Die erste Einheit der Grand Soleil Plus 80 LC ist keine private Eigneryacht im klassischen Sinn. Der Italiener Marco Pastorino betreibt „Bianca II" im professionellen Charterbetrieb unter der Marke „Sail with Bianca" (Bianca ist seine Tochter, nach der das Boot benannt ist). Pastorino war bereits Grand-Soleil-Kunde, segelte zuvor eine Grand Soleil 72, ebenfalls im Charterbetrieb, und kommt mit einem schifffahrtsnahen Hintergrund, konkret aus dem Kreuzfahrtgeschäft. Zur Werft ging er nach eigenen Angaben direkt, ohne Makler. „Wir haben die Menschen bei Grand Soleil kennengelernt und hatten sofort ein gutes Gefühl", sagt er. Eine Vertrauensentscheidung pro Werft also, keine reine Modellwahl.
Aus der Erfahrung mit der 72er entstand ein klares Anforderungsprofil für die 80er: mehr Kojen, ein echter Crewbereich mit eigenem Zugang und ein Boot, das Gästen Komfort bietet, ohne das Segeln zur Nebensache zu machen. „Die 72er hatte im Charterbetrieb zu wenig Kojen und keinen ausreichend getrennten Crewbereich", sagt Pastorino. Er wollte außerdem einen Teleskopkiel, weil seine Gäste möglichst nah an Strände und Buchten kommen sollen. Er wollte Hybridantrieb, weil nachts kein Generator laufen soll. Er wollte keine Tendergarage, lieber zusätzliche Kühlkapazität und einen Waschtrockner. „Bianca II" ist deshalb nicht das Standardboot der Baureihe, sondern das erste Bild davon, was die Werft mit der Plus-Linie bieten will. Eine Plattform, auf der Eigner in gewissen Grenzen, aber doch mit viel Freiheit ihre Wünsche umsetzen können.
Über sehr breite Stufen (eigentlich mehr Treppe als klassischer Niedergang) geht es ins Innere. Positives Detail: Am Kajütdach sind Handläufe angebracht. Diese werden auch dringend benötigt, zumindest bei starken Bootsbewegungen. Denn wegen der enormen Breite, von der der Salon in puncto Lebensraum profitiert, gäbe es ohne Handläufe sehr lange Sturzstrecken.
Der Salonbereich ist groß, aufgeräumt und klar in den Linien. Die Ausstattung ist hell, elegant, maritim, aber nicht überzogen, fast schon nüchtern (wobei das im Auge des Betrachters liegt). Backbord ein Loungebereich mit L-Sofa und Fußhockern, die auch als kleine Tische genutzt werden können. Steuerbord ein Sitzbereich mit fast schon einer Tafel, L-Sofa und Stühlen. Die umlaufende Frontscheibe, das Schiebeluk und das große Kajütdach sorgen für enorm viel Licht und nahezu 270 Grad Rundumsicht. Zusätzlich schaffen Rumpffenster eine ganz eigene Atmosphäre. Insgesamt wirkt das tatsächlich eher wie ein Wohnzimmer, ein bisschen Studio, als wie ein klassischer Yachtsalon.
Neben dem Niedergang an Steuerbord führt ein Durchgang nach achtern. Auf diesem Weg liegt eine der Gästekabinen mit eigenem Bad; je nach Konfiguration kann in dieser noch eine als Seekoje verstellbare Hängekoje installiert sein. Durch diesen Gang erreicht man den achteren Bereich des Bootes, der klar für Navigation und Pantry reserviert ist. Das Schiff ist damit konsequent in Lebensbereich und Navigations- beziehungsweise Pantrybereich aufgeteilt. Jemand, der für die Gäste kocht, findet hier eine Pantry mit Komplettausstattung wie eine Küche an Land: vertikale Miele-Kühl-/Gefrierkombination, Frigonautica-Truhenfreezer, vierflammiges Induktionskochfeld mit Ofen und Mikrowelle, Elica-Dunstabzug, Miele-Geschirrspüler, Espressomaschine und Waschtrockner. Große Edelstahlflächen dominieren. Die Pantry hat einen eigenen Niedergang ins Cockpit. Der Skipper kann von hier aus navigieren, ohne den Gästebereich zu passieren. Die Gäste können sich, wenn sie möchten, einfach als Gäste fühlen. Man sieht die Crew nicht bei der Arbeit, wenn man es nicht will. So ist, wenn gewünscht, maximale Privatsphäre möglich.
Vorn liegt die Eignerkabine: großes King-Size-Bett, eigenes Bad, kleiner Schreibtisch, genug Ablageflächen, Stehhöhe von mindestens zwei Metern überall. Das ist ein Apartment, eine kleine Suite, sehr einladend, aber auch erwartbar bei der Bootsgröße. Dasselbe gilt für die weiteren Gästekabinen. Großes Doppelbett oder geteilte Kojen, luftiges Platzangebot, niemand muss übereinander klettern oder kämpft mit eingeschränkter Höhe. Jeder hat im Grunde sein eigenes Hotelzimmer mit eigenem Bad. „Bianca II" ist mit vier Gästekabinen und einer Crewkabine ausgestattet; alternativ ist ein Layout mit zwei Crewkabinen möglich, eine davon unter der Segellast.
Die Elektronik ist umfangreich und nicht nur am Kartentisch konzentriert: B&G-H5000-System, NAVICO-Monitoring und Domotik, zwei Zeus-10-Zoll-Plotter an den Steuerkonsolen, Zeus-12-Zoll-Plotter am Kartentisch, zwei Nemesis-12-Zoll-Mastdisplays mit Carbonhalterung, Radar, AIS, hydraulischer Autopilot und Bord-WLAN. Selbst der 50-Zoll-Fernseher im Salon kann B&G-Daten spiegeln.
Manche Ausstattungsdetails machen die Dimension des Bootes greifbarer als die Länge: 63-Kilogramm-Anker, 100 Meter 12-mm-Kette, Festmacher mit 26 Millimetern Durchmesser, zehn große Fender.
Die Grand Soleil 80 ist mit einer Torqeedo-Hybridplattform ausgestattet, die Antrieb und Hotel-Lasten integriert. Zwei Batteriepakete mit je 40 Kilowattstunden versorgen den elektrischen Antrieb und über Konverter und Inverter die Bordverbraucher. In der Langfahrtkonfiguration stehen zwei 45-Kilowatt-Generatoren zur Verfügung, außerdem ein Buffer-Batteriepack für wichtige Borddienste. Im Hafen war der Elektroantrieb tatsächlich nicht zu hören. Kein Surren oder Sirren, nichts.
Diese Ruhe war für Pastorino ein Hauptgrund für die Hybridausstattung. Nachts brauche man wegen der großen Batterien keinen laufenden Generator, es gebe keine Vibrationen, keine Geräusche. „Für Chartergäste, die dafür bezahlen, ist der Unterschied zwischen Generatorbrummen und stiller Nacht erheblich." Der Hybridantrieb ist damit kein Öko-Label, sondern ein Charterargument.
Die Grand Soleil Plus 80 LC ist kein Boot für Puristen. Wer Segeln vor allem mit Handarbeit verbindet, mit der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem, was die Natur bereithält, wird an Bord vieles zu elektrisch, zu hydraulisch, zu indirekt finden. Die Winschkurbeln in der Tasche sind dafür das passende Bild.
Die Technik sorgt jedoch dafür, dass die Bootsgröße beherrschbar bleibt. Hydraulik und Elektrik bewältigen, was sonst Körperkraft verlangen würde, enorme Kraft teilweise. Bereiche sind klar getrennt. Die Crew bekommt eigene Wege, die Gäste eigene Räume. Unter Segeln sorgt die Länge für Ruhe, die Doppelruderanlage für leichte Steuerung, das Deckslayout für Ordnung.
„Bianca II" zeigt, dass Cantiere del Pardo die Plus-Linie gezielt in Richtung Modifikation auf Eignerwunsch ausbaut. Für Langfahrt, Charter oder Regattaeinsatz ist das Boot gleichermaßen gerüstet.
Wer die GS 80 chartern möchte, kann das. Je nach Geldbeutel. Der Grundpreis liegt laut Pastorino saisonabhängig zwischen rund 35.000 und 48.000 Euro - pro Woche, zuzüglich persönlicher Ausgaben und Mehrwertsteuer je nach Fahrtgebiet. „Bianca II" war für den Sommer 2026 früh fast ausgebucht, aktuell ist bis Ende September nur noch eine Woche frei, ab Oktober wird der Belegungsplan leerer.
Die Kundschaft reicht vom Paar, das das ganze Boot für sich allein nutzt, bis zu Familiengruppen für mehrere Wochen, sagt Pastorino. Stammkunden würden dabei eine wichtige Rolle spielen.
Der Basispreis der Grand Soleil Plus 80 LC liegt bei 5,9 Millionen Euro zuzüglich Mehrwertsteuer. Die besondere Ausstattung der „Bianca II" ist darin nicht eingerechnet.
5,9 Millionen Euro Kaufpreis, 48.000 Euro pro Charterwoche, trotzdem fast ausgebucht: Würdet ihr für Stille, Platz und Crewservice auch zahlen, einen großen Geldbeutel vorausgesetzt, oder wäre das für euch selbst dann keine Art zu segeln? Kommentiert!

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