Geisterschiffe faszinieren die Menschen seit Jahrhunderten. Sie stehen für das Ungewisse auf See, für Geschichten, die sich jeder eindeutigen Erklärung entziehen. Manche beruhen auf realen Ereignissen, andere sind reine Legenden, weitergetragen von Generationen von Seeleuten. Der Mystery-Historiker Joslan F. Keller hat in seinem Buch „Seefahrtsmythen“ zahlreiche dieser rätselhaften Fälle zusammengetragen.
Wenn Sie nach dem bekanntesten Geisterschiff fragen, ist es sehr wahrscheinlich, dass Ihnen zunächst die „Mary Celeste“ genannt wird, aber auch der „Fliegende Holländer“ dürfte den meisten ein Begriff sein. Ein seltsamer Name für ein Geisterschiff, nicht wahr? Die Geschichte ist von großer Bedeutung, da sie die Grundlage für viele Erzählungen über außergewöhnliche Schiffe bildet, die aus dem Nichts irgendwo auftauchen. Die Legende vom „Fliegenden Holländer“ reicht mehrere Jahrhunderte zurück, das genaue Datum lässt sich jedoch nicht bestimmen. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert, aber mündliche Überlieferungen und andere ähnliche Legenden lassen vermuten, dass die Erzählung sogar noch älter ist.
Wie dem auch sei, die Furcht vor dem „Fliegenden Holländer“ ist bei Seeleuten aller Nationen tief verwurzelt. In seinem Dictionnaire infernal (3. Auflage von 1844, veröffentlicht von Paul Mellier) schreibt Jacques Collin de Plancy (1793–1881), der französische Autor mehrerer Werke über das Okkulte und Unheimliche, dass die Seefahrer „an die Existenz eines holländischen Schiffes glauben, dessen Besatzung wegen Piraterie und grausamer Verbrechen von der göttlichen Gerechtigkeit dazu verdammt ist, bis zum Ende aller Zeiten auf den Meeren herumzuirren. Eine Begegnung mit diesem Schiff gilt als unheilvolles Omen.“
Was das Schiff selbst betrifft, so variieren die Beschreibungen zwar je nach Quelle oder Adaption, doch herrscht Einigkeit darüber, dass der „Fliegende Holländer“ ein gespenstisch anmutendes Schiff ist. In graue Farben getaucht und mit dunklen, zerfetzten Segeln segelt es meist in dichtem Nebel, aus dem es ohne Vorwarnung auftaucht. In der Regel handelt es sich um eine Brigg, also ein Zweimast-Segelschiff mit einem großen Mast achtern und einem kleineren Fockmast vorn. Beide Masten sind mit Rahsegeln bestückt.
In einigen Varianten nimmt der „Fliegende Holländer“ die Gestalt eines seltsam leuchtenden Schiffes an oder strahlt einen gespenstischen Schein aus, was das übernatürliche Aussehen noch verstärkt. Die Legende sagt nichts darüber, in welchem Gebiet man dem Geisterschiff begegnen könnte. In den meisten Erzählungen, die diese Legende aufgreifen, ist jedoch von Ozeanen und Regionen die Rede, die für ihre Stürme bekannt sind, wie das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika oder andere gefährliche und unruhige Seegebiete. Es gibt unzählige Versionen des Mythos, was die Aura um diese maritime Legende nur noch geheimnisvoller macht.
Der Name „Fliegender Holländer“ („Flying Dutchman“ auf Englisch) bezeichnet sowohl das Schiff als auch seinen Kapitän. Über diesen sind unterschiedliche Darstellungen im Umlauf. Einigkeit herrscht lediglich darüber, dass der unglückliche Seemann verflucht war. Davon abgesehen gehen die Versionen aber sehr weit auseinander.
Für manche hat die Legende ihren Ursprung in den Heldentaten eines holländischen Kapitäns aus dem 17. Jahrhundert namens Bernard Fokke. Der versierte Seemann und Angestellte der Niederländischen Ostindien-Kompanie war dafür bekannt, dass er seine Fahrten zwischen Europa und Asien mit einer für die damalige Zeit erstaunlichen Geschwindigkeit absolvierte. Da er buchstäblich über das Wasser „flog“, gab man ihm den Spitznamen „Der fliegende Holländer“. Böse Zungen zögerten nicht, dieses Talent durch einen Pakt mit dem Teufel zu erklären.
Diese irrationalen Erklärungen gipfeln darin, dass die extreme Hässlichkeit des Kapitäns diesen Pakt rechtfertigen soll. Eine von Fokkes Reisen endete jedoch in einer Katastrophe, da der Kapitän mit seinem Schiff und der Crew verschwand. Daraufhin kam die Legende vom „Fliegenden Holländer“ auf, und in dieser stand Fokke logischerweise am Ruder des Geisterschiffs. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Legende den Irrfahrten von Kapitän Fokke vorausging.
Die erste schriftliche Erwähnung des „Fliegenden Holländers“ stammt aus dem Jahr 1790 und ist in einem Reisebericht des Schotten John MacDonald mit dem Titel „Travels in Various Parts of Europe, Asia and Africa During a Series of Thirty Years and Upward“ zu finden. Der Überlieferung zufolge „wollte ein Holländer, der an einem stürmischen Tag am Kap ankam, in den Hafen einlaufen, fand jedoch keinen Lotsen, der ihn begleiten wollte, was zum Verlust des Schiffes führte.“
Doch kaum fünf Jahre später schlägt der Engländer George Barrington in seinem Buch A Voyage to Botany Bay (Eine Reise nach Botany Bay) eine andere Version vor. Ihm zufolge waren es Seeleute eines holländischen Kriegsschiffes, die für diesen Aberglauben sorgten, da ihr Schiff angeblich plötzlich als gespenstische Silhouette erschienen sei.
Im Mai 1821 taucht die Legende erneut auf, diesmal in der britischen Zeitschrift Blackwood’s Magazine. Der Artikel eines unbekannten Autors handelt von einem Kapitän namens Vanderdecken (oder Van der Decken). Als dieser versuchte, das Kap der Guten Hoffnung zu umrunden, soll er einem verheerenden Sturm getrotzt und sich geweigert haben, seinen Kurs zu ändern, sehr zum Leidwesen seiner Besatzung. Der Kapitän soll daraufhin die Mächte des Himmels herausgefordert haben, weshalb dem Schiff der Untergang drohte.
Eine leuchtende Erscheinung soll ihm angeblich gegenübergestanden haben, und der Kapitän soll diese wütend bedroht, beleidigt und mit einer Pistole auf sie geschossen haben. Ein unerbittlicher Fluch sei daraufhin dem jähzornigen Seemann auferlegt worden: Da er so viel Freude daran gehabt habe, Seeleute zu quälen, müsse er nun als böser Geist des Meeres mit seinem Schiff Unglück über alle bringen, die es zu Gesicht bekämen. Zur Strafe wurde Vanderdecken dazu verdammt, für immer über die Ozeane zu segeln. Sein Fluch verbot ihm, zur Ruhe zu kommen, stattdessen musste er unaufhörlich weitersegeln. Seine einzige Rettung lag in der schwachen Hoffnung, jemanden zu finden, der bereit wäre, seinen Platz einzunehmen.
Diese Fassung, die seit 1832 in Frankreich bekannt ist, inspirierte zahlreiche abgewandelte Versionen, die alle die niederländische Flagge, unter der das Schiff fuhr, und das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika als Ort des Geschehens gemeinsam haben. Im Übrigen entwickeln sich die Ereignisse entsprechend der Fantasie der Autoren: Der Kapitän schmuggelt oder wird von seiner Mannschaft ermordet, der Teufel legt dem Schiff Hindernisse in den Weg, oder man macht die Bekanntschaft von Piraten oder leidet unter einer Pestepidemie.
Nach Meinung von Historikern ist die Geschichte vom „Fliegenden Holländer“ wirklich nur eine Legende, da sie auf keinerlei historischer Grundlage beruht. Da es aber bekanntlich keinen Rauch ohne Feuer gibt, haben einige Autoren die Hypothese aufgestellt, dass die Geschichte durch Erzählungen von Seeleuten inspiriert worden sei, die schreckliche Stürme oder ungewöhnliche Abenteuer auf hoher See erlebt hatten. Im Laufe der Zeit sollen sich diese Erzählungen miteinander vermischt haben, und so sei die Legende entstanden, wie wir sie heute kennen.
Es gibt zahlreiche Berichte von Matrosen und anderen Seefahrern, die behaupten, dem „Fliegenden Holländer“ begegnet zu sein. Doch das sind keine Beweise, sondern nur Anekdoten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und sich dabei verändert haben. Unter all diesen manchmal nebulösen Berichten tritt jedoch ein Zeugnis besonders hervor, da es vom jungen Herzog von York stammt, der später unter dem Namen Georg V. den englischen Thron bestieg.
Während seines Dienstes in der britischen Marine segelte der junge Mann 1881 mit seinem Bruder Prinz Albert Victor auf dem Schulschiff „HMS Bacchante“. Am 11. Juli, gegen 4 Uhr morgens, als das Schiff in australischen Gewässern in Richtung Sydney unterwegs war, berichtete der zukünftige König, mit eigenen Augen ein Geisterschiff gesehen zu haben, das er als den „Fliegenden Holländer“ identifizierte. Ohne Vorwarnung kam Wind auf, und die „Bacchante“ begann, heftig zu schlingern. Sie kam nur mühsam in dem nun unruhigen Wasser voran, plötzlich tauchte wie aus dem Nichts ein weiteres Schiff auf, das mit voller Geschwindigkeit auf das Schulschiff zuraste.
In seinem Reisetagebuch verfasste der Herzog von York diese detaillierte Notiz:
Eine Brigg fuhr etwa 200 Meter vor unserem Bug vorbei und nahm Kurs auf uns. Ein seltsames rotes Licht beleuchtete den Mast, die Brücke und die Segel. Der Ausguck meldete das sich nähernde Schiff, und auch der Wachoffizier konnte es von der Brücke aus deutlich sehen. Ein Fähnrich wurde auf das Vordeck geschickt. Aber er sah gar nichts, es gab keine Anzeichen für ein echtes Schiff. 13 Personen wurden Zeugen dieser Erscheinung. Die Nacht war klar und das Meer ruhig. Die „Tourmaline“ und die „Cleopatra“, die vor uns an Steuerbord fuhren, fragten uns mit Handzeichen, ob wir das seltsame rote Licht ebenfalls gesehen hätten.
Kurz darauf stürzte der Matrose, der auf einem Mast im Ausguck stand, in den Tod. Eine Folge der Begegnung mit dem Geisterschiff oder reiner Zufall?
Zuvor hatte ein britischer Kapitän 1835 von einem Schiff berichtet, das auf ihn zugerast, dann aber auf mysteriöse Weise wieder verschwunden sei. Später, im Jahr 1939, sollen ein Dutzend Menschen ein ähnliches Schiff vom Glencairn Beach aus gesichtet haben, einem Strand südöstlich von Kapstadt in Südafrika. Wenn man den Zeugen glauben darf, durchquerte das unbekannte Schiff die Zone mit hoher Geschwindigkeit, alle Segel waren aufgebläht, obwohl es nicht den geringsten Wind gab.
Von allen Geschichten über Geisterschiffe ist es zweifellos die des „Fliegenden Holländers“, die die Popkultur am meisten geprägt und zahlreiche Werke in Literatur, Kino und Musik inspiriert hat. Die jeweiligen Autoren haben sich dabei oft große Freiheiten gegenüber der ursprünglichen Erzählung herausgenommen.
Bereits 1797/1798 lässt Samuel Taylor Coleridge ein Geisterschiff, inspiriert vom „Fliegenden Holländer“, in sein berühmtes episches Gedicht Die Ballade vom alten Seemann einfließen. Der erste explizite Roman über den „Fliegenden Holländer“ ist Das Geisterschiff (1839) des Schriftstellers und Schiffskapitäns Frederick Marryat. Sein Protagonist, Philippe Vanderdecken, ist der Sohn des Kapitäns des verfluchten Schiffes. Als sein Schiff das Kap der Guten Hoffnung passiert, begegnet es einem großen Schiff:
[Es] schien gegen einen heftigen Orkan anzukämpfen, obwohl es windstill war. Bald tauchte es unter, bald tauchte es wieder auf, immer auf vollkommen ruhigem Wasser: mal verschwand es unter den Wellen, mal tauchte es wieder an der Oberfläche auf. […] Schließlich sah man es wenden; und während dieses Manövers war es so nah, dass man die Männer auf der Brücke hätte zählen können. Doch in diesem Moment hüllte es plötzlich Finsternis ein, und man sah es nie wieder.
Ein Jahr zuvor, 1838, hatte Edgar Allan Poe im zehnten Kapitel seines Romans Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym von einer Begegnung mit einem verlassenen holländischen Schiff berichtet, auf dem Leichen verstreut lagen. Zwar wird der „Fliegende Holländer“ nicht direkt erwähnt, doch die Anspielung ist offensichtlich.
Selbst Victor Hugo hat der Legende zu Ruhm verholfen. In einem seiner Gedichte aus der Sammlung Die Legende der Jahrhunderte, die zwischen 1855 und 1876 verfasst wurde, bezieht sich der Autor von Die Arbeiter des Meeres mit folgenden Worten auf den „Fliegenden Holländer“:
Der Holländer, das Boot
Flammen zeigen auf ihn so rot!
Verdammtes Schiff verflucht!
Unheilvoll, in der Tat!
Der Kapitän ist ein düsterer Pirat
Seinen Weg aus der Hölle sucht.
Im Kino greift der Film “Pandora und der Fliegende Holländer”, der 1951 von Albert Lewin gedreht wurde, den Mythos des Geisterschiffs wieder auf. Pandora Reynolds (Ava Gardner), eine amerikanische Sängerin, die sich vorübergehend in Spanien aufhält und alle Männer fasziniert, schwimmt eines Tages vor dem Hafen von Esperanza auf ein seltsames Boot zu. Dort trifft sie einen merkwürdigen Seefahrer, Hendrick Van der Zee (James Mason), in den sie sich verliebt. Die Geschichte wird uns von Geoffrey erzählt, der zufällig ein altes Manuskript entdeckt hat, das eine bisher unveröffentlichte Version der Legende vom Fliegenden Holländer enthält.
Die der breiten Öffentlichkeit besser bekannte Saga ”Fluch der Karibik”, die 2003 startete und bislang fünf Filme umfasst, hat den Mythos wieder populär gemacht, auch wenn die angebotene Version von der traditionellen Legende nur das verfluchte Schiff beibehält (”Black Pearl”), dessen Mannschaft aus Toten und Verdammten besteht. Die Drehbuchautoren haben sich den “Fliegenden Holländer” als ein sagenumwobenes Schiff vorgestellt, das von der Nymphe Kalypso erschaffen wurde und auf dem der Pirat Davy Jones die Seelen der auf See verstorbenen Seeleute ans Ende der Welt bringen muss. Wenn er seine Mission zehn Jahre lang erfolgreich erfüllt, wird ihm Unsterblichkeit gewährt. Jedoch erscheint Kalypso zum vereinbarten Zeitpunkt nicht zum Treffen, und der Pirat reißt sich schließlich in seiner unstillbaren Sehnsucht das Herz heraus, das anschließend in einer Truhe auf der Isla Cruces begraben wird. Daraufhin werden Davy Jones und seine Crew mit einem Fluch belegt und in schreckliche Meereswesen verwandelt.
Der “Fliegende Holländer” ist auch Protagonist zahlreicher Zeichentrickwerke, vom Comic “Dagobert Duck” (Dagoberts Geisterschiff, 1959) über den Comic ”Silbersurfer” (Episode Now Strikes the Ghost vom September 1969) bis hin zu einigen Episoden des weltweit meistverkauften Mangas “One Piece” (erscheint seit 1997).
Schließlich hat der Mythos auch viele mehr oder weniger populäre Songs inspiriert, darunter The Flying Dutchman von der britischen Rockband Jethro Tull aus dem Jahr 1979 und die berühmte Oper Der fliegende Holländer, die Richard Wagner 1843 komponierte. Letzterer ließ sich von der Novelle ”Die Memoiren des Herrn von Schnabelewopski” des deutschen Dichters Heinrich Heine inspirieren, um das Thema für das Libretto zu finden. In dieser kurzen Erzählung wird ein gespenstischer Kapitän dazu verdammt, für immer auf den Meeren zu segeln, um die Liebe einer Frau zurückzugewinnen. Trotz seiner Begeisterung bei der ersten Lektüre 1838 begann Wagner erst nach seiner Englandreise mit der Komposition. Damals war ein heftiger Sturm aufgekommen, der das Schiff zwang, in einem norwegischen Fjord Zuflucht zu suchen. Dort hört der Komponist die Lieder der örtlichen Seeleute und findet den Namen der Heldin, Senta. Die Musik zu seiner Oper komponierte er innerhalb von sieben Wochen.

Chefredakteur Digital
Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und einer der Mitbegründer des Online-Auftrittes der YACHT. Viele Jahre war er als Redakteur in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat viele Segelsport-Veranstaltungen begleitet. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu Charter-Törns.