SeenotRettung vor Gran Canaria - „Es ging alles wie im Lehrbuch":

Ursula Meer

 · 18.02.2026

Seenot: Rettung vor Gran Canaria - „Es ging alles wie im Lehrbuch":Foto: Foto: Salvamento Marítimo
Ein Crewmitglied der gesunkenen “Vlie” wird aus der Rettungsinsel in den Heli gewinscht

Am Freitag, den 13. Februar 2026, sank vor Gran Canaria die Bavaria 45 „Vlie" binnen weniger Minuten. Alle fünf Personen an Bord konnten unbeschadet gerettet werden. Im Gespräch mit der YACHT schildert der Eigner und Skipper Kai Linnenbrügger den Untergang, die glückliche Rettung - und dass das Abenteuer damit keineswegs beendet war.

Es ist ein ganz normaler Segeltag vor den Kanaren. Sonnenschein, 30 Knoten Wind aus Nordost, eine kräftige Atlantikdünung – anspruchsvoll, aber nichts Ungewöhnliches für diese Gewässer. „Wir hatten Halbwindkurs, stark gerefft, sind aber immer noch so zwischen sieben und neun Knoten schnell gewesen", erinnert sich Kai Linnebrügger an den Törn von Teneriffa nach Gran Canaria. „Die Stimmung war gut, wir haben alle draußen gesessen und das Segeln hat richtig Spaß gemacht."

Knietief im Wasser binnen 30 Sekunden

Doch dann: der Schlag! „Wir spürten eine Erschütterung. Ich dachte erst, das ist eine Welle, die gegen die Bordwand donnert. Aber es war ein sehr, sehr derber Schlag. Man hat es auch im Rigg gespürt, das vibrierte." Einer der Crew bemerkt als Erster Wasser im Schiff. Linnenbrügger geht hinunter, um die Lage zu prüfen.

„An der Seite schwappte ein bisschen Wasser über den Bodenbrettern, da habe ich erst mal die Lenzpumpen angestellt“, beschreibt er die zunächst harmlos erscheinende Situation. Neben den Lenzpumpen ist auch eine mobile Tauchpumpe an Bord. Gerade will er sie in Einsatz bringen, aber „binnen 30 Sekunden stand ich schon knietief im Wasser. Da war mir klar: Das kriegen wir mit Pumpen nicht mehr hin."

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Linnenbrügger hat ein Charterunternehmen und eine Segelschule im niederländischen Lemmer. Er ist dort auch seit 15 Jahren Seenotretter bei der Koninklijke Nederlandse Redding Maatschappij (KNRM). Dank seiner Erfahrung weiß er sofort, was zu tun ist: „Irgendwo ein Leck zu suchen macht keinen Sinn, wenn das Wasser so schnell steigt. Ein Leck muss man lokalisieren, man kommt aber nicht überall so schnell heran“, erklärt er, und fügt an: “Das Boot kann schnell instabil werden, dann wird es drinnen sehr gefährlich.“ Linnenbrügger gibt die Lenzmaßnahmen auf und bereitet den Ausstieg in die Rettungsinsel vor.

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Der Moment der Wahrheit

Er will noch die Distress-Taste am Funkgerät drücken, doch im selben Moment geht das Gerät aus. „Die Batterien waren bereits geflutet, selbst die höher liegende Batterie des Ersatz-Funkgeräts war schon im Wasser.“ Linnenbrügger nimmt die EPIRB aus der Halterung und steckt sie in seine Ölzeugtasche. Sein Grab-Bag , das stets griffbereit an einem Haken am Niedergang hängt, ist bereits unerreichbar in das Bootsinnere davongeschwommen.

Höchste Zeit für die Rettungsinsel. Als die Crew sie nach achtern zieht, liegt das Boot liegt bereits tief im Wasser. "Die die Segel hatten wir aufgemacht und versucht, das Boot so ein bisschen im Wind zu halten, aber es funktionierte nicht mehr. Das Boot war nicht mehr steuerbar, es war alles sehr träge." Dass sich die „Vlie“ weniger agil verhält als gewöhnlich ist ihr Glück in einer See, die selbst in der Abdeckung der Insel noch drei Meter hoch geht. Sie bewegt sich synchron mit der Insel. „Wir konnten direkt vom Boot hinten in die Insel einsteigen, keiner musste ins Wasser."

Als alle in der Insel sind, aktiviert der Skipper die Bord-EPIRB und eine weitere in seiner Rettungsweste. Das Signal geht zunächst bei der niederländischen Küstenwache ein – die „Vlie“ segelt unter niederländischer Flagge, und die EPIRB ist dort registriert. „Die haben dann erstmal bei mir zu Hause angerufen", erzählt Linnenbrügger.

Seine Frau kann bestätigen, dass ihr Mann mit der „Vlie" zwischen Teneriffa und Gran Canaria unterwegs ist. Keine Sekunde denkt sie an einen möglichen Fehlalarm; für die ist klar: „Wenn die Küstenwache einen Notruf von dem Schiff erhalten hat, ist wirklich etwas passiert. Mein Mann macht so etwas nicht aus Spaß." Als „ganz großes Besteck“ bezeichnet der Skipper die daraufhin eingeleitete Rettungsaktion, an der Rettungsboote und ein Helikopter beteiligt sind. Selbst ein großer Frachter wird von der Seeschifffahrtsstraße umgeleitet, um bei der Suche zu helfen.

Grünes Licht – Hilfe ist unterwegs

Die Crew in der Rettungsinsel weiß das zunächst nicht. Sie muss zusehen, wie die „Vlie“ sinkt. "Das Boot ist über den Bug abgesoffen. Der Bug ging zuerst, dann hob sich das Heck noch einmal hoch. Das Schlauchboot war noch hinten dran, das hatte ich nicht mehr losbekommen“, beschreibt der Eigner die letzten Blicke auf seine „Vlie“. Kurz nachdem die Bavaria 45 im Jahr 2010 gebaut wurde, als Prototyp der Baureihe im Farr-Design, gelangte sie in seinen Besitz. Nun richtet sich an ihrem Heck noch einmal das Dingi mit einem letzten Winker hochkant auf, bevor das Boot endgültig in den Fluten verschwindet.

Erst danach erfahren sie, dass Rettung unterwegs ist: Seine EPIRB ist eine PLB 3 – ein „wirklich cooles Teil“, das eine Bestätigung für den Empfang des Notrufs bekommt. „ Sie leuchtete grün, und dann wusste ich: Okay, alles klar, es geht los." Eine unbezahlbare, beruhigenden Information in dieser Situation. „Ich konnte mich relativ entspannt zurücklehnen in der Insel und habe gesagt: ‚Jetzt brauchen wir nur noch warten. Und uns das Panorama von Gran Canaria angucken."

Die Insel scheint zum Greifen nah. In der Rettungsinsel herrscht eine ruhige Stimmung. „Über Angst habe ich in dem Moment gar nicht großartig nachgedacht. Wir haben gelernte Prozesse abgespult - Prozesse, die man wirklich trainieren sollte. Es fühlte sich an wie so eine Übung." Ähnlich schildert Linnenbrügger die Stimmung in der Crew: „Die waren alle sehr ruhig und besonnen. Fast wie im Lehrfilm. Keiner hatte Panik, es gab keine Schreierei."

Rettung in weniger als einer Stunde

Keine Stunde später ist der Hubschrauber über ihnen. „Ein Froschmann wurde an einer Winde zu uns herabgelassen und fragte nach dem Befinden aller“, erzählt Linnenbrügger. Einem ist etwas übel in der Insel – er wird als Erster hochgezogen. Nacheinander werden die anderen vier geborgen, der Skipper als Letzter gemeinsam mit dem Froschmann. Im Hubschrauber ist die Stimmung bereits gelöst: „Wir haben Selfies gemacht mit der Hubschrauberbesatzung während des Flugs." Schon beim Ausstieg ist klar: „Jetzt nehmen wir uns ein Taxi in die nächste Kneipe und trinken ein Bier."

Triefnass in der Hotel-Lobby

Was dann kommt, bezeichnet er selbst als „Desaster". Nass, ohne Personalausweise, nur in Schwimmwesten und Segelkleidung – „ich hatte unter meinem Ölzeug noch eine Art Schlafanzugshose an“ - stehen sie auf Gran Canaria. Mitten im zweitgrößten Karneval der Welt. Von der Seglerkneipe im Hafen geht es zunächst in einen Wassersportladen. Mit neuen T-Shirts und kurzen Hosen in Taschen finden sie sich in der Lobby eines Hotels wieder, des einzigen, das trotz des Karnevals noch freie Zimmer hat. „Da standen wir wirklich pitschepatsche nass an der Rezeption – und mussten uns anhören, dass es ohne Personalausweis kein Zimmer gibt. Nicht einmal duschen und umziehen durften wir uns."

Die Rezeptionistin schickt sie zu einer Polizeistation, damit sie eine Verlustanzeige aufgeben können. Es ist nicht die richtige Station, die Gestrandeten ziehen weiter zur nächsten. Zurück im Hotel, mit dem Beleg für die verlorenen Ausweise in den Händen, sollen sie nun dennoch deren Nummern nennen. „Die muss man doch auswendig können!", konstatiert die Rezeptionistin streng. Drei Stunden stehen sie nass in der Hotellobby, bis sie über Fotos und Kontakte zu ihren Familien endlich alle Nummern beisammenhaben. In der Zwischenzeit ist der zuvor gebuchte Preis für die Zimmer nicht unerheblich gestiegen.

Wie kam es zu der Havarie?

Was das Leck verursacht hat, werden Kai Linnebrügger und seine Mitsegler wohl nie erfahren. „Wir sind definitiv gegen irgendetwas gefahren. Im Rumpf muss ein riesiges Loch gewesen sein, denn sonst säuft das Boot nicht in dieser Geschwindigkeit ab." Das Schiff liegt jetzt in 1.500 bis 1.800 Metern Tiefe auf dem abfallenden Festlandsockel. „Wir werden es nie erfahren. Das wird nie geborgen."

Die Suche nach möglichen Ursachen für die schwere Havarie bleibt eine theoretische, aber „im Dezember hat ein Schiff in dem Gebiet 50 Seecontainer verloren." Ob es einer davon war? „Alles Spekulation." Dass manche in den Kommentarspalten unter social-media-Beiträgen von einem abgefallenen Kiel oder einem Orca-Angriff auf das Ruder fabulieren, kommentiert er trocken: „Wenn der Kiel auf Halbwind abfällt, kippt das Boot um. Und das Ruder war hinten dran, ich habe die Ruderblätter noch gesehen, als das Boot untergegangen ist."

Lehren für andere Segler

Was würde er anderen Seglern raten? „Ich werden mein Grab Bag ab sofort immer oben aufbewahren, wo es nicht wegschwimmen kann." Wichtig auch: „In Ländern, wo alles sehr schwierig ist ohne Ausweis, sollte man den Personalausweis in der Tasche haben. Oder vorher alle Ausweise fotografieren und die Fotos in der Cloud lagern. Uns hätte das sehr geholfen."

Die Abläufe beim Verlassen des Bootes und bei der Rettung aus der Luft hätten nach seiner Einschätzung nicht besser laufen können. „Den Unfall hätte ich nicht vermeiden können. Aber die fünf Minuten bis zum Untergang waren und die Rettung aus der Luft waren wie im Lehrbuch."

Wie geht es weiter?

Ob er wieder unbedarft, ohne Gedanken an die ebenso unerwartete wie unausweichliche Situation, aufs Wasser gehen wird? „Das weiß ich momentan noch gar nicht, muss ich ehrlich sagen. Aber ich glaube schon, dass ich wieder auf Wasser gehe und auch weitermache."

Nicht nur das. Für seine Segelschule plant er nach dem einschneidenden Erlebnis ein neues Format: realitätsnahe Wochenend-Sicherheitskurse auf dem Wasser, mit Rettungsinseln und praktischen Übungen. Denn er ist „froh, dass es so abgelaufen ist, dass wir alle gut drauf, alle gesund sind. Ich bin sehr dankbar über die Ausbildung, die ich in den letzten Jahren bei der KNRM mitgemacht habe, und dank der beim Untergang der „Vlie“ alles sehr gut funktioniert hat."

Sein Dank, das betont Kai Linnenbrügger immer wieder, gilt allen Beteiligten: der niederländischen Küstenwache, die nicht nur den Notfall koordinierte, sondern auch Kontakt zu seiner Familie in Deutschland hielt, der spanischen Seenotrettung und besonders der Helikopter-Crew.

Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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