Timmy in NotEin Buckelwal im falschen Revier

YACHT

 · 01.04.2026

Allenthalben Kameramotive: Ausgelegte Bojen zeigen die ausgebaggerte Rinne für den gestrandeten Buckelwal in der Ostsee.
Foto: DPA/PA
​YACHT- Podcaster Timm Kruse war für das ZDF im Einsatz und hat als Reporter eine Woche lang den gestrandeten Buckelwal begleitet. Was wie eine lokale Geschichte begann, wurde schnell zu einem weltweiten Hype.

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Vor Niendorf an der Ostsee strandet ein Buckelwal. Ein nicht alltägliches, aber auch nicht gänzlich ungewöhnliches Ereignis. Es ruft eine enorme Medienresonanz hervor. Timm Kruse, freier Journalist und Host des YACHT-Podcasts, hat tagelang das Schicksal des Buckelwals verfolgt und im ZDF darüber berichtet. Sein persönlicher Blick auf ein trauriges Tierschicksal und den weltweiten Hype, den es hervorrief.

Von Timm Kruse

Ein Wal namens Timmy

​Dass der Wal jetzt Timmy genannt wird – in Anlehnung an seine Strandung am Timmendorfer Strand, birgt eine gewisse Ironie. Bisher hießen nur Hunde Timmy – aber egal. Auch, dass er als Buckelwal nicht zu den akut bedrohten Arten gehört, beweist einen gewissen Irrsinn um den weltweiten Hype des Säugers. Dass Norwegen und Island weiterhin industriell Wale jagen – anderes Thema. Darum geht´s jetzt nicht. Hier geht es um dieses eine Tier, das sichtbar in Not ist.

​Anfang März wird der Wal erstmals in Wismar gesichtet. Danach taucht er in der Flensburger Förde und später in der Lübecker Bucht auf. Als er am 23. März vor Niendorf bei Timmendorfer Strand auf Grund läuft, beginnt eine nicht zu kontrollierende Dynamik. Ab sofort wird geplant, gemessen, beobachtet und gehofft.

Der erste Rettungsversuch

Am vierten Tag seiner Strandung, am 26. März, startet ein großer Rettungsversuch. Dutzende Kameras werden am Strand aufgebaut. Die Mikrofonhalter sprechen Französisch, Englisch, Italienisch, Russisch und natürlich deutsch. Der Wal liegt nur etwa 50 Meter vom Ufer entfernt und ist gut zu erkennen. Sein Rücken ragt aus dem flachen Wasser wie ein grauer Fels. Inzwischen kursieren Schätzungen: zwölf bis 15 Meter lang, etwa 15 Tonnen schwer, noch jung.

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Ab und zu stößt der Wal Wasserfontänen aus und gibt klagende Geräusche von sich. Auch ein tiefes Brummen ist zu hören – fast wie Motorenlärm. Niemand weiß wirklich, was das alles zu bedeuten hat. Aber jeder hat eine Meinung.

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Vier Bagger kommen zum Einsatz. Die Idee ist, eine Rinne auszubaggern, durch die der Wal bei ausreichend Wasserstand selbst in tieferes Wasser gelangen könnte. Denn man kann ihn nicht einfach hinausziehen. Dafür ist er zu schwer und das Verletzungsrisiko zu hoch. Auch Füttern würde nichts bringen, denn diese Walart kann nur schwimmend Nahrung zu sich nehmen, die sich in den Barteln verfängt und dann erst aufgenommen werden kann.

Hinter Bauzäunen steht eine Vielzahl von Helfern bereit: Feuerwehr, Polizei, Seenotrettung, Ordnungsbehörden, Tierärzte, Wildtierforscher und Tierschutzgruppen. Dazu kommen Menschen, die sich auf eigene Initiative einbringen wollen.

Hautnah am gestrandeten Tier

Unter ihnen befindet sich auch ein Tierschutzaktivist mit großer Reichweite in den sozialen Medien, der in einem Taucheranzug in Camouflage auftaucht. Er berichtet, er habe bereits Kontakt mit dem Tier gehabt. Seiner Darstellung nach reagiere der Wal auf Ansprache, zeige Lebenswillen, wirke aber ängstlich und zittere. Auch zum möglichen Geschlecht äußert er sich: Es spreche einiges dafür, dass es sich um ein Männchen handelt, weil Weibchen mit ihrem Nachwuchs eher in geschützteren Gebieten blieben, während Männchen größere Risiken eingingen. Damit lädt er das Tier zugleich biologisch und erzählerisch auf. Nein – einen Penis habe er nicht sehen können. Obwohl dieser bei Erregung zwei bis drei Meter lang sei. Aber natürlich sei das Tier im Moment alles andere als erregt.

Vermutlich stammt der Wal aus dem Nordostatlantik. Vielleicht folgte er seinem Erkundungsdrang, vielleicht Schiffslärm, vielleicht einfach der Nahrung. Jedenfalls gelangte er über die Meerenge zwischen Dänemark und Schweden in die Ostsee — und damit in ein Binnenmeer, das für einen Buckelwal problematisch ist: Die Gefahr zu stranden ist hoch, und dauerhaft schädigt der geringe Salzgehalt des Wassers die Haut. Hinzu kommt, dass der Sauerstoffgehalt der Ostsee unter anderem durch Überdüngung zu gering ist, Fischbestände zurückgegangen sind, und Netze in großer Zahl im Wasser oder als verlorener Abfall am Meeresboden als sogenannte Geisternetze liegen.

Auch an Timmys Körper hängen Reste von Schnüren und Netzen. Immerhin schaffen es die Helfer, diese teilweise zu entfernen. Ein Seil aber ragt weiterhin aus seinem Maul. Es könnte sein, dass sich noch mehr Leinen und Netzteile in seinem Körper befinden und ihn zusätzlich schwächen. Der Aktivist nutzt diese Beobachtung für eine mahnende Botschaft: Wer Fisch esse, sei indirekt mitverantwortlich für genau solche Situationen. Alle am Strand stellen sich jetzt natürlich Fragen nach Konsum, Umweltzerstörung und menschlicher Mitverantwortung. Viele Reporter holen sich danach ein Fischbrötchen – ich auch.


Muss man als Segler fürchten, den Buckelwal zu rammen, wenn er wieder freikommt?

Eher nicht. Ein Tier dieser Größe ist kein treibendes Wrack, sondern meist rechtzeitig auszumachen. Trotzdem gilt: In der Lübecker Bucht und angrenzenden Revieren ist jetzt besonderer Ausguck Pflicht – aus navigatorischer Sorgfalt und aus Respekt vor einem geschwächten Meeressäuger, der in der Ostsee nichts verloren hat.


Emotion und harte Wirklichkeit

Das Tier löst etwas aus, das über bloße Schaulust hinausgeht. Wale sind Sinnbilder von Größe, Sanftheit und Geheimnis; sie gelten als soziale Wesen mit Bindungen, Lautsystemen und komplexem Verhalten. Bei den weltweiten Krisen und Kriegen, gibt der Wal wenigstens einen Anlass für Hoffnung: Der Wal wird zu einer Projektionsfläche für Mitgefühl, Sinnsuche und den Wunsch, irgendwo noch wirksam helfen zu können. Fast so, als könne die Rettung dieses Wals wenigstens für einen Moment die Erfahrung menschlicher Schuld und Hilflosigkeit aufheben.

Doch die Natur folgt anderen Regeln. Der Zustand des Wals ist bereits vor Niendorf schlecht. Möwen picken auf seinem Körper, es drohen Wunden und möglicherweise Infektionen. Aber untersuchen lässt sich das Tier kaum. Es liegt größtenteils im Wasser, seine Fettschicht ist enorm, Blutabnahmen unmöglich.

Frei - und dennoch gefangen

Am nächsten Morgen - das Wunder: der Wal ist verschwunden. Vieles spricht dafür, dass der in der Nacht gestiegene Wasserstand ihm geholfen hat, wieder freizukommen. Doch wenig später wird er erneut entdeckt. Zwei Greenpeace-Boote folgen ihm, dazu die Küstenwache, die den Einsatz koordiniert. Das Ziel ist nun, den Wal nach Norden zu leiten, damit er letztlich in die Nordsee und den Atlantik zurückfinden kann. Wenn er auftaucht, ordnen sich die Boote neu. Wenn er abtaucht, warten sie mit abgestellten Motoren in Stille auf sein nächstes Auftauchen. Schwimmt er in die falsche Richtung, versuchen die Helfer, ihn mit Manövern und Lärm umzulenken. Aktivisten schlagen sogar mit Paddeln gegen ihr eigenes Boot, um ihn akustisch zu treiben — fast so, als wolle man eine Herde mit Hunden lenken.

Aber Timmy folgt keinem menschlichen Rettungsplan. Er schwimmt stundenlang zickzack, nähert sich immer wieder gefährlich flachem Wasser, und niemand kann sagen, warum. Am Ende des Tages wird er erneut sich selbst überlassen. Er bewegt sich nach Osten, also genau in die unerwünschte Richtung, und strandet später wieder — zunächst bei einer kleinen Insel mit dem bezeichnenden Namen „Walfisch“, dann erneut nahe Wismar. Damit verlagert sich die ganze Hilflosigkeit nur an einen anderen Küstenabschnitt. Der Wal liegt als dunkler Streifen im Wasser.

Hoffen auf ein Wunder

Mittags tritt ein Expertenpanel vor die Presse: ein Ozeanograf, eine Tierärztin, ein Umweltminister und ein Meeresbiologe. Die Aussagen sind ernüchternd. Der Zustand des Wals habe sich deutlich verschlechtert. Er reagiere kaum noch auf Boote. Eine Sperrzone von 500 Metern solle ihm Ruhe geben. Es kommen heikle Fragen auf: Gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Buckelwale gezielt küstennah schwimmen, um zu sterben? Der Meeresbiologe verneint das. Könnte es sein, dass der Wal gar nicht gerettet werden will — oder jedenfalls nicht auf die Weise, wie Menschen es sich vorstellen? Sollte man den Wal dann nicht von seinen Qualen befreien? Doch den Gedanken an eine Tötung des Tiers weisen die Verantwortlichen kategorisch zurück – schon aus praktischen Gründen. Man habe weder eine Spritze, die durch die dicke Haut dringe, noch eine Waffe, mit der sich ein so großes Tier sicher mit einem einzigen Schuss töten ließe. Ihm den Kopf wegzusprengen, wolle sich niemand ausmalen. Mittlerweile müssen sich alle eingestehen: Weder Rettung noch Erlösung scheinen realistisch beherrschbar.

Nach mehreren Tagen setzt sich der Wal tatsächlich noch einmal in Bewegung — aber erneut in die falsche Richtung. Die große Rettung bleibt also auch am Ende offen, und das Wunder, auf das alle hoffen, tritt vielleicht ein, vielleicht auch nicht.

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