Richard Beaumont einen Überzeugungstäter zu nennen, würde dem 72-jährigen Unternehmer nicht gerecht. Der Mann sieht aus wie das Hollywoodklischee eines rauen, aber liebenswerten Seemanns: blaue Augen, Stoppelbart, ein Gesichtsausdruck irgendwo zwischen humorvoll und wild entschlossen, auf dem Kopf einen breitkrempigen Südwester mit Riemen. Er bezeichnet sich selbst als „Werftbesitzer aus Leidenschaft“. Und das klingt noch maßlos untertrieben. Dick, wie ihn alle nennen, ist ein Missionar.
Mit ihm über seine Boote zu sprechen, gerät meist zu einer unterhaltsamen Predigt. Dauer: kaum je unter einer Stunde; sogar einen Abend füllt er mühelos. Zwischen Begriffen wie „Alpha-Ruder“ und „Zero-Kiel“ flicht der Brite virtuos die Erfahrungen aus gut und gerne 200.000 Seemeilen auf eigenem Kiel ein. Mit diesem Repertoire bespielt er inzwischen auch einen eigenen Youtube-Kanal.
In einem Alter, in dem andere eher die Bühne verlassen, als sich eine neue zu bauen, treibt ihn die Passion an, die besten Blauwasseryachten zu bauen, die es auf dem Planeten gibt – „ohne Kompromisse“, wie er sagt.
Die Kraken 58 ist das bisher jüngste Produkt, das seiner Philosophie folgt. Im Programm der Werft gibt es daneben noch eine 50 und Pläne für eine 44. Er selbst segelt seit zehn Jahren auf dem 66-Fuß-One-off „White Dragon“, gezeichnet und gefertigt nach demselben Prinzip. „Ich habe auf dem Markt nicht gefunden, was ich suchte. Das hat mich überhaupt erst dazu gebracht, eine Werft zu gründen“, sagt er.
Was Kraken-Yachts so anders, so besonders macht, ist ihre konstruktive, man kann auch sagen: passive Sicherheit. Das gilt vor allem, aber nicht nur, für die Kielkonstruktion. Statt Finne und Bombe einfach unterzubolzen, wie das auf 99 Prozent aller Serienboote heutzutage geschieht, sind sie hier Teil des Rumpfes. Der Ballast in Form von Bleikugeln wird, mit Harz und Härter vermischt, nach dem Entformen in den aus Volllaminat bestehenden hohlen Kiel gegossen.
„Bei der Kraken 58 macht eine Matrix aus 20 Lagen Glas- und Aramid-Gelegen den Rumpf schussfest“, betont Dick Beaumont stolz. Um den Scherkräften bei Lage und Spitzenlasten im Fall einer Kollision zu widerstehen, reicht die Bodengruppe aus Spanten und Stringern bis in die Kielsohle. Und sie ist nicht eingeklebt, sondern aufwendig von Hand anlaminiert.
Nun löst das ein Problem, das de facto vernachlässigbar erscheint. Andere langfahrttaugliche Yachten der Luxusklasse verfügen ebenfalls über sehr bewährte und hoch belastbare Kielkonstruktionen. Statt eines Integralkiels werden meist an massiven GFK-Stummeln verbolzte Ballastkörper verbaut, welche die Hebelwirkung bei einem Aufprall verringern und zudem eine tiefe Bilge ermöglichen.
Aber der Zero-Kiel ist nicht Krakens einziges Alleinstellungsmerkmal. So hat die 58 gleich drei wasserdichte Partitionen – zwei im Bug, eine achtern vor dem Quadranten –, was sie nahezu unsinkbar macht. Ihr Ruder steht auch nicht frei, sondern ist an einem Vollskeg geführt. Dessen Vorderkante verläuft schräg nach unten, damit Schleppleinen, Netze oder anderer Unrat im Meer nicht verhaken kann, sondern abrutscht.
Das ganze Boot scheint konsequent nach Was-wäre-wenn-Übungen konzipiert. So wird beispielsweise der 2,8-Liter-Yanmar nicht wie üblich direkt aus den beiden mittschiffs liegenden Tanks versorgt, sondern von einem dritten, dessen Kraftstoff vorher durch eine aufwendige Filtrierungseinheit gepumpt wird. Das reduziert das Risiko von Verunreinigungen oder Dieselpest erheblich.
Auch im Design löst sich die Kraken 58 von den gängigen Trends. Sie baut im Freibord nicht so hoch wie heute üblich, ihr Steven ist schräg, die Spantform weniger flach, und der Rumpf verjüngt sich in der Breite nach achtern. Das soll für angenehme Bewegungen im Seegang sorgen.
Es verleiht ihr obendrein eine zeitlose Erscheinung; man kann sie aber auch ein wenig retro finden. Ihre vergleichsweise kleinen, hoch liegenden Rumpffenster etwa datieren den Entwurf des neuseeländischen Konstrukteurs Kevin Dibley visuell um zwei Jahrzehnte zurück. Dick Beaumont jedoch findet, dass es aus Gründen der Sicherheit nur so geht. Auch darüber kann er leidenschaftlich diskutieren.
Und wenn man mit ihm über das eigenwillige Bimini spricht, das so mächtig wirkt wie ein Hardtop, aber lediglich aus Persenningstoff besteht, kontert er mit der Geschichte von einem Taifun, den er einmal in Südostasien abwettern musste. „Da haben wir alles abgebaut, was abzubauen war, um die Windangriffsfläche zu reduzieren – auch die Tuchbahnen.“
Ist die Kraken also ein fürs Äußerste gebauter Panzerkreuzer – oder segelt sie auch? Wenn man ihre Kennzahlen betrachtet und den imposanten Segelplan, wird rasch deutlich, dass Dick Beaumonts Bemühen um Sicherheit durchaus Spielraum für eine gewisse Längsdynamik gelassen hat.
Wegen ihrer überkompletten Serienausstattung und der soliden Bauweise verdrängt sie leer zwar satte 29 Tonnen – so viel wie die Amel 60, deutlich mehr als eine Oyster 565 oder Hallberg-Rassy 57. Doch trägt sie am höheren Rigg wesentlich mehr Segelfläche in Relation zu ihrem Gewicht.
Tatsächlich kommt sie schon bei 8 bis 10 Knoten Wind nennenswert in Fahrt. An der Kreuz erreicht sie dann achtbare Geschwindigkeiten von 5 bis 6 Knoten, wobei es fast einerlei ist, ob man mit der eng geschoteten Kutterfock oder der 140-Prozent-Genua unterwegs ist, deren Holepunkt auf der Fußreling sitzt. Mit dem größeren Vorsegel ist mehr Speed möglich, bei allerdings weniger Höhe und mühsameren Manövern, weil das Tuch in der Wende weitgehend weggerollt werden muss.
Bei frischerer Brise und mehr Welle legt die Kraken 58 nicht so viel mehr zu. An der Kreuz loggt sie dann im Mittel um die 7, in der Spitze 7,5 Knoten – gut einen halben Knoten weniger als nach den Polardaten des Konstrukteurs. Um Ruderdruck und Lage in Grenzen zu halten, braucht sie schon bei 15 Knoten Wind ein Reff im Groß, bei 20 Knoten rollte die Werft-Crew im Test das Tuch fast bis zur Hälfte des Unterlieks in den Mast.
Das geht, wie alles an Bord, mühelos per Knopfdruck. Es zeigt aber auch, dass die Kraken zumindest in puncto Leistung eben doch Kompromisse erfordert. Der Reibungswiderstand der flächigen Anhänge bremst ihr Temperament spürbar, und das Skeg-geführte Ruder zeigt weniger Grip und Feinfühligkeit als ein gut balanciertes frei stehendes Spatenruder. So vermag sie das Potenzial ihres Segelplans nicht voll zur Geltung zu bringen.
Am Folgetag konnte sie freilich durch ihr fast sänftenartiges Verhalten im Seegang überzeugen. Bei bis zu zwei Meter Welle und gut 25 Knoten Wind ging sie wie auf Stoßdämpfern durch die Brecher. So weich setzt keine andere aktuelle Konstruktion dieser Größe ein.
Dafür erwies sich die Kraken 58 beim Manövrieren im engen Hafen im Test als weniger umgänglich. Achteraus brauchte sie viel Raum und Fahrt, bis sie aufs Ruder ansprach. Und auch das ab Werft schon im Standard eingebaute Bugstrahlruder vermochte nicht, das Vorschiff gegen 6 Beaufort in Position zu halten.
Wer vom bequemen, gut geschützten Mittelcockpit unter Deck geht, den empfängt die fast 3 Millionen Euro teure Yacht mit satter Gediegenheit. Die vier Meter breite Panoramascheibe des Deckssalon-Aufbaus sorgt für viel Licht und eine angenehme Weite.
Es gibt keine Serienyacht mit umfangreicherer Standardausrüstung. Selbst 15-PS-Außenborder, Rettungsinsel und Induktionsherd gehören zu den serienmäßigen „Extras“. Gesamtwert: gut 250.000 Euro.
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Obwohl die Sitzgruppe eher knapp bemessen erscheint, wirkt die Kraken imposant. Minimale Spaltmaße, fein lackierte Oberflächen, knarzfrei verlegte und mit Echtholz furnierte Bodenbretter prägen ein Ambiente von distinguiertem Luxus. Es mag im Vergleich zur Konkurrenz an Finesse mangeln, an Modernität in der Innenarchitektur, nicht aber an praktischen Detaillösungen.
So findet sich an Backbord, zwischen Pantry und Salon, ein Ölzeugschrank; niemand muss also mit triefenden Klamotten durchs halbe Schiff laufen. Die erhöht eingebaute Navigation erlaubt freie Sicht nach vorn und zu den Seiten.
Es gibt gleichwohl ein paar Kinken im sonst mehrheitlich überzeugenden Layout. Der steile Niedergang zählt dazu. Er lässt sich nur mit dem Rücken zur Fahrtrichtung einigermaßen sicher begehen, da die Stufen nicht tief genug und zudem stark hinterschnitten sind. Das passt nicht so recht zu Dick Beaumonts Postulat unkompromittierter Sicherheit. Im Kern jedoch erfüllt die Kraken 58 hohe, wenn nicht gar höchste Ansprüche.
Ursprünglich wollte der Werftchef seine Yachten in China fertigen. Weil dort die Zollpolitik zu restriktiv war, verlegte er die Produktion zunächst in die Türkei, wo auch das Testschiff gebaut wurde. Wegen der horrenden Inflation und in der Folge stark steigender Löhne hat Kraken Yachts ihren Sitz mittlerweile im polnischen Gdynia.
Auswirkungen auf die Qualität soll der Umzug nicht haben, versichert Dick Beaumont. Er hat die Spezifikation seiner Modelle vielmehr noch weiter verfeinert. Im Unterwasserbereich etwa lässt er jetzt klares, uneingefärbtes Gelcoat in die Rumpfform spritzen. „So können wir nach dem Entformen eventuelle Lufteinschlüsse sehen und beheben.“
Selbst wenn man nicht in jedem Punkt seiner Meinung sein mag: Seinen schier unerschöpflichen Perfektionsdrang muss man einfach lieben, seine Geschichten von See sowieso. Der Bootsbau wäre ohne Macher wie ihn zweifellos ärmer.
Konsequent auf Langfahrt ausgerichtet
Hohe passive Sicherheit
/(-) Hoher, aber fairer Preis
Sehr weiche Bewegungen bei Seegang
Variabler Segelplan
Trimmen per Knopfdruck
/(-) Mäßiges Temperament
Hohe Material- u. Fertigungsgüte
Salonsitzgruppe etwas beengt
Kojen mitschiffs u. vorn zu kurz
Steiler Niedergang, kurze Stufen
Überkomplette Ausstattung
Voll begehbarer Maschinenraum
/(-) Bequeme, aber achtern beengte Plicht
GFK-Rumpf mit integriertem Kiel und Bleiballast; Aramid-verstärktes Volllaminat bis 40 cm über Wasserlinie. Sandwich-Deck.
Die Kraken hat vorn zwei wasserdichte Schotten, achtern eines. Das an einem Aramid-verstärkten Skeg geführte Ruder ist dreifach gelagert.
Das feste Bimini überragt das gesamte Cockpit. Es lässt sich nach vorn zur Windschutzscheibe, achtern und seitlich zur Kuchenbude schließen.
Kraken Yachts Ltd., Gdynia/Polen, Tel. +48 668 88 54 00; krakenyachts.com
Tel. +35 056 02 09 65; sales@krakenyachts.com

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