Interne Unterlagen, die der Redaktion vorliegen, deuten auf ein brisantes Pilotprojekt in der Wassersportbranche hin: Unter dem Namen „Blue Courtesy Score“ wird offenbar an einem System gearbeitet, das Segler und Motorbootfahrer nach ihrem Verhalten bewertet. Ziel sei ein „harmonischeres Miteinander auf dem Wasser“. Das Konzept liest sich wie eine Mischung aus Liegeplatz-App, Community-Bewertung, künstlicher Intelligenz und Schufa für Skipper.
Geplant ist demnach ein digitaler Verhaltens- und Vertrauensindex, an dem Marina-Betreiber, Social Media Plattformen, Charterunternehmen und weitere Partner beteiligt sind.
Der „Blue Courtesy Score“ soll mehrere Kriterien bündeln. Dazu zählen Buchungstreue, Pünktlichkeit, Liegeplatzdisziplin, Verhalten bei An- und Ablegemanövern, Lautstärke in der Marina , das Einhalten von Ruhezeiten und der Umgang mit Servicepersonal. Dort, wo verfügbar, sollen auch AIS-Bewegungsdaten oder Daten aus Partner-Apps, wie GPS-Bewegungsprofile, berücksichtigt werden.
Besonders heikel ist ein weiterer Punkt: Laut den Unterlagen soll das System auch öffentliche Social-Media-Profile und verknüpfte Community-Accounts auswerten können. Dahinter steht die Idee, Interessen, Auftreten und Stil einer Crew noch genauer einzuordnen. Gerade dort, wo Nutzer ohnehin viel von sich preisgeben, könnte das System zusätzliche Rückschlüsse auf Verhalten und soziale Kompatibilität ziehen.
Die Auswertung und Verknüpfung dieser vielen Einzeldaten soll weitgehend KI-gestützt erfolgen. Sie soll aus den verschiedenen Datenquellen nicht nur einen Gesamtwert bilden, sondern auch Muster erkennen, Auffälligkeiten clustern und daraus Empfehlungen ableiten.
Das Verfahren erinnert damit an bekannte Bewertungslogiken aus anderen Lebensbereichen. Wie bei der Schufa würde nicht ein einzelner Vorfall zählen, sondern es würde die Summe verschiedener Datenpunkte zu einem Vertrauenswert verdichtet. Nur ginge es hier nicht um Kreditwürdigkeit, sondern um Zuverlässigkeit, Rücksicht und das soziale Verhalten auf dem Wasser.
Der Vorteil eines solchen „Blue Courtesy Score“ läge aus Sicht der Betreiber auf der Hand. Marinas könnten Liegeplätze gezielter vergeben, Charterfirmen Buchungsrisiken reduzieren und Konflikte in stark frequentierten Häfen oder Buchten ließen sich von Crews früher erkennen und vermeiden. Nutzer mit gutem Score könnten schnellere Buchungsbestätigungen, geringere Kautionen oder bevorzugte Platzangebote erhalten. Auch Versicherer sollen dem Modell gegenüber aufgeschlossen sein. Denkbar wäre eine günstigere Risikoeinstufung für unauffällige und verlässlich bewertete Crews.
Was sich erst einmal positiv und vorteilhaft anhört, könnte jedoch auch schnell eine Kehrseite haben. Was passiert bei einem geringen oder gar negativen Score?
Wer schlecht bewertet ist, hätte womöglich geringere Chancen auf begehrte Liegeplätze, müsste höhere Kautionen zahlen oder mit einem Makel im digitalen Profil leben, der sich kaum wieder loswerden ließe.
Auch Revierbewertungen wären dem Papier zufolge denkbar. Das könnte wieder positive wie negative Folgen haben, hier jedoch für die jeweilige maritime Infrastruktur.
So ließen solche Reviere herausstellen, die vor allem von Crews frequentiert werden, die nach den Bwertungen des Systems und den jeweiligen Vorlieben des Anwenders wünschenswert sind. Das könnte, aus Sicht von Restaurants oder Unternehmen im maritimen Bereich positive Auswirkungen auf die Preisgestaltung haben – sprich: höhere Preise ermöglichen.
Andererseits könnten bestimmte Destinationen auch das Label „toxisch“ erhalten. Gemeint sind Reviere, Häfen oder Bojenfelder, in denen sich negative Rückmeldungen zu Lärm, Konflikten, rücksichtslosem Verhalten oder übermäßigem Partybetrieb häufen. Das könnte dazu führen, dass zunehmend Crews diese Orte meiden, Restaurantbetreiber oder Serviceanbieter hätten das Nachsehen. Frei nach dem Motto: „Dort sind nur Rüpel, fahr da nicht hin!“
Mit dem „Blue Courtesy Score“ bekäme die Digitalisierung des Wassersports eine neue Qualität. Denn bewertet würde neben harten Kriterien wie Buchungstreue erstmals auch, wie sich jemand auf dem Wasser und im Hafen als Mensch verhält. Die gleiche KI, die Vorteile wie bessere Planung, passendere Nachbarschaften und weniger Konflikte verspricht, könnte so auch zur Grundlage einer digitalen Vorverurteilung werden.
Mit diesen Risiken konfrontiert, wiegelte ein Sprecher des Betreiberkonsortiums ab. Es handele sich zunächst um eine Machbarkeitsstudie, mit ersten Versuchen in der Praxis sei nicht vor dem Sommer 2026 zu rechnen.
Keine Sorge: Einen solchen „Blue Courtesy Score“ gibt es bislang nicht und nach unseren Informationen auch keine entsprechenden Planungen.
Die Idee ist ein Aprilscherz. Ganz aus der Luft gegriffen scheint sie allerdings nicht zu sein. Digitale Liegeplatzbuchung, Community-Bewertungen, Bewegungsdaten, Service-Feedback und Verhaltensscoring gibt es in vielen Bereichen längst. Die Vorstellung, dass daraus irgendwann auch auf dem Wasser ein übergreifendes Reputationssystem entstehen könnte, ist deshalb vor allem eines: unangenehm nah dran.

Chefredakteur Digital