Ein neu gegründeter Verbund aus acht Naturschutzverbänden, darunter WWF und NABU, warnt vor einem anhaltenden Rückgang der Schweinswal-Population in der Deutschen Nordsee. Besonders rund um Sylt zeigen die Daten einen deutlichen Abwärtstrend. In einem Positionspapier fordern die Verbände nun eine konsequentere Umsetzung der Schutzmaßnahmen.
Für viele Wassersportler ist die Sichtung einer Rückenflosse im trüben Wasser der Nordsee ein seltenes Highlight. Während die Bestände in der gesamten Nordsee stabil bleiben, sinken sie ausgerechnet in deutschen Gewässern schon seit Jahren.
Die Zahlen sind eindeutig. Laut der Deutschen Stiftung für Meeresschutz nimmt der Bestand in der deutschen Nordsee kontinuierlich ab. Zwischen 2002 und 2019 schrumpfte die Population jährlich um durchschnittlich 1,8 Prozent. Der Gesamtbestand hingegen bleibt stabil: Die internationale Walzählung SCANS IV ermittelte rund 338.918 Schweinswale in der gesamten Nordsee.
Dabei ist ein klarer Trend zu beobachten. Schweinwale verlagern ihren Lebensraum zunehmend Richtung Niederlande und Ärmelkanal, da sich Bestände wichtiger Futterfische dorthin verschieben. Die Wale ziehen hinterher. Dadurch geraten sie in ein Gebiet mit starkem Schiffsverkehr und intensiver Fischerei, was sich wiederum direkt auf die Population auswirkt.
Besonders kritisch ist die Lage am Sylter Außenriff, einem streng geschützten Gebiet und bedeutenden Aufzuchtbereich der Wale. Trotz Schutzstatus verliert der Bereich laut Stiftung Meeresschutz im Schnitt 3,8 Prozent der Tiere pro Jahr. Schweinswalmütter bringen dort ihren Nachwuchs zur Welt. Der Schutz existiert oft nur auf dem Papier, während in der Realität Fischerei, Schifffahrt und Lärm weiterhin die Populationen belasten. Ähnlich ist die Situation auf der Doggerbank nördlich des Ärmelkanals. Obwohl das große Sandgebiet unter europäischem Schutz steht, wird dort weiter intensiv gefischt. Vor allem dänische und britische Kutter fangen mit Grundschleppnetzen große Mengen Sandaale – wichtige Beutefische der Schweinswale.
Das Positionspapier der Verbände findet deutliche Worte. Die bisherigen Schutzmaßnahmen reichten nicht aus, um die Population zu sichern. Da die marinen Lebensräume durch vielfältige Nutzung stark belastet sind, brauche es einen „ökosystembasierten Ansatz“. In Schutzgebieten müsse der Erhalt der biologischen Vielfalt klaren Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen haben, wenn der Schweinswal vor der deutschen Küste überleben solle.
Die Verbände verlangen eine konsequentere Umsetzung und Verschärfung der Regeln im Naturschutzgebiet vor Sylt und Amrum. In einem Positionspapier kritisieren sie, dass der Schutzstatus in der Praxis unzureichend umgesetzt werde.
Zu den Kernforderungen gehören ein vollständiges Stellnetzverbot, auch für ausländische Kutter, sowie reduzierte Höchstgeschwindigkeiten. Geplante Schnellfahrkorridore sollen entfallen, um Unterwasserlärm und Kollisionsrisiken zu verringern. Beim Ausbau der Offshore-Windkraft fordern die Verbände strengere Lärmschutzvorgaben bei Rammarbeiten, damit die lärmempfindlichen Tiere nicht weiter verdrängt werden.