BrancheBoote bald unbezahlbar wegen Gaspreiserhöhung?

Jochen Rieker

, Michael Good

, Michael Rinck

, Lars Bolle

 · 05.09.2022

Branche: Boote bald unbezahlbar wegen Gaspreiserhöhung?Foto: Bavaria Yachtbau GmbH
Fertigungshalle bei Bavaria

Auch die Bootsindustrie ist von den steigenden Gaspreisen betroffen. Wir haben uns umgehört, wie die Betriebe sich vorbereitet haben und wie teuer Segeln künftig wird

Die Entwicklung der Gaspreise ist für private Haushalte wie auch für die Industrie die große Unbekannte für den kommenden Winter. Dass die Preise weiter steigen werden, davon geht jeder aus. Was das aber bedeutet, kann noch niemand genau vorhersagen. Das betrifft auch die Bootsindustrie. Können bei Gasknappheit und Rationierung überhaupt noch Boote oder Zubehörteile produziert werden? Wie wird sich das auf die ohnehin schon langen Lieferzeiten auswirken? Und wie auf die Preise? Wir haben uns stichprobenartig in der Branche umgehört.

Verlagssonderveröffentlichung

Hanseyachts

Die Produktion in Greifswald ist vergleichsweise gut aufgestellt.

Das sagt Andy Unger, Produktmanager bei Hanseyachts. Die Werft in Greifswald betreibe ein eigenes Blockheizkraftwerk, in dem die Abfälle der Tischlerei zur Wärmegewinnung verfeuert würden. „Das deckt einen großen, aber im Winter nicht den ganzen Heizbedarf. Deshalb wird bisher mit Gas zugeheizt“, so Unger.

Sollte es zu einer Rationierung kommen und nur noch systemkritische Unternehmen beliefert werden, greife als Notfallplanung die Konzentration der gesamten Fertigung auf die große Halle. „In dieser können, wenn nötig, alle Modelle produziert werden, nur nicht die Hanse 675. Allerdings käme es dann zu längeren Lieferzeiten, weil die Kapazität sinken würde.“

Die Umstellung bekämen die Greifswalder an einem Wochenende hin, wenn es sein müsste. „Das haben wir im Sommer bereits geübt, als Modernisierungsarbeiten anstanden.“

Hanseyachts decke einen Großteil des Strombedarfs inzwischen über Solarmodule auf den Dächern der Fertigungshallen. In diesem Bereich seien sie also relativ unempfindlich, obwohl der Fremdenergiebedarf im Winter natürlich höher sei aufgrund der langen Dunkelphasen.

„Insgesamt sehen wir den Entwicklungen deshalb einigermaßen gelassen entgegen“, so Unger. „Die Kollegen in der GFK-Produktion in Polen sind noch weitaus entspannter – dort rechnet niemand ernsthaft mit einer Verknappung von Gas oder Strom.“


Bavaria

Ähnlich sieht es bei Bavaria in Giebelstadt aus. „Wir heizen, Winfried Herrmann sei Dank, bereits seit mehr als zehn Jahren mit Holz, also mit Verschnittresten und Spänen aus der Fertigung“, sagt Sprecher Marcus Schlichting. Nur im Winter müsse die Heizleistung mit Gas gestützt werden. Derzeit liefen Überlegungen, entweder Pellets zuzukaufen, was aber deren Lagerung voraussetzen würde, oder Flüssiggastanks auf dem Freigelände als Puffer errichten zu lassen. Hierzu seien aber noch keine Entscheidungen getroffen.

Um den Strombedarf zu senken, haben wir im Sommer begonnen, die gesamte Beleuchtung auf LED umzustellen. Das bringt eine erhebliche Einsparung. Dieses Projekt wird im September abgeschlossen sein.

Sailart

Kurzfristig vorgesorgt hat Frank Störkle, Hersteller der Sailart-Yachten in Erftstadt. „Wir haben im Moment noch keine großen Auswirkungen, da wir für den Fertigungsbetrieb noch einen Gas-Vertrag bis Oktober 2023 haben. „Wenn wir den aktuellen Gaspreis bezahlen müssten, würde sich jedes Boot im Winter um etwa 2.000 Euro verteuern.“

Das bereitet uns für die kommende Zeit bereits ernsthafte Sorgen.

Yachtsport Eckernförde

Auch Thomas Nielsen, Inhaber des Service- und Handelsbetriebes Yachtsport Eckernförde sowie Inhaber von Saare Yachts in Estland, sieht Handlungsbedarf. „In Estland in der Werft steigen die Stromkosten ins Unermessliche. Die Folge ist eine dramatische Inflation um 20 Prozent beim bislang wirtschaftlichen Musterland“, sagt Nielsen.

„Wir haben bereits vor zwei Jahren die Beleuchtung in den Produktionshallen komplett auf LED umgestellt und achten massiv auf einen minimalen Stromverbrauch.“ Auch über eine Photovoltaikanlage werde nachgedacht. „Die würde im Sommerhalbjahr sicher massiv helfen, in der Winterzeit leider praktisch gar nicht.“ Der Gaspreis sei direkt kein Thema, da in Estland mit Holz geheizt werde.

In Eckernförde dagegen wird mit Gas geheizt. „Eine Alternative dazu gibt es für uns in den Bestandsgebäuden leider nicht.“ Im September würde jedoch eine neue, bessere und wirtschaftlichere Heizung installiert.

Außerdem werde an einer Lösung mit Photovoltaik gearbeitet, insbesondere für den Betrieb der Duschen im Hafen sei das die perfekte Lösung. Auch die umfangreiche Beleuchtung im großen Ladengeschäft ließe sich damit gut arrangieren. „Aufgrund des Umgebungsschutzes Denkmal hier am Hafen ist die Sache aber zäh. Wir brauchen eine Baugenehmigung, das zieht sich hin“, so Nielsen. In jedem Fall würden aber alle Kosten und Gebühren für die Kunden steigen.

Die Winterlagerhallen seien nicht beheizt. „Das ist aus unserer Sicht völlig unzeitgemäß. Wie kann es richtig sein, Yachten in beheizte Räume zu stellen, wenn wahrscheinlich viele Privathaushalte sich kein warmes Wohnzimmer mehr leisten können und wir alle Gas sparen sollen.“

Die Zeiten beheizbarer Winterlagerhallen sind vorbei!

Gründl Bootsimport

Auch für Dirk Gründl, Gründl Bootsimport in Bönningstedt und Betreiber großer Ausstellungshallen, könnten diese zum Problem werden. Man wolle „sparsamer und kontrollierter in den Bereichen agieren, die in Verbindung mit der Gasknappheit stehen werden“. Die Hallen würden jedoch mit Heizöl beheizt. „In der Herbst-/Winter-Periode werden wir gezielt darauf achten, welche Bereiche tatsächlich geheizt werden müssen. Wir haben keinen Werftbetrieb und wir haben auch keine Winterlager-Kunden, deren Schiffe sich in unseren Ausstellungshallen befinden werden.“ Auch seine Kunden müssten sich aber auf Preiserhöhungen einstellen. „Diese wurden uns in sämtlichen Bereichen, von Werften, von Zubehör-Lieferanten und Herstellern, bereits übermittelt oder für die kommende Zeit angekündigt.“

Wir werden diese Preissteigerungen an den Endverbraucher weitergeben müssen.

Ultramarin

Kein Problem mit einem beheizten Winterlager hat man dagegen im Ultramarin Wassersportzentrum in Kressbronn am Bodensee. „Wir haben Photovoltaikanlagen auf vielen Gebäuden“, sagt Sonja Meichle von der Geschäftsleitung. „In der Toilettenanlage, die das ganze Jahr über offen ist, werden Wasser und Heizung bereits mittels Solar und einer Wärmepumpe generiert.“ Der Fachmarkt für Bootszubehör werde im Sommer über das Grundwasser gekühlt, auch dessen Heizung soll künftig mittels Grundwasser betreiben werden.

Somit sind wir weitgehend autark und decken unseren Bedarf mittels erneuerbarer Energien.

Gas spiele bei Ultramarin deshalb keine große Rolle. Die Winterlagerhalle würde durch Photovoltaik und Wärmepumpe geheizt. „Sicherlich müssen wir uns Gedanken machen, wie wir den Stromverbrauch der Liegeplatzinhaber abrechnen. Bisher zahlen diese eine Pauschale. Hier überlegen wir, die Abrechnung bedarfsgenau einzuführen.“


Dimension Polyant

Das Damoklesschwert aufgrund von weiter steigenden Preisen für Energie und Rohstoffe wird uns treffen, das ist sicher.

Sagt Uwe Stein, Geschäftsführer des Segeltuchherstellers Dimension Polyant in Kempen. „Existenziell habe ich keine Angst. Aber lustig ist das alles nicht.“ Es werde zwar sehr wahrscheinlich eine Verlagerung der Nachfrage geben. „Bei den preissensibleren Zielgruppen wie den Kitern merken wir schon eine Abkühlung.“ Aber im Yachtmarkt seien die Hersteller noch voll ausgelastet, und im Chartermarkt bestehe noch ein Nachholbedarf; da werde sich die aktuelle Situation erst in drei, vier Jahren bemerkbar machen.

„Falls es zu Lieferproblemen bei Gas kommen sollte, haben wir unsere Pläne fertig“, so Stein. „Wir können unseren Gasbedarf im Winter um 50 Prozent drücken. Wir können Maschinen wechselweise betreiben. Wir können die Produkte in unserem Portfolio priorisieren, bei denen die Margen am höchsten sind.“

Echte Alternativen zu Gas gebe es jedoch nicht ohne zwei bis drei Jahre Vorlauf. „Wir haben einen Durchlauferhitzer bestellt, der mit Strom arbeitet. Das verteuert den Betrieb natürlich auch. Aber noch teurer wäre ein Stillstand.“

Von einer Rationierung der Gaslieferungen sieht Stein sich vorerst nicht betroffen. „Keine Frage: Wir sind nicht systemrelevant. Da machen wir uns keine Illusionen. Aber wir sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor am Standort und ein großer Arbeitgeber. Bevor man uns den Hahn ganz zudreht, muss viel passieren.“ Doch selbst wenn es keinen Engpass bei der Gasversorgung geben sollte: Allein die Verteuerung bei den Stromgebühren wird den Betrieb nächstes Jahr rund eine Million Euro an Mehraufwand kosten.

Was Stein auch beschäftigt: „‘Grüne‘ Segeltuche fallen in der aktuellen Entwicklung unter den Tisch. Die sind nicht so gefragt, wenn die Kosten steigen. Das sind Nebeneffekte, die uns in dem Bemühen, wirklich nachhaltige Produkte anzubieten, um zwei bis drei Jahre zurückwerfen werden.“

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