Die XR 41 bleibt nach Neukalibrierung der Handicap-Berechnung für die Saison 2026 siegfähig. Damit nimmt der Verband Druck aus der Kontroverse um Unschärfen in der ORC-Formel.
Am Donnerstagabend hat die Generalversammlung des Offshore Racing Congress (ORC) einstimmig einem überarbeiteten Vorschlag für die Neuberechnung der Geschwindigkeitsprognosedaten zugestimmt. Diese VPP-Daten bilden die Grundlage für die ORC-Ratings in der neuen Regattasaison. Der Beschluss war in einer außerordentlichen Sitzung getroffen worden. Bisher drang darüber noch nichts an die Öffentlichkeit. Konstrukteure, Verbandsfunktionäre und Werftvertreter haben gegenüber YACHT online aber übereinstimmend bestätigt, dass der Vermessungsstreit zwischen X-Yachts und dem ORC, über den wir ausführlich berichtet hatten, damit beendet ist.
Schon im Dezember hat das Internationale Technische Komitee des ORC, kurz ITC, damit begonnen, die Berechnung der Handicaps zu überarbeiten, die mit Hilfe Neuronaler Netze erfolgt. Der Grund: Moderne Konstruktionen mit voll gleitfähigen Rümpfen, wie etwa die bei der ORC-WM in Estland vorigen Sommer siegreiche Xr 41, sind in ihrem Leistungsvermögen nicht korrekt erfasst worden.
Statt nachvollziehbarer Werte lieferte der Algorithmus „Halluzinationen“, wie ITC-Mitglied und Konstrukteur Jason Ker einräumte. Deshalb führte das Komitee nach Analyse der WM-Ergebnisse Korrekturen ein, die zwar einigermaßen plausibel hergeleitet wurden, allerdings außerhalb der eigentlichen Formel. Das Verfahren erinnerte mehr an eine bei Yardstick übliche Pi-mal-Daumen-Bestrafung, als dass es der vom ORC selbst als „wissenschaftlich“ gerühmten Datenbasis entsprach. Dagegen protestierte X-Yachts und bot an, bei der Überarbeitung der Formel mitzuhelfen.
Zweifel an der Nachvollziehbarkeit der KI-gestützten Berechnung hatte es schon nach deren Modifizierung vor drei Jahren gegeben; damals wurden sie vom ORC schlichtweg ignoriert. Diesmal aber war der Druck weitaus größer, weil eine renommierte Werft involviert war und eine mit großem Aufwand propagierte Neuentwicklung in Form der XR 41, die den Regattasport für Crews wie Zuschauer spürbar attraktiver zu machen versprach.
Für den ORC stand nicht weniger als die Glaubwürdigkeit seiner Formel wie auch seiner Transparenz auf dem Spiel. Deshalb trainierte und validierte das ITC die Neuronalen Netze Ende vorigen Jahres mit neuen Daten insbesondere moderner Offshore Racer mit volleren Bugsektionen. In seiner Beschlussvorlage für das ORC-Meeting schrieb das ITC: „Diese Arbeit, die tausend weitere Computeranalysen zur Strömungsmechanik an einer Vielzahl von Rumpfformen umfasste, zeigte, welche VPP-Änderungen letztendlich erforderlich wären, um diese neuen Konstruktionen angemessen zu bewerten.“
Das ITC schlug daher am 28. Januar ein anderes Verfahren zur Kappung der Leistungswerte vor, als das ursprünglich im Herbst beschlossene. Es basiert auf der Froude’schen Zahl, einem dimensionslosen Widerstandswert in Abhängigkeit von Geschwindigkeit und Rumpflänge. Was genau die Techniker zu diesem Wechsel veranlasst hat und wie die Berechnungsmethode im Detail aussieht, soll in Kürze in der VPP-Dokumentation für 2026 auf der Homepage des Verbands (orc.org) veröffentlicht werden.
X-Yachts Hauskonstrukteur Tobias Merkel hatte zwar ein anderes Verfahren vorgeschlagen, mit einem anderen Parameter zur Berechnung, war damit aber nicht durchgedrungen. Zu sehr hatte sich das ITC bereits festgelegt. Die Werft kann mit dem Ergebnis der Neuberechnung dennoch zufrieden sein. Im All Purpose Handicap (APH) sollte die Weltmeisteryacht vom Typ XR 41 ursprünglich um 10 Sekunden pro Seemeile schneller vermessen werden – ein kaum egalisierbarer Malus. Dann wurde der Korrekturwert auf 8 Sekunden verringert, schließlich auf 7,4 sec/nm. Nach Tobias Merkels letzter Intervention während der boot Düsseldorf reduzierte das ITC nach erneuter Begutachtung die „Strafe“ inzwischen auf nur noch 4,6 sec/nm – weniger als die Hälfte des im Herbst beschlossenen Wertes.
Das Verblüffende: Raumschots bei mehr Wind, wenn die XR 41 locker 15 bis 18 Knoten schnell segelt und ihre Konkurrenten um Längen distanziert, wird sie in ihrem Rating weniger stark bestraft als bei moderaten Bedingungen am Wind. Es bleibt also noch Raum für weitere Verbesserungen in der Formel. Das ITC hat für nächstes Jahr bereits selbst angekündigt, noch einmal nacharbeiten zu wollen. In seiner Beschlussvorlage heißt es wörtlich: „Das ITC unterstützt diesen neuen Vorschlag für 2026 nachdrücklich. Es handelt sich um einen abgestimmten Schritt in Richtung 2027, wenn das ORCi VPP in der Lage sein wird, moderne Konstruktionen, einschließlich der vollständig auf Offshore-Einsätze ausgerichteten Scow-Bow-Designs, angemessen zu raten.“