SeeunfälleWeniger Schwerverletzte und Tote

Jan Zier

 · 08.07.2022

Seeunfälle: Weniger Schwerverletzte und ToteFoto: Bundeswehr/Ann-Kathrin Fischer

Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) hat ihren Jahresbericht 2021 vorgestellt. Daraus ergeben sich auch für Segler wichtige Erkenntnisse

Der Jahresbericht der BSU gibt einen Überblick über die Arbeit der Behörde im abgelaufenen Jahr. Ein Schwerpunkt des Berichtes ist die Darstellung derzeit laufender aktueller Untersuchungen. So hat die BSU beispielsweise gleich zwei Untersuchungen im Bereich der Sportbootschifffahrt gestartet, ein Bereich, der in den Vorjahren weniger im Fokus stand.

Die Zahl der Seeunfälle hat nach dem Bericht 2021 wieder zugenommen – was aber weniger einem erhöhten Unfallgeschehen als vielmehr der "Corona-Delle" 2020 geschuldet ist. Die Zahlen im Jahr 2021 liegen wieder auf dem Niveau vor der Pandemie.

Wir sprachen mit dem Direktor der BSU, Ulf Kaspera, über die Erkenntnisse aus dem Bericht.

  Ulf Kaspera, 49, ist Segler und Direktor der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU)Foto: BSU
Ulf Kaspera, 49, ist Segler und Direktor der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU)

Herr Kaspera, ist das Segeln in den letzten Jahren sicherer geworden?

Kaspera: Grundsätzlich hat sich im Vergleich zu den Vor-Corona-Jahren nicht so viel geändert, die Unfallzahlen sind relativ stabil. Erfreulich ist, dass die Zahl der Seeunfälle mit Schwerverletzten und Toten zurückgegangen ist.

Sind die Segler vorsichtiger, die Boote sicherer?

Das ist anhand der mir vorliegenden Daten schwer zu sagen. Ich führe die Entwicklung auf ein erhöhtes Sicherheitsbewusstsein an Bord zurück. Es wird vielleicht auch häufiger mal eine Rettungsweste getragen als das früher mal der Fall war.

Andererseits hat in der Pandemie die Zahl der unerfahrenen Neulinge auf dem Wasser stark zugenommen. Steckt darin nicht auch ein Gefahrenpotenzial?

Die absolute Zahl der Unfälle ist nicht gestiegen, zugenommen hat aber die Zahl der Unfälle gewerblich genutzter Segelyachten. Ähnliches gilt für Wohnmobile und Wohnwagen – wie Boote auch wurden sie verstärkt angemietet, weil andere Urlaube nicht möglich waren. Aber viele Charterer waren vermutlich lange nicht gesegelt oder revierunkundig, sodass sie dann aufgelaufen sind und gerettet werden mussten. Das hat es – und das ist auffällig – wesentlich häufiger als vor der Pandemie gegeben.

Sie haben den Fall "Silja" genauer untersucht, ein Kleinkreuzer, der bei stürmischen Bedingungen im Seegatt vor Langeoog sank (zum Artikel). Zwei Crewmitglieder wurden gerettet, einer starb. Was ist daran aus Ihrer Sicht interessant?

Dieser tragische Fall zeigt Auffälligkeiten, die wir genauer unter die Lupe nehmen wollten und von dem alle Segler lernen können. Bei allen drei Seglern hatte sich die Weste aus der Schutzhülle gelöst, das darf eigentlich nicht sein. Dann entstanden im Seegatt Grundseen, das ist sicher auch nicht jedem klar, zudem herrschte dort eine Wind-gegen-Strom-Situation – und die sollte man definitiv vermeiden! Diese Gefahren muss man schon bei der Törnplanung berücksichtigen.

Welches Problem hatten die Rettungswesten?

Ich will dem Ergebnis der laufenden Untersuchung nicht vorgreifen. Die Westen waren aber in einem normalen Zustand.

Warum untersuchen Sie nicht mehr Fälle?

Wir haben grundsätzlich nur noch in Ausnahmen die Zuständigkeit für Segelunfälle. Deshalb konzentrieren wir uns auf Fälle, bei denen sich Sicherheitslücken zeigen, die wir allgemein feststellen und öffentlich machen wollen, weil man aus den Erkenntnissen etwas lernen kann. Viele Unfälle geschehen einfach aus Unachtsamkeit oder betreffen Einhandsegler, da fehlen eben die Zeugen. In solchen Fällen hilft auch keine Unfalluntersuchung.

Gibt es mehr Unfälle mit Autopiloten?

Wir hatten in kürzester Zeit vier Unfälle, bei denen der Autopilot versagt hatte. Die prüfen wir nun genauer. Wir wissen alle: Man hat die technischen Hilfsmittel an Bord – und dann verlässt man sich auch bis zu einem gewissen Grad auf sie. Das ist menschlich. Es muss aber auch jedem klar sein, dass der Schiffsführer für die Sicherheit verantwortlich ist; man kann das nicht auf die Geräte abwälzen. Eine ähnliche Diskussion haben wir bei selbstfahrenden Autos.

Welche Themen brennen Ihnen noch unter den Nägeln?

Gerade untersuchen wir ein klassisches Risiko: Der Skipper geht über Bord, die Badeleiter ist zu hoch angebracht und es gelingt nicht, ihn wieder an Bord zu ziehen – bis der Mann schließlich entkräftet ist und ertrinkt. Er trug keine Rettungsweste. Bei der "Silja" haben zwei von drei Personen nur deshalb überlebt, weil sie eine Weste trugen. Das führt zu einem ganz alten Thema: Der Debatte um die Pflicht, Westen zu tragen. Ich würde sie begrüßen, aber politisch ist das gerade nicht opportun.

Sind die gerade mit Blick auf Traditionsschiffe in den letzten Jahren viel diskutierten Sicherheitsanforderungen gerechtfertigt mit Blick auf die Unfallbilanz – oder doch zu hoch?

Die Zahlen aus den letzten drei Jahren sind da nicht aussagekräftig, da wegen der Pandemie nur wenige Traditionsschiffe Gästefahrten durchführen konnten. Insgesamt denke ich aber, dass die neue Schiffsicherheitsverordnung, die mühsam ausgehandelt wurde, ein guter Kompromiss ist. Man sollte ihr jetzt auch die Zeit geben, sich zu entfalten. Die Verordnung kommt gerade den Traditionsschiffern sehr weit entgegen, indem sie Alternativmaßnahmen zulässt.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie als BSU bei den Wassersportlern Gehör finden?

Ich denke schon, dass wir gehört werden mit unseren Empfehlungen, gerade auch bei den Segelschulen.

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