MeteorologieWetterbombe vor Island

Andreas Fritsch

 · 07.02.2022

Meteorologie: Wetterbombe vor IslandFoto: Windy.com

Vor der Insel formiert sich das bislang stärkste Sturmtief des Winters mit Windböen jenseits der 100 Knoten und dem rekordverdächtigen Kerndruck von nur 927 hPa

Gefühlt geht der deutsche Winter in diesem Jahr an der Küste völlig nahtlos von einem Sturmtief ins nächste über und wird zwischendurch so regelmäßig von nasskalten Fronten durchgespült, dass selbst die hartgesottensten „Nordies“ allmählich einen fetten Winterblues bekommen. Den gelben Ball da oben hat hier so lange niemand gesehen, dass man sich verwundert die Augen reibt, passiert es doch einmal bei minutenlangen Rückseitenwetter.

Und dann das: Die, zugegeben, etwas nerdige Wetter-Webseite „Severe Weather EU“ meldet die Entstehung des brutalsten Tiefdruck-Wirbels, den dieser Winter bislang zu bieten hat. Westlich von Island, kurz vor Grönland bildet sich derzeit ein Wirbel, der Wetter-Interessierten einen seltenen Fall beschert: In der weit verbreiteten Wetter-App Windy geht der Skala für die höchsten Windgeschwindigkeiten in Knoten, Zahlen und Farben aus, so stark werden die Böen. Wer die App regelmäßig nutzt, weiß: Rosa ist schlecht, lila ernst, und blaue Windfelder heißt, es wehen die Kühe in Ostfriesland vom Deich. Diesmal spielt es in ein hysterisches, nie gesehenes Weißgelb. Hundert. Fünfundreißig. Knoten. Wind. Wellen bis 18 Meter. Tusch und wohliges Gruseln.

Solange das Boot sicher und warm in einer Halle an Land steht, ein erträgliches Szenario. Mehrere Redaktionsmitglieder, auch ich, stehen aber draußen mit Plane ums Boot. Genau genommen schon der zweiten dieses Jahr nach dem x-ten Sturmtief. Die letzte knatterte mit einer aggressiven Frequenz in den Böen, als sie sich in ihre Bestandteile auflöste. Als in der Flaute danach die hektisch beim Ausrüster aus dem Regal gezogene Ersatzplane angebracht wurde, waren es ein bis zwei Grad. Nach einer Stunde waren die Finger steif, der Rum im Boots-Schapp leer, der Eigner-Stolz überschaubar.

  Die Wetter-Grafik von Severe Weather zu dem Island-SturmFoto: NOAA
Die Wetter-Grafik von Severe Weather zu dem Island-Sturm

Genau so ein Wetter-Monster, die Amerikaner nennen es „Zyklonal Bomb“, bildet sich dort. Der Kerndruck von prognostizierten 927 hPa spielt schon leicht ins Biblische, der tiefste je in Deutschland gemessene Luftdruck war laut Webseite des DWD 1983 955 hPa in Emden. Daher der Kuh-Flug-Index.

Aber natürlich ist das über Land gewesen. Und zum Glück: Sobald der Monster- Wirbel die eiskalte See bei Island verlässt und Richtung Schottland auf Land trifft, lässt auch er etwas nach. Zum Glück. Es sieht auch so aus, als ob das Tief diesmal zum Glück etwas nördlicher durchzieht und Deutschland nur heute und am Mittwoch von Wind mit harmlosen 33 bis 35 Knoten gestreift wird.

Aufatmen also. Aber eine schlechte Nachricht haben die Wetter-Amis dann doch: Der Sturm ist Folge eines in diesem Winter außergewöhnlich starken „Polar Vortex“, meint den Tiefdruck-Wirbel über dem nicht mehr von der Sonneneinstrahlung getroffenen Nordpol. Der sollte eigentlich im Februar allmählich deutlich schwächer werden. Tut er aber nicht. Er ist groß, er ist schnell und pustet ordentlich die Luftschichten durch. Das brachte der US-Küste den eiskalten Schneesturm letzte Woche, so die Meteorologen. Und uns? Nasses und unbeständiges Wetter weiter bis Ende Februar, wenn es ganz fies, läuft auch noch in den frühen März.

Also Karibik buchen, jetzt. Aber da war ja noch was? Ach ja, Corona. Seufz …

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