HavarieStahlyacht nach Wassereinbruch auf dem Atlantik aufgegeben

Kristina Müller

 · 12.10.2020

Havarie: Stahlyacht nach Wassereinbruch auf dem Atlantik aufgegebenFoto: privat/M. Hunsdiek

Der Vorfall ereignete sich gut 160 Seemeilen vor A Coruña. Ein Helikopter der spanischen Seenotrettung nahm die Crew auf, ein Video zeigt die Aktion

Mitte September ist gut 160 Seemeilen nordwestlich von A Coruña an der spanischen Atlantikküste die deutsche Yacht "Milu" mit Heimathafen Düsseldorf aufgegeben worden. Die Crew – der Eigner, seine Lebensgefährtin und ein Mitsegler – wurden von einem Helikopter der spanischen Küstenwache abgeborgen, nachdem sie für die Rettung ins Wasser springen sollten. Die Segler hatte nach einer Kollision in der Nacht zuvor einen Wassereinbruch auf der 13,90 Meter langen Van de Stadt Norman 40 aus Stahl nicht stoppen können.

Eigner und Skipper Michael Hunsdiek schildert die Ereignisse:

"Am 14.09. liefen wir, eine dreiköpfige Besatzung, in Portland/UK aus Richtung Azoren/São Miguel. Das Wetter war gut: raumer Wind mit 3 bis 4 Beaufort. Gesetzt waren Genua und Groß, das Groß wurde durch einen Bullenstander gesichert, da es einige Winddreher gab.

Wir liefen in Richtung Festlandsockel zum Übergang in das Tiefwassergebiet. Wir beobachteten das Wetter mit dem Wetterfax von Furuno, das direkt auf dem Plotter abgebildet wird. Dazu benutzten wir das Analyse-Programm von Bonito: MeteoCom 6 mit eigener Kurzwellenantenne. Beobachtet wurden auch der Barograph, Luft- und Wassertemperatur.

Am 16.09. nahm der Wind stetig zu. Die Wetterinformationen zeigten uns ein starkes Sturmtief bei den Azoren an, das sich zu einem Orkan zu verstärken schien, sowie zwei kleine starke Tiefs direkt dahinter. Ich entschied, den Kurs von 242 Grad, der uns direkt Richtung Sturmtief geführt hätte, auf 175 Grad zu ändern, um die nordspanische Stadt A Coruña anzulaufen. Wir nahmen die Genua weg und refften das Groß ins dritte Reff ein. Der Speed betrug danach immer noch 6,5 Knoten.

Die ‚Milu’ arbeitete sich durch die Kreuzwellen, es war eine stockdunkle Neumondnacht. Es gab ein, zwei Geräusche – es waren dumpfe Geräusche, eventuell durch einen treibenden Container oder etwas anderes, die nicht zu den anderen passten. Wir schauten sofort alle Bilgen nach, aber die waren trocken. Die automatischen Bilgenpumpen standen auf grün.

Morgens um 10 Uhr am 17.09. sprangen die Pumpen an. Die Kontrolle ergab: Wasser in der Bilge. Ich ging nach draußen, um beide Handpumpen zusätzlich zu bedienen. Alle Crewmitglieder waren damit beschäftigt, Wasser nach draußen zu befördern.

Es konnte nicht genau geortet werden, wo es herkam. Nur die grobe Richtung: Steuerbord mittschiffs und Steuerbord achtern. Es gelang uns, den Wasserstand zu senken, aber es dauerte nicht lange, und es lief wieder stark nach. Dazu stieg auch noch die erste automatische Pumpe aus. Sie konnte nicht wieder gestartet werden.

Wir installierten eine Ersatzpumpe, die die ganze Zeit arbeitete. Trotz aller Pumpen wurde das Wasser stetig mehr.

Wir waren zirka 160 Seemeilen von A Coruña entfernt.

Wir versuchten Schiffe zu erreichen, um technische Hilfe anzufordern. Auf dem Berufsschifffahrts-AIS Jotron TR 8000 sah ich in zehn Seemeilen Entfernung den dänischen Tanker ‚Nord Superior’. Nach erfolgreicher Kontaktaufnahme baten wir ihn, Kontakt mit der Küstenwache aufzunehmen wegen der technischen Hilfe.

Nach einiger Zeit stellten wir fest, dass wir trotz der Pumpen noch zirka vier Stunden Zeit haben würden, wenn das Wasser weiterhin so ins Schiff dringen würde.

Wir machten nun aus der Bitte um technische Hilfe einen DSC-Notruf, der dann auch von der ‚Nord Superior’ weitergeleitet wurde. In der Zwischenzeit hatte der Tanker gedreht und war zu uns gelaufen.

Zur Not hätten wir noch über Kurzwelle die Rettungsleitzentrale in Bremen erreicht oder die Epirb aktiviert. Ein Iridium-Telefon und die Rettungsinsel waren auch einsatzbereit.

Die Küstenwache schickte auf Grund der Entfernung einen Helimar 402. Gegen 16 Uhr bekamen wir durch den Tanker die Information, dass der Hubschrauber zirka 70 Minuten braucht. Er meldete uns auch, dass sein Rettungsboot klar zum Fallen sei, falls der Hubschrauber es nicht rechtzeitig schaffen würde, uns aufzunehmen.

Um 17.15 Uhr schließlich nahm der Hubschrauber über Kanal 6 mit uns Kontakt auf. Über Kanal 16 blieben wir mit dem Tanker in Kontakt. Die Helikopter-Crew wies uns an, dass wir das Segel bergen und den Motor stoppen sollten, sobald er in Sicht käme.

Kurze Zeit später schwebte der Hubschrauber über uns. Für uns bedeutete das: noch einmal die Rettungswesten kontrollieren und die Lifebelts abnehmen. Einer nach dem anderen sprang ins Wasser und nur gut 15 Minuten später saßen wir alle im Hubschrauber.

Der Flug nach A Coruña dauerte wieder gut 70 Minuten, dabei musste eine Gewitterzelle umflogen werden.

Nach der Landung wurden wir sehr gut versorgt, konnten heiß duschen und bekamen einen Notfallrucksack mit allem Nötigen darin. Als wir getrocknet und umgezogen waren, bedankten wir uns nochmals bei der Rettungscrew. Sie erzählte uns, dass es in der Gegend auch Wal-Angriffe auf Yachten gebe, sie hätten drei Tage vor uns bereits die Besatzung von drei Yachten abgeborgen."

  Crew (Mitte) und Retter zurück an LandFoto: privat/M. Hunsdiek
Crew (Mitte) und Retter zurück an Land

Die Schifffahrt wurde nach dem Rettungsmanöver vor der treibenden Yacht gewarnt, die mittlerweile wohl längst gesunken ist.

Meistgelesene Artikel