene Ausrüstung und Vorbereitung auf verschiedene Worst-Case-Szenarien zu hinterfragen. Vor allem wurde bei den Übungen auch klar, wie wichtig Kleinigkeiten sind – egal ob der Schrittgurt an der Rettungsweste, griffbereite Feuerlöschmittel oder passende Leckstopfen an den Seeventilen.
Mein persönliches Fazit: Eigentlich darf keine der geübten Notsituationen überhaupt erst eintreten. Gerade bei kleiner Crew nicht. Kein MOB, kein Fettbrand, keine unsanfte Kollision von Großbaum und Schädel. Gerade deshalb ist Prävention so unglaublich wichtig und der Kopf nach diesem Lehrgang voller Ideen, wie sie sich beim nächsten Törn noch weiter verbessern lässt. Außerdem hat das Winterwochenende zusammen mit anderen Seglern, spannenden Übungen und reichlich Input viel Spaß gemacht. Daher: unbedingt mal ausprobieren! Es gehört auf jede Bucketlist für Seesegler.
Die Reportage vom Training lesen Sie übrigens in einer der nächsten YACHT-Ausgaben und auf yacht.de – mit Informationen dazu, wo man selbst teilnehmen kann.
YACHT-Redakteurin
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