Michael Good
· 28.03.2026
Der neue Lagoon 38 tritt kein leichtes Erbe an. Das Vorgängermodell, der Lagoon 380, war für den Branchenprimus aus Bordeaux ein außergewöhnlicher Best- und Longseller. Über mehr als zwei Jahrzehnte hielt sich das kompakte Modell im Programm, mehr als 1.000 Einheiten wurden gebaut. Der Erfolg beruhte auf einem stimmigen Konzept: überschaubare Abmessungen, einfaches Handling, eine attraktive Preisgestaltung und Ausbauvarianten mit drei oder vier Kabinen, die das Boot sowohl für private Eigner als auch für den Chartermarkt interessant machten.
Selbst nach der Einführung des innovativen Lagoon 40 im Jahr 2018 blieb der 380er wegen der anhaltend hohen Nachfrage weiter im Angebot. Nun aber ist endgültig Schluss. Lagoon schickt den altgedienten 380er in den Ruhestand und stellt mit dem neuen Lagoon 38 einen direkten Nachfolger vor. Allerdings liegt die Messlatte für den Newcomer von Beginn an sehr hoch.
Für die Konstruktion des neuen Lagoon 38 ist wiederum das Studio VPLP Design verantwortlich. Prägend ist vor allem die ungewöhnliche Rumpfform im Vorschiffsbereich: viel Volumen weit vorn, kombiniert mit markant ausgeprägten Kimmkanten, die dort dennoch für schlanke Wasserlinien sorgen. Was man von modernen Einrumpfbooten als Konstruktionsmerkmal vor allem bei der Gestaltung des Achterschiffs kennt, wird hier offenbar nach vorn verlegt. Verkehrte Welt vielleicht – konstruktiv aber durchaus schlüssig.
Der eigentliche Zweck dieser Formgebung liegt weniger im spektakulären Auftritt oder in möglichen hydrodynamischen Vorteilen als vielmehr im Raumgewinn unter Deck. Das Mehrvolumen im Vorschiff schafft vor allem in den vorderen Kabinen spürbar bessere Platzverhältnisse. Damit übernimmt der neue 38er ein Konstruktionsprinzip, das bereits beim größeren Lagoon 43 für Aufsehen gesorgt hat: Die geräumigen Eignerkabinen wandern ins Vorschiff, wo nun mehr Platz zur Verfügung steht als achtern. Das ist ein echtes Novum in der Welt der Katamarane und bringt zugleich Vorteile, die man bislang vom Einrumpfboot kennt: mehr Privatsphäre beim Schlafen im Vorschiff, größere Distanz zu den Geräuschquellen achtern sowie bessere Möglichkeiten für Licht und Belüftung, weil an Deck mehr und auch größere Luken eingebaut werden können.
Die Bedingungen beim Test vor Barcelona sind alles andere als einfach: ein sehr unbeständiger Wind zwischen 4 und 5 Beaufort, dazu ein hoher Schwell von 1,50 bis 2,00 Metern. Entsprechend vorsichtig sind die Leistungsdaten zu bewerten. Der Lagoon 38 erreicht gegenan maximal 6,0 Knoten, auf einem Winkel von mindestens 55 Grad zum wahren Wind. Das ist allenfalls ordentlich, aber keineswegs begeisternd. Grund dafür dürfte die sehr kleine Selbstwendefock sein, die Lagoon serienmäßig mitliefert – leider ohne Option auf eine größere, überlappende Genua.
Ab etwa 80 Grad wahrem Windeinfall kommt der Lagoon 38 mit ausgerolltem Code Zero deutlich besser ins Laufen. Erst in dieser Konfiguration wirkt der Segelplan stimmig, auch bei mehr Wind. Der Code Zero gehört damit eigentlich zu einer schlüssigen Segelgarderobe dieses Katamarans, auch wenn er nur gegen Aufpreis zu haben ist. Ohne ein zusätzliches Leichtwind- und Raumwindsegel brechen die Leistungen vor allem auf raumen Kursen dann doch ziemlich deutlich ein.
Alle Fallen, Schoten und Trimmleinen laufen ins seitlich erhöhte Steuercockpit zurück. In der praktischen Umsetzung bleibt das Layout jedoch unvollständig. Am Arbeitsplatz des Steuermanns steht nämlich nur eine einzige 40er-Winsch zur Verfügung, die für die anfallenden Lasten deutlich zu klein dimensioniert ist. Die Großschotführung mit zwei getrennten Taljen anstelle eines Travellers ist zwar trimmeffizient, verlangt im Manöver aber das Nachführen beider Schotzüge. Spätestens hier zeigt sich: Mindestens eine zusätzliche Manöverwinsch fehlt. Als Teil der optionalen Ausstattungspakete für Code Zero oder Gennaker werden zwar Winschen für die Schoten seitlich im Außencockpit installiert. Aber auch sie sind für die hohen Belastungen auf den Leinen bei Wind zu klein ausgelegt.
In der Eignerversion mit großer Kabine im Vorschiff nutzt Lagoon die neue Volumenverteilung konsequent aus. Die Koje ist über die gesamte Rumpfbreite gebaut und bietet im Schulterbereich eine Liegefläche von beachtlichen 1,80 Metern. In der kleinen Klasse der Fahrtenkatamarane unter zwölf Meter Rumpflänge ist das bislang beispiellos. Von dem nach vorn verlegten Schlafbereich profitiert auch die Nasszelle, die nun achtern im Rumpf untergebracht ist und dadurch ebenfalls ungewöhnlich großzügig ausfällt. Vor allem der separate Duschbereich bietet ein Raumangebot, das in dieser Bootsgröße überrascht. Dazwischen bleibt ein zusätzlicher Wohnbereich, der sich flexibel als Büro, Ankleide oder offener Stauraum nutzen lässt.
Im Steuerbordrumpf teilen sich die Mitsegler zwei ebenfalls sehr großzügige Doppelkabinen sowie eine große Nasszelle in der Mitte mit separatem Duschbereich. Dieses Layout übernimmt die Charterversion mit vier Kabinen dann spiegelbildlich auch für den Backbordrumpf. Der Zugewinn an Wohnvolumen und Wohnfläche gehört generell zu den stärksten Argumenten des neuen Lagoon 38.
Der Salon selbst fällt dagegen eher kurz und kompakt aus. Seine Stärke liegt weniger in üppigen Abmessungen als in der funktionalen Verbindung mit dem Außencockpit. Die Sitzgruppen im Salon und im Cockpit lassen sich flexibel anordnen und bei geöffneter Schiebetür auch in Kombination nutzen. So können an den beiden Tischen bis zu zehn Personen bequem sitzen, was vor allem für den Einsatz im Yachtcharter interessant ist. Auch die Pantry punktet mit hoher Funktionalität. Sie bietet große Arbeitsflächen und gut zugängliche Stauräume. Für eine echte Navigation mit Arbeitsfläche bleibt im Salon jedoch kein Platz mehr. An ihrer Stelle gibt es nur eine offene Ablage, die allenfalls die Funktion eines improvisierten Stehpults übernehmen kann.
In der Einsteigerklasse der Fahrtenkatamarane unter zwölf Metern Rumpflänge bleibt die Konkurrenz weiterhin überschaubar. Das Längensegment ist besonders anspruchsvoll, entsprechend wenige Hersteller stellen sich der Aufgabe, auf begrenzter Länge ausreichend Raum, Komfort und Nutzwert unterzubringen. Das erklärt auch, warum es beim Preis kaum Bewegung gibt.
Stand 2026, wie die ausgewiesenen Preise definiert sind, lesen Sie hier!
Bei vergleichbarer Grundausstattung pendeln sich auch die Angebot der Konkurrenz von Bali oder Excess bei rund 400.000 Euro brutto ein.
Der Lagoon 38 interpretiert das Konzept des kompakten Fahrtenkatamarans konsequent neu – mit überraschend viel Platz, cleverem Ausbau und hohem Komfort. Ob das reicht, um an den Erfolg des Lagoon 380 anzuknüpfen, muss sich noch zeigen.
Fahrtenkatamarane werden im internationalen Chartergeschäft gut nachgefragt und später für einen zweiten oder dritten Lebenszyklus oft an Eigner verkauft. Für diesen Fall bietet Lagoon neu flexible Lösungen mit zusätzlichen Möbeln zum Nachrüsten an. Diese Komponenten in Modulbauweise werden ab sofort für den Lagoon 38 (Foto) wie auch für das größere Modell Lagoon 43 (lesen Sie hier den Test) angeboten.
Kompaktes Format
Mehrvolumen im Vorschiff
Konkurrenzfähiger Preis
Wenig Segelfläche am Wind
Einhandtaugliches Handling
Effiziente Großschotführung
Wenig Potenzial mit Fock
Nur eine Winsch im Cockpit
Eignerkabine im Vorschiff
Modulare Bauweise
Gute Ventilation
Festhaltemöglichkeiten fehlen
Maschinen gut zugänglich
Ansprechende Steuerung
Technik ordentlich eingebaut
Keine Genua möglich
GFK-Sandwich mit Schaumkern. Vakuuminfusion für den Rumpf, Vakuuminjektion für das Deck.
Das Aluminiumrigg mit zwei Salingen kommt vom französischen Hersteller VMG. Varianten dazu sind nicht vorgesehen.
Ein Satz Dacron-Segel (Groß und Selbstwendefock) gehört zum Lieferumfang ab Werft. Ein Code Zero kostet mit Decksausstattung und Rollanlage 6.260 Euro brutto. Für einen Gennaker werden zusätzlich 3.770 Euro fällig.
Ab Werft werden zwei Einbaudiesel von Yanmar (3YM30AE) mit einer Leistung von je 30 PS verbaut. Der Antrieb erfolgt über Saildrives und Dreiflügel-Festpropeller. Die Kraftstoff-Tanks mit einer Kapazität von jeweils 200 Liter sind hinten in den Rümpfen eingebaut.
Lagoon Catamarans, 33702 Bordeaux (Frankeich); www.catamarans-lagoon.com
* Angebot von Yachting24 gültig für Versicherungssumme 407.000 Euro (bei Zeitwertdeckung), Selbstbeteiligung 1800 Euro, Haftpflicht-Deckungssumme 8 Millionen Euro.

Redakteur Test & Technik