Ursula Meer
· 02.02.2026
Gleich zwei Seenotfälle hielten die Seenotretter und weitere Helfer bei eisigen Temperaturen am Wochenende in Atem: In der Außenweser meldete ein ehemaliges Lotsenversetzboot einen Wassereinbruch, in der Elbe havarierte der Schoner „Ethel von Brixham“ an einem Leitdamm bei Cuxhaven. Was anfangs wie ein unangenehmer Zwischenfall aussah, nahm rasch eine dramatische Wendung für das Traditionsschiff und seine Crew.
Schiffsliebhaber aus Kiel erinnern sich noch an den Anblick des Schoners „Ethel von Brixham“ an der Blücherbrücke. Doch nun ist der 135 Jahre alte Schoner am Samstag auf dem Leitdamm vor Cuxhaven auf Grund gelaufen. Als das historische Holzschiff auseinanderzubrechen drohte und Wasser eindrang, wurden vier Segler und ein Hund in letzter Minute von Bord geholt. Das Schicksal des Traditionsschiffes ist ungewiss.
Es sollte eine Überführungsfahrt von Brunsbüttel nach Den Helder in den Niederlanden werden. Doch gegen 12.15 Uhr am Samstag, 31. Januar 2026, lief die „Ethel von Brixham“ bei Tonne 29 auf den Leitdamm vor Cuxhaven – rund 1,4 Seemeilen entfernt von der markanten Kugelbake. Sofort rückte der Seenotrettungskreuzer der DGzRS-Station Cuxhaven aus.
Mit dessen flachgehendem Tochterboot versuchten die Seenotretter, den 30 Meter langen Schoner freizuschleppen. Vergeblich: Der Holzschoner saß bereits zu fest auf den Steinen des Damms. Da zunächst kein Wassereinbruch festgestellt wurde, entschieden Crew und Seenotretter, beim nächsten Hochwasser gegen Mitternacht einen weiteren Freischleppversuch zu starten.
Mit auflaufendem Wasser verschärfte sich die Lage dramatisch. Gegen 21 Uhr meldete die Besatzung einen Wassereinbruch und nahm die bordeigenen Lenzpumpen in Betrieb. In Absprache mit den Seenotrettern hielten die Segler zunächst am Plan fest, das Hochwasser abzuwarten.
Gegen 22.30 Uhr bot das Mehrzweckschiff „Neuwerk“ des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Elbe-Nordsee Unterstützung an und nahm Kurs auf den Havaristen. Ein Arbeitsboot nahm zunächst ein Crewmitglied und einen Hund an Bord. Während dieses Manövers bot sich dem Schiffsführer ein beunruhigender Anblick: Der Kiel des 1890 gebauten hölzernen Schoners wölbte sich bereits. Das historische Schiff drohte auseinanderzubrechen.
Als beinahe zeitgleich eine der Lenzpumpen an Bord ausfiel, verschlechterte sich die Situation dramatisch. Aus Sicherheitsgründen entschieden Crew und Retter nun, das Boot vollständig zu evakuieren. Das Arbeitsboot der „Neuwerk“ holte die verbliebenen Crewmitglieder an Bord und brachte sie sicher nach Cuxhaven. Der Seenotrettungskreuzer blieb währenddessen vor Ort auf Stand-by und leuchtete die Einsatzstelle aus.
Minus drei Grad Celsius, eine Wassertemperatur von nur zwei Grad und beißende fünf Beaufort aus Südost erschwerten die Bergung der Crew.
Die „Ethel von Brixham“ blickt auf eine 135-jährige Geschichte zurück. 1890 lief der Schoner in Brixham, Südengland, vom Stapel. Ausgelegt für die harte Fischerei unter Segeln zwischen Nordmeer und Biskaya, kam sie in den 1920er-Jahren als Fischerei- und Frachtschiff nach Norwegen und fuhr dort “Steine und Schweine”, wie ein ehemaliges Crewmitglied es beschreibt.
1981 wurde sie nach Deutschland überführt und zum Stagsegelschoner umgeriggt. Nach einer weiteren Anpassung 2011 trägt sie wieder die charakteristische Gaffelschoner-Takelage. 1997 war sie Motivschiff in der Verfilmung von Günter Grass’ Roman „Die Rättin“ – und im Norden kennt man sie von der Kieler Woche und anderen maritimen Festen.
Seit 1996 gehörte die „Ethel“ dem Kieler Gerhard Bialek. Der heute 69-Jährige hatte damals seine Karriere in der Automobilindustrie aufgegeben, um sein Hobby zum Beruf zu machen. Mit dem charakteristischen roten Rumpf lag das Traditionsschiff jahrzehntelang an der Blücherbrücke in Kiel und wurde zum unübersehbaren Teil der dortigen Traditionsschiffsflotte.
Bialek bot Segeltörns auf der Ostsee an und verbrachte jährlich rund 120 Tage auf See. „Es war der Anfang einer großen Liebe“, sagte er 2024 in einem Interview. Ein Höhepunkt war 2023 die Hauptrolle im Guy-Ritchie-Kriegsfilm „The Ministry of Ungentlemanly Warfare“ – 98 Drehtage verbrachte Bialek mit seinem Schiff in der Türkei.
Doch die gestiegenen gesetzlichen Anforderungen für Traditionsschiffe machten den Weiterbetrieb für Bialek unmöglich. „Ich verliere meinen Lebensmittelpunkt“, gestand er zerknirscht, als er im Oktober 2024 öffentlich machte, dass die „Ethel“ zum Verkauf stehe. Seine größte Sorge: eine drohende Verschrottung, falls sich kein Käufer fände.
Diese Sorge schien unbegründet, als die „Ethel“ im August 2025 einen neuen Eigner fand, der sich im Herbst mit ihr auf den Weg in Richtung Nordsee machte. Doch bereits am 6. Oktober 2025 drohte sie nach einem Wassereinbruch im Brunsbütteler Hafen zu sinken. Die Feuerwehr konnte eine Havarie mit Pumpen verhindern. Zur Sicherheit wurde eine Ölsperre errichtet. Damals wurde der Wassereinbruch laut späteren Berichten durch starke Regenfälle und den Ausfall einer Pumpe verursacht. Das Schiff soll nach Cuxhaven verlegt und dort trockengelegt worden sein.
Im Dezember 2025 vermeldete ein Brite in einer Facebook-Gruppe, er sei der neue Besitzer der “Ethel” und wolle sie zurück nach England bringen. Dazu rief eine Spendenkampagne für den Erhalt der alten Dame ins Leben.
Was nun mit dem havarierten historischen Schoner passiert, ist derzeit offen. AIS-Daten zeigen den Status „Aground“ – gestrandet. Ob die „Ethel von Brixham“ geborgen werden kann oder zum Totalverlust wird, müssen der Eigner und die zuständigen Behörden entscheiden.
Ein Bericht von CVN Medien zeigt traurige Bilder des
r inzwischen stark auf der Seite liegenden “Ethel”. Laut dem Bericht hat die Verkehrszentrale des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts (WSA) Cuxhaven den Eigner aufgefordert, für eine Bergung zu sorgen. Gefahr im Vollzug bestehe noch nicht; andernfalls werde das WSA gegebenenfalls das Ruder selbst in die Hand nehmen.
Das Schiff hat zwei Tanks mit je 1.000 Litern Volumen. Wie viel Diesel sich an Bord befindet, wurde jedoch nicht vermeldet.
Der Kieler Charterunternehmer Matthias Milau kennt das Traditionsschiff und seine vorherigen Eigner gut. Er schreibt bewegt in einem Facebook-Beitrag: „In den vergangenen zehn Jahren durfte ich die ‚Ethel‘ auf zahlreichen Ausflügen mit unseren Kunden oft begleiten.“ Er erinnert an den früheren Eigner: „Seine Einweisungen waren legendär – die Art, wie er die Kunden abholte und für das Schiff begeisterte, gab der ‚Ethel‘ erst ihre wahre Seele.“
Milau zieht eine düstere Parallele: „Es ist nun schon das zweite Mal, dass ein Traditionsschiff aus der Kieler Förde, zu dem ich eine Bindung hatte, kurz nach seinem Verkauf havariert.“ Er denkt an den Haikutter „Gefion“ aus Laboe, der ebenfalls verunglückte und schließlich an der Hafenmole von Rødbyhavn verschrottet wurde. „Es fühlt sich an, als würde mit dem Wechsel der Eigner auch der schützende Geist weichen.“
Es wäre ein herber Verlust für die maritime Tradition. Nach 135 Jahren auf See, nach unzähligen Fangfahrten, Frachtreisen und Segeltörns könnte die bewegte Geschichte der „Ethel von Brixham“ auf einem Leitdamm vor Cuxhaven enden.
Nur wenige Stunden vor der dramatischen Rettungsaktion bei der „Ethel von Brixham“ ereignete sich am Samstagnachmittag, 31. Januar 2026, ein weiterer Seenotfall auf der Außenweser. Gegen 14.50 Uhr alarmierte die Rettungsleitstelle See der DGzRS einen Seenotrettungskreuzer aus Bremerhaven: In der Außenweser auf Höhe der unbewohnten Insel Mellum meldete ein Motorboot einen starken Wassereinbruch. An Bord des 16,4 Meter langen ehemaligen Lotsenversetzboots befanden sich zwei niederländische Männer in akuter Lebensgefahr – bereits ein halber Meter Wasser stand im Schiff, und die Lenzpumpe funktionierte nicht richtig.
Die Seenotretter konnten das Leck zunächst unter Kontrolle bringen, doch plötzlich vergrößerte es sich rasch. Größere Wassermengen brachen ein. Geistesgegenwärtig stopfte ein Seenotretter das Leck provisorisch ab. Unter ständigem Abpumpen des Wassers konnte das havarierte Boot schließlich nach Bremerhaven geschleppt werden. Bei Minusgraden und eiskaltem Wasser von nur einem Grad Celsius wäre ein Sinken des Bootes für die Besatzung unmittelbar lebensbedrohlich gewesen.
Ist die Winterzeit in Sachen Seenot unter Sportbootfahrern sonst eher ruhig, scheuen manche in diesem Winter offenbar die eisigen Flüsse und die Nordsee nicht. So gingen den beiden Seenotfällen in diesem Jahr bereits zwei voraus.
Am 7. Januar wurde ein norwegischer Skipper nach Motorproblemen und beschädigtem Mast westlich von Helgoland aus Seenot gerettet. Nach vergeblichen Schleppversuchen bei Sturm mit neun Beaufort und bis zu fünf Meter hohen Wellen wurde er letztlich durch einen Marinehubschrauber abgeborgen und ans Festland geflogen.
Nur zwei Tage später geriet ein 46-jähriger Segler am 9. Januar 2026 während des Wintersturms „Elli“ auf der Elbe in Bedrängnis: Der Hamburger hatte sich mit seiner Segelyacht auf einer Schlickbank bei der Elbinsel Lühesand festgefahren. Das Kielboot fiel trocken und legte sich auf die Seite. Der Skipper wurde von Spezialisten der DLRG durch den eisigen Schlick an Land gebracht.