Wenn Fallen und Schoten in die Jahre gekommen sind oder nach einem Segelupgrade reckärmere Ware gefordert ist, kommt die Dyneema-Faser ins Spiel. Hochfest, kaum Reck, UV-stabil, unempfindlich gegen Knicke und scheuerfest – das Material scheint wie für Segler gemacht. Doch leider sind nicht nur die Leistungsdaten der Faser beeindruckend, sondern auch die Preise. Hochleistungstauwerk kostet schnell zwischen 6 und 10 Euro pro Meter.
In der Erstausstattung von Großserienbooten kommt daher in der Regel nur wesentlich billigeres Polyester-Tauwerk zum Einsatz, und auch auf vielen älteren Fahrtenyachten finden sich keine Hochleistungsfasern. Die Ernüchterung folgt beim Segeln. Schon in der ersten Bö sackt das Vorliek durch, es bilden sich hässliche Falten. Doch damit nicht genug: Das Tuch ändert sein Profil. Es wird bauchiger, erzeugt mehr Krängung, Widerstand und Ruderdruck – Eigenschaften, die das Boot bremsen und das Steuern unkomfortabel werden lassen. Mit der Fallwinsch lässt sich der ursprüngliche Trimm wiederherstellen, aber nur für kurze Zeit, bis die Leine erneut nachgibt.
Also doch tief in die Tasche greifen und Edelstrippen kaufen? Damit wäre das Problem gelöst, im Grunde aber auch mit Kanonen auf Spatzen geschossen.
Hochleistungstauwerk besitzt wesentlich höhere Bruchlasten, als auf Fahrtenbooten nötig ist. 10-Millimeter-Fallen halten gut und gerne 5 Tonnen aus. An sich eine gute Sache, denn dadurch kann man den Durchmesser der Leinen verringern. Theoretisch würde ein 6-Millimeter-Dyneema-Großfall für eine 10 Meter lange Yacht genügen.
In der Praxis stößt das aber an Grenzen, denn die dünneren Seile lassen sich von Hand schlecht bedienen. Vor allem aber rutschen sie durch die Fallenstopper. Wer also nicht gleich noch die Decksbeschläge umbauen will, wird bei 10er-Tauwerk bleiben und gut damit fahren.
Inzwischen bieten die Tauwerkshersteller auch eine Mittelklasse an. Das Ziel: ähnlich wenig Reck wie ein Hochleistungsseil, aber nur geringfügig teurer als Polyester. Am einfachsten lassen sich die Produktionskosten durch den Einsatz günstigerer Rohstoffe senken. Preistreiber ist vor allem die Dyneema-SK78-Faser.
Je nach Leine wird sie in der Mittelklasse durch ihre deutlich günstigere Schwester SK38 ersetzt, mit einer anderen Faser vermischt oder ihr Anteil im Seil durch einen zusätzlichen Zwischenmantel verringert. Die neueste Entwicklung ist die Abkehr vom Markenprodukt Dyneema, hin zu anderen UHMWPE-Fasern. Das Kürzel steht für Ultra-high-molecular-weight polyethylene und beschreibt die Materialfamilie, zu der auch Dyneema und Spectra gehören. Aufgrund des komplizierten Produktionsverfahrens hatten die beiden Markenprodukte bisher praktisch ein Monopol auf die Hochleistungsfasern. Inzwischen gibt es aber deutlich günstigere Alternativen, die an die Leistungsfähigkeit von Dyneema herankommen. Beispielsweise das Robtec genannte UHMWPE-Derivat des österreichische Herstellers Robline.
Für unseren Test war günstiges Fallenmaterial als Upgrade für eine mit Polyester ausgerüstete 10-Meter-Fahrtenyacht gefordert. Die zehn Testprodukte von Gleistein, Liros, Marlow, Maffioli und Robline teilen sich in zwei Gruppen auf: acht Leinen mit Polyestermantel und zwei Spezialseile, die günstige Kerne mit aufwendigen Mantelkonstruktionen kombinieren. Die robusteren Mäntel sollen die Belastungen im Fallenstopper besser verkraften, machen sich aber auch im Preis der Leinen deutlich bemerkbar.
Zwei der zehn Testprodukte setzen auf SK38-Kerne und zwei auf andere UHMWPE-Fasern, die übrigen Leinen nutzen SK78, entweder in Kombination mit einem Zwischenmantel oder als Mischung mit Polypropylen.
Gleisteins Schwestern Dynalite und Relite, die ebenfalls von Gleistein produzierten, aber nur über SVB verkauften Cruise XP sowie die Dynamic Color von Liros besitzen einen Zwischenmantel aus rauer Polyester-Stapelfaser. Dieser füllt das Seil und reduziert so den Anteil an teurer Dyneema-Faser, gleichzeitig verbessert das Zusatzgeflecht den Kraftschluss zwischen Kern und Mantel.
Beim Umstieg auf ein reckarmes Tauwerk werden die Fallenstopper oft zum Problem.
In den Klemmen wird nur das äußere Geflecht auf einer vergleichsweise kleinen Fläche gehalten. Im Polyesterseil ist das kein Problem, da Mantel und Kern die Last gemeinsam tragen. Im Dyneema-Fall übernimmt der dehnungsarme Kern die Arbeit. Beginnt der Kern im Mantel zu rutschen, wird das Außengeflecht überlastet und reißt.
Liros schickt zudem die neue Speed Vision mit einer Mischung aus SK78 und Polypropylen ins Rennen. Dadurch sinkt der Dyneema-Anteil noch weiter, was sich in der geringeren Bruchlast und dem Preis der Leine bemerkbar macht. Im Test sowie in der Praxis ist das jedoch irrelevant, da alle Bruchlasten deutlich über denen von Polyester liegen und zudem nur mit 10 Prozent in die Wertung eingehen.
Die Beimischung von Polypropylen kommt auch bei der Easy Cruise von Maffioli, der D2 Club von Marlow und der Sirius XTS von Robline zum Einsatz. Die PP-Faser hat einen ähnlichen Effekt wie ein Zusatzgeflecht und verbessert ebenfalls den Kraftschluss zwischen Kern und Mantel.
Bei Hochleistungstauwerk wird statt des Zwischenmantels oft eine Polyurethan-Beschichtung verwendet, um einen möglichst dicken Kern aus dem tragenden Dyneema-Material unterzubringen und trotz der seifigen Fasern die nötige Reibung zu erreichen. Im Test sind nur die D2 Club und die Globe Pro mit einem beschichteten Kern bestückt.
Um zu prüfen, wie sich die Leinen im Stopper verhalten, haben wir sie in einer Spinlock-XTS-Klemme für 6 bis 10 Millimeter Durchmesser getestet. Das Modell gehört zu den meistverkauften und ist auf vielen Großserienbooten zu finden. Die Prüfung mit 500 Dekanewton verlief ohne auffälligen Verschleiß, was für den Mantel und die Kraftübertragung spricht. Bei 700 Dekanewton trennte sich die Spreu vom Weizen und nur drei der zehn Leinen fanden Halt. Die übrigen rutschten kontinuierlich durch die Klemme, wobei das Mantelgeflecht unterschiedlich stark beschädigt wurde. Positiv hierbei: Im Gegensatz zu unseren älteren Tests brach der Mantel bei keiner der Leinen.
Theoretisch sollten die speziell für die Spinlock-Klemme optimierte Sirius XTS und die Jammer Twin im Fallenstopper deutlich überlegen sein, da der Technora-Anteil im Mantel für höhere Bruchlast, mehr Reibung und erhöhte Abriebfestigkeit sorgt.
In unseren Messwerten konnten wir das nicht sehen, die beiden Leinen rutschten bei 700 Dekanewton Zug ebenfalls durch, die Mantelgeflechte zeigten aber deutlich weniger Bissspuren als die Polyestermäntel der anderen Leinen. Erfahrungsgemäß nimmt die Griffigkeit von Technora mit der Dauer der Anwendung zu, da die Fasern erst aufgeraut werden müssen. Die drei Testversuche genügten nicht, um diesen Effekt zu erzeugen, die Technora-Leinen haben sich damit unter Wert verkauft.
Bei der für Fallentauwerk entscheidenden Dehnungsmessung punkten alle Leinen.
Dabei wurde auch deutlich, dass es sich hauptsächlich um eine Fasereigenschaft handelt, denn Absolutwerte und die Varianz fallen trotz der abweichenden Seilkonstruktionen sehr gering aus. Auffällig ist aber die extrem geringe Dehnung der Globe Pro. Die Leine besitzt gewichtsmäßig den zweithöchsten Faseranteil im Kern und das eingesetzte UHMWPE scheint Dyneema SK38 und SK78 in Sachen Bruchlast und Dehnung überlegen zu sein.
Neben der Arbeits- und Bruchdehnung haben wir im Bereich oberhalb von 400 Dekanewton auch die Zunahme des Recks pro 100 Dekanewton Lastzuwachs bestimmt. Damit lässt sich erkennen, wie das Fall beim Setzen des Segels nachgibt und wie stark sich der Trimm in Böen verändert. Daher fließt der Wert zusammen mit der Arbeitsdehnung in die Bewertung ein.
Ein gutes Beispiel ist die Speed Vision von Liros: Mit 1,5 Prozent dehnt das Seil bei 800 Dekanewton stärker als die Konkurrenz. Gleichzeitig nimmt der Reck oberhalb von 400 Dekanewton aber nur um 0,15 Prozent pro 100 Dekanewton zu. Das heißt: Einmal getrimmt, verändert sich die Fallspannung kaum noch.
Plastischer lassen sich die Auswirkungen im Bordalltag demonstrieren: Bei einer Yacht mit 13 Meter Masthöhe stecken bei gesetztem Groß etwa 15 Meter Leine zwischen Fallenstopper und Kopfbrett. 1,5 Prozent Reck bedeuten, dass beim Setzen 23 Zentimeter mehr Seil durchgeholt werden müssen, um die Sollspannung zu erreichen. Bei zusätzlichem Winddruck nimmt die Dehnung dann aber nur noch um 0,15 Prozent zu, das Fall sackt also gerade einmal 2 Zentimeter durch.
Die übrigen Leinen verhalten sich im Prinzip identisch. Sie besitzen zwar eine noch etwas geringere Arbeitsdehnung, im trimmrelevanten Bereich gehen die Unterschiede aber gegen null. Die Abweichungen sind so gering, dass sie in der Praxis kaum merk- oder messbar sein dürften. Zwischen der Globe Pro und der Cruise XP liegen gerade mal 1,5 Zentimeter Längenänderung.
Zum Vergleich: Bei einem hochwertigen Polyester-Tauwerk wie dem T90 von Maffioli wären es schon 7,5 Zentimeter. Günstige Erstausrüster-Qualitäten dehnen oft noch deutlich mehr. Damit ist jeder Trimm dahin, und es wird klar, wie überlegen die Test-Leinen gegenüber Polyester-Produkten sind.
Die Leistung der Seile stimmt, die offensichtliche Frage nach dem angemessenen Preis lässt sich indes nicht so leicht beantworten. Die geringsten Kosten pro Meter fallen bei der Cruise XP von Gleistein/SVB an. 4,30 Euro pro Meter sind sehr nahe am Preis eines Polyester-Seils, das in der hochwertigen Ausführung zwischen 3,00 und 3,50 Euro kosten würde.
Ebenfalls günstig sind die Speed Vision von Liros und die Dynalite von Gleistein mit 4,90 beziehungsweise 4,95 Euro – sie bieten ebenfalls ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Für noch einmal 5 Cent mehr pro Meter bekommt man die Relite, die technisch fast mit der Dynalite identisch ist, aber einen Mantel aus recyceltem Polyester besitzt und so weniger fossile Rohstoffe verbraucht.
Bei der Easy Cruise für 6,35 Euro pro Meter oder der D2 Club von Marlow für 7,30 Euro fällt die Argumentation schon schwerer. Es sind keine schlechten Produkte, doch der Preis scheint kaum gerechtfertigt, zumal sie bezüglich Dehnung und Bruchlast locker von der günstigeren Globe Pro geschlagen werden. Zu diesem Tarif kann man mit etwas Glück auch eine Hochleistungsleine aus SK78 ordern. Beispielsweise die Racer von Liros. Das Produkt findet man im Versandhandel für knapp 6,00 Euro pro Meter. Die höhere Bruchlast ist zwar nicht nötig, schadet aber auch nicht.
Jammer Twin und Sirius XTS fallen bei der Preisbetrachtung etwas heraus. Das Mantelgeflecht treibt den Preis nach oben, sollte den Verschleiß im Fallenstopper aber auch deutlich verringern. Über ihre längere Lebensdauer können sie dadurch günstiger werden als die Wettbewerber. Im Test konnten wir das naturgemäß nicht überprüfen.
Nach Punkten schneiden die Cruise XP und die Dynamic Color am besten ab, angesichts der sehr ähnlichen Eigenschaften fällt es schwer, einen Sieger zu küren. Wirklich danebengreifen kann man mit keinem der getesteten Produkte. Und der Unterschied zu Polyester-Tauwerk ist in jedem Fall deutlich spürbar.
Ist günstiges Mittelklasse-Tauwerk für Fahrtensegler der eigentliche Sweet Spot und teures Hochleistungstauwerk oft übertrieben? Schreiben Sie Ihre Erfahrungen mit Fallen, Stoppern und reckarmen Leinen in die Kommentare.

Redakteur Test & Technik
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.