Orca-Attacken„Das Problem verschwindet nicht – es werden eher mehr"

Ursula Meer

 · 13.02.2026

Ein Orca am Ruder der VO65-Yacht von Team Jajo. | Screenshot/Video/Team Jajo/The Ocean Race
Der Portugiese ​Rui Alves ist Gründer und Betreiber von orcas.pt, der zentralen Informationsplattform zu Orca-Sichtungen und Attacken vor der iberischen Küste. Der IT-Experte arbeitet an der Sammlung, Validierung und Verbreitung von Orca-Daten und steht in engem Austausch mit Wissenschaftlern, Behörden und Seglern. Die Community umfasst mehrere tausend Mitglieder. Im Interview berichtet er über die aktuellen Entwicklungen und erklärt, warum teure Abwehrgeräte nichts bringen, Rückwärtsfahren gefährlich ist – und was im Ernstfall wirklich hilft.

​Wie kam es “orcas.pt”?

Ich habe gesehen, dass es ein Problem mit Orcas gibt, aber die Leute nicht miteinander reden. Es gab keine zentrale Stelle, an der Informationen gebündelt wurden. Das wollte ich ändern. Es fing mit einer kleinen WhatsApp-Gruppe mit 30-40 Leuten an. In sechs Monaten waren wir 1.000 und mussten auf Telegram umsteigen. Parallel habe ich die Website mit der Karte entwickelt, damit Segler sehen können, wo die Orcas gerade sind, und Wissenschaftler eingebunden, die erklären können, warum die Orca-Angriffe passieren.

​Womit haben wir es denn nun zu tun – Orca-Attacken oder Interaktionen?

Ich wechsle zwischen den Begriffen, aber es ist wichtig zu verstehen: Für mich sind das keine Angriffe auf Menschen, sondern auf die Ruderblätter. Ich glaube nicht, dass die Orcas denken „heute greife ich dich an". Sie spielen mit dem Ruder.

Auf der Website spreche ich von „Attack" oder „Incident" – also einem Vorfall, der nicht normal ist. „Interaktion" hingegen klingt, als ob beide Seiten miteinander agieren wollen. Aber das ist nicht so.

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Wie viele Orcas zeigen dieses Verhalten, und wie entwickeln sich die Zahlen?

Wissenschaftler sprechen von 30-40 Tieren in der Gruppe, davon greifen etwa 15 aktiv Boote an. Das Problem ist: Die Babys lernen das Verhalten. Man kann also nicht sagen, dass das Problem irgendwann verschwindet, weil die auffälligen Orcas älter werden und sterben. Es werden eher mehr.

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Trotzdem hatten wir 2022 noch 180 Fälle, letztes Jahr nur noch 128. Die Segler sind besser informiert, kennen das Risiko und planen ihre Routen anders – manche fahren weiter von der Küste weg, andere wählen ganz andere Routen Richtung Mittelmeer. Dieses Jahr werden wir sehen, ob wir bei etwa 120 bleiben.


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Sie sammeln viele Daten zu den Orca-Vorfällen. Das tun auch andere, etwa die britische Cruising Association oder die Grupo de Trabajo Orca Atlántica. Überall liest man Verweise aufeinander – aber unterschiedliche Zahlen. Wie kommt das?

Mit Trans Ocean in Deutschland arbeite ich sehr gut zusammen, ich habe sogar einen Preis von ihnen gewonnen. Segler von Trans Ocean kommen direkt auf mich zu, wir reden miteinander. Bei der britischen Cruising Association ist es kompliziert: Etwa 60% meiner Community-Mitglieder sind auch dort, aber offiziell arbeiten sie nicht mit mir. Sie erwähnen mich auf ihrer Website, aber auf meine Anfragen zur Zusammenarbeit bekomme ich keine Antwort.

Mich interessiert die Politik nicht, ich will einfach mit allen zusammenarbeiten.

Mit wem arbeiten Sie aktuell zusammen?

Ich rede mit Wissenschaftlern aus Portugal und Spanien, wir tauschen Informationen aus. Ich arbeite mit etwa 50 verschiedenen Quellen – Wissenschaftlern, Behörden, den Marinen, Walbeobachtern, Fischern. Alle kooperieren mit mir. Wenn mir eine Sichtung gemeldet wird, spreche ich auch mit anderen, die am selben Tag in der Gegend waren, frage nach Fotos. So kann ich 80-90% der Fälle überprüfen. Die portugiesische und spanische Marine nutzen meine Daten offiziell.

Es gibt viele Thesen zu den Faktoren, die einen Angriff wahrscheinlicher machen – Bootsfarben, Bootstypen. Was halten Sie davon?

Wissenschaftler haben das getestet: Die Farbe spielt keine Rolle. Es geht nicht um Pink, Weiß oder Schwarz – es geht um das bewegliche Objekt, das Ruder. Auch bei Rumpfform oder Größe ist es simple Statistik: Wenn mehr Katamarane unterwegs sind, werden mehr Katamarane angegriffen. Wenn mehr Boote zwischen 12 und 14 Metern fahren, passieren mehr Vorfälle in dieser Größe.

Was sind dann die aktuellen Verhaltensempfehlungen?

Auch das haben wir getestet – mit Wissenschaftlern, mit Seglern. Die klare Empfehlung lautet: Nicht anhalten, weiterfahren, am besten Richtung Küste ins flache Wasser. Wenn Sie stoppen, spielt der Orca weiter, bis das Ruder kaputtgeht. Wenn Sie weiterfahren, verliert der Orca nach einer Weile die Verbindung zu seiner Gruppe, und das Boot wird uninteressant. Er kehrt zur Gruppe zurück.

Oft wird auch Rückwärtsfahren empfohlen...

Das ist sehr gefährlich! Ein Ruder ist nicht fürs Rückwärtsfahren bei Wellen und starker Strömung konstruiert. Bei manchen Seglern hat es funktioniert, die Orcas sind weggeschwommen. Aber wir wissen nicht, ob das am Rückwärtsfahren lag oder ganz andere Gründe hatte. Das Risiko, das Ruder oder die Ruderaufhängung zu beschädigen, ist hingegen enorm.

​Manche verstärken auch das Ruderblatt – aber das kann nach hinten losgehen. Wenn das Ruder bei einem Angriff nicht kaputtgeht, geht etwas anderes am Boot kaputt. Die Kraft muss irgendwohin.

Teil der Empfehlung ist, in weniger als 20 Metern Wassertiefe zu fahren. Aber auch dort gab es Attacken, und Segler berichten von Stellnetzen, die schnell in die Schraube geraten können. Bleibt es dennoch bei der Empfehlung?

Ja. Wir haben alle Daten analysiert: Thunfisch, die Beute der Orcas, hält sich nicht im 20-Meter-Bereich auf. Die Orcas folgen dem Thunfisch in tieferen Zonen. In sechs Jahren gab es nur 34 Vorfälle im flachen Wasser – das ist sehr wenig. Netze gibt es dort, das stimmt. Aber es ist ein Risiko gegen das andere – man muss abwägen. Es gibt kein Null-Risiko, nur sehr wenig Risiko.

Was sagen Sie zu eher rabiaten Abwehrmethoden wie Spikes am Ruderblatt oder Feuerwerkskörpern?

Alles muss von Wissenschaftlern bewertet werden, nicht vom Nutzer. Wenn Feuerwerkskörper eine Lösung sind, brauchen wir die richtige Dosis – studiert und genehmigt. Nicht einfach Silvester-Böller. In Portugal ist der Transport von Feuerwerkskörpern auf Booten übrigens ohnehin verboten.

Diese Spikes, die wir im Internet sehen, sind brutal. Stellen Sie sich vor, ein Baby-Orca kommt verletzt zur Mutter zurück. Was passiert dann? Die werden nicht mehr nur das Ruder angreifen, sondern andere Bootsteile. Und man kann nicht das ganze Boot mit Spikes ausstatten.

Die Universität Cádiz forscht aber schon an Lösungen: Wissenschaftler suchen nach etwas, das den Kontakt mit dem Ruderblatt für Orcas unangenehm macht, sie aber nicht verletzt.

Einen ähnlichen Zweck soll der Orca-Pinger erfüllen, der die Tiere mit Geräuschen fernhalten soll. Wie schätzen Sie diese Methode ein?

Das Problem ist: Der Entwickler hat ihn nie mit Orcas getestet. Wissenschaftler sagen aber, dass Pinger nicht funktionieren. Die Orcas gewöhnen sich an Lärm im Wasser. Große Schiffe machen auch Lärm – warum sollten sie vor einem kleinen Ding weggehen? Auf einem Boot bedeutet ein Pinger sogar: „Hier bin ich, hier bin ich!"

Sie wecken den Orca praktisch auf. Ich habe Videos gesehen, wo Orcas mit Pingern spielen. Und Segler mit Pinger wurden trotzdem angegriffen. Das ist für mich kein seriöses Produkt.

Was möchten Sie Seglern noch mitgeben?

Vorbereitung, Vorbereitung, Vorbereitung! Manche nehmen tagelang Zeit für das Wetterrouting, aber nur zehn Minuten für die Orca-Vorbereitung. Das ist zu wenig.

Informieren Sie sich, wo die Orcas gesichtet wurden. Bereiten Sie Ihre Crew vor. Besprechen Sie vorher: Wer macht was, wenn ein Orca kommt? Wer geht zum Funkgerät? Wer hält Ausschau? Machen Sie einen Notfallplan. Wenn Sie vorbereitet sind und etwas passiert, ist viel weniger gefährlich.


​Wie können sich Segler denn am besten informieren? Auf orcas.pt stehen Daten bereit, bei der britischen Cruising Association oder spanischen Grupo de Trabajo Orca Atlántica. Überall liest man Verweise aufeinander – aber unterschiedliche Zahlen.

Das stimmt. Nutzen Sie mehrere Quellen! Es ist wie beim Autofahren – Sie fragen Freunde, schauen Verkehrsmeldungen, hören Radio. Genau so hier: Schauen Sie GT Orca AIS, orcas.pt, fragen Sie Wissenschaftler, fragen Sie mich.

Es gibt nicht die eine perfekte Quelle, und tatsächlich sind nicht alle Daten deckungsglich, weil nicht alle Akteur miteinander kooperieren. Mit Trans Ocean in Deutschland arbeite ich sehr gut zusammen, ich habe sogar einen Preis von ihnen gewonnen. Segler von Trans Ocean kommen direkt auf mich zu, wir reden miteinander. Bei der britischen Cruising Association ist es kompliziert: Etwa 60% meiner Community-Mitglieder sind auch dort, aber offiziell arbeiten sie nicht mit mir zusammen. Sie erwähnen mich auf ihrer Website, aber auf meine Anfragen zur Zusammenarbeit bekomme ich keine Antwort.

Bei orcas.pt können Segler ihre Route jederzeit mit mir besprechen. Wir nehmen uns Zeit – eine Stunde, wenn nötig – und planen gemeinsam.

Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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