Den Besuchern bot sich ein trostloses Bild: Viele von ihnen waren von weit her nach London angereist, um das Museumsschiff zu sehen, das in seiner aktiven Zeit nur mit der Kraft des Windes um die Welt gesegelt war. Ein unerhört kühnes Unterfangen, selbst in einer so modernen Epoche wie jener von Queen Elizabeth. Doch nun standen sie am Rand des Trockendocks am Ufer der Themse, speziell gebaut zum Schutz des ruhmreichen Rumpfes, und sahen auf ein Wrack hinab.
Überraschend war das nicht. Seit der großen Tat waren viele Jahrzehnte vergangen – und nichts aus Holz war für die Ewigkeit. Der Grad des Verfalls ließ wenig Grund zur Hoffnung. Das Schiff sei so morsch, schrieb einer der ausländischen Touristen nüchtern, dass es dabei sei, „in Stücke zu zerfallen“.
Die Rede war von der „Golden Hind“ – der ersten, wohlgemerkt. Jener Galeone, mit der der spätere englische Seeheld Francis Drake im Jahr 1577 in See stach, um den Globus auf der Jagd nach spanischem Gold zu umrunden. Hauptsponsorin der Reise war seine Königin: Elizabeth, ebenfalls die erste. Das Motiv der Monarchin: „Vergeltung für verschiedene Verletzungen, die uns der König von Spanien zugefügt hat.“
Sie hatte auf den Richtigen gesetzt. Drake verschaffte ihr die ersehnte Genugtuung: Er kehrte zurück mit dem größten jemals geplünderten Schatz. Sogar den Ballast hatte man gegen Silberbarren ausgetauscht, weil sonst kein Platz mehr frei war. Mehrere Tage dauerte es nach der glücklichen Heimkehr 1580, bis die wertvolle Fracht entladen war. Die Königin ließ es sich nicht nehmen, Drake an Deck seines Schiffes in den Adelsstand zu erheben.
Sir Francis erhob sich. Es war der Beginn einer Karriere, der im Sieg über die spanische Armada nur wenige Jahre später ihren militärischen Höhepunkt finden sollte – und gleichzeitig den Grundstein legte für jene Seemacht, die in der Folge die Errichtung des größten Reiches der Geschichte ermöglichte, des British Empire.
Von der „Golden Hind“, in der Schreibweise der damaligen Zeit auch „Golden Hinde“ genannt, war da längst kaum noch etwas übrig. Auch wenn Queen Elizabeth ursprünglich verfügt hatte, das Schiff in Deptford, zehn Kilometer flussabwärts von Westminster, als nationales Denkmal – und damit wohl als erstes Museumsschiff der Welt – „für alle Folgezeit zu bewahren“. Ihre Trümmer waren längst begraben in ihrem eigenen Trockendock mitten im umgebenden Werftgelände, das man pragmatisch mit Erde aufgefüllt hatte. Nur wenige Artefakte blieben erhalten, von denen die Schiffslaterne im Zweiten Weltkrieg einem deutschen Bombenangriff zum Opfer fiel. Ein aus ihrem Holz gedrechselter Stuhl steht allerdings noch heute in der Bodleian Library der Universität Oxford.
Und doch: Wer heute im Herzen der englischen Hauptstadt unterwegs ist, von Norden kommend die London Bridge nach Southwark überquert hat und im Schatten alter, verwinkelter Straßen über Montague Close und Cathedral Street zurück zum Fluss kommt, könnte meinen, die „Golden Hind“ wäre mitnichten Geschichte – oder jemand hätte die Zeit um fünf Jahrhunderte zurückgedreht.
Denn dort steht sie, aufgepallt und abgestützt im St. Mary Overie Dock, mit der schnell strömenden, schlammgrauen Themse dahinter: die „Golden Hinde“. Natürlich ist es nicht das Schiff Sir Francis Drakes, sondern sein Nachbau von 1973. Doch abgesehen von der Jahreszahl des Stapellaufs ist die Situation überraschend ähnlich: Auch diesem Rumpf haben die Jahre zugesetzt. Holz bleibt Holz, und England ist nicht für trockenes Klima bekannt.
Anders als das Original wird die Kopie nicht ihrem Schicksal überlassen: Das Dock ist Baustelle. Überall ist neues Holz gestapelt, Backbordseite und Achterschiff sind eingerüstet. Entlang der Häuserwand, die gleichzeitig die östliche Seite der Kammer bildet, schützen aufgespannte Planen die Werkbänke und Arbeitsplätze der Zimmerleute und anderer Handwerker, die hier – von Boombox-Begleitung und Coffeeshop-Kaffee einmal abgesehen – so arbeiten wie im analogen Zeitalter.
Auf der Steuerbordseite, wo das Dock mit einem der typisch englischen Geländer eingefasst ist, führt die Gangway an Bord. Gerade fädelt sich eine Grundschulklasse hinüber an Deck. Denn der Besuchsbetrieb läuft während der Restaurierung weiter – die Einnahmen sind wichtig angesichts der enormen Kosten des Refits: etwa vier Millionen Pfund, rund 4,5 Millionen Euro. Auch aus diesem Grund war das Verholen in eine Werft keine Option. Die „Golden Hinde“ musste an Ort und Stelle bleiben und sich ihr Auskommen selbst verdienen. Zusätzlich werden Gruppenevents angeboten, Geschichte zum Anfassen, sogar ein Escape-Room-Abenteuer ist im Angebot. Dazu kommen Konzerte und Theateraufführungen. Besonders passend: „Der Sturm“ von Shakespeare.
In diesem Herbst soll die Verjüngung abgeschlossen werden, zum 30. Jubiläum als stationäres Museumsschiff: Seit 1996 liegt der Nachbau, inzwischen selbst als offiziell anerkanntes nationales Denkmal, an seinem Liegeplatz in London. Bis zum Beginn der Renovierung sogar im Wasser – und dieser Zustand soll auch wieder hergestellt werden. Denn das feste Umfeld, die Einfassung aus hohen Gebäuden, erzeugen einen falschen Eindruck: dass das inzwischen selbst mehr als 50 Jahre alte Schiff von Anfang an als Exponat gedacht war, ein Maßstabsmodell im Freilichtmuseum der maritimen Geschichte jener Stadt, die so lange im Mittelpunkt der Welt lag.
Tatsächlich gehen die Gemeinsamkeiten der zwei Schiffe, obwohl durch fünf Jahrhunderte getrennt, über den Namen hinaus. In einer Hinsicht liegt die heutige „Golden Hinde“ sogar vor der Ahnin: Sie hat die Welt nicht einmal umrundet, sondern zweimal – fast.
Der Auftrag zum Bau der Nachfolgerin kam allerdings nicht vom Royal Court, sondern vom Golden Gate: 1968 kamen die Unternehmer Albert Elledge und Art Blum in San Francisco auf die Idee, die Werbetrommel für ihre Stadt an der US-Westküste zu rühren. Dort sollte Drake auf seiner Reise ebenfalls gelandet sein – Grund genug für eine 400-Jahr-Feier. Das passende Schiff war natürlich gesetzt. So beauftragte man den renommierten kalifornischen Schiffbauer Loring Christian Norgaard mit der Konstruktion, der sich umgehend in die Recherche stürzte.
Von Beginn an stand beim Nachbau die historische Genauigkeit im Vordergrund. Eine gewisse Herausforderung für den Kalifornier, denn von Drakes Schiff gab es keine Baupläne. Auch aus diesem Grund wird seine Rekonstruktion im Register der National Historic Ships des Vereinigten Königreichs als „funktionale Hypothese“ definiert. Norgaard ließ sich nicht beirren und trug drei Jahre lang alles Auffindbare über die „Golden Hinde“ und den Schiffbau des 16. Jahrhunderts zusammen, darunter die „Proportiones for shippinge“ von Mathew Baker, dem vielleicht größten Baumeister seiner Zeit.
Für den Amerikaner war klar: Entstehen musste die Kopie in England, am gleichen Ort wie das Original – Appledore in Devon. Dort gab es die kleine Werft von J. Hinks and Son, die bereits kurz zuvor Erfahrung mit dem Bau eines historischen Nachbaus gesammelt hatte.
Das Schiff, das auf dem Zeichenbrett Gestalt annahm und bis ins kleinste Detail verfeinert wurde, entsprach einer sogenannten Schnellen Galeone. Sie wurde ab 1570 in England entwickelt und stellte eine Verbesserung des bereits weitverbreiteten Typs dar, der durch zwei durchgehende Decks und drei Masten gekennzeichnet war.
Auf Englisch wurde diese Variante race-built genannt. Doch der Name täuscht: Hinter ihm verbirgt sich kein Hinweis auf die Geschwindigkeit, auch wenn die Schiffe tatsächlich schneller waren, sondern das französische razée, rasiert. Im wahrsten Sinne: Man verzichtete auf die hochaufragenden, klobigen Kastelle für den Kampf vorn und achtern und machte die Linien flacher. Das verringerte die Topplastigkeit und steigerte die Manövrierfähigkeit. Dass die race-built galleon zudem schneller und höher am Wind segelte, war ihrem längeren, schlankeren Rumpf und flacheren, weniger bauchig geschnittenen Segeln zu verdanken. Ein wichtiger Entwicklungsschritt, der Kapitäne von Handels- wie Kriegsschiffen sofort überzeugte. Gentleman-Abenteurer wie Francis Drake, bei deren Unternehmungen das Kriegerische und das Kommerzielle fließend ineinander übergingen, waren verständlicherweise besonders angetan.
In Appledore entstand die Nachfolgerin vom Kiel auf. Gute Segeleigenschaften waren auch bei ihr wichtig – auf eine Hauptmaschine verzichtete man im Hinblick auf das Vorbild, nur ein Hilfsmotor wurde an Steuerbord eingebaut. Das Rigg der Replik entsprach mit seinen drei Masten den Vorlagen: Fock- und Großmast trugen je zwei Rahsegel, ein Lateinersegel am Besan auf dem Achterdeck kam hinzu. An einer weiteren Rah unter dem Bugspriet konnte die Blinde gefahren werden, die den Kurs der Galeone bei seitlichen Winden stabilisierte. Auch die Dimensionierung an Bord ist historisch: Die lichte Höhe zwischen den Decks macht aufrechten Gang fast überall unmöglich. Wer das beim Besuch vergisst, macht unter Deck bald Bekanntschaft mit solider englischer Eiche.
Neben Eichenholz für Spanten und andere strukturelle Elemente verwendete man vor allem Ulme und Kiefer. Die Suche nach geeigneten Stämmen war jedoch deutlich schwieriger als noch zu Drakes Zeiten: Jahrhunderte der Seeherrschaft hatten von den einstmals stolzen Wäldern Britanniens kaum etwas übrig gelassen. Nach langer Suche im ganzen Land fand man schließlich eine Tanne, die hoch und rank genug für den Großmast war. Eine exotische Ausnahme machte man jedoch: Für die Planken wählte man Iroko, ein Hartholz aus Westafrika.
Bei Beginn der Restaurierung 2017 zeigte sich die Richtigkeit der Entscheidung: Als man das Dock in Southwark geleert hatte und den Rumpf aus nächster Nähe in Augenschein nehmen konnte, war er in bemerkenswert gutem Zustand. Trotzdem fanden seitdem mehr als hundert Tonnen Holz den Weg in die geschäftige Werkstatt. Von den Toppen bis zum Kiel wurden Bauteile neu hergestellt und ausgetauscht, Stengen, Planken, Blöcke und Knie, Pinne und Ruder, Decks und Schotten, um die „Golden Hinde“ auch für die nächsten Jahrzehnte zu erhalten.
Am 5. April 1973 lief die „Golden Hinde“ in Anwesenheit ihrer amerikanischen Auftraggeber, der Countess of Devon und zahlreicher Zuschauer vom Stapel. Als Kapitän wurde Adrian Small verpflichtet. Er brachte die seltene Voraussetzung mit, zuvor schon auf anderen Repliken gesegelt zu sein, etwa auf der „Mayflower“. Deren Vorbild hatte 1620 die ersten englischen Siedler nach Nordamerika gebracht und ähnelte seinem neuen Kommando stark in Aussehen, Aufbau und Segeleigenschaften. Das Rigg beispielsweise war identisch.
In den folgenden Monaten wurden die Masten gestellt und aufgeriggt. Ballast kam an Bord, ebenso wie die 22 gegossenen Kanonen unterschiedlicher Größen, darunter 14 Minions auf dem Geschützdeck, sieben hinter den Stückpforten auf jeder Seite. Sie stellten die Hauptbewaffnung der Galeone dar. Gleichzeitig war der dunkle, ohnehin schon enge Raum, der nur durch die Grätings im Hauptdeck und einige Sturmlaternen erhellt wurde, auch Wohn- und Schlafplatz der Besatzung, 80 Mann auf Drakes Reise. Selbst ohne belegte, schwingende Hängematten, Seekisten und all die übrigen Dinge, die das tägliche Leben auf See ausmachten, dazu Lebendvieh und Geflügel, ist die Wirkung klaustrophobisch.
Kapitän Small hatte das Glück, dass er die Geschütze nicht bemannen musste und so mit einer deutlich kleineren Crew auskam. Als der Nachbau nach erfolgter Ausrüstung und dem Abschluss der Sea Trials schließlich am 1. Oktober 1974 vor Falmouth ankerauf ging, um zu ihrer Reise um die Welt aufzubrechen, waren es kaum 20 Mann, die sich den knappen Platz an Bord teilten. Ihr Ziel: das ferne San Francisco. Mehr als fünf Monate vergingen, bevor sie es erreichten. Nach 160 Tagen im Kielwasser der Vorgängerin segelte die „Golden Hinde“ am 8. März des Folgejahres unter der Golden Gate Bridge hindurch und ging vor der Waterfront von San Francisco vor Anker.
Als Francis Drake den Küstenstreifen 400 Jahre früher erreichte, war überall Wildnis. Keine Brücke überspannte die schmale Zufahrt zur heutigen San Francisco Bay, die er daher verpasste. Stattdessen wurde er etwas weiter nördlich in einer weitläufigen Bucht vom Volk der Miwok begrüßt, mit denen bald gehandelt wurde. Die Ureinwohner krönten den Engländer – was dieser als Verleihung der Häuptlingswürde interpretierte.
Mit solchen Vollmachten „demokratisch“ ausgestattet, zögerte der Abenteurer nicht, das neue Land für seine Patronin und Geldgeberin Queen Elizabeth in Besitz zu nehmen. Er taufte den neuen Teil des Reiches Nova Albion – Neubritannien. Nachhaltig war die Maßnahme nicht, da Drake nichts zurückließ, was den Anspruch sicherte.
Es konnte ihm egal sein: Denn den Auftrag seiner Königin hatte er bereits erfüllt, sich einmal um Südamerika herumgeplündert, Schiffe aufgebracht und Siedlungen ausgeraubt. Seinem Verfolger, dem spanischen Vizekönig von Peru, immer einen Schritt voraus, hatte er schließlich sein Meisterstück vollbracht: die Kaperung der Schatzgaleone „Nuestra Señora de la Concepción“. Drake hatte dem wesentlich mächtigeren Schiff aufgelauert und es nach einigen Breitseiten geentert. Schnell strichen die ungläubigen Spanier die Flagge. Der geschätzte heutige Wert der Beute an diesem Tag allein: mehr als eine halbe Milliarde Euro.
Dass der Kapitän der ersten „Golden Hind“ damit ein gemachter Mann war, als er nach der Überquerung des Pazifiks und des Indischen Ozeans über das Kap der Guten Hoffnung nach England zurückkehrte, ist klar. Ebenso, dass die Reise der zweiten „Golden Hinde“ nach anderen Maßstäben gemessen werden muss als in Unzen und Karat.
Denn ein Erfolg war auch sie: Nach großem Empfang blieb die Galeone bis zum Jubiläum drei Jahre lang in den USA, danach ging es nach Japan, wo sie in der Fernsehserie „Shogun“ mit Richard Chamberlain mitspielte. Die Fahrt der „Golden Hinde“ blieb ereignisreich: Vor der Küste Ostafrikas drohte Piratengefahr und im Mittelmeer wurde sie selbst aufgebracht – von den tunesischen Behörden, denen der aus der Zeit gefallene Segler spanisch vorkam. 1980 schließlich kehrte sie zurück nach Großbritannien – pünktlich zum 400. Jubiläum der triumphalen Heimkehr ihrer historischen Vorgängerin.
Doch bei diesen 30.000 Seemeilen sollte es nicht bleiben. Denn im Gegensatz zur ersten „Golden Hind“, deren Karriere nach der ersten Weltumseglung endete, kam die Nachfolgerin gerade erst in Fahrt: Von 1985 bis 1991 folgte noch eine zweite Nordamerika-Tournee, die sie bis nach Vancouver führte. Aus dem Schatten ihrer Ahnin war sie da längst herausgetreten.
Die Weltumseglung Francis Drakes in den Jahren 1577 bis 1580 war erst die zweite der Geschichte. Einzige Vorgängerin war die Expedition von Ferdinand Magellan zwischen 1519 und 1522, die der portugiesische Kommandant selbst allerdings nicht überlebte. Vollendet wurde sie von einem seiner Kapitäne, Juan Sebastián Elcano. Wie Magellan startete auch Drake mit einer kleinen Flotte aus fünf Schiffen, wobei die „Golden Hind“ das Flaggschiff war. Sie kehrte als einziges zurück, eine weitere Parallele zu Magellan, bei dem auch nur das größte Schiff heimkehrte, die „Victoria“.
Drakes Route führte westwärts über die Kapverden nach Brasilien, um Südamerika herum, allerdings durch die Magellanstraße, ohne Kap Hoorn zu sichten, und an der Westküste Südamerikas zurück nach Norden. Eine Umrundung der Welt war nicht geplant. Der Engländer hatte stattdessen vor, über eine vermutete Nordwestpassage, die sagenumwobene, aber nicht existierende Straße von Anián, in den Atlantik zurückzukehren. Erst als er sie nicht fand, wählte er den Kurs über den Pazifik.
Die „Golden Hinde“ segelte um die Welt, spielte in einer Fernsehserie mit und liegt heute als Museumsschiff in London. Was fasziniert Sie mehr: die Geschichte des Originals oder die ungewöhnliche Karriere des Nachbaus? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in die Kommentare.

Ressortleiter Reise
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