SAREx-Seenotretter-Training„Wir haben vergessen, dass es eine Übung war"

Ursula Meer

 · 27.04.2026

Der Seenotrettungskreuzer PIDDER LÜNG/Station List geht längsseits bei einem Schiff, das einen Notfall an Bord simuliert.
Foto: Die Seenotretter – DGzRS
​140 Einsatzkräfte der DGzRS haben vor Wilhelmshaven drei Tage lang den Ernstfall trainiert. Die Szenarien waren so realistisch, dass selbst erfahrene Seenotretter zeitweise in den Echtfall-Modus verfielen.

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​Seekajak-Fahrer verschwinden in einer Schlechtwetterfront, Schiffe kollidieren, Schwerstverletzte müssen aus engen Schiffsräumen gerettet werden: Vom 23. bis 25. April hat die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) vor Wilhelmshaven mit rund 140 Einsatzkräften die groß angelegte Such- und Rettungsübung “SAREx 2026” durchgeführt. Wie realistisch solche Großübungen ablaufen, zeigen die Details: Funkcodewörter werden vergessen, wenn der Druck steigt. Ein simulierter Getriebeschaden täuscht selbst den Übungsleiter. Und professionelle Verletztendarsteller spielen so überzeugend, dass die Besatzungen die Übung für echt halten. Einblicke in das Zusammenspiel der Rettungseinheiten.

Wenn die Codewörter vergessen werden: Realismus pur

„Glücklicherweise erleben wir selten Einsätze mit Schwerverletzten", sagt Stephan von Wecheln, Vormann der DGzRS-Freiwilligenstation Wilhelmshaven. „Aber in dieser großen Übung mussten wir auch das bewältigen, zum Beispiel in einem engen Schiff entscheiden, wer zuerst Hilfe braucht. Das war so realistisch, dass wir völlig vergessen haben, dass es eine Übung war."

Ein Indikator dafür, wie tief die Besatzungen in den Szenarien stecken, sind die speziellen Funkcodewörter. Um Verwechslungen mit echten Notrufen zu vermeiden, sollten die Seenotretter im Funk stets spezielle Übungscodes verwenden. Statt „Mayday, Mayday, Mayday" hören Wassersportler dann: „Junk, Junk, Junk, an alle Funkstellen, an alle Funkstellen, an alle Funkstellen, hier ist Exercise Rescue, Exercise Rescue, Exercise Rescue“

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„Wir verwenden diese Codewörter, weil wir teilweise den regulären Seefunk nutzen", erklärt Timo Jordt, Leiter der Seenotretter-Akademie. „Daran merken wir sehr schnell, ob die Besatzungen noch im Trainingsmodus sind oder bereits voll in der Lage stecken. Wenn die Situation entspannter wird, werden die Codewörter verwendet. Aber in der Anfangsphase, wenn hoher Druck herrscht, hören wir über Funk: ‚Da ist die Person, da ist die Rettungsinsel, da ist Wassereinbruch' – ohne ‚Exercise', ohne ‚Junk'."

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Die Realitätsnähe ist gewollt – und funktioniert. „Natürlich wird ‚Exercise' vorangestellt", sagt Jordt. „Aber wenn über Seefunk eine Lagemeldung läuft, bei der die Verletztendarsteller im Hintergrund realistisch spielen und man hört, wie sie um Hilfe rufen, dann vergisst man schnell, dass es eine Übung ist." Über Funk kommt dann auch schon mal eine Rückmeldung von einem vorbeifahrenden Schiff: „Können wir irgendwie unterstützen?"

Von der Ostereier-Suche zur Großhavarie

Bevor es für die rund 140 Beteiligten auf dem Wasser ernst wurde, stand zunächst eine Stationsausbildung im Hafen auf dem Programm. Die Crews übten den Schiff-zu-Schiff-Transfer mit Seilzug-Systemen, die Bergung Verletzter aus engen Räumen und die Navigation.

Dann folgte das erste Szenario auf dem Wasser: Eine Gruppe von Seekajak-Fahrern sollte von Hooksiel nach Dangast paddeln, wurde aber von einer Schlechtwetterfront auseinandergetrieben. Die Seenotretter nannten es intern „Ostereier-Suche": Auf dem Jadebusen waren Dummys verteilt – teils verankert, teils im Drift –, alle mit Sendern ausgestattet. Ein Marine-Hubschrauber unterstützte bei der Flächensuche aus der Luft. Die koordinierte Suche in Unterabschnitten trainierte das Zusammenspiel mehrerer Fahrzeuge. „Der Hubschrauber hat uns bei der Flächensuche sehr geholfen", erzählt Jordt. „Die Suchgebiete konnten erfolgreich und zügig abgesucht werden."

Im weiteren Verlauf der Übung folgten zwei Parallelszenarien: Jeweils eine Kollision zwischen einem Großfahrzeug (Schlepper bzw. Fahrgastschiff) und einem Kleinfahrzeug (Sportboot bzw. Segelboot), das anschließend sank. Nur noch die Rettungsinsel war über Wasser. Die Großfahrzeuge waren auf Grund gelaufen, hatten Wassereinbruch und mussten gepumpt werden. Verletzte mussten versorgt werden. Ein NHC-Rettungshubschrauber flog medizinische Hilfe ein und evakuierte nach Sichtung die Schwerstverletzten.

„Eine Übung fand im Bereich der Ansteuerung zum Jade-Weser-Port statt, die andere im südlichen Containerterminal-Bereich", erklärte Jordt. Die beiden Szenarien liefen parallel – eine besondere Herausforderung für die Übungsleitstelle, die beide Lagen gleichzeitig koordinieren musste.

Den Abschluss bildete dann am Samstag eine Großlage: Alle Einheiten waren gemeinsam im Einsatz, zwei Havaristendarsteller, treibende Rettungsinseln. „Das ist so eine Kurve: vom Leichten zum Schweren und zur komplexen Lage", beschreibt Jordt das Konzept.

Wenn selbst der Übungsleiter den Getriebeschaden für echt hält

Zu den besonderen Momenten der SAREx gehörte eine Szene, die zeigt, wie realistisch technische Probleme ablaufen können. Am Donnerstag meldete über Funk einer der beteiligten Seenotrettungskreuzer mit einem Getriebeschaden.

„Die Besatzung hat das so überzeugend dargestellt, dass selbst ich dachte: Oh nein!", erinnert sich Timo Jordt. Auch die Meldung aus der Leitstelle ließ keinen Zweifel an der Echtheit zu. „Ich ging wirklich davon aus, dass ich jetzt die nächsten Szenarien umplanen muss“, erzählt Jordt . Er griff bereits zum Rechner, um die Übung für den nächsten Tag neu zu planen. Dann kam die erlösende Nachricht: auch der Getriebeschaden war fingiert.

Diese eingespielten technischen Defekte – mal ein Blackout, mal ein Getriebeausfall – gehören zum Konzept. „Es ist wichtig, den internen Bordbetrieb zu überprüfen und zu sehen, wie die Abläufe an Bord funktionieren und wie gut die Besatzung aufeinander eingespielt ist", erklärt Jordt.

Herausforderungen: Wetter, Technik und Koordination

Die Wetterlage mit Wind von bis zu sieben Beaufort war eine Herausforderung – vor allem aus planerischer Sicht. „Wir wollen sie an die Grenzen bringen, aber es sollte auch alles heil bleiben, sowohl beim Havaristen als auch bei uns", sagt Jordt. Besonders wichtig: „Dass kein Personenschaden passiert."

Eine weitere Schwierigkeit stellt der Schiff-zu-Schiff-Transfer bei unterschiedlichen Bordhöhen dar. Ein Schlepper vom JadeWeserPort stellte die Besatzungen vor eine besondere Herausforderung. „Mit den unterschiedlichen Bordhöhen ist es sehr anspruchsvoll, eine Person von einem Schiff zum anderen zu transportieren", erklärt Jordt. „Wenn ein SAR-Boot daneben liegt, muss die Besatzung plötzlich sehr hoch klettern. Wir haben also geübt, eine Leinenverbindung aufzubauen, geeignete Anschlagpunkte zu finden und Personen sicher an Bord herunterzulassen."

Das Training ist auch wichtig für mögliche Einsätze bei Bulkern oder Autotransportern. „Auch wenn dort eine Lotsentür vorhanden ist, kann diese immer noch sehr hoch liegen", sagt Jordt. In solchen Fällen müssen die Seenotretter technische Lösungen finden, um Verletzte sicher von Bord zu holen.

Fehler sind erwünscht!

Auf jedem der beteiligten Fahrzeuge fuhr Beobachter mit, um später im Debriefing ein Feedback zu den Abläufen zu geben. „Wir machen ein scharfes Debriefing", betont Jordt. „Das bedeutet, dass wir ohne ein Blatt vor dem Mund ansprechen, was aufgefallen ist – positiv wie negativ."

Zuerst gibt es ein stationsbezogenes Debriefing, dann ein Gesamtdebriefing mit allen Besatzungen. „Meist sind die Beobachter nur Moderatoren, die gar nicht viel sagen müssen", erklärt Jordt. „Sie stoßen die Diskussion an, und dann sprudelt es."

Auch die Leitstelle wird einbezogen: Warum hast du mich da hingeschickt? Warum habe ich immer gerufen, aber ihr habt mich nicht gehört? „So etwas lässt sich besatzungsintern nicht aufarbeiten, weil man nicht weiß, was auf der anderen Seite passiert ist", erklärt Jordt die Notwendigkeit, die Einsätze im Nachgang aufzuarbeiten.

„Es ist wichtig, dass hier Fehler gemacht werden, denn davon können wir alle lernen", betont der Akademie-Leiter. „Wenn gar keine Fehler gemacht werden, müssen wir im Szenario nachschärfen."

Partner an Land und in der Luft

Beteiligt waren sieben DGzRS-Einheiten: die Seenotrettungskreuzer „Hans Hackmack“ (ohne feste Station), „Eugen“ (Norderney) und „Pidder Lüng“ (List) sowie die Seenotrettungsboote „Peter Habig“ (Wilhelmshaven), „Wolfgang Paul Lorenz“ (Horumersiel), „Secretarius“ (Langeoog) und PAUL NEISSE (Eiderdamm).

Hinzu kamen Rettungshubschrauber der Marineflieger und von NHC Northern Helicopter, die „WSP 5" der Wasserschutzpolizei Niedersachsen sowie als Havaristendarsteller der Schlepper „Fairplay 34" und die Barkasse „Seebär".

Die Emergency Training Group (ETG) von I.S.A.R. Germany stellte professionelle Verletztendarsteller. „Die sind wirklich, wirklich gut, so in der Rolle zu bleiben, bis zuletzt, bis sie angelandet werden", lobt Jordt. „Und das ist auch nicht nur optisch, sondern eben auch vom Verhalten."

Die Berufsfeuerwehr Wilhelmshaven übernahm die weitere Versorgung der „Schiffbrüchigen" an Land und richtete am Stationsgebäude der DGzRS eine Patientenablage ein – ein Zelt, in dem die Verletzten gesichtet und weiterversorgt wurden.

Erkenntnisse für die Ausbildung

Nicht nur die beteiligten Retter lernen bei den SAREx Übungen regelmäßig dazu – auch ihre Ausbilder. „Wir lernen bei jeder SAREx am meisten", fasst Jordt zusammen. Aus jeder Übung nimmt die Seenotretter-Akademie Erkenntnisse mit: Welche Prozesse müssen angepasst werden? Wo muss intensiver trainiert werden? Wo können Schwerpunkte anders gesetzt werden?

Auch neue Ausrüstung wird bei der SAREx getestet. „Wenn wir neue Ideen haben, platzieren wir diese zuerst bei der SAREx", erklärt Jordt. „Im Vorabtraining lernen die Besatzungen die Ausrüstung kennen, dann können sie diese in den Szenarien einsetzen. Das Feedback zeigt uns, ob die Neuerung sich bewährt oder nicht – entsprechend entscheiden wir über eine Implementierung."

Ein Beispiel: Die Tragesysteme für die Verletztenversorgung wurden vor einigen Jahren komplett überarbeitet. „Wir haben festgestellt, dass die größeren Flyboard-Tragen mit hartem Korpus, die wir für den Schiff-zu-Schiff-Transfer nutzen, teilweise zu sperrig sind, um Personen aus engen Schiffsinnenräumen zu bergen", erläutert Jordt. „Flexible Tragen, in die die Person eingerollt werden kann, haben sich als praktischer erwiesen. Diese haben wir daraufhin in die Ausrüstung übernommen."

Besatzungen kommen an ihre Grenzen – das ist gewollt

„Wir bringen unsere Besatzungen bei diesen Übungen bewusst an ihre Grenzen", erläutert Jan Lutz, Leiter des Rettungsdienstes der DGzRS. „Denn nur so können wir sicherstellen, dass sie im Ernstfall bestmöglich vorbereitet sind. Wir danken allen beteiligten Partnern für das große Engagement, das uns diese realitätsnahen Übungen ermöglicht."

Wilhelmshaven war bereits zum sechsten Mal Gastgeber einer SAREx. „Wir verfügen über die nötige Infrastruktur, haben genügend Liegeplätze und das perfekte Seegebiet", sagt Stephan von Wecheln. Die Gastgeber-Rolle bringe zwar viel zusätzliche Arbeit mit sich, „aber das machen wir gerne. Und so ein Heimspiel hat ja auch was."

Zweimal im Jahr: Training für den Ernstfall

Die SAREx (Search And Rescue Exercise) ist eine groß angelegte Such- und Rettungsübung, die die DGzRS seit 2012 in der Regel zweimal jährlich durchführt – einmal auf der Nordsee und einmal auf der Ostsee. Geleitet wird sie von der Seenotretter-Akademie mit Sitz in Bremen. Bei der mehrtägigen Übung absolvieren die Seenotretter mit ihren Partnern auf und über See verschiedene Szenarien mit steigendem Schwierigkeitsgrad. Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Einheiten und Organisationen zu optimieren und die Besatzungen auf komplexe Einsatzlagen vorzubereiten. Größere Übungen dieser Art fanden in den vergangenen Jahren auch vor Rügen, in der Eckernförder Bucht, in der Lübecker Bucht und vor Büsum statt.

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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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