Geisterschiffe faszinieren die Menschen seit Jahrhunderten. Sie stehen für das Ungewisse auf See, für Geschichten, die sich jeder eindeutigen Erklärung entziehen. Manche beruhen auf realen Ereignissen, andere sind reine Legenden, weitergetragen von Generationen von Seeleuten. Der Mystery-Historiker Joslan F. Keller hat in seinem Buch „Seefahrtsmythen“ zahlreiche dieser rätselhaften Fälle zusammengetragen.
Der 12. Februar 1748 war ein wunderbarer Tag, insbesondere für zwei Menschen, die beschlossen hatten, sich in guten wie in schlechten Zeiten zu verbinden. An diesem Tag heiratete Simon Reed, der erfahrene Kapitän des wunderschönen Dreimastschoners „Lady Lovibond“ (manchmal auch „Lady Luvibond“ genannt), seine Angebetete Annette. Die gesamte Besatzung wurde zur Hochzeit eingeladen und trug herzlich zur allgemeinen Fröhlichkeit bei. John Rivers, einer der Matrosen, trat als Trauzeuge auf, auch er trug nach besten Kräften dazu bei, dass die Zeremonie und die anschließende Feier ein voller Erfolg wurden.
Was die beiden Eheleute nicht wussten, war, dass John am Boden zerstört war. Er lehnte diese Verbindung ab, weil er heimlich eine tiefe Liebe für Annette hegte. Er war unglaublich eifersüchtig und konnte es nicht ertragen, dass sie einen anderen heiratete, geschweige denn seinen Kapitän. Er schwor sich Rache und verbrachte die ganze Nacht damit, sich zu betrinken.
Am nächsten Tag, dem 13. Februar, begab sich John Rivers zum Kai, wo Simon und Annette Reed, ihre Gäste und die Besatzung an Bord der „Lady Lovibond“ gehen sollten, um nach Porto in Portugal zu segeln. Auf dem Programm standen eine Feier und gute Laune für alle. Zumindest für fast alle.
Zunächst übernahm Kapitän Reed das Ruder, um den Hafen zu verlassen und auf das offene Meer hinauszufahren. Doch dann überließ er das Schiff einem seiner Männer und ging hinunter, um sich seiner Frau und ihren Gästen auf dem Unterdeck zu widmen. John Rivers beobachtete schweigend die Szene mit versteinerter Miene und hielt sich die Ohren zu, um die fröhlichen Stimmen nicht hören zu müssen.
Was danach geschah, ist nicht ganz klar. Entweder hatte Rivers es geplant oder er war einfach nur dem Wahnsinn verfallen. Der rivalisierende Matrose wurde von seiner Eifersucht zerfressen. Während Simon Reed, seine Frau und ihre Gäste weiter feierten, zog Rivers einen schweren, keulenartigen Belegnagel aus der Reling und schlug ihn dem Steuermann mit voller Wucht auf den Kopf. Da dieser sich nicht mehr verteidigen konnte, übernahm der eifersüchtige Matrose das Ruder und steuerte das Schiff direkt auf die Goodwin-Sandbänke zu, eine sehr gefährliche Stelle an der Küste von Kent im Südosten Englands.
Während es heftig zu regnen begann, raste die „Lady Lovibond“ auf die unheilvollen Sandbänke zu, die von einer ehemaligen Insel übrig geblieben und zu einem wahren Schiffsfriedhof geworden waren. Da alle auf dem Unterdeck ausgelassen feierten, bemerkte niemand etwas. Als man die Kursabweichung entdeckte, war es bereits zu spät. Die „Lady Lovibond“ lief mit einem schrecklichen Getöse auf die Goodwin-Sandbänke auf. Der Rumpf riss auf der Backbordseite auf, das Boot kippte auf die Seite. Der Großmast brach, während die Passagiere versuchten, so gut es ging aus dem sinkenden Schiff zu fliehen. Vergeblich, der Schoner sank unglaublich schnell und verschwand. Alle kamen ums Leben, sie ertranken, wurden über Bord gespült oder im Wrack gefangen.
Es heißt, dass die Flut in den folgenden Tagen einige Gegenstände angespült habe und sogar die Leiche von John Rivers gefunden worden sei. Von der „Lady Lovibond“ hingegen ist kein einziges Wrackteil übrig geblieben.
Diese Tragödie allein würde wohl in Vergessenheit geraten, aber: Auf den Tag genau 50 Jahre später, am 13. Februar 1798, berichtete James Westlake, Kapitän der „Edenbridge“, einem Schiff der Küstenwache, dass sein Schiff beinahe mit einem Dreimastschoner kollidiert wäre, und fügte dieses merkwürdige Detail hinzu: Er habe deutlich die Geräusche einer Feier gehört, als sich die beiden Schiffe sehr nah kamen.
Von einem Fischerboot in der Nähe wurde ebenfalls beobachtet, wie das unbekannte Schiff direkt auf die Küste zusteuerte. Als sie abdrehten, um ihm zu Hilfe zu kommen, stellten die Fischer fest, dass der Schoner einfach verschwunden war.
Im Jahr 1848 tauchte die „Lady Lovibond“ wieder auf und überzeugte die örtlichen Seeleute davon, dass ein Schiffbruch stattfand und die Überlebenden gerettet werden mussten. Obwohl die Fischergemeinde von Deal, 13 Kilometer nordöstlich von Dover, Rettungsboote aussandte, fehlte von dem unbekannten Schiff jede Spur.
Das gleiche Szenario wiederholte sich am 13. Februar 1898, als der Schoner an der Stelle seines früheren Schiffbruchs auftauchte. 1948 behauptete Kapitän Bull Prestwick, das verfluchte Schiff gesehen zu haben. Er berichtete, dass es real gewirkt habe und ein seltsames weißes Leuchten ausstrahle – ein Merkmal, das mehrere Geisterschiffe auszeichnet.
Zur gleichen Zeit lief das italienische Frachtschiff „Silvia Onorata“ auf die Goodwin-Sandbänke auf, genau wie die „Lady Lovibond“ 200 Jahre zuvor. 1998 wurde keine Sichtung gemeldet, daher müssen wir uns wohl bis 2048 gedulden, um eine Chance zu haben, einen Blick auf das selten auftauchende Geisterschiff zu erhaschen.
Es wäre sicher vernünftiger, sich der Meinung der Autoren George Behe und Michael Goss anzuschließen, deren Nachforschungen zu der Überzeugung führten, dass die ganze Geschichte der „Lady Lovibond“ rein fiktiv und vielleicht die Erfindung eines Journalisten sei, der sich von einem realen Schiff habe inspirieren lassen, das in den 1920er-Jahren unterwegs war.
Tatsächlich findet sich in den Quellen jener Zeit, auch in Zeitungen, in der „Lloyd’s List“ (einer seit 1734 erscheinenden Wochenzeitschrift für Seeverkehrsinformationen) oder im „Lloyd’s Register“, der berühmten britischen Klassifikationsgesellschaft für Seeschiffe, kein Hinweis auf den Untergang eines Schiffes namens „Lady Lovibond“. Außerdem gibt es nirgendwo eine Beschreibung des Schoners. Über den mutmaßlichen Ausgangspunkt der Reise nach Portugal liegen ebenfalls keine weiteren Informationen vor, auch wenn man angesichts des Ortes des Schiffbruchs einen Hafen im Osten Englands vermuten könnte.
Die Goodwin Sands sind bekannt für die vielen Schiffbrüche, die sich dort ereignet haben – und für Geisterschiffe. Denn neben der „Lady Lovibond“ kreuzen noch weitere mysteriöse Schiffe in diesen Gewässern, wie beispielsweise die „Northumberland“ (die am 25. November 1703 sank und ebenfalls 50 Jahre später, 1753, wieder auftauchte), das Dampfschiff „Violet“ (gesunken 1857 und wieder aufgetaucht am 1. Januar 1947) oder das kanadische Passagierschiff „Montrose“ (1914 verschwunden und 1965 wieder gesichtet).
Dieses für Seefahrer äußerst gefährliche Untiefengebiet aus Sandbänken soll der Überrest einer legendären Insel namens Loméa sein, die 1099 während eines Sturms verschwunden sei und von der die Römer sagten, sie sei die Insel der Hölle.
Laut den Autoren Behe und Goss gibt es jedenfalls keine Quelle, die vor einem Artikel im „Daily Chronicle“ aus dem Jahr 1924 auf die „Lady Lovibond“ Bezug nimmt. Sollte man daraus schließen, dass diese Geschichte eines frisch verheirateten Kapitäns, dessen eifersüchtiger Matrose das Schiff auf eine Sandbank steuert, um alles zu zerstören, nur eine hübsche Legende ist? Beide Autoren sind davon überzeugt. Sie stellen sogar die zeitliche Verbindung zwischen dem 13. und 14. Februar her, um die Hypothese aufzustellen, dass die Geschichten über den Schoner anlässlich des Valentinstags erfunden wurden.

Chefredakteur Digital
Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und einer der Mitbegründer des Online-Auftrittes der YACHT. Viele Jahre war er als Redakteur in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat viele Segelsport-Veranstaltungen begleitet. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu Charter-Törns.