Drohnenaufnahmen aus dem Atlantik und dem Balearenraum zeigen erstmals systematisch, wie Pottwale einander mit dem Kopf stoßen. Die neue Studie liefert damit einen seltenen direkten Blick auf ein Verhalten, das in der Fachliteratur seit Jahrzehnten vermutet wird. Für den alten „Moby-Dick“-Mythos ist das ein interessanter Befund. Ein Beweis für gezielte Angriffe auf Schiffe ist es aber nicht.
Das Kopfstoß-Verhalten von Pottwalen wird in einer Facharbeit in Marine Mammal Science beschrieben. Ein Team um den Walforscher Alec Burslem dokumentierte mit Drohnenaufnahmen Pottwale im Balearischen Meer und bei den Azoren. Die Daten stammen aus den Jahren 2020 bis 2022.
Nach Angaben der Forschenden und der begleitenden University of St Andrews handelt es sich um die erste systematische wissenschaftliche Beschreibung dieses Verhaltens. Zu sehen sind frontale und seitliche Stöße, bei denen Pottwale ihren massiven Kopf gezielt gegen andere Tiere einsetzen.
Gesichert ist damit vor allem eines: Pottwale nutzen ihren Kopf bei Interaktionen mit Artgenossen als kraftvolles Werkzeug. Offen bleibt dagegen, welche Funktion dieses Verhalten im Einzelnen hat.
Die Studie legt sich bei der Deutung bewusst nicht fest. Als mögliche Erklärungen nennen die Forschenden Konkurrenzverhalten, soziales Kräftemessen oder spielerisches Raufen.
Bemerkenswert ist, dass das Verhalten nicht nur bei ausgewachsenen Männchen beobachtet wurde. In den ausgewerteten Fällen spielten auch jugendliche Tiere eine Rolle.
Ältere Vorstellungen gingen bisher eher davon aus, dass harte Kopfstöße vor allem ein Thema rivalisierender Großmännchen sein könnten. Die neuen Aufnahmen zeichnen ein breiteres Bild.
In einem der beschriebenen Fälle im Balearenraum waren zwei jugendliche Männchen nahe bei einem Weibchen zu sehen. Auch in den Azoren-Aufnahmen kam es zu deutlichen Kollisionen zwischen Tieren. Das spricht dafür, dass das Verhalten nicht auf wenige klassische Konkurrenzsituationen erwachsener Bullen beschränkt ist.
Ganz neu ist die Idee eines solchen Kopfstoß-Verhaltens nicht. Schon in den 1980er- und 1990er-Jahren beschrieben Forschende auffällige Zahnnarben an den Köpfen männlicher Pottwale. Diese galten als möglicher Hinweis auf aggressive Interaktionen unter Artgenossen.
Videobelege fehlten damals. Die neuen Drohnenaufnahmen schließen diese Lücke nicht vollständig, stützen die älteren Beobachtungen aber deutlich.
Auch biomechanische Arbeiten gingen schon früh in diese Richtung. Sie formulierten die Hypothese, dass der große Vorderkopf des Pottwals in männlich-männlicher Konkurrenz als Ramme dienen könnte. Spätere Untersuchungen kamen zudem zu dem Ergebnis, dass die Struktur des Vorderkopfs Belastungen bei solchen Stößen abfangen kann.
Als wichtigste historische Vorlage für Herman Melvilles Roman gilt der Untergang der Walfängerbark „Essex“ im Jahr 1820. Zeitgenössische Berichte schildern, dass ein großer Pottwal das Schiff gerammt habe.
Auch weitere historische Fälle werden immer wieder genannt, darunter die „Ann Alexander“ und die „Kathleen“. Solche Berichte zeigen, dass die Vorstellung eines rammenden Pottwals tief in der maritimen Überlieferung verankert ist.
Die neue Studie macht diese Überlieferung jedoch nicht zur gesicherten Verhaltensregel. Sie stärkt aber den plausiblen Kern dahinter. Denn nun ist erstmals systematisch dokumentiert, dass Pottwale ihren Kopf mit erheblicher Kraft gegen andere Körper einsetzen.

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