Schon klar, das Schiff würde wohl besser nach Venedig passen. Denn Venedig ist ja eigentlich bereits eine Abkehr vom Land, eine Zwischenstation auf dem Weg ins Wasser.“ Das sagte der Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928–2000) über die Stadt mit ihren Lagunen. Sozusagen eine Insel außerhalb des Festlands sei sie, ein Ort, an dem die Reise schon begonnen hat.
Und sein Schiff, die „Regentag“, ist ja umgekehrt auch nicht ganz im Meer. Freilich, die „Regentag“ überquerte einst das Mittelmeer, den Atlantik und den Pazifik bis Neuseeland. Aber vor allem dort ist sie für Hundertwasser auch wieder Schreibkate, Rückzugshütte vor seinem Anwesen. Sie ging dort einmal auf Grund, suchte also auch dort Land. Und das Schiff ging überhaupt so oft aufs Trockene, dass es mehr einer Amphibie gleicht als einem Boot. Immerhin, heute liegt der Zweimaster im österreichischen Tulln im Donauwasser, aber recht stark ans Land gebunden. Denn von dort kommt das Schiff mit gestellten Masten in keine der beiden Richtungen weiter als zwei Kilometer. Wir wollten es 2018 besuchen.
Damals schrieb uns Andrea Fürst, Archivarin der Hundertwasser-Stiftung in Wien, das Schiff müsse wohl zunächst in die Werft. Seit 1992 betreut sie Hundertwassers künstlerisches Erbe: Originalwerke, Grafik-Objekte, persönliche Dokumente seines Lebens, Zeugnisse seiner Aktivitäten. Weiter gibt es 17 Briefmarkenausgaben, von Hundertwasser gestaltet – und eben ein Hundertwasser-Schiff, die „Regentag“. Wenn das Schiff wieder in Schuss sei, schrieb sie, könne man gerne kommen. Doch die Arbeiten würden wohl erst im Frühjahr 2019 abgeschlossen sein.
Welch Trugschluss. Einundsechzig E-Mails folgten über die Jahre. Fast jede berichtete von neuen Aufgaben für den Bootsbauer, den die Stiftung beauftragt hatte. Tobias van Kooij ist jener Bootsbauer. Er lernte die „Regentag“ aber erst lieben, während er an ihr arbeitete. Denn bei seinem ersten Besuch 2018 erlebte er das Schiff als glanzloses Relikt. Der Zustand war kritisch, Gemeindemitarbeiter setzten zwar alle paar Monate eine Tauchpumpe in die Bilge, doch das reichte nicht. An Bord fand van Kooij einen Schwamm in der Nasszelle, Schimmel in den Räumen und seine Werkzeugkiste, die durchs Deck gekracht war.
Er begann mit der mühsamen Restaurierung. Aber das Schiff war ja seit drei Jahren als Denkmal eingestuft, eine Bürde. Denn die „Regentag“ ist weit mehr Kunstwerk als Schiff. 1967 hatte Hundertwasser den ehemaligen Frachter von seinem Sekretär ausfindig machen lassen. Zuvor beförderte das 1910 gebaute Schiff Salz auf Routen zwischen Tunesien und Sizilien.
Gleich nach dem Kauf geht das Schiff während fünf Jahren in sieben Werften am Mittelmeer, in Palermo, Pellestrina, in Portegrandi Malcontenta, Portoferrairo, La Goulette und auf Malta. Unklar ist, warum es so viele Wechsel gab, das Ergebnis ist aber bekannt: Seit 1974 ist das Schiff 16,60 statt bislang 12 Meter lang. Die Schiffsbauer verpassten dem Rumpf neben der Verlängerung eine neue Bug- und Heckpartie. Eine asymmetrische Kajüte brach hart mit dem Yacht-Zeitgeist der 60er- und 70er-Jahre, weiter positionierte er runde und eckige Fenster gemischt. Innerhalb seines fortlaufenden Werkverzeichnisses vergibt Hundertwasser Nummer 703 für sein Schiff.
Ein Vergleich, selbst Bernard Moitessiers legendäre und vergleichsweise grobe „Joshua“ wirkt neben der „Regentag“ wie ein Rennpferd – die „Regentag“ ist nochmals rauer, wuchtiger, sicher behäbiger. Über die Segeleigenschaften der geschätzt 35 Tonnen Denkmal ist kaum etwas bekannt. Belegt sind zwar die Ziele der darauffolgenden Mittelmeer-Probefahrten, die etwa nach Malta führen, Elba, Zypern und selbst nach Israel. Mit an Bord sind Malerfreunde und Weggefährten, historische Fotos zeigen ein Künstlerleben auf See. 1956 war Hundertwasser noch völlig unbekannt, auf Einladung eines Freundes reiste er nach Schweden, auch dort wollte niemand seine Bilder kaufen oder ausstellen. Schließlich wurde er Matrose auf der SS „Bauta“, fast zehn Jahre später notierte er: „Ich hielt zweimal täglich für je zwei Stunden das Ruder und habe das Schiff am ersten Tag ganz entsetzlich verrissen. Dann wurde ich immer besser.“ Am Schluss habe er das Zeugnis erhalten, „guter Seemann“ zu sein.
Dass Neuseeland Ort von Hundertwassers Sehnsucht war, ist dokumentiert, offenbar aber nicht, warum er nicht selbst die größten Etappen der „Regentag“ an Bord war, als es ab 1975 über den Atlantik ging. In der Karibik war er am Ruder, Freunde steuerten dann ohne ihn durch den Pazifik nach Neuseeland, dort geht die „Regentag“ 1976 vor Anker. Hundertwasser kaufte in Neuseeland Land und die „Regentag“ wird sein Studierzimmer, sein Landsitz im Wasser, seine Schiffs-Eremitage vor dem Ufer.
Es gibt noch zwei Episoden, bei denen Hundertwasser mit der Segelwelt in jenen Jahren Tuchfühlung aufnahm, im Wortsinn, es ging um Segeltücher. 1989 gab es die Messe boot in Düsseldorf zum zwanzigsten Mal und Österreich war Partnerland. Aus diesem Anlass entwarf Friedensreich Hundertwasser bunte Segel, davon entstanden Poster. Einer der Entwürfe wurde umgesetzt. Der Erlös der versteigerten Segel ging an den World Wildlife Fund für ein Nationalpark-Haus Wattenmeer in Wilhelmshaven an der Nordseeküste.
Und dann gab es noch den Spinnaker-Entwurf für das österreichische Frauenteam 1995 auf der Mumm 36 „Vienna“, das am Offshore-Klassiker Fastnet Race teilnahm. Die Crew hatte als erste Frauencrew das prestigereiche Rennen beendet. Auf Licht folgte Schatten: Im selben Jahr trifft eine Faxnachricht von Hundertwasser bei seinem Freund in Österreich ein, Andrea Fürst hat auch die archiviert. „Lieber Joram, ich habe eine schlechte Nachricht“, schrieb Hundertwasser damals. „Die ‚Regentag‘ ist heute Nacht gesunken. Es stehen nur noch die Masten aus dem Wasser.“
Der Künstler war niedergeschlagen, doch am Abend zeichnete er eine Skizze und schickte sie durchs Gerät: „So sieht ‚Regentag‘ bei Ebbe aus.“ Zu sehen ist ein unter Wasser nach achtern gekippter Rumpf. Das Rigg ragt teilweise und mit gewaltig schräg stehenden Masten übers Wasser. „Bei Flut sieht man den Bowsprit auch nicht mehr“, ergänzt Hundertwasser, und dass anderntags das Schiff mit Gurten gehoben werden soll.
Ursache für das Malheur war ein umgefallener Schlauch, der das Schiff bei offenem Seeventil volllaufen ließ. Hundertwasser hatte zuvor kurzerhand einen verstopften Spülbecken-Abfluss gekappt, der eigentlich in die See führen sollte. Abwasser ließ er fortan in einen Eimer laufen. Aber irgendwann war das noch verbliebene Schlauchende abgeknickt, und das Schiff lief über das nun unter dem Wasserspiegel befindliche, offene Schlauchende voll.
Nach der Hebung gibt Hundertwasser noch 1999 Werftarbeiten in Auftrag, ein Betrieb in der Bay of Islands ummantelt den Rumpf mit Ferrozement. Auch der legendäre Wasserpass aus unregelmäßig aufgeklebten Fließen muss eine seiner Ideen gewesen sein. Aber Hundertwasser erlebt die Fertigstellung nicht mehr.
2004 dann kam die „Regentag“ nach Tulln, dorthin, wo auch die Bootsmesse Österreichs stattfindet. Da wollte einer was: Willi Stift, segelbegeisterter Unternehmer und damaliger Bürgermeister, hatte die Idee, das Schiff für eine Ausstellung aus Neuseeland zu holen, die Ausstellung hieß „Kunst – Mensch – Natur“. Nicht zu fassen eigentlich, erläutert Andrea Fürst, ein solches Kunstwerk mit diesen Ausmaßen um die halbe Welt zu transportieren. Wer den ebenso teuren wie logistisch und technisch aufwendigen Transport auf einem Containerschiff nach Hamburg damals bezahlt hatte, ist nicht überliefert.
Der Transport von Hamburg über Land war jedenfalls abenteuerlich: Eine Spedition kappte kurzerhand das Ruderhaus, um unter Brücken hindurchzukommen – mit erheblichen Schäden am Aufbau. 2014 rammt noch ein Hafenbagger das Schiff, wieder geht es an Land. Aber offenbar sind die wirklichen Schäden nicht so offensichtlich bekannt.
„Ich sollte die ‚Regentag‘ eigentlich nur anstreichen“, erinnert sich Bootsbauer van Kooij an seine ersten Schritte beim Refit-Start 2018. Aber beim Anschleifen stellte sich heraus, dass das Holz morsch war, teils komplett nass. Ab diesem Zeitpunkt vergingen Jahre mit dem Herausbrechen fauler Decksbalken und der Rumpfsanierung, bevor er endlich streichen konnte.
Viel hätte nicht gefehlt und das Schiff wäre an seinem Liegeplatz in Tulln, einige Flusskilometer donauaufwärts von Wien, ein weiteres Mal gesunken. Wasser hatte sich zwischen Holz und das Epoxy gearbeitet, das eigentlich zum Schutz gedacht war. Der Rott fraß sich im Zwischenraum umso schneller voran. Im September 2021, drei Jahre nach dem Beginn der Arbeiten, ist die Restaurierung immer noch nicht abgeschlossen. Van Kooij, zuvor auf moderne Yachten spezialisiert, hat sich nun in das Projekt verbissen. „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich abgelehnt“, so sieht er das heute. Ein Jahr später, 2022, ist die „Regentag“ immerhin oberhalb der Wasserlinie restauriert. Doch unterhalb zeigte sich, dass der Ferrozement aus Neuseeland schadhaft ist. Das als Schutz gedachte Betonlaminat war zu dünn. Auch der untere Rumpf des Schiffes war feucht wie ein Moor. Um die Sanierung zu finanzieren, versteigerte die Stiftung 2023 neunzig Hundertwasser-Grafiken und -Objekte. Eine halbe Million Euro verschlingt der Refit insgesamt, 520.000 Euro. Der innen liegende Holzrumpf erhält dabei neue Spanten und Planken, und außen über dem Ferrozement, der ja seinerseits schon die Holzplanken schützen sollte, hat van Kooij nun eine GFK-Hülle laminiert. Jetzt ist das Schiff wieder präsentabel und vor allem dicht.
Andrea Fürst sitzt heute auf der Bank, auf der Hundertwasser einst thronte, lehnt an der Schottwand seiner Koje und zitiert über das Wasser im Künstler-Lebenswerk, aber durchaus auch über das in den Planken und Spanten. „Wasser durchzieht sein Werk“, sagt sie. Schon als Sechsjähriger formte er einen Dampfer aus Sand – Werkverzeichnis Nummer 2.
Hundertwasser liebte Regentage, sagt sie. „Die Farben leuchten dann intensiver. Der Regentag ist der bessere Tag zum Malen.“ Der Moment des Tropfens, das habe auch mit der Malweise zu tun. Wenn der Maler Farbe auf den Bildträger tropft, dann entstehe eine perfekte Form, also ein Fleck, der so natürlich ist, als wäre ein Regentropfen auf das Bild gefallen.
Die Archivarin erinnert an eine Szene im Video „Hundertwassers Regentag“ (nur den Trailer gibt es heute noch auf YouTube zu sehen), in dem das Schiff oft in Fahrt zu sehen ist. Hundertwasser liegt dort einmal bäuchlings auf dem Eis und lauscht einem Bach, der darunter gurgelt. „Wasser ist ein fantastisches Element“, sagt Hundertwasser da in diesem avantgardistischen Film, der selbst ein Kunstwerk ist, „es birgt unendliche Möglichkeiten.“ Wir leben heut in einem Chaos, mokiert sich Hundertwasser dagegen über Hochhäuser und verflucht das „Chaos der geraden Linie“. Das Lineal sei das Symbol des nahen Analphabetentums.
Mit zwei Frauen war Hundertwasser verheiratet, zweimal wurden die Ehen geschieden. Mit einer dritten entstand, ohne Hochzeit, eine Tochter. An Bord waren vor allem seine Freundinnen. Ich kann auf schöne Frauen nicht verzichten, sagte Hundertwasser, Frauen sind für mich Musen, wie man so sagt. Mein Verhältnis zu Frauen ist nicht ideal und ist auch nicht zu imitieren – seine Worte.
Nun ist das Schiff wieder präsentabel, mit neuer Maschine bereit zum Ablegen, die Originalsegel liegen bereit in der Vorpiek. Am Morgen des dritten Tages in Tulln dribbelt Landregen aufs Steuerhaus. Noch einmal den Blick zum Bug, den Teergeruch aus der Kajüte in der Nase, ein letztes Mal das Haupt in den zu niedrigen Türstock rammen. Ein guter Tag aus Sicht von Friedensreich Hundertwasser.
Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt, bürgerlich Friedrich Stowasser, wurde 1928 in Berlin geboren. Der Sohn von Elsa und dem Ingenieur Ernst Stowasser kam im Alter von sieben Jahren auf die als experimentell geltende Montessori-Schule in Wien, wo ihm die dortigen Kunstlehrer bereits einen „außergewöhnlichen Formen- und Farbensinn“ zusprachen. Hundertwasser entwickelte sich zum Nonkonformisten, zum Gegner jeder Standardisierung und der geraden Linie. Lebendigkeit und Individualität sollten sein Werk prägen. Der international tätige und erfolgreiche Künstler, Umweltaktivist und Querdenker verstarb im Jahr 2000 auf der „Queen Elizabeth 2“ während der Rückreise von Neuseeland nach Europa an Herzversagen.

Freier Mitarbeiter, Südkorrespondent