Ende der “Ethel von Brixham”"Das war idiotisch!"

YACHT-Redaktion

 · 20.02.2026

Ende der “Ethel von Brixham”: "Das war idiotisch!"Foto: Freiwillige Feuerwehr Duhnen-Stickenbüttel
Der neue Eigner kümmerte sich nach der Havarie nicht mehr um die “Ethel von Brixham”. Behörden, Feuerwehr und THW sorgten daher dafür, dass kein Treibstoff in die Elbe lief.
Gerhard Bialek hatte das Schiff 28 Jahre lang besessen, restauriert und zur Kieler Ikone gemacht. Im vergangenen Jahr verschenkte er es an einen jungen Briten – in der Hoffnung auf ein zweites Leben für sein Lebenswerk. Nun spricht der 69-Jährige über den Verkauf, die Havarie und seine Zukunft.

Die "Ethel von Brixham" ist Geschichte. Am 31. Januar 2026 lief der über 135 Jahre alte Traditionssegler an einem Leitdamm vor Cuxhaven auf Grund. Ihr neuer Eigner ließ die Frist zur Bergung verstreichen. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt leitete schließlich eine Wrackbeseitigung ein, bei der das hölzerne Schiff in einer riesigen Baggerschaufel in zwei Teile zerbrach.

Interview: Timm Kruse

​YACHT: Herr Bialek, wie geht es Ihnen, nachdem Sie die Bilder der Bergung gesehen haben?

Gerhard Bialek: Herzzerreißend – das Wort trifft es ganz gut. Ich glaube, für jeden, der mit alten Schiffen ein bisschen was am Hut hat, war klar: Das war nicht das Ende, das man sich für ein solches Schiff vorgestellt hat. Sie war auf dem Weg nach Lowestoft in England. Es gab einen jungen Mann, der sich engagiert hatte und uns erzählt hat, was er alles mit dem Schiff vorhat und wie er die Restaurierung hinbekommt. Leider hat er das nicht zu Ende gebracht.

Sie hatten das Schiff gar nicht verkauft, sondern verschenkt?

Richtig. Das Boot ist für einen symbolischen Euro verschenkt worden, weil es mir nach 30 Jahren sehr stark am Herzen lag, dass das Schiff eine Chance auf ein weiteres Leben bekommt. Und die Chance war in England mit Crowdfunding deutlich größer als in Deutschland.



Also sollte ein junger Engländer das Boot nach England zurückbringen und dort mit Spendengeldern restaurieren. Hat er es dann selbst vor Cuxhaven auf den Damm gefahren?

Das ist nicht ganz korrekt. Nach Nachfrage kam für mich erst heraus, dass er das Schiff bereits weitergegeben hatte – ob verkauft oder verschenkt, konnte ich nicht herausfinden. Eine sehr dubiose Geschichte. Der Kontakt zu dem ersten Käufer, William Lund, ist komplett abgebrochen. Der neue Eigner, auch ein junger Mann namens Tom Simpson, scheint dann Hummeln im Hintern gehabt zu haben und ist am 31. Januar von Cuxhaven aus gestartet.

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Ich möchte gar nicht kommentieren, was zur Havarie geführt hat – es kann immer etwas passieren. Aber am 31. Januar den sicheren Hafen von Cuxhaven zu verlassen mit einem Schiff, das man nicht kennt, bei Eiseskälte, zwei Grad Wassertemperatur und in der Spitze 25 Knoten Wind – das war einfach idiotisch. Da ist nicht nachzuvollziehen, welcher Teufel diesen jungen Mann geritten hat.

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Das vollständige Gespräch mit Gerhard Bialek über 30 Jahre mit der "Ethel von Brixham", die Hintergründe des Verkaufs und seine Zukunftspläne hören Sie ab sofort im Podcast der YACHT.

Sie hatten also schon bei der Havarie das Gefühl: Dieses alte Holzschiff wird die Bergung nicht überstehen?

Ich wusste das aus Erfahrung. Wir waren 2023 mit dem Schiff in der Türkei für den Guy-Ritchie-Film "The Ministry of Ungentlemanly Warfare". Schon die Kranaktion auf das Frachtschiff und zurück zeigte: Man muss dieses Schiff wie ein rohes Ei behandeln. Wenn das Schiff dann 14 Tage im Schlick liegt mit Ebbe, Flut und Wellenschlag von vorbeifahrenden Schiffen – da ist abzusehen, dass das kein gutes Ende mehr nehmen kann.

Was wäre die Lösung gewesen?

Nicht loszufahren. In dem Moment, als er bei diesen Bedingungen aus dem Hafen lief, war das Todesurteil gesprochen. Zu dem idiotischen Losfahren kam dann vielleicht noch Pech dazu. Es ist ja selten nur eine Sache, die schiefgeht – nach einer kommt die nächste und die übernächste. Und dann ist es eine Katastrophe.

Der Fahrtrack zeigt: Er fuhr die Fahrrinne entlang und bog plötzlich um 30, 40 Grad nach Süden ab, direkt auf den Leitdamm zu.

Ich wäre froh, wenn sich der junge Mann bei mir melden würde. Ich habe ihn nicht ausfindig machen können. Ich würde ihm gerne ein paar Fragen stellen – nicht vorwurfsvoll. Mir ist es wichtig, dass junge Menschen mutig sind und solche Projekte angehen. Aber sie sollten ab und zu auf den Rat älterer Mitmenschen hören oder sie um Rat fragen, damit solche Projekte auch erfolgreich enden. Das ist die Message, die ich gerne nach draußen geben würde – auch, um anderen alten Schiffen noch eine Chance zu geben.

Sie haben schon vor Jahren davon gesprochen, dass die "Ethel" für Sie wirtschaftlich nicht mehr tragbar war. Was waren die Gründe?

Es sind viele Punkte, die zusammenkommen. Die Schiffe werden immer älter, der Wartungsaufwand größer, die Werften nicht günstiger. Dazu die zusätzlichen Sicherheitsanforderungen, die alle Geld kosten und vom Einkommen abbeißen – die notwendig sind, aber eben teuer. Corona als Brandbeschleuniger hat das Einkommen noch mal ordentlich gemindert. Und die Crews werden auch älter. Ich werde dieses Jahr 70. Da denkt man nicht mehr darüber nach, das Schiff für die nächsten 30 Jahre fit zu machen.

Das größere Problem ist: Wir haben es in Deutschland nicht geschafft, jungen Leuten einen Weg in die Seefahrt aufzuzeigen. Ich nenne da die holländischen Kollegen als positives Beispiel. Die haben in Enkhuizen eine Seefahrtsschule, an der Ausbildung stattfindet. Die Seeleute auf holländischen Traditionsschiffen Patente, die weltweit anerkannt sind, und haben damit Perspektiven. Das fehlt in Deutschland völlig.

Die "Ethel" war 28 Jahre Ihr Leben. Sie haben mit ihr auch Filme gedreht, waren mit Politikern und Schauspielern unterwegs. Was bleibt Ihnen in Erinnerung?

Das ist ganz wichtig: Wir wollen uns an die tollen Dinge erinnern, die wir mit der "Ethel" erlebt haben – nicht an diesen herzzerreißenden Bildern vom Ende festhängen. Für mich war das Erlebnis Türkei mit den Filmaufnahmen das i-Tüpfelchen. Nach vielen tollen Dingen hat mir das vielleicht auch den Absprung 2024 leichter gemacht. Hollywood-Niveau, tolle Schauspieler – das war "once in a lifetime".

Aber genauso bleiben mir die Sonnenuntergänge mit tollen Menschen an Bord, in kleinen Buchten, in kleinen dänischen Häfen. Ich würde jedem empfehlen, so etwas mal mitzumachen – auf der "Ethel" leider nicht mehr.

Was macht Gerhard Bialek jetzt, wo die "Ethel" nicht mehr da ist?

Das Leben geht weiter. Die Seefahrt wird mir erhalten bleiben – Kollegen fragen, ob ich nicht den einen oder anderen Törn übernehmen kann. Ich werde also nicht ganz aussteigen. Ansonsten wollen meine Frau und ich die Landseite dieses schönen Landes mal erkunden. Ich bin ja nie weiter als drei Schiffslängen vom Schiff runtergekommen – das war ein 24/7-Job. Jetzt steht ein Sprinter vor der Tür, den ich gerade zum kleinen Wohnmobil umbaue. Damit werden wir in Dänemark, Deutschland und den umliegenden Ländern unterwegs sein.

Es gab Hinweise, wo das Schiff jetzt liegt, und ob ich nicht noch mal nach Namensschildern schauen will. Nein, das will ich ganz sicherlich nicht. Die Bilder sind herzzerreißend genug. Ich glaube, das wäre off-limits für mich. Ich habe in meinem Leben immer gelernt: Man muss etwas aus der Hand legen, damit man wieder zugreifen kann. Und ich glaube, das ist jetzt der Zeitpunkt.

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