Polarisierende DesignsHässlich oder Hammer? Sunbeam 32.1

Fridtjof Gunkel

 · 27.10.2022

Aus fast jeder Perspektive vermag die Sunbeam 32.1 zu überraschen ...
Foto: YACHT/J. Kubica

Wir stellen Boote vor, die wegen ihres Designs oder spezieller Funktionalitäten aus der Masse herausstechen und polarisieren. Heute: die Sunbeam 32.1

Der rhetorische Kunstgriff saß: „Seid’s mutig, oder seid’s sehr mutig?“, wollte der von den Chefs der Sunbeam-Werft beauftragte Industriedesigner Gerald Kiska aus dem nahen Salzburg wissen. Die Antwort der Schöchls auf die herausfordernde Frage erübrigt sich von selbst, besonders wenn sich diese an eine Werftführung richtet, die zum Zeitpunkt des Auftrages mitten im zweiten Generationswechsel der 70-jährigen Firmengeschichte steckt und somit per se offen für frisches Denken sein muss. Andreas Schöchl heißt der neue Mann am Ruder, Sohn von Technikchef Manfred, der zusammen mit seinem Cousin Gerhard den elterlichen Betrieb 1990 übernommen hatte.

Verlagssonderveröffentlichung

Das Ergebnis des Generationswechsels ist die Sunbeam 32.1, die 2021 erstmals in der YACHT vorgestellt und getestet wurde. Sie schwimmt, segelt und tut auch sonst, was sie soll: polarisieren. Dies weniger durch die Caffè-Latte-Lackierung des damaligen Test-Bootes, sondern allein schon durch die Formensprache. Die ist nicht nur geprägt von Fasen, Winkeln und Fugen, wie man es mittlerweile aus dem Fahrtenboot-Segment kennt, sondern kommt geradezu avantgardistisch daher. Das beginnt am Wavepiercer-Bug, der stark negativ verläuft, er fällt nach achtern oben ab – um mit einem festen Bugspriet wieder nach vorn zu schnellen. Das Deck ist vorn obendrein breiter als der Rumpf darunter, sie nennen es Flight-Deck, eine angedeutete Flugzeugträgerform. Mutig, frisch, cool.

Nach achtern zieht sich ein feiner dia­gonaler Chine durch, über dem der Freibord etwas eingezogen ist. Zur aggressiven Formensprache kommen lange Rumpffenster im Vorschiff, die aus ungleichen Trapezen bestehen und die man auf verschiedenen Motorbooten sieht.

Über dem Aufbau sitzt ein Formteil, das Fallen und weitere technische Elemente verdeckt und das nach vorn zu einem U ausläuft. Der Deckel sieht von oben aus wie ein X, sie nennen es X-Brace, X-Spange. In besagter Spange lässt sich auf dem Vordeck ein wegklappbares Polster sichern. Und der Deckel über dem Decksaufbau soll thermisch isolieren und durch Ventilation das Interieur weniger aufheizen. Flight-Deck und X-Brace schaffen zusammen neben dem Cockpit eine „zweite Erlebniszone“, wie Gerald Kiska es nennt. Die Crew kann das breite Vorschiff zum Sonnenbaden und Entspannen nutzen, nebenbei ist es besser begehbar, was komfortabel ist beim Gang über den Bug.

Als ich mir auf der Messe 20 Segelyachten angeguckt habe, wusste ich abends nicht mehr, welche wie aussah.“

Sportliches Boot für die ganze Familie

Diese Dinge folgen einem den Machern elementaren Ansatz für das Boot. Es soll nicht einer Person, traditionellerweise dem Skipper, Segelfreude für ein paar Stunden bieten, sondern der gesamten Familie über den kompletten Tag. Die Neue soll Sport­gerät, Floating Home, Beachclub in einem sein, und nebenbei „sollen die Leute hinterherschauen, wenn so ein Boot den Hafen verlässt oder vorbeisegelt“, sinniert Kiska lächelnd, der die Eintönigkeit im Segelyachtdesign beklagt: „Als ich mir auf der Messe 20 Segelyachten angeguckt habe, wusste ich abends nicht mehr, welche wie aussah.“

Der Motorbootszene, der Kiska über seine Arbeit für die österreichische Frauscher-Werft verbunden ist, attestiert er eine deutlich größere Fortschrittlichkeit. Seine provokant-polarisierende Gestaltung weiß er zu verteidigen: „Dinge, die von Anfang an als schön empfunden werden, sind nach einem halben Jahr fad.“ Aber solche, die polarisieren, fänden ihre Zielgruppe und seien nachhaltiger.

Sunbeam 32.1 „segelt herausragend gut“

Die Sunbeam 32.1 steht in den Segeleigenschaften ihrer aggressiven Optik kaum nach. Gut, sie ist kein Racer, dazu ist sie mit (laut Werft gewogenen) 4,15 Tonnen etwas zu schwer, weil konventionell aus Schaum-Sandwich mit Glasfaserlaminat gebaut. Andreas Schöchl: „Die Sunbeam 32.1 soll viele Wünsche abdecken und eine große Vielseitigkeit bieten. Und weil sie das auch tut, ist sie schwer einzuordnen.“

Die 32.1 sticht fast schon schmerzhaft ins Auge durch ihre Andersartigkeit, lässt jeden Besucher unüblich lang verharren, einige das Telefon zum Fotografieren zücken. Und der Preis? Mit knapp 210.000 Euro segelfertig ist die Sunbeam etwa doppelt so teuer wie eine Dufour 32. Oder wie es der Werft-Senior Manfred Schöchl formuliert: „Diese Boote sind so teuer, da musst du nicht nur die Frau um Erlaubnis fragen, sondern auch noch den Hund!“

Und so lautete auch das Fazit des YACHT-Tests: „Sportgerät, Beachclub, Weekender, Fahrtenboot: Die neue Sun­beam 32.1 kann vieles, segelt herausragend gut und ist optisch unverwechselbar. Die äußere Linienführung polarisiert ebenso wie die Innenraumgestaltung mit dem offenen Salon.“

Das Video zum YACHT-Test der Sunbeam 32.1



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