6mR-Yacht „Örn“Mit Gaffelrigg entfaltet ein Klassiker seine Schwingen

Lasse Johannsen

 · 15.08.2026

Seit drei Jahren wird der First-Rule-Sechser auf diesem historischen Olympia-Revier von seinem Eigner gesegelt, der das Schmuckstück in den Zustand des Baujahres hat zurückversetzen lassen.
Foto: Felix Diemer
​Wenn der First-Rule-Sechser „Örn“ die Flügel entfaltet, lässt die Silhouette seines Gaffelriggs auf ein frühes Baujahr schließen. Dabei sind Rigg und Segel Spitzentechnologie.

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Wer beim Spaziergang an der Kieler Förde einen schlanken Klassiker erblickt, dessen naturlackierte Außenhaut mahagoniglänzt und dessen Silhouette von einem monströsen Gaffelsegel geprägt wird, hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit „Örn“ vor Augen. Der historische First-Rule-Sechser segelt nach einer umfassenden Restaurierung wieder mit dem Rigg, das er bei seiner Erbauung 1911 trug.​ Seit drei Jahren wird der First-Rule-Sechser auf diesem historischen Olympia-Revier von seinem Eigner gesegelt, der das Schmuckstück in den Zustand des Baujahres hat zurückversetzen lassen. Seither ist „Örn“ der älteste existierende Sechser in Originalzustand. Und Matthias Diemer begeistert von seinem Schiff.

So ist es auch an diesem Morgen, es ist noch März, doch Diemer hat bereits aufgetakelt, um keinen Segeltag zu verpassen. Nun sitzt er an Deck, die Beine baumeln in einer der beiden tiefen Plichten, die demjenigen, der darin auf einer Ducht Platz nimmt, das Gefühl vermitteln, er hätte sich das Schiff angezogen. Die Nähe zum vorbeirauschenden Nass tut ihr Übriges, vor allem wenn, wie an diesem Vorfrühlingstag, regelmäßig Böen das Wasser vor dem Bug kräuseln und kurz darauf in das gewaltige Groß pressen.

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Dann legt sich „Örn“ ganz sachte bis zum Schandeckel aufs Wasser und nimmt nahezu ohne vernehmbares Geräusch Fahrt auf, bis die sich achtern aufbauende Heckwelle dem Rudergänger so nahegekommen ist, dass er sie fast anfassen könnte. „Ein Reff brauchen wir erst, wenn es konstant mit mehr als 20 Knoten weht“, sagt Diemer, ein begeistertes Strahlen im Gesicht.

​Langsam fiert er die Großschot ein wenig weg und zeigt in das obere Drittel des Achterlieks. Das öffnet sich dabei so stark, dass der Druck fast vollständig aus dem Segel weicht, ohne dass es schlägt. Seine Begeisterung für das neue alte Rigg ist echt. Der Sechser laufe kaum weniger Höhe als ein hochgetakeltes Exemplar der Second Rule. Auf allen anderen Kursen könne er mithalten, und wenn wenig Wind wehe, habe er wegen der größeren Segelfläche sogar Vorteile.

Vom 7/8-Rigg zurück zum Gaffelrigg

Diemer spricht aus langjähriger Erfahrung. Denn als er „Örn“ Anfang der 2000er-Jahre erwarb, hatte das Boot ein 7/8-Rigg. Das entsprach aber nicht dem Original. Konstruiert wurde der Sechser von Henning Haglind nach der ersten Version der Meterformel von 1906, und die sah ein Gaffelrigg vor.

Gebaut wurde „Örn“ 1911 auf der Bootswerft in Smedsudden im Stockholmer Stadtteil Kungsholmen für den Großhändler Otto Ameln, der damit an den olympischen Segelwettspielen teilnehmen wollte, die im darauffolgenden Jahr dort stattfanden. „Örn“ wurde mit Olof Mark am Ruder gut gesegelt, aber nicht gut genug für Olympia. ​Gleichwohl zierte der Name, schwedisch für Adler, fortan noch viele Startlisten der Stockholmer Regattaszene. Und Anfang der 1930er-Jahre tauchte er im neu entstandenen Sechser-Register auf. Dem ist zu entnehmen, dass etwa in dieser Zeit das Gaffelrigg gegen eine 7/8-Takelung getauscht wurde, woraufhin „Örn“ seine heutige Segelnummer erhielt.

Damit endete allerdings die Regatta-Karriere des First-Rule-Sechsers. Denn „Örn“ war nicht mehr klassenkonform. Umgebaut zum Fahrtenschiff mit Kajütaufbau und Hochrigg, war der hübschen Meteryacht aber über viele Jahre gute Pflege beschieden, sodass sie noch lange in Schweden gesegelt wurde. Bis „Örn“ in den 1990er-Jahren in die Hände von Diemers Voreigner gelangte, der sich daranmachte, den Originalzustand wiederherzustellen. Dabei wich der Aufbau zwar dem heutigen Deckslayout, das Rigg allerdings blieb noch unverändert.

Ein historischer Rumpf unter genauer Beobachtung

Diemer wird seinerzeit durch einen Freund auf das historische Boot aufmerksam, ist sofort begeistert und steigt in eine Eignergemeinschaft ein. Der Mediziner, damals beruflich in Berlin tätig, ist irgendwann alleiniger Eigner und segelt „Örn“ von Lauterbach auf Rügen aus, wo sich ein Freund um den Erhalt des Bootes kümmert. Diemer genießt schon damals die tollen Segeleigenschaften und hängt sein Herz an den Sechser. Als sein Lebensmittelpunkt sich nach Kiel verlagert, liegt „Örn“ als allzeit bereiter Daysailer in Laufweite der Wohnung und wird immer häufiger genutzt.

Das Glück dieser Tage scheint ungetrübt. Bis sich eines Tages Schäden am hölzernen Mast zeigen, er ist nicht mehr zu retten. Es ist das Jahr 2020. Und mit der Entscheidung für ein neues Rigg beginnt sich im Kopf des Eigners ein Gedankenkarussell zu drehen. Denn: Die Fotos von „Örn“ aus den Anfangsjahren vor Augen, kommt ihm der Gedanke, das Werk des Voreigners fortzuführen und „Örn“ in das Olympiaboot aus dem Baujahr zu verwandeln.

Diemer holt fachkundigen Rat bei Andreas Krause ein und lässt zunächst die Rumpfstruktur begutachten. Denn mit einem Gaffelrigg hätte der Bootskörper den Druck von erheblich mehr Segelfläche auszuhalten. Doch mit der Leibesvisitation seiner Geliebten gerät die Beziehung von Eigner und Schiff in eine schwierige Phase. Schnell nämlich wird erheblicher Handlungsbedarf offenkundig. Auf der Bootswerft Dick wird „Örn“ unter den Augen von Uwe Baykowski seziert und einer Bestandsaufnahme unterzogen. Dabei stellt sich heraus, dass der Holzkiel verrottet ist und einige Planken neben zahlreichen Spanten zu tauschen sind. Wirklich überraschend ist das bei einer Dame von deutlich über hundert Jahren nicht, und doch muss Diemer sich der Frage stellen, ob er „Örn“ professionell retten will und kann. „Es wurde zu meiner persönlichen Elbphilharmonie“, sagt er rückblickend, kann darüber heute aber herzlich lachen, während „Örn“ ihn über die Förde segelt. Damals ist ihm vor allem wichtig, dass die erforderliche Restaurierung kein langjähriges Bastelobjekt des Eigners, sondern ein Werk von Profis werden soll, nicht zuletzt weil Diemer vor allem eines will: bald wieder segeln.

Historische Materialien und moderne Ausrüstung

​Während die Werft sich an die Restaurierung des Rumpfes macht, fällt die Entscheidung für das ursprüngliche Rigg. Sohn Felix Diemer beginnt mit der Recherche nach Unterlagen über „Örn“ in schwedischen Archiven, Konstrukteurin Juliane Hempel setzt sich als Expertin für die Riggs klassischer Meteryachten an den Rechner, und Holzfachmann John Lammerts van Bueren sagt die Lieferung des besten Sitka-Spruce aus seinem Lager zu, der Mast, an dem „Örn“ heute seine Schwingen entfaltet, hätte ursprünglich ein Flügel mit Tasten werden sollen.

Viel Zeit verbringt der Eigner in der Werkstatt von Bootsbaumeister Till Grabowski, der nach Hempels Plänen die hohlverleimten Spieren fertigt und mit Matthias Diemer lange über die Beschläge berät. „Edelstahl war im Yachtbau erst ab etwa 1920 üblich“, so Diemer, der sich damals ganz bewusst für verzinktes Eisen entscheidet. Mit Grabowski tüftelt er so lange, bis sämtliche Beschläge ohne Schrauben an Gaffel, Mast und Baum gehalten werden, mit Ausnahme der Endbeschläge des Großbaums. „Ich habe viele Stunden in alten Büchern recherchiert, wie die das früher gemacht haben“, erzählt er. „Das hat unheimlich viel Spaß gemacht.“

Um später alles aus dem segelnden Steinway herausholen zu können, wendet sich Diemer an die Segelmacher von North, wo Bertil Balser sich das zu nähende Gaffelsegel vom Computer simulieren lässt. Und für die Ausstattung seines Sechsers mit stehendem und laufendem Gut konsultiert er Experten des Kieler Ausrüsters Kohlhoff. „Ich wollte eine Symbiose schaffen aus dem Originalzustand des Bootes und einer hochmodernen Segelausrüstung“, sagt Diemer, der beim stehenden Gut auf herkömmliches Material und beim laufenden auf Hightech setzt. Er sei schließlich kein Traditionsschiffer. Er habe mit „Örn“ zwar ein Kulturgut retten wollen, das aber vor allem, um damit zu segeln. Und zwar möglichst schnell.

Wie sich „Örn“ heute segelt

Am Ruder des Sechsers wird klar, wie gut den Beteiligten dieses Projekt gelungen ist. Die sprichwörtlichen zwei Finger an der Pinne reichen aus, um Kurs zu halten, das Boot läuft wie auf Schienen, bis die nächste Bö naht. Und dann zeigt sich, dass die massiven Spieren des Riggs viel leichter sind, als sie aussehen. „Gewicht wie Balsa, Festigkeit wie Carbon“, sagt Diemer schmunzelnd über das Meisterwerk von Bootsbauer Grabowski, Holzfachmann van Bueren und Riggspezialistin Hempel.

Die Konstrukteurin erinnert sich noch gut daran, wie schwierig es war, einen Segelplan für „Örn“ zu erstellen. „Wir hatten ja nur zwei alte Schwarz-Weiß-Fotos“, so Hempel rückblickend. Hilfreich war ihre Erfahrung mit ähnlichen Projekten und dass bei „Örn“ die Mastposition nie verändert worden ist. Bei dem mit Spannung erwarteten Trimmschlag hätten sie die fantastischen Segeleigenschaften von „Örn“ dann aber trotzdem völlig verblüfft, so Hempel.

Um das neue alte Rigg zu trimmen, hat der Eigner zahlreiche Mimiken entwickelt, Arbeitstaljen aus Dyneema, die er flugs mit Klemmgriffen ansetzt, wo sie benötigt werden. Diemer benutzt sie unterwegs und trimmt das Großsegel auf jedem Kurs, bis es optimal steht. Winschen braucht er dafür nicht. Am Mast hätte wegen der Ringe des Großsegels ohnehin keine befestigt werden können. An Deck stehen noch drei vom Voreigner, davon werden aber nur zwei für die Fockschoten benutzt. Selbst die Genuaschienen hat Diemer entsorgt. Er arbeitet lieber mit Barberhaulern, die er durch einfache Augbolzen im Deck führt. Damit könne er die Holepunkte viel präziser einstellen.

Solche Gedanken stecken in allen Details. Und wenn der begeisterte Segler davon erzählt, wie ihm auf Großvaters gaffelgetakeltem Spitzgatter „Lotte“ die Seebeine wuchsen und dass er später bei Berend Beilken auf „Champagne“ und „Diva“ das schnelle Segeln gelernt habe, wird deutlich, dass sich in seinem Dasein mit „Örn“ beide Welten miteinander verbinden, in denen er seglerisch groß geworden ist. Vor allem die Zusammenarbeit mit den Experten habe ihm Spaß gemacht, weil ausnahmslos alle Freude daran gehabt hätten, an der Wiederauferstehung der historischen Meteryacht teilzuhaben.

Ein Klassiker ohne Motor

Auf der Kieler Förde ist noch nicht viel vom Frühling zu merken. Die Sonne kann sich heute nicht durchsetzen, die Wolken davor regnen sich ab, und so geht es nach einem Schlag in die Möltenorter Bucht und einem in die Hörn wieder zurück in den alten Olympiahafen, wo „Örn“ seinen Liegeplatz hat. Das Gaffelsegel zu bergen macht wenig Mühe, dafür ist nicht einmal ein Aufschießer nötig. Und da sein Oberliek an der Gaffel fest ist, lässt sich das Tuch auch gut händeln. Mit dem auslaufenden Schwung geht es in die Hafeneinfahrt, die letzten Bootslängen zur Box werden gepaddelt.

„Ich weigere mich, einen Motor an Bord zu nehmen“, sagt Matthias Diemer, der einzig bedauert, sich dadurch der Möglichkeit zu berauben, einhand zu segeln, „das kriege ich so leider nicht hin mit dem Schiff“. Aber ein Motor, auch ein kleiner Elektromotor, das würde den Zauber zerstören, der jetzt vom Segeln auf die ursprüngliche Art ausgehe. „Eine ungeheure Faszination“, nennt es Diemer, „schon aufgrund der Silhouette des Gaffelsegels. Das sieht man heute ja kaum noch.“

​Und während er, am Liegeplatz angekommen, den gewaltig-leichten Großbaum in seine Stütze an Deck hebt, gerät der Eigner ins Sinnieren: „Man bekommt hier an Bord so einen Blick durch den Spalt in der Tür. Einen Blick in die Zeit, als ‚Örn‘ gebaut wurde. Aber der Geist, in dem sie gesegelt wurde, ist nur noch erahnbar. Die Segler damals waren ja schon 40 Jahre alt, das sind also Geburtsjahrgänge um 1870 herum gewesen.“ Und während er den Flügel seines kleinen Adlers liebevoll und Falte für Falte zwischen Großbaum und Gaffel legt und über den Rückblick spricht, sieht der Betrachter vor allem die Gegenwart, das Glück, welches „Örn“ heute wie damals zu schenken vermag, und die Wertschätzung, die diese kleine Meteryacht erfährt. Und dass sie noch nach über hundert Jahren mit Begeisterung gesegelt wird.


​Technische Daten der 6mR-Yacht S 40 „Örn“

yacht/1000000969_864326df5b6ec84e4384e9bf8e9f742eFoto: Archiv Diemer
  • First Rule, Baujahr 1911
  • Konstrukteur: Henning Haglind
  • Bauwerft: Smedsuddens Båtvarf
  • Länge / Breite / Tiefgang: 10,40 m / 1,80 m / 1,25 m
  • Verdrängung: 2,9 t
  • Großsegel: 41,59 m²
  • Fock:12,57 m²
  • Genua: 20,58 m²
  • Gennaker: 56,00 m²

​Buchtipp

Pflege und Instandsetzung klassischer Yachten vermittelt in Schritt-für-Schritt-Anleitungen und Bildmaterial praktisches Wissen für Eigner, die den Erhalt historischer Boote fachgerecht planen oder Restaurierungsarbeiten besser beurteilen möchten.


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Lasse Johannsen

Lasse Johannsen

Stellvertretender Chefredakteur YACHT

Geboren in Kiel, aufgewachsen am Wasser und an Bord, seglerisch ausgebildet im Verein und beim Segeln auf Nord- und Ostsee. Nach Schule, Marine und juristischer Ausbildung 2007-2009 Volontariat bei der YACHT im Ressort Panorama, welches er heute leitet. Daneben verantwortet er die Sonderausgabe YACHT classic, veröffentlichte mehrere Bücher im Verlag Delius-Klasing und ist stellvertretender Chefredakteur der YACHT. Johannsen ist begeisterter Fahrtensegler auf eigenem Kiel und aktiver Begleiter der deutschen Klassiker-Szene.

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