Liebe Leserinnen und Leser,
Als mein Kollege Lars Bolle Anfang der Woche über Segler schrieb, die sich mit Böllern gegen Orcas rüsten, war ich erst entsetzt und dachte nur: geht’s noch?! Die Kommentare zu dem Artikel bei Facebook und Instagram gingen – wie zu erwarten – in die gleiche Richtung. Eine verständliche erste Reaktion.
Bei genauerer Betrachtung kann ich aber auch Verständnis für die Crews aufbringen. Schließlich geht es ihnen um den Schutz ihres Bootes und die Unversehrtheit der Personen an Bord. Sicherlich sucht keine Crew gezielt den Kontakt mit Killerwalen. Ganz im Gegenteil: Auf der Webseite Orca Ibérica werden Warnstufen für betreffende Küstengebiete angezeigt, sodass sich ein Zusammentreffen von Yachten und Orcas möglichst vermeiden lässt. Zudem können Verhaltensregeln beachtet werden, die vorsehen die Segel zu bergen und unter Motor möglichst schnell in flache Küstengewässer zu verholen. Das wird aber vielleicht auch nicht immer eine Option sein, bedenkt man Tidenstrom und mögliche Legerwallsituationen.
Zudem soll ein Gerät namens Wal-PAL per Schallwellen unter Wasser Wale auf Distanz halten. Die Feuerwerkskörper sind dann nur die letzte Verteidigungslinie, wenn wirklich Gefahr für eine Havarie durch angreifende Wale besteht. Genau wie bei Crews, die nördlich des Polarkreises an Land gehen, etwa auf Spitzbergen und selbstverständlich ein Gewehr, für den Fall eines Eisbärangriffs dabeihaben. Klar kommt dann schnell die Grundsatzfrage auf, was Segler in solchen Revieren überhaupt zu suchen haben. Aber dann ist mir ein viel naheliegenderes Beispiel eingefallen, bei dem Tier und Fahrzeug unheilvoll zusammentreffen: Der Wildunfall.
Laut Deutschen Jagdverband kommen pro Jahr deutlich über 200.000 Paarhufer, also Rehe, Hirsche und Wildschweine unter die Räder. Dabei sind noch keine Katzen, Kaninchen und Waschbären mitgezählt. Jedes Jahr, direkt vor unserer Haustür, schrecklich! Maßnahmen dagegen sind spezielle Wildzäune, Reflektoren und Aufklärung der Verkehrsteilnehmer in der Dämmerung an Gefahrenstellen langsamer zu fahren. Teilweise sehe ich bei der Recherche zu diesen Zahlen sehr unschöne Bilder. Die armen Tiere! Dazu kommt aber noch, dass nicht nur Tiere bei den Unfällen zu Schaden kommen, sondern deutschlandweit jedes Jahr zwischen 2000 und 3000 Menschen verletzt werden. 500 bis 1000 schwer, 10 bis 20 sterben jedes Jahr bei Wildunfällen. Dennoch wäre es absurd zu fordern, einfach nicht mehr mit dem Auto zu fahren.
Jeder Fall ist eine Tragödie und es fühlt sich falsch an, Fallzahlen zu vergleichen. Dennoch sind die Zwischenfälle mit Orcas in absoluten Zahlen gering. Seit 2020 (erster dokumentierter Zwischenfall vor Cadiz) wurden über 800 Interaktionen zwischen Killerwal und Booten aufgezeichnet. Berechnungen zeigen, dass in dem am stärksten betroffenen Seegebiet vor der spanischen Küste etwa jedes 100. Boot von einem Orca berührt wird. Drei Yachten wurden bisher versenkt.
Dennoch ist die eins zu hundert Chance vor der spanischen Küste von Orcas angegriffen zu werden beängstigend und Segler sind gerne vorbereitet. Schließlich wird ein Großteil der Sicherheitsausrüstung für unwahrscheinlichere Szenarien mitgeführt. Bei Rettungsweste, Rettungsinsel und Signalmunition immer in der Hoffnung sie nie benutzen zu müssen. Da ist es nur verständlich, dass auch für Walangriffe Maßnahmen vorbereitet werden. Wenn dann Böller mit an Bord geschafft werden, ist beim deren Einsatz bestimmt auch ein Verletzungsrisiko für die Orcas gegeben. Deswegen sollten alle anderen möglichen Präventionsmaßnahmen vorher ergriffen werden. Zudem scheint mir in der vom Kollegen kolportierten Vorgehensweise, eine Schraubenmutter als Gewicht am Sprengsatz zu befestigen, extrem gefährlich. Schließlich könnte dieses Metallstück zum Schrapnell werden und die Verletzungsfahr für Mensch und Tier erhöhen.
Ich habe keine Statistik zu Unfällen mit Feuerwerk gesucht, die Bilder wären sicher noch schwerer verdaulich als die Recherche zu Wildunfällen. Allerdings ist das Risiko, sich auf einer schaukelnden Yacht beim Hantieren mit Feuerwerk zu verletzen sicher hoch. Deswegen kann von den Böllern nur abgeraten werden. Die meisten Wildunfälle ereignen sich übrigens im Frühjahr. Also aufpassen auf dem Weg ins Winterlager und zum Boot.
YACHT-Redakteur
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