Interview​Kollision in Korsør – “vor mir war eine riesige rote Schiffswand”

Antonia von Lamezan

 · 30.06.2026

In Episode 78 des YACHT-Podcasts berichtete das Eignerpaar aus Schleswig-Holstein von der Kollision eines 104 Meter langen KüMos mit ihrer Segelyacht im Hafen von Korsør, Dänemark. Lesen Sie das Interview hier.
Foto: Sören Gehlhaus
Beim Abendessen an Bord ihrer Elan 45 im dänischen Korsør sahen Kirsten und Detlef Kaack plötzlich vor dem Kajütfenster eine riesige rote Wand aufragen: Der Frachter Olymp Trader, 104 Meter lang, außer Kontrolle, Kurs auf Kollision. Sekunden später war ihre Yacht gegen die Kaimauer gequetscht, der Mast gebrochen. Das Seglerpaar aus Schleswig-Holstein erzählt, was in diesen Momenten geschah und wie es nun weitergeht.

YACHT: Wie geht es Ihnen nach diesem Schock?

Kirsten Kaack: Es ist jetzt schon etwas verarbeitet. Wir sind durch alle Gefühlsbäder durchgegangen – von Trauer über Wut bis hin zu Misstrauen. Alles war dabei. Jetzt, wo das Boot in der Werft in Großenbrode ist und alles besprochen ist, kehrt allmählich wieder Normalität ein.

Ist das Boot zu retten? Den Bildern nach würde man strukturelle Schäden vermuten.

Detlef Kaack: Ich habe es in dem Moment untergehen sehen. Das war es jetzt, dachte ich. Damit wären sämtliche Dinge, die man auf dem Boot hat, verloren gewesen. Es schwamm aber merkwürdigerweise noch, obwohl das Schiff zwischendurch richtig mit dem Heck drauf gefahren ist. Man sieht es in dem Film einer zufällig anwesenden Fernsehreporterin, wie das Schiff mit dem Heck auf unserem Heck liegt und das Backbordsteuerrad eindrückt.

Ich bin dann an Bord gegangen, als das große Schiff weg war. Von den vier Festmachern war nur noch einer dran, drei waren gerissen. Ich habe als erstes nach Wassereinbruch gesucht. Die Lenzpumpe sah gut aus. Dann habe ich Akten gegriffen und von Bord genommen, für den Fall, dass es doch noch sinken sollte.

Die Polizei kam, inspizierte das Boot und hatte den Eindruck, dass es schwimmt und keinen Bruch in der Hülle hat. Am Folgetag wurde der Mast mit einem Autokran entfernt und das Boot aus dem Wasser geholt. Der Versicherungsgutachter inspizierte den Rumpf – und es sieht so aus, als hätte der Rumpf keinen Bruch.

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Was für Schäden sind entstanden?

Detlef Kaack: Zum Glück wurde es nicht zusammengequetscht, weil das Schiff schräg von oben drauf gedrückt hat. Das Boot ist dann gerutscht und gegen die Kaimauer geknallt. Die Kunststoff-Süllleisten sind zerstört, der Aluminium-Süllrand ist Backbord verbogen. Aber mit etwas Glück ist es das. Wir haben bis jetzt keine Risse gefunden und keine strukturellen Veränderungen im Rumpf.

Die Hauptfockwinsch Backbord, ein sehr großes Gerät, dreht nicht mehr. Die ist innerlich verbogen. Da müssen schon Tonnen gewirkt haben. Wir gehen davon aus, dass man mit diversen Reparaturen im Decksbereich und am Süllrand das Ganze wiederherstellen kann. Ein Steuergetriebe muss ersetzt werden, denn das Steuerrad ist.

Aber der Rumpf an sich, da muss man der Firma Elan, die leider keine Boote mehr baut, ein Lob aussprechen. Den haben sie gut gebaut.

Wie kam es zu der Kollision?

Detlef Kaack: Wir saßen beim Abendessen und waren gerade fertig. Meine Frau sagte: “Da ist ein lautes Geräusch draußen, guck doch mal raus.” Ich stand am Kajütfenster – und vor mir war eine riesige rote Schiffswand. Rot, weil das Schiff im Unterwasserbereich rot und komplett leer war. Oben der Aufbau ist blau. Wir haben erst mal rot gesehen.

Das Schiff war etwa 30 Meter entfernt, 104 Meter lang. Ich bin ins Cockpit hochgegangen und sah, dass er mit voller Kraft rückwärts fuhr. Die Schraube wirbelte viel Wasser auf. Rückwärts heißt, er fuhr auf den Kai zu – und der war schon nicht mehr weit weg. Da er weiterhin rückwärts fuhr, war mir klar, dass es eine Kollision gibt. Der hatte das Schiff nicht im Griff.

Gleichzeitig drehte das Heck nach Steuerbord, also zu uns hin. Da habe ich zu meiner Frau gesagt: “Lass mal schnell an Land gehen, wer weiß, was da gleich passiert.”

Man geht ja davon aus, dass professionelle Kapitäne wissen, was sie tun. Wir haben schon Erfahrungen mit holländischen Großseglern gemacht, die mit dem Klüverbaum über unserem Boot angelegt haben. Das war völlig sicher, weil die genau wissen, wie es geht. Als das Schiff dann allerdings den Kai mit dem Ruder berührte, war mir klar: Nein, der weiß nicht, was er tut.

Einen Granitpoller und drei Lampen hat er zerstört. Zu dem Zeitpunkt hatten wir ungefähr noch eine Minute. Wir waren mit vier Festmachern am Kai befestigt. Die konnte ich nicht so schnell lösen.

Kirsten Kaack: Außer dem lauten Motorengeräusch wurden wir nicht gewarnt. Wir waren unter Deck und ahnten nichts. Dann war das Schiff schon neben uns. Ich glaube, es wäre brandgefährlich gewesen, hätten wir noch versucht abzulegen. Wenn die Festmacher abreißen und einem um die Ohren fliegen, kann man sich schwer verletzen.

Detlef Kaack: Richtig. Hätte er fünf Minuten vorher einmal sein Horn benutzt, hätten wir die Leinen durchgeschnitten und wären abgehauen. Oder hätte einer gerufen: “Achtung, wir haben ein Problem!” – in welcher Sprache auch immer, das versteht man. Aber da haben zwei oder drei Leute am Achterdeck gestanden, ganz ruhig zugeguckt und abgewunken. Nach dem Motto: Alles im Griff hier oben.

An dieser Stelle halte ich das für fahrlässig. In der Situation nicht zu warnen. Das ist ein Vergehen, das ich als Angriff auf Leib und Leben interpretiere.

Sie haben in diesen Sekunden gefilmt. Wie kamen Sie auf die Idee?

Detlef Kaack: Mir war bewusst: Ich brauche Beweise. Dass da etwas schief geht, wusste ich. Dass meine Frau an Land gesprungen ist, wusste ich auch. Und dass ich in dem Moment nichts mehr machen kann, war mir ebenfalls klar. Ich hatte mein Handy dabei und dachte: Jetzt geht's zur Sache, ich brauche Beweise. Falls irgendetwas passiert, muss man das dokumentiert haben.

Es hat sich im Nachhinein gezeigt, dass auch andere gefilmt haben, zum Beispiel eine TV2-Ost-Reporterin, die zufällig mit ihrem Kleinkind vor Ort war. Aber das konnte ich in dem Moment nicht wissen. Also war mein Gedanke: “Ich kann sowieso nichts machen, also muss ich die Beweisführung sichern.”

Die Besatzung warf dann eine Seenotboje ins Wasser – viel zu spät.

Detlef Kaack: Ja, sie haben eine Seenotboje gestartet, die orangenen Rauch ausstößt und mit zwei weißen Blinklampen Signale produziert. Eigentlich wirft man über so ein Signalmittel über Bord, wenn jemand im Wasser liegt, damit man ihn wiederfindet.

Die Besatzung hatte die Seenotboje an einem fünf Meter langen Band hängen und schwenkte sie wie eine Weihrauchkanne hin und her. Als sich das Band in unseren Stagen verhedderte, haben sie sie fallen lassen. Sie lag dann neben unserem Boot. Das hat die ganze Umgebung vollgeräuchert und ist bestimmt nicht gesund. Unser Boot ist bis heute orange an einer Seite. Eine völlig unsinnige Aktion.

Sie blieben die Nacht über an Bord. Wie war das?

Detlef Kaack: Das war der Horror. Der Schwell im Hafenbecken wurde immer stärker – bestimmt ein Viertelmeter. In diesem Becken gibt es rundherum nur Spundwände, die Wellen werden überall reflektiert. Das Boot schaukelte mit bestimmt zehn Grad Krängung nach Backbord und Steuerbord. Bei jedem Schaukeln klappte der umgeknickte Mast nach links und rechts. Wir hatten Angst, dass der Mast noch abbricht, der wiegt ungefähr 300 Kilo.

Am nächsten Morgen hatte ich Angst, dass wir das Boot ganz verlieren. Wir konnten es vor der Metallspundwand bei dem hohen Schwell kaum sicher halten. Mit Hilfe der gegnerischen Versicherungsvertretung, die die Leinen führte, und mit eigener Maschine konnten wir ein paar hundert Meter zurückfahren und uns hinter einem Hochseeschlepper platzieren.

Das Ruder funktionierte noch?

Ja, ich habe das Steuerrad mit Körperkraft so weit gerade gebogen, dass es drehbar war. Die Maschine war unbeeinflusst. Allerdings hing der Mast nach Backbord und die Fock mit Vorstag im Wasser. Damit kann man nicht ernsthaft fahren, aber hundert Meter waren machbar.

Was passiert mit Ihnen, wenn Sie sich heute das Video ansehen?

Kirsten Kaack: Eigentlich schaue ich es mir nicht so gerne an. Es sind einfach nur schlechte Erinnerungen. Insbesondere in der ersten Nacht hatte ich genau diese Szenerie immer wieder vor Augen. Zur Beweisführung haben wir noch einmal kleinere Abschnitte besonders angeschaut. Wo setzt es genau hinten auf? Wie liegt das Segel da? Das gibt sehr viel Aufschluss.

Detlef Kaack: Ich habe immer wieder versucht zu verstehen, was da passierte. Die meiste Zeit ist er mit Vollgas rückwärts gefahren. Er hängt schon am Kai, fährt immer noch rückwärts. Dann ist er wohl vorwärts gefahren und hat bei uns den Mast abgerissen. Dann ging es wieder voll rückwärts, um zu bremsen, weil sich unser Achterstag oben bei ihm verhakt hatte. Sonst wäre er mit unserem Boot im Schlepp weggefahren.

Dann sind sie abgedampft und durch die Brücke gefahren. Ich glaube, sie sind sogar noch drüben am Kai kollidiert. Dann fuhren sie durch die geöffnete Klappbrücke und haben auf der anderen Seite angelegt, wo sie hin wollten.

Er musste, nachdem er an uns vorbeigefahren ist, eine Linkskurve steuern, um durch die Brücke zu kommen. Wer eine Backbordkurve fahren will, schwenkt das Heck nach Steuerbord aus. Das hat er nicht beachtet. Es hieß auch, dass er sehr schnell gefahren ist. Schneller als erlaubt. Irgendwann haben wir auf dem AIS sechs Knoten gesehen, mitten im Hafen, wo nur fünf Knoten Fahrt erlaubt sind. Für meinen Verstand ist er viel zu weit Steuerbord gefahren und hat die Kurve nicht gekriegt.

Was macht so ein Erlebnis mit der Psyche?

Kirsten Kaack: Wenn ich jetzt unter Deck bin und höre einen lauten Motor, kommt das Erlebnis hoch. In der Nacht danach fuhr dummerweise ein Motorboot an uns entlang, da habe ich Panik gekriegt. Aber ich denke, das Vertrauen kommt wieder.

​Detlef Kaack: Rein seemännisch hat es mein Verhältnis zum Segeln nicht verändert. Außer dass ich jetzt mehr damit rechne, dass auch große Schiffe idiotische Manöver machen können. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Ich dachte immer: “Die werden so gut trainiert, dass sie wissen, was sie tun.” Jetzt weiß ich: “Das ist nicht der Fall. Also aufpassen wie ein Motorradfahrer im Verkehr.”0

Haben Sie überlegt, einen Totalschaden anzumelden?

Das haben wir überlegt. Die Frage ist, ob das sinnvoll ist. Erstens mögen wir das Boot. Diese Art von Yachten gibt es hier in Nordeuropa fast gar nicht. Wir haben in fast 13 Jahren als Eigner nur einmal eine weitere Elan 45 getroffen. Die anderen liegen alle in Griechenland und Kroatien. Da das Boot jetzt 22, 23 Jahre alt ist, ist das Modell auch bei Charterern nicht mehr zu haben.

​Wir haben diverse Male diskutiert, ob wir das Ganze aufgeben. “Jetzt ist es sowieso kaputt”, wäre ein Punkt gewesen, ein weiterer: “Will ich das überhaupt noch?” Segeln ist immer ein bisschen riskant. Das Boot zu verschrotten, war für mich aber immer indiskutabel. Es sei denn, der Rumpf wäre wirklich zerstört gewesen. Unsere Yacht ist im Grunde komplett in Ordnung. Wir fahren zu zweit damit überall hin. Sie ist in sehr gutem Zustand und eine Ausrüstungsvariante mit Fock, Genua und Gennaker, die andere nicht haben. Insofern war es für uns nicht attraktiv, das Schiff wegzuwerfen und mit irgendwelchen Geldern etwas Neues zu suchen.

Was lernt man aus so einem Vorfall?

Detlef Kaack: Aus diesem Vorgang kann man nichts lernen. Außer: Augen aufhalten, mit allem rechnen.

Wie geht es weiter?

Detlef Kaack: Wir hoffen, dass die Versicherungen den Schaden anerkennen und zahlen. Die Schuldfrage ist geklärt, aber bei solchen Schiffsgeschichten weiß man international nie, wie das mit Entschädigungszahlungen läuft. Zum Glück hat unsere Yachtversicherung bereits signalisiert, dass sie im Rahmen unserer Verträge haften und sich das Geld zurückholen wird. Ob der Schaden damit komplett zu bezahlen ist, wissen wir noch nicht. Das läuft gerade.

Nach Korsør werden wir erstmal nicht mehr so schnell reinfahren, weil der Hafen zu viel Schwell hat. Aber mein Vertrauen in dieses Boot ist gewachsen. Was das Ding alles vertragen kann! Wir sind schon bei Windstärke acht gesegelt und bei drei Meter Welle über die Ostsee gefahren. Da hat es sich als sehr sicher erwiesen. Der Rumpf hat jetzt gezeigt, dass er das alles vertragen kann. Ich muss wirklich sagen: Schade, dass Elan keine Boote mehr baut.

​Das Interview führte Timm Kruse.


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Antonia von Lamezan ist gebürtige Hamburgerin und studierte Kultur- sowie Sozialwissenschaftlerin (Lüneburg/Kopenhagen). Obwohl die Seefahrt zur Familiengeschichte gehört, fand sie den eigenen Weg aufs Wasser erst als Erwachsene – dann jedoch mit voller Begeisterung und Konsequenz: Innerhalb eines Jahres absolvierte sie alle für die Langfahrt erforderlichen Scheine, tauschte das geregelte Stadtleben gegen das eigene Boot und segelte zwei Jahre lang auf eigenem Kiel durch Europa. Als Volontärin in der Redaktion verbindet sie nun fachlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft für das Meer, Boote und das Schreiben.

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