SeenotfallEinhandsegler geht über Bord – und kann mit Glück gerettet werden

Ursula Meer

 · 11.08.2022

Seenotfall: Einhandsegler geht über Bord – und kann mit Glück gerettet werdenFoto: Klaus Andrews

Eine überraschende Bö oder ein Stolpern: Plötzlich geht jemand über Bord. Wenn das Einhandseglern geschieht, gehört zur Rettung oft viel Glück. Doch es gibt Mittel, die das Überbordgehen verhindern helfen und im schlimmsten Fall die Rettung wesentlich erleichtern

Bei bestem Wetter und schönem Segelwind mit vier Beaufort ging am gestrigen Mittwoch im Stettiner Haff ein 70-jähriger polnischer Einhandsegler über Bord seines Motorseglers. Er konnte sich an einer Fischreuse festklammern. An ihr musste er gut drei Stunden ausharren, ehe er von der Crew eines Segelbootes entdeckt wurde. Diese verständigte die Seenotretter.

Noch während die Seenotretter unterwegs waren, drehte eine weitere Segelyacht bei, und die Besatzung rettete den Mann aus seiner mehr als misslichen Lage: Bei einer Wassertemperatur von 24 Grad betrug seine Körpertemperatur nur noch 34 Grad. Sie versorgten ihn bis zum Eintreffen der Seenotretter mit Decken. Später nahmen die Seenotretter den unterkühlten Einhandsegler an Bord ihres Rettungsbootes, leisteten Erste Hilfe und brachten ihn nach Ueckermünde, von wo aus er ins Krankenhaus transportiert wurde. Die führerlos dümpelnde Motoryacht des Einhandseglers konnten die Helfer der DGzRS später finden und bergen. Warum der Mann über Bord ging, ermittelt derzeit die Wasserschutzpolizei.

Pech hatte auch die helfende Crew: Der Propeller ihrer Yacht verfing sich in der Reuse, sie musste später von den Seenotrettern abgeschleppt werden. Wenngleich eine rein technische Hilfeleistung jenseits von Gefahr für Leib und Leben durch die DGzRS in der Regel kostenpflichtig ist, erfolgte dieser Schleppeinsatz kostenlos. „In diesem Fall wird natürlich nichts berechnet, denn die Besatzung der Segelyacht hat sich mit der Rettung des Mannes auch in große Gefahr begeben“, erklärt Nils Sander aus der Presseabteilung der Seenotretter.

Der glückliche Ausgang des Unfalls für den Einhandsegler ist nicht selbstverständlich. Schon bei einer größeren Crew ist die Rettung einer über Bord gegangenen Person nicht einfach. Doch ob einhand oder mit Crew unterwegs – Segler können viel für ihre eigene Sicherheit tun.

Check der Sicherheitsausrüstung

Generell empfiehlt sich für den Saisonstart, aber auch zwischendurch, ein Check der Sicherheitsausrüstung. In unserem großen Spezial zur Sicherheitsausrüstung lesen Sie, worauf sie achten sollten und welche Ausrüstung empfehlenswert ist.

Eine Lifeline sollte möglichst weit zur Schiffsmitte geführt werden, damit niemand jenseits der Reling landetFoto: YACHT / Ben Scheurer
Eine Lifeline sollte möglichst weit zur Schiffsmitte geführt werden, damit niemand jenseits der Reling landet

Gut angeleint: Lifeline und Stecktaue

Das Überbordgehen lässt sich am sichersten mit einer Lifeline verhindern. Sie wird in Stecktaue oder fest an Bord installierte Ösen eingepickt und soll so verhindern, dass eine Person bei einem Sturz den Kontakt zum Schiff verliert. Doch Lifeline ist nicht gleich Lifeline, und bei den Stecktauen kommt es wesentlich darauf an, an welcher Stelle sie befestigt sind, damit ein Sturz nicht doch jenseits der Reling endet. Das ergab ein Test der YACHT, der hier zum Download verfügbar ist.

Welche Stecktaue sind am besten, und wie werden sie so gespannt, dass Skipper selbst bei einem Sturz an Bord bleiben?Foto: YACHT / K. Andrews
Welche Stecktaue sind am besten, und wie werden sie so gespannt, dass Skipper selbst bei einem Sturz an Bord bleiben?

Im schlimmsten Fall: die passende Rettungsweste

Überbordgehen trotz Stecktau und Lifebelt – das widerfuhr 2019 dem Einhandsegler Jens Wilken bei einem Einhandtörn mit seiner Etap 26 in der Emsmündung (YACHT berichtete). Er konnte sich dank auflaufenden Wassers und seiner Kenntnis von der Stromrichtung schwimmend an Land retten. Seine Lehre aus dem Vorfall fasst er später in einem Interview mit der YACHT zusammen: „Als Erstes werde ich das Strecktau weiter in der Schiffsmitte verlegen und auch strammer spannen, sodass es zwischen Bug und Mast läuft und nicht außen. Die Lifeline werde ich kürzen, sodass – sollte ich nochmals stürzen – ich nicht komplett außenbords hänge, sondern mich immer noch zurück an Bord hieven kann. Außerdem werde ich außen am Boot eine Leine vom Bug bis zur Badeleiter spannen, sodass man sich am gesamten Freibord entlanghangeln kann. Die Badeleiter werde ich so befestigen, dass man sie vom Wasser aus einfach herabklappen kann. Was die Ausrüstung angeht, werde ich mir eine Rettungsweste mit mehr Auftrieb und mit einem Spritzschutz zulegen. Es stand nicht wirklich viel Welle, dennoch habe ich zunächst nur darum gekämpft, Luft holen zu können, nachdem ich vom Boot weggetrieben war.“

Jens Wilken beschreibt damit, wie wichtig es ist, eine dem Seegebiet und der Kleidung angepasste Rettungsweste zu tragen. Im großen Rettungswesten-Test in der 150- und 275-Newton-Klasse sehen Sie, mit welcher Weste Sie gut beraten sind:

Gefunden werden: MOB-Alarmsysteme

Wer einmal erlebt hat, wie rasch schon eine über Bord gewehte Mütze außer Sicht gerät, macht sich ganz automatisch Gedanken über mögliche technische Hilfsmittel für die Rettung eines über Bord gegangenen Menschen.

Hierfür gibt es Alarmgeber in zwei verschiedenen Produktklassen: Solche, die die Mannschaft darauf aufmerksam machen, dass jemand weg ist, und Geräte, die aktiv das Wiederfinden unterstützen.

MOB-ALARM: Die erste Gruppe lässt sich relativ einfach umsetzen. Dazu trägt jede Person an Bord einen kleinen Sender bei sich, meist ähnlich einer Armbanduhr. Ein an Bord installierter Empfänger wertet dessen Signale aus. Bricht die Verbindung ab, wird automatisch Alarm ausgelöst. Die Sender werden als „Tags“ (sprich „tägs“) bezeichnet, Englisch für „Markierung“.

Ein MOB-Alarmsystem setzt voraus, dass sich weitere Crew an Bord befindet. Wer allein unterwegs ist, ist besser beraten mit einem Gerät, das einen öffentlichen Alarm auslöst. Es liefert dann ständig Hinweise zur aktuellen Position der Person im Wasser und übermittelt eine eindeutige Kennung; in Deutschland ist für diese Systeme die Vergabe einer MMSI verpflichtend, gleich einem Funkgerät. Terrestrische Systeme arbeiten im direkten Funkkontakt zum Schiff, Satellitensysteme übermitteln ihre Daten via künstlichem Erdtrabanten zur Rettungsleitstelle. In beiden Fällen ist ein relativ starker Sender eingebaut und bei den heute erhältlichen Geräten auch ein GPS-Empfänger. Wenn die Person abtreibt, steht in der nächsten Meldung automatisch die neue Position. Ins Armbanduhrenformat passt so etwas noch nicht; am Mann muss mindestens ein Gerät mit dem Volumen einer Zigarettenschachtel mitgeführt werden.

Etwas verwirrend sind zunächst die Bezeichnungen der diversen Gerätetypen:

• AIS-MOB: werden an der Rettungsweste getragen und senden die vom eingebauten GPS ermittelte Position direkt zu den umliegenden Schiffen. Die Funktion hängt direkt am AIS (Automatisches Identifikationssystem). Jedes Schiff mit AIS-Empfänger kann die Meldungen empfangen.

AIS-Sart: technisch dem AIS-MOB sehr ähnlich, aber für die Rettungsinsel gedacht, darum größer und mit längerer Betriebszeit ausgestattet.

• Epirb: Das sind Notsender für Schiff oder Rettungsinsel. Die Übertragung der Notmeldung mit Positionsangabe erfolgt per Satellit zur Rettungsleitstelle, weitere Maßnahmen werden dort koordiniert.

• PLB: Epirb für die Rettungsweste.

• Funkpeiler: Diese kommen heute lediglich noch im Zusammenhang mit den satellitengestützten Systemen zum Einsatz und dienen dort zur Zielführung der Rettungsfahrzeuge auf den letzten Meilen.

Qual der Wahl: das Alarmsystem sollte dem Revier und der Crewgröße angepasst seinFoto: YACHT
Qual der Wahl: das Alarmsystem sollte dem Revier und der Crewgröße angepasst sein

Wer in UKW-Reichweite einer Küstenfunkstelle unterwegs ist, trifft mit AIS-MOB die beste Wahl – egal wie groß die Crew ist. Denn sie erlauben die kürzestmögliche Alarmierungszeit und erreichen auf direktem Weg alle Schiffe, die potenziell Hilfe leisten können. Für Einhandsegler sind Kombigeräte mit DSC ideal. Satellitenbasierte Systeme sind weitab der Zivilisation bei kleiner Crewstärke vorteilhaft. Wo keine Küstenfunkstelle die UKW-Signale aufnimmt und kaum Schiffe unterwegs sind, alarmieren sie zuverlässig die nächstgelegene Rettungsleitstelle. Bis Hilfe vor Ort ist, kann es dort jedoch dauern.

Sicherheit per App: SafeTrx der Seenotretter

Kostengünstig und einfach ist die Smartphone-App SafeTrx der Seenotretter. Sie zeichnet die zurückgelegte Route eines Seglers auf und sendet die Positionen laufend an eine Monitoring-Konsole der Seenotleitung Bremen. Segler können vor Fahrtantritt ihren Absprung- und Zielhafen eingeben und die App mitlaufen lassen. Im Notfall hat dann die Seenotleitung darauf direkten Zugriff. Die App ist für iOS und Android verfügbar und kostenlos. Für Apple iPhones geht’s hier entlang, für Android-Smartphones geht’s hier entlang.

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