Geisterschiffe„Marlborough“ – 20 Skelette an Bord

Lars Bolle

 · 04.03.2026

Geisterschiffe: „Marlborough“ – 20 Skelette an BordFoto: YACHT/KI
So könnte die “Marlborough” erschienen sein.
Ein schottischer Dreimaster verschwindet 1890 spurlos – und taucht 1913 angeblich wieder auf: treibend vor Punta Arenas, mit zerfetzten Segeln und 20 Skeletten an Bord. Die Story ging um die Welt, doch schon die damaligen Details klingen verdächtig. War die „Marlborough“ wirklich ein Geisterschiff – oder nur ein perfekt erzählter Mythos, beruhend auf dünner Quellenlage?

Geisterschiffe faszinieren die Menschen seit Jahrhunderten. Sie stehen für das Ungewisse auf See, für Geschichten, die sich jeder eindeutigen Erklärung entziehen. Manche beruhen auf realen Ereignissen, andere sind reine Legenden, weitergetragen von Generationen von Seeleuten. Der Mystery-Historiker Joslan F. Keller hat in seinem Buch „Seefahrtsmythen“ zahlreiche dieser rätselhaften Fälle zusammengetragen.


Im Oktober 1913 berichteten die Boulevardmedien mehrerer Länder über ein Ereignis, über das die Londoner Tageszeitung The Evening Standard als Erste in ihrer Ausgabe vom 3. Oktober berichtet hatte. Die englische Zeitung erklärte, dass die Geschichte auf einem „Telegramm aus Neuseeland“ basierte, das noch bestätigt werden müsste. Le Petit Journal gab seine Version der Ereignisse in der illustrierten Beilage vom 19. Oktober 1913 wieder:

Ein englisches Schiff auf dem Weg nach Lyttelton (Neuseeland) hat in Punta Arenas (in der Nähe von Kap Hoorn) eine grausige Entdeckung gemacht. Es sichtete ein Schiff, das manövrierunfähig zu sein schien. Da es auf die Signale nicht reagierte, näherte man sich, und einige Matrosen gingen an Bord.

Sie fanden dort 20 menschliche Skelette. Das Schiff trug den Namen „Marlborough“ und stammte aus dem Hafen von Glasgow. Im Jahr 1890 wurde ein Segelschiff mit diesem Namen, das auf dem Weg nach Chile war, zum letzten Mal in der Magellanstraße gesichtet, danach gab es keine Nachrichten mehr von ihm, und es wurde als verloren eingestuft.

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Nach ersten Informationen soll es sich bei dem englischen Schiff, das die „Marlborough“ gesichtet hatte, um das Segelschiff „Johnson“ handeln. Die Entdeckung soll acht Wochen vor der Veröffentlichung erfolgt sein, wodurch sich die Begegnung des Schiffes auf den Zeitraum zwischen Ende Juli und Anfang August 1913 datieren ließe.

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Untersuchungen in Schottland bestätigten, dass die „Marlborough“ tatsächlich existierte. Dieser 70 Meter lange Dreimaster mit zwei Decks und Eisenrumpf wurde 1876 in Glasgow von der Werft Robert Duncan and Company vom Stapel gelassen, bevor er in den Besitz der Shaw, Saville & Albion Company überging. Mit einer Besatzung von etwa 30 Mann absolvierte der Dreimaster zwischen 1876 und 1890 erfolgreich 14 Überfahrten zwischen London und Neuseeland. 1884 übernahm Kapitän Herd das Kommando.

Das mysteriöse Verschwinden

Am 11. Januar 1890 verließ die „Marlborough“ mit einer Ladung Wolle und Gefrierfleisch sowie einer Passagierin, Frau W. B. Anderson, an Bord den Hafen von Lyttelton in Neuseeland. Zwei Tage später, am 13. Januar, hatte Kapitän Gordon von „The Falkland Hill“ mit der „Marlborough“ Kontakt. Er wusste nicht, dass er der Letzte sein sollte, der sie sah. Der Dreimaster verschwand daraufhin spurlos.

Nach langem Warten führten die Behörden eine Untersuchung zum Zustand des Schiffes bei seiner Abfahrt durch und stellten fest, dass die Ladung ordnungsgemäß verstaut und das Schiff in einem für die Überfahrt geeigneten Zustand war. Einige Monate nach ihrem Verschwinden wird die „Marlborough“ bei Lloyd’s als „vermisst“ gemeldet. In der Öffentlichkeit galt die Hypothese, dass das Schiff vor Kap Hoorn von Eisbergen versenkt worden war, als plausibel, denn die „RMS Rimutaka“ hatte zwischen Anfang und Mitte Februar 1890, als die „Marlborough“ in dieser Gegend unterwegs war, große Mengen an Eis zwischen Chatham Island und Kap Hoorn gemeldet.

Gerüchte über Überlebende

Im folgenden Jahr 1891 gab es Gerüchte über Matrosen der „Marlborough“, die in der Nähe der Bahía Buen Suceso auf Feuerland erkannt worden seien. Die Zeitung Daily Colonist aus British Columbia berichtete in einem Artikel vom 9. April 1891, dass ein von Kapitän McKiel kommandierter Robbenfang-Schoner zwischen Mitte und Ende Januar 1891 eine Reihe von Männern getroffen habe, bei denen es sich angeblich um britische Schiffbrüchige handelte, die von der argentinischen Regierung für ein Versorgungsschiff in der Bahía Buen Suceso angeheuert worden waren.

Die „HMS Garnet“, eine Korvette der Pazifikflotte unter dem Kommando von Kapitän Harry Francis Hughes-Hallett, begab sich zum Ort des Geschehens und durchsuchte die Bucht und ihre Umgebung. Vergeblich! Es wurden weder Seeleute gefunden noch Hinweise auf ihre Anwesenheit in diesem Gebiet.

Die Sichtung des Geisterschiffes

Kehren wir ins Jahr 1913 zurück. Aus London kamen neue Details über die Umstände der Entdeckung der „Marlborough“, 23 Jahre nach ihrem Verschwinden. Der Kapitän der „Johnson“ berichtet in einem eher lyrischen Ton:

Wir befanden uns vor den felsigen Buchten bei Punta Arenas und hielten uns in der Nähe des Landes auf, um Schutz zu suchen. [...]

Vor uns, eine Meile oder mehr entfernt auf der anderen Seite des Wassers, lag ein Schiff, dessen Segeltuch in Fetzen in der Brise flatterte. Wir sendeten Signale und wendeten. Es kam keine Antwort. Wir beobachten diesen „Fremden“ mit unseren Ferngläsern. Wir konnten keine Menschenseele entdecken, keine Bewegung irgendeiner Art. Die Masten und Rahen leuchteten grün – im Grün der Verwesung. Das Schiff ruhte dort wie in einer Wiege. Das erinnerte mich an Der gefrorene Pirat, einen Roman, den ich vor Jahren gelesen hatte. Ich stellte mir das Schiff aus dem Roman vor, mit seinen steifen Masten und den mit Schnee gezeichneten Umrissen seiner sechs kleinen Kanonen.

Schließlich erreichten wir das Boot. Es gab kein Lebenszeichen. Nach einer Weile ging unser Erster Offizier in Begleitung einiger Besatzungsmitglieder an Bord. Der Anblick, der sich ihnen bot, war erschreckend. Unter dem Steuerrad lag das Skelett eines Mannes. Als sie vorsichtig über das morsche Deck gingen, das unter ihren Schritten knarrte und an einigen Stellen brach, stießen sie in der Einstiegsluke auf drei Skelette. In der Messe lagen die Überreste von zehn Leichen, sechs weitere wurden auf der Brücke gefunden, darunter möglicherweise die des Kapitäns. Es herrschte eine seltsame Stille und ein modriger Geruch, der Gänsehaut verursachte. In der Kapitänskajüte wurden einige Überreste von Büchern sowie ein rostiges Entermesser entdeckt. Nie zuvor wurde etwas Seltsameres in der Geschichte der Seefahrt gesehen. Der Erste Offizier untersuchte die noch blassen Buchstaben auf dem Bug und las nach einigen Schwierigkeiten „Marlborough, Glasgow“.

Eine plausible Geschichte?

Der packende Bericht über dieses grün schimmernde Geisterschiff fasziniert zwar viele Leser, doch aufmerksame und kritische Beobachter bemerken schnell, dass einige Details wenig plausibel sind. Der umstrittenste Punkt hat mit Kap Hoorn zu tun. Wie jeder weiß, ist diese Region heftigen Stürmen ausgesetzt und bekannt für ihre Eisberge und starken Strömungen. Es ist daher äußerst unwahrscheinlich, dass ein treibendes Schiff diesen Elementen fast ein Vierteljahrhundert lang standgehalten haben könnte. Die „Marlborough“ wäre wohl eher zuvor an Felsen oder Eisbergen zerschellt.

Außerdem ist Kap Hoorn ein stark befahrenes Seegebiet. Es ist daher schwer vorstellbar, dass ein verlassener Dreimaster so lange unentdeckt geblieben sein könnte, zumal das Gebiet häufig nach Wracks oder Besatzungen anderer Schiffskatastrophen abgesucht wird. Auch in der Nähe der Kolonie Puntas Arenas, wohin ein Goldrausch in den 1890er Jahren viele Menschen gelockt hatte, wäre ein „Geisterschiff“ nicht unbemerkt geblieben.

Schließlich stellt sich auch die Frage, ob es die „Johnson“, die angeblich die „Marlborough“ gefunden hat, überhaupt gab. Tatsächlich wurde in den Jahren 1912 bis 1913 in keinem neuseeländischen Hafen ein Segelschiff mit diesem Namen gesichtet. Außerdem hätte ein solches Segelschiff, das von England aus gestartet wäre, eher die Route über das Kap der Guten Hoffnung und dann durch den Indischen Ozean genommen, um Neuseeland zu erreichen. Angenommen, die „Johnson“ hätte existiert, dann wäre die Entdeckung der „Marlborough“ Gegenstand von Artikeln in der neuseeländischen Presse gewesen, was jedoch nicht der Fall war. Im Gegenteil, die Zeitungen des Landes betrachteten die Geschichte bereits 1914 als frei erfunden. Auch in anderen Teilen der Welt veröffentlichten Zeitungen, die vorher zugesagt hatten, aktuelle Informationen zur weiteren Entwicklung zu liefern, keine Berichte, und es wurden keine weiteren Nachforschungen angestellt.

Alles nur Seemannsgarn?

Es gibt also gute Gründe zur Annahme, dass die Horrorgeschichte der „Marlborough“ nur eine Erfindung ist. 1929 tauchte eine neue Version der Geschichte auf, wonach das Geisterschiff im Januar 1899 von der „British Isles“ unter dem Kommando von Kapitän Hadrop treibend aufgefunden worden sei. Wenn sich dieses 1884 gebaute Segelschiff tatsächlich etwas nördlich von Kap Hoorn befunden hat, als es angeblich den schottischen Dreimaster traf, dann muss der Kapitän jemand anderes gewesen sein. Außerdem wurde nie ein Bericht über diese Begegnung auf hoher See veröffentlicht. Viel später, im Jahr 2006, schlug der Autor Tom Quinn eine dritte Variante vor, in der ein Schiff der britischen Royal Navy 1913 vor der Küste Chiles auf das Wrack der „Marlborough“ gestoßen sein soll. Auch hier fehlen die Quelle der Information sowie der Name des sichtenden Schiffes und seines Kapitäns.

Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass die Geschichte von der Entdeckung der „Marlborough“ auf einem anderen Ereignis basiert, das 1912 von Kapitän Thomas Sydney Burley erzählt wurde. Dieser soll (laut einer in den 1940er Jahren überarbeiteten Version) ein Besatzungsmitglied der „Cordova“ gewesen sein, die am 23. Juli 1890 vor Feuerland Schiffbruch erlitt. Die Überlebenden sollen versucht haben, die Bahía Buen Suceso zu erreichen.

Auf ihrem Weg hätten sie das Wrack eines Schiffes namens „Godiva“ gesichtet, dann, einige Meilen südlich davon und in Sichtweite der Isla de los Estados, ein weiteres mit der Aufschrift „Marlborough of London“. Nicht weit davon entfernt fanden er und die anderen Überlebenden ein Zelt aus Segeltuch und sieben Skelette vor einem Haufen Muschelschalen. Dumm nur, dass die „Cordova“ um den 26. Juli 1888 herum Schiffbruch erlitten hatte und ihre Besatzung mindestens anderthalb Jahre vor der Fahrt der „Marlborough“ in dieser Gegend gerettet worden war. Burley konnte sie also unmöglich gesehen haben!

Letztlich gehört die unglaubliche Geschichte der „Marlborough“ zu diesen halb legendären Erzählungen, die auf einer wahren Begebenheit beruhen (das Schiff ist tatsächlich verschwunden) und ausgeschmückt wurden, um einem Mythos über ein Geisterschiff zu erschaffen. Bestimmte Medien hatten damals keine Skrupel, erfundene und nicht belegbare Details hinzuzufügen, um ihre Leserschaft zu fesseln, die damals keine Möglichkeit hatte, die Authentizität dieser Details zu überprüfen.

Abschließend sei gesagt, dass die „Marlborough“ ein Schwesterschiff hatte, die „Dunedin“. Diese lief zwei Monate nach ihrer Schwester, am 19. März 1890, in Richtung London aus. Auch sie verschwand auf hoher See ... Beide Schiffe wurden nie gefunden.


Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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