Geisterschiffe faszinieren die Menschen seit Jahrhunderten. Sie stehen für das Ungewisse auf See, für Geschichten, die sich jeder eindeutigen Erklärung entziehen. Manche beruhen auf realen Ereignissen, andere sind reine Legenden, weitergetragen von Generationen von Seeleuten. Der Mystery-Historiker Joslan F. Keller hat in seinem Buch „Seefahrtsmythen“ zahlreiche dieser rätselhaften Fälle zusammengetragen.
Ein Geisterschiff zu sehen, ist an sich schon außergewöhnlich, aber gleich zwei? Genau das ist jedoch dem Zerstörer „USS Kennison" der US Navy passiert, der innerhalb von fünf Monaten zweimal auf ein unbekanntes Schiff traf, das aus dem Nichts auftauchte, wie aus seinem Logbuch hervorgeht.
Man muss nicht weit aufs Meer hinausfahren, um vielleicht einem Geisterschiff zu begegnen. Manchmal passiert dies ganz unerwartet in Küstennähe, wie im Fall der „USS Kennison" in Kalifornien. Dieses Schiff, benannt nach einem Offizier der US Navy während des Sezessionskrieges, ist ein amerikanischer Zerstörer, der 1918 vom Stapel lief und während des Zweiten Weltkriegs zur Überwachung der Westküste der USA und zur Jagd auf japanische U-Boote eingesetzt wurde.
Am Morgen des 15. September 1942 kehrte das Kriegsschiff von einem Einsatz im Pazifik zurück. Laut Howard H. Brisbane, einem der anwesenden Matrosen, waren alle an Bord erschöpft und sehnten sich nur danach, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und ihre Angehörigen wiederzusehen. Am Eingang zur Bucht von San Francisco, ganz in der Nähe der Golden Gate Bridge, war die Sicht durch dichten Nebel eingeschränkt. Man navigierte mit Radar, um nicht auf den Riffen der Farallon-Inseln auf Grund zu laufen.
Brisbane, der vorn auf der Brücke stand, hörte eine Reihe ungewöhnlicher Pfeifgeräusche, gefolgt von dumpfem Knacken. Doch im undurchdringlichen Nebel konnte er nichts erkennen. Zwei weitere Besatzungsmitglieder schlossen sich ihm an, der Torpedist erster Klasse Jack Cornelius und ein Ausguck mit dem Spitznamen "Tripod".
Plötzlich sahen die drei Männer aus dem dichten Nebel direkt vor dem Bug ihres eigenen Schiffes eine gespenstische Silhouette auftauchen, und zwar die eines Zweimasters aus dem vorigen Jahrhundert. Das seltsame Schiff mit seinen quadratischen Rahsegeln wirkte heruntergekommen, als hätte es viele Jahre auf See verbracht. Es zog langsam an den verblüfften Matrosen vorbei. Die Stille wurde nur durch das Plätschern des Wassers unterbrochen. Auf der Brücke des Segelschiffs war absolut niemand zu sehen, kein Licht, kein Lebenszeichen.
Jack Cornelius sprach den wachhabenden Offizier über die Funksprechanlage an. Aber da war das Schiff bereits wieder verschwunden. Der Offizier glaubte zunächst an einen Scherz ("Was soll das heißen, ein Geisterschiff?"), aber er überprüfte trotzdem die Bildschirme des Radars. Dort war rein gar nichts zu sehen. Bei der anschließenden Befragung gaben die drei Männer auf der Brücke dieselbe Beschreibung ab. Der Vorfall ist im Logbuch der „USS Kennison" verzeichnet und gilt als wahrheitsgetreue Schilderung, da die Fähigkeit der Besatzung, Schiffe als befreundet oder feindlich zu identifizieren, durch eine lange Patrouille im Pazifik geschärft worden war.
Die Geschichte endet jedoch noch nicht, denn fünf Monate später, im April 1943, patrouillierte die „USS Kennison" immer noch vor der kalifornischen Küste, diesmal jedoch viel weiter südlich, 50 Seemeilen vor San Diego. Howard Brisbane schob wieder Wache auf der Brücke, zusammen mit Carlton Herschell. Die Nacht war sternenklar und das Meer ruhig. Die beiden Matrosen unterhielten sich und genossen diese schöne Nacht nach einem weiteren gefährlichen Einsatz, bei dem sie einen Truppentransport in einem von japanischen U-Booten frequentierten Gebiet eskortiert hatten.
Howard Brisbane beobachtete gerade mit einem Fernglas das Wasser in einer weiten Schwenkbewegung, als er plötzlich die weiße Bugwelle eines Schiffes an Steuerbord entdeckte. Als er wieder aufschaute, erkannte er die Silhouette eines Liberty-Frachters, der auf sie zusteuerte.
Carlton Herschell sagte zu Howard Brisbane, dass man dieses Schiff auf der Brücke sicherlich seit etwa 20 Meilen auf dem Radar gesehen haben müsse. Der wachhabende Offizier wartete noch auf ihren Bericht, den sie schnell abliefern mussten, um keinen Ärger zu bekommen. Als sie diesen kontaktierten, teilte er ihnen jedoch mit, dass er auf dem Bildschirm absolut nichts Ungewöhnliches gesehen habe. Die beiden Männer legten ihre Ferngläser beiseite. Das Schiff war mittlerweile schon mit bloßem Auge zu erkennen. Es war nur wenige Kilometer entfernt und kam immer noch direkt auf sie zu. Brisbane verwendete eine Technik für das instrumentenlose Sehen bei Nacht, bei der man nicht direkt auf das Objekt schaut, sondern abwechselnd rechts und links davon. Er erkannte die Strukturen des unbekannten Schiffes ziemlich deutlich, als dieses urplötzlich verschwand. "Es war da, und im nächsten Moment war nichts mehr zu sehen", erklärte Brisbane anschließend, unterstützt von Carlton Herschell. Auch dieser Vorfall wurde in das Logbuch der „USS Kennison" eingetragen, ohne dass jemals eine Erklärung dafür abgegeben wurde.
Anschließend intensivierte die „USS Kennison" ihre Operationen zur U-Boot-Bekämpfung bis zum 22. September 1944 und operierte dann ab November von San Diego aus als Zielschiff für Flugübungen mit Lufttorpedos. Am 21. November 1945 in Virginia außer Dienst gestellt, wurde sie am 18. November 1946 an Luria Brothers & Company, Inc. in Philadelphia verkauft und dort abgewrackt.
Auch wenn das zweite Geisterschiff ein Rätsel bleibt, gibt es eine mehr als spekulative Hypothese (da sie unsere Sicht auf das Universum in Frage stellen würde), nach der die Seeleute der „USS Kennison" in der Nähe von San Francisco tatsächlich die „SS Tennessee" gesehen haben könnten. Dieser Dampfer sank 1853 in der Golden-Gate-Meerenge, nachdem er auf Felsen aufgelaufen und heftigen Strömungen zum Opfer gefallen war. Die 550 Passagiere sowie 14 mit Gold gefüllte Truhen konnten sicher von Bord gebracht werden, bevor der Dampfer in der Bucht versank. Der Ort des Dramas wurde übrigens zu Ehren dieses versunkenen Schiffes, das seitdem regelmäßig die Einfahrt zur Bucht heimsuchen soll, "Tennessee Cove" genannt.
Seit der ungewöhnlichen Beobachtung 1942 haben zahlreiche Zeugen berichtet, dass sie alte Schiffe gesehen hätten, die vor der Golden Gate Bridge im Nebel verschwanden. Diese Geschichten haben seit der Entdeckung eines Friedhofs alter Schiffswracks westlich der Brücke im Jahr 2014 wieder an Aufmerksamkeit gewonnen. Könnte es sein, dass einige Kapitäne dieser alten Schiffe aus vergangenen Jahrhunderten, die ihr Schicksal nicht akzeptieren, zurückgekehrt sind, um sich den Lebenden zu zeigen?

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