Vom Zwölfer bis zur Hansa-Jolle – die German Classics in Laboe haben wieder einmal bewiesen, warum klassische Holzyachten mehr sind als alte Boote: Sie sind segelnde Geschichte. 55 gemeldete Klassiker, bestes Segelwetter und eine Gemeinschaft, die den Geist des Segelsports in seiner reinsten Form feiert. Ein Rückblick auf eine Veranstaltung, die Herz und Seele hat.
Text: Tommy Loewe, Martin Hager
Vier Tage lang gehörte die Förde den Klassikern. Vom 13. bis 16. August 2026 verwandelte der Freundeskreis Klassische Yachten e. V. den Gemeindehafen Laboe in einen Wallfahrtsort für Liebhaber historischer Yachten – und die German Classics bewiesen wieder einmal, dass sie weit mehr sind als eine gewöhnliche Regatta.
Was das German Classics-Wochenende jedes Jahr so besonders macht, ist die einzigartige Mischung aus sportlichem Ehrgeiz und geselligem Miteinander. Zwischen den Wettfahrten blieb reichlich Zeit für angeregte Gespräche am Steg, für Bootsbesichtigungen, neue Bekanntschaften und abendliche Stunden bei Musik und gutem Essen – eine Atmosphäre, die man anderswo vergeblich sucht.
Wie gewohnt präsentierten sich die klassischen Yachten und Boote im Gemeindehafen in ihrer ganzen Pracht. Die größeren Einheiten fanden am Fischersteg ihren Platz, während die kleineren Yachten in den Boxen oder im Päckchen längsseits der Kaikante am Festplatz lagen.
Nur ein Zwölfer stand dieses Jahr auf der Startliste und das auch noch mit gekapptem Mast. “Heti”, ein First Ruler von 1912, von Max Oertz gezeichnet und gebaut, hatte sich einige Tage zuvor mit dem großen Gennaker den Mast gekürzt. Zum Glück wurde niemand verletzt und auch ohne Toppsegel segelt sie hervorregend. Deutschlands älteste 12-mR-Rennyacht und der derzeit einzig gaffelgetakelte Zwölfer in der Ostsee hat sich längst als ein Symbol der Klassiker-Renaissance etabliert, aber auch als Exempel hanseatischer Bootsbaukunst.
Das Gleiche gilt für die imposante Spreizgaffelketsch “Senta”, gebaut 1928 bei HDW, ebenfalls ein Oertz-Riss. Im Besitz der Familie Schmidt aus Bremen seit 1933 und inzwischen gesegelt von der 5. Generation. Besatzung: Familie und Freunde, immer offen und gut gelaunt mit Familienoberhaupt Holger Schmidt an Bord, erkennbar am Strohhut. Ein weiterer Zweimaster der German Classics war die Yawl “Herta”, eine Abeking & Rasmussen mit Baujahr 1923.
Ganz am anderen Ende der Größenskala tummelten sich die eigentlichen Winzlinge des Feldes: fünf Hansa-Jollen, die direkt vom Deutschland-Pokal am Wolfgangsee angereist kamen. Mit 5,85 Metern Länge sind sie echte Tourenboote für zwei Personen mit Freude am Regattasegeln – und offenbar auch am Feiern danach. In ihrer Gruppe startete auch Holger Rieck mit seinem offenen 15er-Jollenkreuzer ”Achneedochnich” – ein Name, der Programm ist. Mit knapp 80 Jahren zählt Rieck zu den Konstanten dieser Veranstaltung; keine German Classics ohne ihn.
Den Altersrekord jedoch hielt in diesem Jahr Hans Roland Heller, 94 Jahre alt, davon über acht Jahrzehnte unter Segeln: Er brachte seine 6KR-Yacht “Ariel” an den Start – und ließ damit nicht wenige jüngere Teilnehmer alt aussehen.
Ergänzt wurde das Feld durch Folkebootе, Mälars – jene eleganten Schärenkreuzer aus dem Norden –, sowie 5, 6, 7KR- und 8mR-Yachten. Und dann ist da noch eine wachsende neue Gruppe, die den Veranstaltern zunehmend am Herzen liegt: IOR-Yachten und verwandte Konstruktionen aus Holz, entstanden in den 1960er und 70er Jahren. Zur Gründungszeit des FKY noch zu neu für eine Startberechtigung, finden sie nun unter dem Sammelbegriff „Neo-Klassiker" ihren Platz im Feld. Die größte Vertreterin dieser Gruppe war die 16,30 Meter lange ”Freya”, nach einem Riss von Van de Stadt 1982 auf der Fischkutterwerft Biarritz an der Nordseeküste gebaut.
55 Klassiker hatten gemeldet. Am Samstag, bei strahlendem Sonnenschein und drei bis vier Beaufort aus West, gingen 47 Boote auf der Langstrecke Richtung Stollergrund auf die Bahn – Bedingungen, bei denen alte Holzboote zeigen, warum sie gebaut wurden. Am Freitag hatten sich 35 Yachten in vier Starts zu zwei Dreiecksregatten in der Strander Bucht aufgemacht. Das Wettfahrtteam um Markus Boehlich vom SVAOe leistete dabei zuverlässige Arbeit – sieht man einmal davon ab, dass die Startpistole in einem unbeaufsichtigten Moment ihren Dienst verweigerte. Macht nichts: Wo Flaggen sind, braucht es keine Pistole. Das war schon immer so.
Dabei lohnt ein Blick zurück. Zu Beginn der 2000er Jahre konnte man den Laboeer Hafen beinahe von Boot zu Boot überqueren – die Klasse boomte. Heute werden die alten Holzboote weniger, die Eigner älter, und mancher hat keine Lust mehr auf den Trubel. Es wäre unehrlich, das zu verschweigen. Doch wer genau hinsah, entdeckte auf vielen Decks junge Gesichter. Das ist das eigentliche Signal dieses Wochenendes.
Einen besonderen Moment hielt die Preisverleihung bereit: der kupferne Teekessel, der Restaurierungspreis der German Classics, ging in diesem Jahr an die Eigner des 45-Fuß-Bermuda-Cutters “St. Sampson”. Das Schiff, 1954 auf Guernsey von Paul Dorey gezeichnet und gebaut, war beim Herbststurm 2023 in Maasholm schwer beschädigt worden – ein Totalschaden, hätten viele gesagt. Sebastian Ohrndorf und Armin Keller sagten etwas anderes. Eineinhalb Jahre später lag “St. Sampson” wieder im Wasser, startbereit und schöner denn je. Solche Geschichten sind der eigentliche Grund, warum es Veranstaltungen wie diese braucht.
Auch das Landprogramm hielt, was es versprach. Frühstück und Abendessen für rund 200 hungrige Crewmitglieder, dazu das Hafenfest Laboe mit seinen kleinen Buden – darunter das Café Citroën, das nach allgemeiner Überzeugung den besten Cappuccino der Fördeküste serviert. Das Abendprogramm reichte vom feinsinnigen Gitarren-Folkrock des Duos Kavanagh / Kowalski über straighten Rock mit The Crew bis zu knackigem Funk mit B-Connected. Es fehlte an nichts.
Dass das alles so reibungslos funktionierte, ist dem Organisationsteam des FKY um Niko von Bosse zu verdanken – Menschen, die das hier nicht des Ruhmes wegen tun, sondern weil sie verstehen, was auf dem Spiel steht: eine Kultur des Segelns, die es zu bewahren gilt.
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